4.5. nbg.

mal in der weiten weltgegend herumschreiben, ohne dieses dauerthema. auch ohne die schöne abendglocke, die irgendwo läutet. oder die schöne eine arbeit und ihre befunde im vergangenen. oder die andere noch schönere arbeit, die bildlich-herstellend und bannend. oder die kinder, die keine mehr sind. oder das auto, dessen zahnriemen nun erneuert wurde. oder die natur, die ewigen vögel, die spezielleren tiere, die ebensoewigen zecken. wenn alle, die nun vorgeben, ihre eltern oder großeltern zu betreuen, um damit flinker geimpft zu werden, tatsächlich ihre eltern oder großeltern pflegen würden, dann hätten wir keinen pflegenotstand. (sehen sie, da wars schon wieder.) / gestern und heute arbeitete ich auf einem schlanken hubsteiger, alleine im körbchen und ganz weit oben. vor mir eine hochtechnisierte fernbedienung, das war ein kleines abenteuer. und auch sicherlich ein insgeheimer selbsttest, der aber funktionierte, sonst würde ich jetzt ja nun nichts schreiben mehr können. heute allerdings hatte ich mich zur besten vesperzeit festgefahren in zwölf metern höhe. die maschine nämlich funktioniert nach ausgeklügelten physikalischen gesetzen. gravitation eben. dann muss man nachdenken, wie man da wohl wieder runterkommt und welche der hydraulischen arme man in welcher reihenfolge wie bedienen muss. außerdem möchte man ja nicht an romanischen kapitellen hängenbleiben oder an gotischen altartafeln. schließlich verinnerlichte ich irgendwie aus dem bauch heraus, ich musste mich zunächst wieder nach ganz oben ausfahren, den korb anders neigen, den mittleren arm drehen, um dann anderswie irgendwie hinab zu gleiten. aber wenn man runter will, und die maschine pfeift und piepst und will nicht und man merkt, dass das nicht geht, dann dräut einem schon mal kurz die fast-risikogruppendüse. (sehen sie, das war’s schon wider.) man muss sich diese maschine wie einen halb- und anderweitig prozentual geknickten zollstock vorstellen. oder wie einen nach hinten gebogenen zeigefinger: was nicht geht, geht eben nicht. man muss nur wissen, wie es dann doch geht. oder fühlen und empfinden. auch maschinen kann man empfinden zuletzt. wie im echten leben eben, irgendwann kann alles auch kippen und man muss alles dicht machen (sehen sie, da wars schon wieder.) / was schreiben, mal ganz ohne pointen. ohne schnaps, schweiß, schwipps oder schwere. vielleicht mal was über sex, oder lymphozyten oder außengastronomie. oder erasmus und paris. bitte bloß nichts über patchwork, geschlechterbilder, kanzelkultur oder geschlechtssternchen. apropos: neulich fiel mir ein, nach einem sehr komisch düsteren und vulvatischen ölbildchen spätabends (über das auch ich mich wunderte), welches ich alsbald verwarf, ohne es jedoch sogleich zu zerstören resp. es zu übermalen (es trocknet jetzt erstmal so vor sich hin), dass ich schon vor jahren den gedanken wenigstens EINMAL zugelassen hatte, dass DER tod ggf. ja auch weiblich sein könnte? / ach wo, muss man ja über alles weder nachdenken, noch reden, geschweige aufgreifen, abgreifen oder mit „#“ versehen. lieber auch mal schlichte berge und horizontlinien, abgemischt, da könnte man auch drüber schreiben. oder uralte feinde und wie es ihnen jetzt wohl gerade geht, sofern sie noch leben. während man einstige und nunmehr verjährte gerichtsakten wegwirft. oder gebrauchsspuren auf holztischen, die einmal im zentrum vom leben standen. und was die einst kosteten und woher einst das holz gekommen war. und wer einst auf diesem tisch lag, ohne klamotten, gut oder schlecht gelaunt. vielmehr doch, wo diese möbel jetzt stehen. wir sollten vielleicht wieder mehr beschreiben, wie die vorhänge wehen oder die rolläden ihr licht werfen. oder, wo es einen gerade juckt ganz flüchtig (z.B. Schulter) oder über den istzustand der schuhe, und zwar, ohne sogleich zu erwähnen, wo diese schon überall mal gewesen waren (italien, bronx, belarus, ätna etc.). ansonsten wird die welt irgendwann an geschichten ersticken und das wollen wir ja grad überhaupt nicht.

