das BÖSES

die alte dame hatte ja immer „schnibbeln“ dazu gesagt, sie, die sie ihr ganzes leben lang so oft es denn eben ging in der prallen sonne lag und dies mit zunehmenden und später auch hohen alter durch diverse zu entfernende hautsachen büßen musste, was sie aber stets in kauf nahm. „ist wieder was BÖSES“, sagte sie oft lachend. ich selbst war nie so der stundenlange strandtyp, auch nicht in kindheit und jugend, außer ich konnte, wie seinerzeit irgendmal in cuxhaven, meinem frisch entdeckten schüchternen interesse an der beobachtung von bikinis nachgehen, oder sogar dem oben-ohne, wie damals noch weit verbreitet, aber das war schon fast zuviel und ich wurde rot, auch ganz ohne sonne, im gesicht. schön war das trotzdem gewesen. / nun also hatte die hautärztin, in deren praxis ich unzählige male die alte dame bei diversen schnibbeleien begleitet hatte, auch bei mir so ein schnibbelding entdeckt. nichts schlimmes, aber man müsse es wegmachen, da es BÖSE sei und weil das eben immer größer werden würde, so über die jahre, und dann müsse man eben immer mehr wegmachen, daher lieber jetzt. sie würde das ja selbst machen, wenn es denn nicht an der unterlippe wäre und ich 30 jahre älter wäre. so schmeichelte sie mir. „wegen der kosmetik“ und lachte. „danke“ dachte ich mir, sehr nett. drei tage würde das wohl dauern, und ich fragte erstaunt nach dem warum dreier tage? / die schneiden das weg und nähen noch nicht zu, dann braucht die histologie zwanzig stunden und dann sagen die, ob alles weg ist. wenn nicht, dann müssen sie tags drauf nochmal schneiden. und so weiter. erst wenn dann alles weg ist, dann nähen sie wieder zu. / begab mich also stationär in die nahe universitäre hautklinik, um erst einmal einen C-schnelltest und einen PCR obendrein zu absolvieren. sodann ins zimmer mit einem sehr alten mobilen und obendrein netten bettnachbarn. schließlich, gegen frühen nachmittag, wurde ich ins OP beordert, wo sogleich einen routinierte örtliche narkose begann, durch mannigfaches in die mundgegend-pieksen. alles wurde darin vollgepumpt und mein gesicht und lippe immer dicker, ich dachte, ich müsse bersten. es ist nicht schön, wird man neben der unterlippe gestochen. in dieser gegend läuft ja das ganze leben quasi zusammen, geschmack, liebe, odem, dasein, wolllust und abscheu. am ohr wäre es sicherlich nicht so schmerzhaft gewesen. dachte ich mir. / der narkotiseur meinte liebevoll „schön, dass sie sich jetzt selbst nicht sehen können“. schließlich war ich also wohl bereit fürs schnibbeln und wurde in ein anderes zimmer gefahren, wo eine krankenschwester den blutdruck von 160 zu 90 an mir maß. ob ich denn vielleicht doch ein kleines „sektchen“ haben wolle, meinte sie freundlich, und ob ich wohl ein bisschen aufgeregt sei? ich bejahte vehement, sie stach mich und ich dämmerte dann, nach sektchen, so ein bisschen weg, ohne den eigentlichen operateur – einen ausgewiesenen fachmann auf seinem gebiet, wie mir mehrfach zu ohren gekommen war – überhaupt zu gesicht bekommen zu haben. / ich glaube, man könnte mir den fuß abhacken, das würde mir weniger ausmachen, als im gesicht fünfzig mal gestochen und sodann ebenda geschnibbelt zu werden. / nun dachte ich, alles wäre überstanden und ich müsse noch bis zum folgetag um die mittagszeit abwarten, um schnell wieder zu hause zu sein. am zweiten tag dann war ich wohlgemut, bis eine junge drahtige stationsärztin lächelnd als überbringerin der von ihr selbst verkündeten „schlechten“ und damit BÖSEN nachricht ins zimmer spazierte: nein, es sei noch nicht alles entfernt, sie müssten heute nochmals schnibbeln. „stellen sie sich einen kuchen vor in stundenform – zwischen 12 und 3 müssen wir noch weiter entfernen.“ das habe das dreidimensionale ergeben. / obwohl schon alles zugenäht. / allein die vorstellung einer gerade verheilen zu beginnenden wunde, die nun abermals geöffnet und bearbeitet würde, die ließ mich verzweifeln. ich war sehr unglücklich. sie würden das ja mit einem speziellen 3D-verfahren begutachten, dass es anderswo gar nicht gäbe, so dass eben punktgenau alles BÖSE entfernt werden könne, ohne zu viel wegzunehmen. wegen kosmetik, gesicht, lippe und odem, dasein, abscheu und wolllust. / und wieder lag ich im operationszimmer, ein weiterer maskierter jungnarkosearzt stach mich schwungvoll ins gesicht und verabschiedete sich mit „alles gute ihnen!