Bitte nicht nachfragen.

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Ja, da hatten wir nun. Warum? Nicht nachfragen, nur bitte nicht nachfragen. /

Ein Termin war das gewesen, nach dem festzuhalten war, es seien nicht die Wände nochmals zu streichen, kein alter Teppichboden mit Spuren enthemmten vormieterlichen Drogenlebens oder ebensolcher späterer Urlaube junger Menschen sei zu entfernen und kein uraltes Hochbett, welches offenbar seit Jahrzehnten zur Wohnung gehörte, aufwändig auszubauen. Ebensowenig noch ältere Einbauten, vielleicht sogar bauzeitlich, erkennbar an den handgeschmiedeten Mauereisen. Ich war positiv überrascht von einer fast schon freundlich zugewandten Hausverwaltung, welche mich vier Wochen vor Ende der Kündigungsfrist aus dem Mietverhältnis „entließ“. Positiv überrascht, da ich das Gegenteil erwartet hatte. Andererseits, je früher ich weg bin, so dachte ich auch, desto früher können sie ja mit der Renovierung beginnen.

Täglich dann und abendlich geldwert und gut erhaltene Dinge zum geneigten Mitnehmen und zum Weitergebrauch auf die Strasse stellen, alles weg nach Halbstunden, bereits Anfang August und nun, Wochen später, auch wieder. Die mit der Stadtreinigung Beauftragten fahren inzwischen offenbar hie und da wahllos Müll-Streife und entfernen alles, was vor den Häusern steht, damit die Häufen nicht wachsen. Nachts werden jedoch all diese hinausgestellten Sachen ab und an gelegentlich von intelligenten Sprayern besprüht oder von grundsätzlich Enttäuschten bepinkelt. Spätestens dann nimmt sie auch kein armer Mensch mehr mit und sie sind dann leider endgültig wertloser Müll.

Der schöne Kohleofen, der immer so wunderbar zog und wärmte und zu bedienen war, wird abgebrochen werden. Der ehemalige Abtritt aus noch ganz anderen Zeiten, auf der halben Treppe zum 2.OG gelegen und wohl seit den 1960er-Jahren mit dem Einbau eines kleinen Bades in die Wohneinheit zwecklos und dann als Lagerraum ausgewiesen, wird künftig gänzlich ungenutzt sein oder der Haustechnik dienen. Die wunderschönen alten Kastenfenster werden vermutlich komplett ausgewechselt, erneuert und leider nicht überarbeitet werden. Die schon lange tapezierten und mannigfach mit Dispersionsfarbe überstrichenen Wandoberflächen werden mit allen noch erhaltenen Anstrichresten aus den vergangenen 120 Jahren fallen oder abgefräst werden und mit einer neuen Wandoberfläche versehen werden, welche dann ebenfalls mit Dispersion oder bestenfalls einer atmungsaktiven Innensilikatfarbe gestrichen werden wird. Der durchgängig noch erhaltene rotgestrichene wunderbare Dielen- und Riemenboden wird entweder komplett abgeschliffen und neu geölt oder geseift werden, viel eher jedoch wird mit füllenden Kunststoffen ein neuer schnelltrocknender Estrichgrund aufgebracht werden, der dann mit Laminat oder sonst was belegt werden wird und sicherlich nicht mit wertigem Linoleum.

Den Kasten unter dem Küchenfenster, mit zweiflügligen Türchen als eine Art Kühlschrank, mindestens für den Winter, einst eingerichtet, werden sie gewiss ausbrechen und die Wand begradigen. Schließlich müssen erstmals in der Wohnung nun auch Heizkörper installiert werden und es muss ja auch noch ein Platz für die Gastherme gefunden werden. Das Bad wird gewiss mit den neuartigen großformatigen Fliesen in ggf. bläulichem Hellgrau erneuert werden und auch die Toilette wird künftig sockellos modern aus der Wand hervorstehen, mit zweifelsohne einem sich ohne Zutun langsam selbstsenkenden Sitzring mitsamt einem formschönem Deckel.

Nach all dem wird die Wohnung wahrscheinlich das dreifache an Nettokaltmiete kosten und es wird sich gewiss noch vor Sonnenaufgang jemand finden, der auch diese Kosten für neununddreißig Quadratmeter lässig tragen kann im als solchen beworbenen schönen und bunten Szenekiez. Hühner werden keine dazu lachen, denn es gibt hier keine.

Das waren sie also, die siebzehn lumpigen Jahre Datsche in der großen Stadt, nach einem erzwungenen Teilwegzug nach zehn Jahren Familienleben vorher ebenda, in zuletzt unguter und hässlicher Zeit, ich war von Schöneberg nach Neukölln umgezogen und hatte diese kleine Wohnung angemietet, als alles Private zerbrach, zu einem sehr günstigen altwestberliner Ofenheizungs-Preis, da ich doch eigentlich niemals aus B wegwollte. Und so war es mir wenigstens möglich, wann immer Zeit war, hinaufzufahren und einfach dort zu sein, von wo ich DOCHEIGENTLICH NIEWEGWOLLTE. Um dort gute alte und neue Freunde zu treffen und ein künstlerisches ludriges Lotterleben zu führen. Aber da sich die Zeiten seit 100.000 Jahren bekanntlich ändern und die Mieten seit 50.000 Jahren steigen, auch sogar für Kohleofenwohnungen, war es nun Zeit für ein ambivalentes Ende. Große Traurigkeit und entbürdende Erleichterung zugleich.

Den Abschied haben jetzt mir unendlich erleichtert die wunderbare LaN, die ebensolche Sabine, der wunderbare Ole, FrankA., der sein Atelier um die Ecke, die wunderbare Mahlower Klause („Raucherlokal“) als Ersatz für das schmerzlich fehlende Syndikat, alles Weisestraße alias „Schillerkiez“ oder eben zuvor 10 Jahre Schöneberg und weiteres. Wann aber werd‘ ich wohl, und dann nur noch als Gast, wiedersehen die guten alten Freunde?

Wenn du einmal länger in B gelebt hast, das ist dann wie mit Herpes – haste B einmal, haste B immer.