18.4.2021

Moderne Zeiten

Was ja aber auch ganz schön ist, ist das Wiederlernen vom Augenlesen. Wenn der Rest der Mimik verhüllt ist, sind die Augen ja das einzige, was bleibt an Einschätzung von Kommunikation. Immer wieder fällt mir nun auf, wie sehr doch die Augen nicht lügen können, auch wenn der Rest einer Person es vielleicht gerne täte. Oder wie sehr sie, die Reste und die Augen, versuchen, in der Gegend herum mir Stiefel oder Pferde zu erzählen. Der direkte Draht ins Hirn scheint maskiert wunderbar unverbaut. Das gefällt mir sehr. Auch wenn es ja temporär traurig ist. Und wie wenig im Grunde doch die Restkörpergestik ausrichten kann gegen die Augen. An den Augen kommt keiner vorbei. Konzentrat auf’s Wesentliche, ohne seminarerlernte Schnickschnack-Strategien. Wie es Anderen wohl mit meinen Augen ergeht, frage ich mich, vor allem wenn ich vom Pferd erzähle.

Jemandem, der erblindet ist, dürfte das aber wohl eher piepegal sein.

Ich spüre das: Viele meiner mir Lieben denken ab und an, wenn sich der Schneck das C. fängt, „dann stirbt der sicher“. Weil ich immer noch Zigarretten rauche. Das berührt mich natürlich. Aber kaum einer meiner mir nichtrauchenden Liebenden kann sich vielleicht vorstellen, dass auch ich große Angst haben könnte, dass ein Nichtraucher aus meinem nächsten Liebstenkreis stürbe. Oder eine Nichtraucherin. Anstatt mir.

Und hingegen ich da, ggf. ohne großes Pipapo, aus der Sache rauslatsche. Könnte ja sein. Alles sehr spannend gerade, tagtäglich.

Es ist schon sehr verschoben und wenn das Aussen verschoben, so denke ich oft an meine frühen Jahre im großen Wald und an grundsätzlich ebenda Erlerntes. Wenn es zu rutschig war auf dem alten Baum, beispielsweise, oder dieses schon lang verstorbene Holz, das einst in irgendeinem Sturm noch vor dem Klimawandel oder der Wiederbewaffnung oder dem Zuzug von Gastarbeitern aus Jugoslawien über den tiefen Bach gefallen war und dort seit Jahren in vier Metern Höhe uns zum Hinüberbalancieren einlud, zudem moosbewachsen, zu gefährlich zum Tänzeln an das andere Ufer erschien. Dann mussten wir uns eben entscheiden. Noch vor der Abendglocke um 19 Uhr, die zum kargen Abendessen (Mehlsuppe) rief. Oft übrigens auch gemeinsam, und in einer sonderbaren frühen Vernunft noch im einstelligen Lebensalter. Um dann notfalls diesen schönen Kadaver zu umgehen, auch wenn das Umgehen sich den jungen Cowboys und Indianern grundsätzlich ja nicht ziemte.

Wie Lottospielen, so hört man, so tun viele auf den Baustellen. Wider besseres Wissen. No Abstand, no Maske, no Problem. Wahrscheinlich alle schon geimpft. Auch so kann man ja an die Dinge herangehen: „Lebe wild und gefährlich“, so eine beliebte Postkarte mit einem selbstbewussten und mit Fliege bekleideten herzlich dickbackigen Bub als Motiv in Schwarzweiss. Aus den 1980ern, gerne Berlin-Kreuzberg. Ach, Berlin.