“ in seine mittagspause, während das gerät vollautomatisch sein zeug abermals in mein gesicht pumpte, mir wurde kalt, niemand war da sonst außer mir und die maschine pumpte und pumpte, mehr als vortags und irgendwann dachte ich, meine lippe und das angrenzende gesicht würden gleich platzen. / im anderen zimmer, bereit zum schnibbeln, bat ich diesmal sofort um das „sektchen“, der „zugang“ lag ja noch gottlob, und diesmal sah ich den operateur, ein recht junger und wirklich netter spezialarzt. dann dämmerte ich und stellte mir mich am strand in praller sonne vor. alle waren nackt, keine bikinis oder moderne badehosen. / zurück im zimmer erzählte mir mein neuer bettnachbar, ein im strafvollzug beschäftigter endvierziger aus dem badischen, dem ähnliches an seiner augenbraue-links bevorstand und der es tagtäglich mit massenmördern zu tun hat, dass er gehört habe, dass diese prozedur des nachschnibbelns bis zu fünfzehn mal stattfinden könne. eben so lange, bis sie alles BÖSE erwischt hätten. / mir schwante übel und wurde ebenso. sollte das prinzip von operationen, demnach man zunächst den BÖSEN eingriff habe und danach der prozess der inneren und äußeren bewältigung und steten besserung beginnen würde, im besten falle mit einem happy-end, hier durchwirbelt werden? ein auf und ab, abermals wieder und wieder? ja, das scheint in diesem falle logisch. der kosmetik und begrenzung der deformation zugunsten, allerdings ein psychisch herausfordernder schmerz- und geduldsprozess, nicht unbedingt analog menschlicher grundempfindungslinien. / ich beschloss also, von nun an eher der schlimmen anstatt der guten geschehnissverlaufslinie den vorzug zu geben, ganz anders, als ich es gewohnt bin. aus schutz vor dem selbst. ich war mir also lieber sicher, auch am folgenden tag würde noch etwas BÖSES übrig geblieben sein. / um es jedoch kürzer zu betrachten: dem war nicht so. ich konnte es nun, da ich mich innerlich umgedreht hatte in meinem defektverlaufsdenken, kaum glauben. nur einmal nachschneiden. dabei hatte ich mich doch schon innerlich auf ein weiteres mal eingestellt. aß noch schnell das bereits an mein bett gestellte pürierte spezial-essen mit süppchen („Schluck2“) und verließ in windes eile das krankenhaus, so glücklich, wie lange nicht mehr ich war. / über ausreichend demut verfüge ich ja bereits selbsteinschätzend, aber dieses erlebnis gab diesbezüglich nochmals einen schub. und sowieso: es gibt ja wahrlich schlimmere dinge, als einen gutartigen knubbel an der linken unterlippe, auch wenn diese arten von knubbeln bereits als „tumor“ bezeichnet werden. / empfehle also allen, einmal im jahr ein haut-screening durchführen zu lassen. einfach so. / ein paar stunden später ließen sich frau mullah und ich ob dieses glückes in der modellstadt tübingen testen und gingen mit persilschein in außengastronomie maskenlos einen kaffee trinken. meine lippe schwillt stetig ab und im arztbrief las ich heute, wieviele subkutane nähte und ausgleichsgewebe, woher auch immer, in jenen halbstunden, da ich sektchen genoss, mikroskoisch an mir und meiner rechten unterlippe vorgenommen wurden, um 4mm tiefe und 14x14mm gesamtfläche des BÖSEN irgendwie wieder hinzubasteln. schau‘ ich in den spiegel, dann sehe ich da nicht etwa ein loch, auch keinen krater, sondern nur zwei dünne fädchen, die in acht tagen von irgendwem gezogen werden sollten. die anderen lösten sich von selbst auf, so steht da. / und das alles in COVID-zeiten. ich versteh vieles nicht mehr, hinten und vorne, oben und unten, links und rechts, diagonal und gegendiagonal. also schräg links und rechts. dabei dachte ich doch immer, man würde mehr verstehen mit zunehmendem alter. wie nah man sein kann und wie fern. zu gleicher zeit und gedehnter zeit. allein wegen des schmerzes. so einfach, so banal, so unsagbar einfach und doch immer so wichtig. das ist ein defekt. ein defekt wäre ja fast schön, besser noch, als ein prinzip. es scheint aber ein prinzip. / ach, wie gerne hätte ich fortan eine hafenkantenschlägereinarbe vor mir hergetragen, unterlippe rechts, in der fressegegend. schon einfach nur und alleine deshalb, um das BÖSE, nun meinerseits, auch mal ein bisschen zu erschrecken. / stattdessen brasilianische mutanten. ich wollte immer noch mal eigentlich nach buenos aires. (27.3.2021)