Vor ein paar Tagen träumte ich mittags, ich sei ein netter Polizist. In Stuttgart, ausgerechnet Stuttgart. Und ausgerechnet ich. In der Stadtbahn auf dem Heimweg aber schien es mir zu gefährlich, meine hübsche Jacke mit hinten drauf „Polizei“ anzubehalten. Entledigte mich also und drehte das Futter nach außen. Lieber würde ich eigentlich von Bad Wörishofen, Amrum oder Maloja im Engadin träumen. Oder von Augen ohne Masken. Am schönsten aber blieb mir diese wärmende Jacke mit Aufschrift. Ich wär‘ gern ein guter Cowboyindianer geworden, stets bereit für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Weltfrieden.

„Jeder zahlt selber“. So heissen div. Arbeiten aus 2002, das war die „Molle mit Futschi“-Zeit, kleine Aquarelle aus Neukölln. Derzeit eine neue Serie bildnerisch „Rette Deine Seele“, entnommen einem alten Missionskreuz, die Aufschrift geschnitzt um 1893. In der Dokumentation des RBB über die Intensivstation der Charité machen sie immer ein Fenster auf, wenn jemand stirbt. Damit die Seele rauskann. Sie sei „21gr“ schwer, sagen eine namhafte Künstlerin sowie Untersuchungen diesbezüglich. Habe aber keine Lust, dem weiter nachzugehen, lieber weine ich mal leise und schau in den Himmel, Seelen beobachten.

Sie sollen doch endlich bitte die Außengastronomie aufmachen. Damit man wenigstens ein besänftigendes Bier trinken kann zum Feierabend, abends und draußen und sich all das revuepassieren lassen kann. Hand in Hand. Ohne immer an unverschämte Judensterne mit „nicht geimpft“ oder dergleichen denken zu müssen, und das auch noch nach 21 Uhr oder an abdriftende Zeitgenossen aus dem Künstlerkreis, die vorgeben, die Demokratie retten zu wollen. Die sich das alles zu Nutze machen in ihrem – pardon – verkackten Superego, aber eigentlich doch nur Schiss haben vorm Sterben. Mitunter erbärmlich.

Jeder tut halt, was er kann. Oder sie. Bei jedem Bild, das ich derzeit raushaue, denke ich, ich möcht‘ es eigentlich Frau Mullah, der Kirschkern oder den Jungs aus Afghanistan zueignen. Oft gerade expressive Wolken mit Pfiff. Ziemlich hingerotzt. Das ist gut so, der Schöpfung ganz nah. Fördert alles die Malerei, die Künste, den Herzkreislauf sowie vor allem das Weltgedächtnis.