18. März 2021

Noch ungefähr 8000 km, dann muss ich meinen Zahnriemen wechseln. Man darf das nicht leichtnehmen, ein kompletter Motorschaden könnte die Folge sein, wenn der Riemen unvorhergesehen reißt. Wenigstens ist diese Angelegenheit bis zum ersten April in einer wattierten Mobilitätsgarantie besänftigt. Alles ja gerade irgendetwas mit Zahn, warum also nicht auch der Wagen. Wie passend einerseits.

Die Rosenstöcke sind abgeschnitten, der Kirschbaum gefällt. Sein hauptsächlicher Stamm, mächtig, fiel – anders als mit einem tüftelten Motorkeilschnitt geplant – zu einem gehörigen Teil auf den öffentlichen Fußweg nebenan und verfehlte um kaum 5 Meter ein dort gerade entlangspazierendes Ehepaar. Ich muss ihnen unbedingt nochmals eine Entschuldigung nachreichen, sowie eine Flasche guten Zweigelts dazu. Ich war sehr bewegt, erst eine Stunde später begann mein Herz zu rasen, es war mir unheimlich, bewegend und sehr peinlich. Was für ein großes Glück, daß nichts passiert ist.

Fünfzig sei ja das neue 30, also bin ich nun knapp vierzig. Sehr schön. Ich könnte ja auch gar nichts mit mir als Risikogruppe anfangen, schon rein vom Selbstbild her. Ohnehin hat ja jetzt angeblich die Altersgruppe der „50 bis 80jährigen“ das Nachsehen. Was für eine „Altersgruppe“ soll das bitteschön sein? Ich gehöre also mit knapp vierzig nicht zu dieser nunmehr offenbar verlorenen Generation, anders, als wie mein Vater, denn damals rechnete man noch anders, auch das Erlebte und Überlebte.

Man dividierte anders.

„Too Old to Rock ’n Roll, Too Young to Die“, oder besser: zu jung zum Impfen, zu alt für leichte Verläufe. Immerhin gut genug aber, um vorher noch ordentlich Steuern zu bezahlen. So hat eben jeder sein persönliches Ovum mit dieser Geschichte, ob Henne, ob Hahn, ob männliches Küken oder Spiegelei div. mit Senf.

Die Elektriker im besten Alter in der oberschwäbischen Kirche kennen weder Angst noch Masken. Ebenso der alte Malermeister im fränkischen Schlösschen. Als wäre nichts gewesen stellt er sich neben mich und fachsimpelt. Maske trägt man halt, wenn’s staubt. Wenn’s nicht staubt, trägt man keine Maske. Ich trat discret einen Schritt zurück und er folgte mir, Himmelarsch. Wir auf dem Bau haben eben seit jeher ein gutes Immunsystem, wegen der Bewegung. Gestorben hingegen wird in den Büros, wo sie den ganzen Tag vor Bildschirmen sitzen und Schokolade fressen.