das BÖSES

die alte dame hatte ja immer „schnibbeln“ dazu gesagt, sie, die sie ihr ganzes leben lang so oft es denn eben ging in der prallen sonne lag und dies mit zunehmenden und später auch hohen alter durch diverse zu entfernende hautsachen büßen musste, was sie aber stets in kauf nahm. „ist wieder was BÖSES“, sagte sie oft lachend. ich selbst war nie so der stundenlange strandtyp, auch nicht in kindheit und jugend, außer ich konnte, wie seinerzeit irgendmal in cuxhaven, meinem frisch entdeckten schüchternen interesse an der beobachtung von bikinis nachgehen, oder sogar dem oben-ohne, wie damals noch weit verbreitet, aber das war schon fast zuviel und ich wurde rot, auch ganz ohne sonne, im gesicht. schön war das trotzdem gewesen. / nun also hatte die hautärztin, in deren praxis ich unzählige male die alte dame bei diversen schnibbeleien begleitet hatte, auch bei mir so ein schnibbelding entdeckt. nichts schlimmes, aber man müsse es wegmachen, da es BÖSE sei und weil das eben immer größer werden würde, so über die jahre, und dann müsse man eben immer mehr wegmachen, daher lieber jetzt. sie würde das ja selbst machen, wenn es denn nicht an der unterlippe wäre und ich 30 jahre älter wäre. so schmeichelte sie mir. „wegen der kosmetik“ und lachte. „danke“ dachte ich mir, sehr nett. drei tage würde das wohl dauern, und ich fragte erstaunt nach dem warum dreier tage? / die schneiden das weg und nähen noch nicht zu, dann braucht die histologie zwanzig stunden und dann sagen die, ob alles weg ist. wenn nicht, dann müssen sie tags drauf nochmal schneiden. und so weiter. erst wenn dann alles weg ist, dann nähen sie wieder zu. / begab mich also stationär in die nahe universitäre hautklinik, um erst einmal einen C-schnelltest und einen PCR obendrein zu absolvieren. sodann ins zimmer mit einem sehr alten mobilen und obendrein netten bettnachbarn. schließlich, gegen frühen nachmittag, wurde ich ins OP beordert, wo sogleich einen routinierte örtliche narkose begann, durch mannigfaches in die mundgegend-pieksen. alles wurde darin vollgepumpt und mein gesicht und lippe immer dicker, ich dachte, ich müsse bersten. es ist nicht schön, wird man neben der unterlippe gestochen. in dieser gegend läuft ja das ganze leben quasi zusammen, geschmack, liebe, odem, dasein, wolllust und abscheu. am ohr wäre es sicherlich nicht so schmerzhaft gewesen. dachte ich mir. / der narkotiseur meinte liebevoll „schön, dass sie sich jetzt selbst nicht sehen können“. schließlich war ich also wohl bereit fürs schnibbeln und wurde in ein anderes zimmer gefahren, wo eine krankenschwester den blutdruck von 160 zu 90 an mir maß. ob ich denn vielleicht doch ein kleines „sektchen“ haben wolle, meinte sie freundlich, und ob ich wohl ein bisschen aufgeregt sei? ich bejahte vehement, sie stach mich und ich dämmerte dann, nach sektchen, so ein bisschen weg, ohne den eigentlichen operateur – einen ausgewiesenen fachmann auf seinem gebiet, wie mir mehrfach zu ohren gekommen war – überhaupt zu gesicht bekommen zu haben. / ich glaube, man könnte mir den fuß abhacken, das würde mir weniger ausmachen, als im gesicht fünfzig mal gestochen und sodann ebenda geschnibbelt zu werden. / nun dachte ich, alles wäre überstanden und ich müsse noch bis zum folgetag um die mittagszeit abwarten, um schnell wieder zu hause zu sein. am zweiten tag dann war ich wohlgemut, bis eine junge drahtige stationsärztin lächelnd als überbringerin der von ihr selbst verkündeten „schlechten“ und damit BÖSEN nachricht ins zimmer spazierte: nein, es sei noch nicht alles entfernt, sie müssten heute nochmals schnibbeln. „stellen sie sich einen kuchen vor in stundenform – zwischen 12 und 3 müssen wir noch weiter entfernen.“ das habe das dreidimensionale ergeben. / obwohl schon alles zugenäht. / allein die vorstellung einer gerade verheilen zu beginnenden wunde, die nun abermals geöffnet und bearbeitet würde, die ließ mich verzweifeln. ich war sehr unglücklich. sie würden das ja mit einem speziellen 3D-verfahren begutachten, dass es anderswo gar nicht gäbe, so dass eben punktgenau alles BÖSE entfernt werden könne, ohne zu viel wegzunehmen. wegen kosmetik, gesicht, lippe und odem, dasein, abscheu und wolllust. / und wieder lag ich im operationszimmer, ein weiterer maskierter jungnarkosearzt stach mich schwungvoll ins gesicht und verabschiedete sich mit „alles gute ihnen!“ in seine mittagspause, während das gerät vollautomatisch sein zeug abermals in mein gesicht pumpte, mir wurde kalt, niemand war da sonst außer mir und die maschine pumpte und pumpte, mehr als vortags und irgendwann dachte ich, meine lippe und das angrenzende gesicht würden gleich platzen. / im anderen zimmer, bereit zum schnibbeln, bat ich diesmal sofort um das „sektchen“, der „zugang“ lag ja noch gottlob, und diesmal sah ich den operateur, ein recht junger und wirklich netter spezialarzt. dann dämmerte ich und stellte mir mich am strand in praller sonne vor. alle waren nackt, keine bikinis oder moderne badehosen. / zurück im zimmer erzählte mir mein neuer bettnachbar, ein im strafvollzug beschäftigter endvierziger aus dem badischen, dem ähnliches an seiner augenbraue-links bevorstand und der es tagtäglich mit massenmördern zu tun hat, dass er gehört habe, dass diese prozedur des nachschnibbelns bis zu fünfzehn mal stattfinden könne. eben so lange, bis sie alles BÖSE erwischt hätten. / mir schwante übel und wurde ebenso. sollte das prinzip von operationen, demnach man zunächst den BÖSEN eingriff habe und danach der prozess der inneren und äußeren bewältigung und steten besserung beginnen würde, im besten falle mit einem happy-end, hier durchwirbelt werden? ein auf und ab, abermals wieder und wieder? ja, das scheint in diesem falle logisch. der kosmetik und begrenzung der deformation zugunsten, allerdings ein psychisch herausfordernder schmerz- und geduldsprozess, nicht unbedingt analog menschlicher grundempfindungslinien. / ich beschloss also, von nun an eher der schlimmen anstatt der guten geschehnissverlaufslinie den vorzug zu geben, ganz anders, als ich es gewohnt bin. aus schutz vor dem selbst. ich war mir also lieber sicher, auch am folgenden tag würde noch etwas BÖSES übrig geblieben sein. / um es jedoch kürzer zu betrachten: dem war nicht so. ich konnte es nun, da ich mich innerlich umgedreht hatte in meinem defektverlaufsdenken, kaum glauben. nur einmal nachschneiden. dabei hatte ich mich doch schon innerlich auf ein weiteres mal eingestellt. aß noch schnell das bereits an mein bett gestellte pürierte spezial-essen mit süppchen („Schluck2“) und verließ in windes eile das krankenhaus, so glücklich, wie lange nicht mehr ich war. / über ausreichend demut verfüge ich ja bereits selbsteinschätzend, aber dieses erlebnis gab diesbezüglich nochmals einen schub. und sowieso: es gibt ja wahrlich schlimmere dinge, als einen gutartigen knubbel an der linken unterlippe, auch wenn diese arten von knubbeln bereits als „tumor“ bezeichnet werden. / empfehle also allen, einmal im jahr ein haut-screening durchführen zu lassen. einfach so. / ein paar stunden später ließen sich frau mullah und ich ob dieses glückes in der modellstadt tübingen testen und gingen mit persilschein in außengastronomie maskenlos einen kaffee trinken. meine lippe schwillt stetig ab und im arztbrief las ich heute, wieviele subkutane nähte und ausgleichsgewebe, woher auch immer, in jenen halbstunden, da ich sektchen genoss, mikroskoisch an mir und meiner rechten unterlippe vorgenommen wurden, um 4mm tiefe und 14x14mm gesamtfläche des BÖSEN irgendwie wieder hinzubasteln. schau‘ ich in den spiegel, dann sehe ich da nicht etwa ein loch, auch keinen krater, sondern nur zwei dünne fädchen, die in acht tagen von irgendwem gezogen werden sollten. die anderen lösten sich von selbst auf, so steht da. / und das alles in COVID-zeiten. ich versteh vieles nicht mehr, hinten und vorne, oben und unten, links und rechts, diagonal und gegendiagonal. also schräg links und rechts. dabei dachte ich doch immer, man würde mehr verstehen mit zunehmendem alter. wie nah man sein kann und wie fern. zu gleicher zeit und gedehnter zeit. allein wegen des schmerzes. so einfach, so banal, so unsagbar einfach und doch immer so wichtig. das ist ein defekt. ein defekt wäre ja fast schön, besser noch, als ein prinzip. es scheint aber ein prinzip. / ach, wie gerne hätte ich fortan eine hafenkantenschlägereinarbe vor mir hergetragen, unterlippe rechts, in der fressegegend. schon einfach nur und alleine deshalb, um das BÖSE, nun meinerseits, auch mal ein bisschen zu erschrecken. / stattdessen brasilianische mutanten. ich wollte immer noch mal eigentlich nach buenos aires. (27.3.2021)