„Two Eggs medium over“, das war mein Frühstück immer gewesen in Chicago.

Zwischen Kupferzell und Neuenstein fiel mir gestern der Name desjenigen wieder ein, dem ich vor ungefähr 43 Jahren die von mir damals gerade erst vom ersparten Taschengeld gekaufte LP „Don’t shoot me I’m only the Piano Player“ ausgeborgt habe. Ein reicher langhaariger Architektensohn. Er hat sie mir nie zurückgegeben, auch auf Nachfrage vor vierzig Jahren. Das ärgert mich bis heute. Ich muss da unbedingt noch mal nachhaken, bevor er am Ende noch am Corona stirbt.

Meine Empörung braucht seit Geburt ein wenig zu lange, bevor sie sich Bahn bricht. Dafür bin ich andererseits sehr wenig nachtragend, so daß sich vieles dann in Luft auflöst, bevor es überhaupt da ist.

Die schönen handgenähten Masken habe ich jetzt in’s Altkleider gegeben für die dritte Welt.

„Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh 4,16) / so einfach ist, koennte das.

Zettel

17.2., Zettel. „nach dem röntgending das ding-fünf säcke lehmunterzeug holen, roentgen. schnibbeln checken unterlippe rechts, stanzen. in 10 tagen mal tel. wg. ergebnis /HOME, dann zeug richten lehm, +wo ist die kleine blaue kelle? /bierholen, gelber sack, skype mit nichten 20 uhr, NEUSTART chequen 2019-referenz ca.? /+vogelfutter, / 25kg = 1,7qm, grundierung 46 eur, blabla… / kalkspatzen-MÖ., zeichnen oqbo-größer mit tusche /van Eeden Rahmen /+ Sumpfkalk 20kg?? / rebstöckle 2x albreh, <3 / nie versprach irgendwer irgendwelche rosengärten, mail R. wegen busen?, abbau dialog m.d.Jugend samstag / grundsteuer dringend, niederschlagwasser +bettbeziehen, lotto, aufhänger bilder, bernie absagen KAB, aquarelle ausrollen / kohlen mitnehmen Joel, großflächenplakat CIELO SOPRA B., klaus fotos, nina roteTasche!, ebay KAZ/jeans/schrank/ alte kirchenbank garage. + geb. monika, impf schwiegers#2 / Fr. Obermarchtal, tel. burg SHA, fotos WEB-klein / Russenplakate sylke./ mantel für kredit knopf annähen, schuhe putz blabla /Kirschkern prüfung franz. Recht?!, kto-stand dispo, Ü.-LV fertigmachen /+H. OP? <3 / masken grillen versuchen Test. / + Rasieren, klopap, tabs spülmaschine, Müsli, kaffee, butter /* termin absagen, spaziergang U., Geschk. Vera!; 10jahre-jubil.<3 /ölfarben best., tittenweiss, ocker u. palette halt, umbragrünlich, natur und sienanatur/gebr., knallrot /koffer nürnberg, tanken, arbeitskoffer putzen und werkzeugs nachwinterrichten /HERrichten (schönes wort), besser als HINrichten allemal /+ FASTEN. ja: fisch./ rauchenaufhören, ja schon. / kirsche fällen mit A.? wann? muss bald., häckselplatz CORONABEDINGT geschlossen, lachen ja die hühner. (zaun kaputt)./ Voba 16.00 Uhr /+maloja buchen! /architekt Überw., +bepper für kachel RT, /NIE versprach irgendwer Irgendwelche Rosengärten, um 24 Uhr zu Bett.+/"

„/+Schneeglöckchen auf’s Grab! <3"

dnjestr#2

Harald Alexander Rogler, 25.8.1944 (1/3) Harald Alexander Rogler, 25.8.1944 (2/3) Harald Alexander Rogler, 25.8.1944 (3/3)