18. März 2021

Noch ungefähr 8000 km, dann muss ich meinen Zahnriemen wechseln. Man darf das nicht leichtnehmen, ein kompletter Motorschaden könnte die Folge sein, wenn der Riemen unvorhergesehen reißt. Wenigstens ist diese Angelegenheit bis zum ersten April in einer wattierten Mobilitätsgarantie besänftigt. Alles ja gerade irgendetwas mit Zahn, warum also nicht auch der Wagen. Wie passend einerseits.

Die Rosenstöcke sind abgeschnitten, der Kirschbaum gefällt. Sein hauptsächlicher Stamm, mächtig, fiel – anders als mit einem tüftelten Motorkeilschnitt geplant – zu einem gehörigen Teil auf den öffentlichen Fußweg nebenan und verfehlte um kaum 5 Meter ein dort gerade entlangspazierendes Ehepaar. Ich muss ihnen unbedingt nochmals eine Entschuldigung nachreichen, sowie eine Flasche guten Zweigelts dazu. Ich war sehr bewegt, erst eine Stunde später begann mein Herz zu rasen, es war mir unheimlich, bewegend und sehr peinlich. Was für ein großes Glück, daß nichts passiert ist.

Fünfzig sei ja das neue 30, also bin ich nun knapp vierzig. Sehr schön. Ich könnte ja auch gar nichts mit mir als Risikogruppe anfangen, schon rein vom Selbstbild her. Ohnehin hat ja jetzt angeblich die Altersgruppe der „50 bis 80jährigen“ das Nachsehen. Was für eine „Altersgruppe“ soll das bitteschön sein? Ich gehöre also mit knapp vierzig nicht zu dieser nunmehr offenbar verlorenen Generation, anders, als wie mein Vater, denn damals rechnete man noch anders, auch das Erlebte und Überlebte.

Man dividierte anders.

„Too Old to Rock ’n Roll, Too Young to Die“, oder besser: zu jung zum Impfen, zu alt für leichte Verläufe. Immerhin gut genug aber, um vorher noch ordentlich Steuern zu bezahlen. So hat eben jeder sein persönliches Ovum mit dieser Geschichte, ob Henne, ob Hahn, ob männliches Küken oder Spiegelei div. mit Senf.

Die Elektriker im besten Alter in der oberschwäbischen Kirche kennen weder Angst noch Masken. Ebenso der alte Malermeister im fränkischen Schlösschen. Als wäre nichts gewesen stellt er sich neben mich und fachsimpelt. Maske trägt man halt, wenn’s staubt. Wenn’s nicht staubt, trägt man keine Maske. Ich trat discret einen Schritt zurück und er folgte mir, Himmelarsch. Wir auf dem Bau haben eben seit jeher ein gutes Immunsystem, wegen der Bewegung. Gestorben hingegen wird in den Büros, wo sie den ganzen Tag vor Bildschirmen sitzen und Schokolade fressen.

„Two Eggs medium over“, das war mein Frühstück immer gewesen in Chicago.

Zwischen Kupferzell und Neuenstein fiel mir gestern der Name desjenigen wieder ein, dem ich vor ungefähr 43 Jahren die von mir damals gerade erst vom ersparten Taschengeld gekaufte LP „Don’t shoot me I’m only the Piano Player“ ausgeborgt habe. Ein reicher langhaariger Architektensohn. Er hat sie mir nie zurückgegeben, auch auf Nachfrage vor vierzig Jahren. Das ärgert mich bis heute. Ich muss da unbedingt noch mal nachhaken, bevor er am Ende noch am Corona stirbt.

Meine Empörung braucht seit Geburt ein wenig zu lange, bevor sie sich Bahn bricht. Dafür bin ich andererseits sehr wenig nachtragend, so daß sich vieles dann in Luft auflöst, bevor es überhaupt da ist.

Die schönen handgenähten Masken habe ich jetzt in’s Altkleider gegeben für die dritte Welt.

„Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh 4,16) / so einfach ist, koennte das.

Zettel

17.2., Zettel. „nach dem röntgending das ding-fünf säcke lehmunterzeug holen, roentgen. schnibbeln checken unterlippe rechts, stanzen. in 10 tagen mal tel. wg. ergebnis /HOME, dann zeug richten lehm, +wo ist die kleine blaue kelle? /bierholen, gelber sack, skype mit nichten 20 uhr, NEUSTART chequen 2019-referenz ca.? /+vogelfutter, / 25kg = 1,7qm, grundierung 46 eur, blabla… / kalkspatzen-MÖ., zeichnen oqbo-größer mit tusche /van Eeden Rahmen /+ Sumpfkalk 20kg?? / rebstöckle 2x albreh, <3 / nie versprach irgendwer irgendwelche rosengärten, mail R. wegen busen?, abbau dialog m.d.Jugend samstag / grundsteuer dringend, niederschlagwasser +bettbeziehen, lotto, aufhänger bilder, bernie absagen KAB, aquarelle ausrollen / kohlen mitnehmen Joel, großflächenplakat CIELO SOPRA B., klaus fotos, nina roteTasche!, ebay KAZ/jeans/schrank/ alte kirchenbank garage. + geb. monika, impf schwiegers#2 / Fr. Obermarchtal, tel. burg SHA, fotos WEB-klein / Russenplakate sylke./ mantel für kredit knopf annähen, schuhe putz blabla /Kirschkern prüfung franz. Recht?!, kto-stand dispo, Ü.-LV fertigmachen /+H. OP? <3 / masken grillen versuchen Test. / + Rasieren, klopap, tabs spülmaschine, Müsli, kaffee, butter /* termin absagen, spaziergang U., Geschk. Vera!; 10jahre-jubil.<3 /ölfarben best., tittenweiss, ocker u. palette halt, umbragrünlich, natur und sienanatur/gebr., knallrot /koffer nürnberg, tanken, arbeitskoffer putzen und werkzeugs nachwinterrichten /HERrichten (schönes wort), besser als HINrichten allemal /+ FASTEN. ja: fisch./ rauchenaufhören, ja schon. / kirsche fällen mit A.? wann? muss bald., häckselplatz CORONABEDINGT geschlossen, lachen ja die hühner. (zaun kaputt)./ Voba 16.00 Uhr /+maloja buchen! /architekt Überw., +bepper für kachel RT, /NIE versprach irgendwer Irgendwelche Rosengärten, um 24 Uhr zu Bett.+/"

„/+Schneeglöckchen auf’s Grab! <3"

dnjestr#2

Harald Alexander Rogler, 25.8.1944 (1/3) Harald Alexander Rogler, 25.8.1944 (2/3) Harald Alexander Rogler, 25.8.1944 (3/3)

1.2., / Und immer noch, so auch gestern, finden sich Mappen voll mit mir bislang ungesehenem bildnerischem Nachlass, ggf. seinerzeit auch ein bisschen absichtlich verborgen wegen Schmach der Gefangennahme und Demütigung durch „Scheinerschießung“ (vgl. Abb.). / Diese 3 Zeichnungen verm. aus 1951; für den Suchdienst des DRK gibt es Aufschriebe, Erinnerungsstützen der Festnahme am 25.8.1944 westlich vom Dnjestr mit anschließend fünfjähriger Kriegsgefangenschaft. Textlich im Nachlass erfasst bzw. von der alten Dame gottlob abgetippt, sie konnte seine Schrift ja noch lesen. / Das Kriegsenkel-Dasein ist zwar oft sehr spannend, jedoch auch schon manchmal innerlich abzehrend. Gleichwohl meine Aufgabe, dies alles nun zu ordnen, auf dass nicht noch weitere Generationen von Generationen sich damit zu beschäftigen genötigt sehen. / Nach solch einer Scheinerschießung kann ich mir gut vorstellen, dass auch ich keine Lust mehr gehabt hätte, Bilder mit schwerwiegender Thematik zu malen, die irgendwelche Finger in größte Wunden legen, zumal wenn ich vorneweg das Orakel gehabt haben würde, ich stürbe alsbald mit 46 Jahren an den Folgen der Folgen ebendieser Zeit. / Eine etwas behutsamere Verwendung des nun gerade ja oft im Corona-Zusammenhang dramatisierend gebrauchten Begriffs der „Lost Generation“ für die derzeitig Jungen (>ff.) stünde durchaus an. Finde ich. Hätte ich – auch mit 20 – so empfunden. /MfG, Schneck