1.2., / Und immer noch, so auch gestern, finden sich Mappen voll mit mir bislang ungesehenem bildnerischem Nachlass, ggf. seinerzeit auch ein bisschen absichtlich verborgen wegen Schmach der Gefangennahme und Demütigung durch „Scheinerschießung“ (vgl. Abb.). / Diese 3 Zeichnungen verm. aus 1951; für den Suchdienst des DRK gibt es Aufschriebe, Erinnerungsstützen der Festnahme am 25.8.1944 westlich vom Dnjestr mit anschließend fünfjähriger Kriegsgefangenschaft. Textlich im Nachlass erfasst bzw. von der alten Dame gottlob abgetippt, sie konnte seine Schrift ja noch lesen. / Das Kriegsenkel-Dasein ist zwar oft sehr spannend, jedoch auch schon manchmal innerlich abzehrend. Gleichwohl meine Aufgabe, dies alles nun zu ordnen, auf dass nicht noch weitere Generationen von Generationen sich damit zu beschäftigen genötigt sehen. / Nach solch einer Scheinerschießung kann ich mir gut vorstellen, dass auch ich keine Lust mehr gehabt hätte, Bilder mit schwerwiegender Thematik zu malen, die irgendwelche Finger in größte Wunden legen, zumal wenn ich vorneweg das Orakel gehabt haben würde, ich stürbe alsbald mit 46 Jahren an den Folgen der Folgen ebendieser Zeit. / Eine etwas behutsamere Verwendung des nun gerade ja oft im Corona-Zusammenhang dramatisierend gebrauchten Begriffs der „Lost Generation“ für die derzeitig Jungen (>ff.) stünde durchaus an. Finde ich. Hätte ich – auch mit 20 – so empfunden. /MfG, Schneck

(PS: und hier jener Text.)

guten Morgen guten Morgen

Obermarchtal Zwiefalten

Ich mag diese Gegend ja sehr #1: / Im Kloster Obermarchtal erklärte uns an einem warmen Sommerabend des Jahres 1984 der letzte dort noch verbliebene Prämonstratensermönch das komplette ikonographische Bildprogramm der barocken Ausmalung im Innern des Münsters St. Peter und Paul und versetzte uns mit seinem unglaublichen Wissen in grenzenlos ehrfürchtiges Staunen. Anschließend beschleunigte mein geschätzter Mitauszubildender Toni B. auf unserem weiteren Weg zum Grillen an der Donau mit den Kollegen der Kirchenmalerfirma K. aus Munderkingen auf der langen Geraden zwischen Obermarchtal und Untermarchtal seine Ducati 860 (?) auf ca. 220 Sachen. Ich saß hinten drauf und beschloss, sollten wir unser Ziel lebend erreichen, Gott zu loben und zu ehren mein Leben lang.

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Ich mag diese Gegend ja sehr #2: / In Zwiefalten verschwendete ich meine Jugend. So dachte ich jedenfalls. Während alle Freunde nach Schule und Dienst am Volke ausgeschwärmt waren in die weite Welt und ebendort enthemmte Parties, lockeres Studieren oder sonstige Lottereien genossen, verbrachte ich im Rahmen der Ausbildung über zwei Jahre arbeitsame Monate im dortigen Münster, einem riesigen barocken Supertanker. Wir übernachteten in altschwitzigen Monteursdoppelzimmern mit Garni, arbeiteten von Montag bis Freitag wenigstens neun Stunden am Tag und abends wussten wir nicht, was wir hier am Ende der Welt eigentlich sollten, in diesem 1000-Seelen-Dorf fernab, so ohne wenigstens Internet, in unserem Alter. Auch wussten wir nicht, welcher der uns begegnenden Passanten ein Einwohner oder ein freigehender Insasse der dortigen Landesklapse sein konnte, wobei es lehrreich war, dass man selber natürlich auch dahingehend beäugt wurde. In den gelben verrauchten Telefonzellen hörten Kreuzspinnenkolonien die abendlichen Gespräche mit, bis die letzten Pfennige ins Reservoir rutschten. Was allerdings schön war, im Sommer nach Feierabend zur romantischen Wimsener Höhle holpernd zu schwärmen oder wir besuchten die nahen Flecken Upflamör oder Zwiefaltendorf für auf ein Bierchen mit dem damals schon alten Firmen-DATSUN, dessen Kilometerzähler der Capo netterweise ausgehebelt hatte, da private Fahren vom Chef verboten. Den Stuckateuren aus dem Allgäu konnte man beim Abgießen von Engelsärmchen oder dem händischen Nachmodellieren von floralem Antragstuck bewundernd zusehen und erfuhr dabei so manchen alten Kniff, zum Beispiel, wie man den Gips länger geschmeidig halten konnte, durch Hineinpinkeln etwa. Und einmal sogar, während eines schwülen Gewitters, durfte ich einen durch die Kirche knallenden Blitz beobachten, kaum zweier lumpiger Meter entfernt von mir in Richtung einer alteisernen Gerüstleiter, vielleicht war’s gar ein Marienwunder, daß niemand zu Schaden kam. Und aber den schönen dunkelblauen offenen Triumph TR6, der seinerzeit gebraucht am Ortsausgang für 2300 Mark angeboten wurde, den kaufte ich dann doch nicht, was ich noch heute manchmal irgendwie bereue.