(PS: und hier jener Text.)

guten Morgen guten Morgen

Obermarchtal Zwiefalten

Ich mag diese Gegend ja sehr #1: / Im Kloster Obermarchtal erklärte uns an einem warmen Sommerabend des Jahres 1984 der letzte dort noch verbliebene Prämonstratensermönch das komplette ikonographische Bildprogramm der barocken Ausmalung im Innern des Münsters St. Peter und Paul und versetzte uns mit seinem unglaublichen Wissen in grenzenlos ehrfürchtiges Staunen. Anschließend beschleunigte mein geschätzter Mitauszubildender Toni B. auf unserem weiteren Weg zum Grillen an der Donau mit den Kollegen der Kirchenmalerfirma K. aus Munderkingen auf der langen Geraden zwischen Obermarchtal und Untermarchtal seine Ducati 860 (?) auf ca. 220 Sachen. Ich saß hinten drauf und beschloss, sollten wir unser Ziel lebend erreichen, Gott zu loben und zu ehren mein Leben lang.

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Ich mag diese Gegend ja sehr #2: / In Zwiefalten verschwendete ich meine Jugend. So dachte ich jedenfalls. Während alle Freunde nach Schule und Dienst am Volke ausgeschwärmt waren in die weite Welt und ebendort enthemmte Parties, lockeres Studieren oder sonstige Lottereien genossen, verbrachte ich im Rahmen der Ausbildung über zwei Jahre arbeitsame Monate im dortigen Münster, einem riesigen barocken Supertanker. Wir übernachteten in altschwitzigen Monteursdoppelzimmern mit Garni, arbeiteten von Montag bis Freitag wenigstens neun Stunden am Tag und abends wussten wir nicht, was wir hier am Ende der Welt eigentlich sollten, in diesem 1000-Seelen-Dorf fernab, so ohne wenigstens Internet, in unserem Alter. Auch wussten wir nicht, welcher der uns begegnenden Passanten ein Einwohner oder ein freigehender Insasse der dortigen Landesklapse sein konnte, wobei es lehrreich war, dass man selber natürlich auch dahingehend beäugt wurde. In den gelben verrauchten Telefonzellen hörten Kreuzspinnenkolonien die abendlichen Gespräche mit, bis die letzten Pfennige ins Reservoir rutschten. Was allerdings schön war, im Sommer nach Feierabend zur romantischen Wimsener Höhle holpernd zu schwärmen oder wir besuchten die nahen Flecken Upflamör oder Zwiefaltendorf für auf ein Bierchen mit dem damals schon alten Firmen-DATSUN, dessen Kilometerzähler der Capo netterweise ausgehebelt hatte, da private Fahren vom Chef verboten. Den Stuckateuren aus dem Allgäu konnte man beim Abgießen von Engelsärmchen oder dem händischen Nachmodellieren von floralem Antragstuck bewundernd zusehen und erfuhr dabei so manchen alten Kniff, zum Beispiel, wie man den Gips länger geschmeidig halten konnte, durch Hineinpinkeln etwa. Und einmal sogar, während eines schwülen Gewitters, durfte ich einen durch die Kirche knallenden Blitz beobachten, kaum zweier lumpiger Meter entfernt von mir in Richtung einer alteisernen Gerüstleiter, vielleicht war’s gar ein Marienwunder, daß niemand zu Schaden kam. Und aber den schönen dunkelblauen offenen Triumph TR6, der seinerzeit gebraucht am Ortsausgang für 2300 Mark angeboten wurde, den kaufte ich dann doch nicht, was ich noch heute manchmal irgendwie bereue.

(Ich mag diese Gegend wirklich sehr.)