(Ich mag diese Gegend wirklich sehr.)

schlechter beitrag

Zukunft, Zukunft… alle reden von Zukunft. Dabei ist doch grad Gegenwart.

Irgendetwas schreiben, anstatt zu malen, malen in Blau und Weiss mit Winterbäumen im Mondlicht (welcher Mond?), immer diese Scratch-Horizonte, es muss und soll doch schnell gehen, es soll fahrig sein und gerotzt, noch nicht mal mehr expressiv, sondern voller Zorn und Bäh, ich muss mal wieder etwas größer als Buchdeckelformat, man ist so schnell am Ende vom Bildgrund mit den großen zerzausten Pinseln. Oder vom Bett aus im Liegen mit verlängerten Tuschefedern tanzende Jungfrauen um Ball auf’s Papier an der Wand?

Aber Material, speziell Ölfarbe, dick, das hilft. Das riecht, es ist schwer und zäh und klebrig, ein kräftiges Zeug, in welches man hineingleiten kann und wir werden dann immer Halb-Geschwister. Und es hilft gegen Träume mit Masken und im Gedränge, in welches ich geriet, der Geldbeutel plötzlich weg und geklaut, das erste mal in meinem ganzen Leben. Wo ich doch immer so aufpasse auf meine Sachen! Es war aber nur der Mittagschlaf gewesen, der Geldbeutel also wohlbehalten und die Maske oben links, Brusttasche, ordentlich da, wo sie hingehört, neben dem Hirschfängerchen.

Schreiben mit Kugelschreiber oder 8B, alles über ewig alte Zeiten, aber nein, dann vielleicht doch lieber Bilder machen, gegenwärtige ohne Zukunft. Vielleicht „schlechte Blumen“, „schlechte Bäume“ und „schlechte Menschen“ auf Altrosa. Ggf. auch „böse Menschen“, lieber aber „böse Männer“, wahlweise Frauen, Kinder oder irgendwelche Tiere.

Was für ein schlechter Wahnsinn derzeitig, das alles. Man könnte ja fast wahnsinnig werden über den schlechten Wahnsinn. Und nun noch ein paar virale Varianten, ein paar durchaus ja sinnvolle Mutationen aus Mutantensicht, ich hatte seinerzeit Biologie-Leistungskurs, daher kenne ich mich – logisch – aus, es war ja klar, das mit diesen Variationen. Und die „Natur“ hat gefälligst Kulisse zu sein für’s menschliche Freizeitempfinden, das meinte neulich beim Waldspaziergang durch den tiefen Winterwald (Wölfe, Schneelöwen, Afghanen etc.) wieder mal die angewandt-spirituelle Seite von Frau Mullah während einer kleinen belebenden Schneeballschlacht.

„Männer, Mädchen, Mutationen“, oder besser noch „Mutanten, Mädchen und Maschinen“ – so könnte man kommende Jahrhundert-Ausstellungen übers Anthropozän benennen, beispielsweise. Am schlimmsten die seit nunmehr Monaten erlebbaren Erkenntnisse und Bestätigungen in Echtzeit, wie blöde doch Menschen sind. Jedenfalls die Allermeisten. Na gut, mindestens eine Vielzahl. Es sind schier unglaublich und ganz grundlegend hoffnungssenkend, diese ganzen Hüftschießer, die glitzernden Wichtigtuenden, diese allseits hedonistischen Plappermäuler im ganz ganz großen Pandemieeinschätzungsgeplauder.

(Aber das wussten wir ja alles schon.)

Ich las vor ein paar Tagen in irgendeiner maßnahmenkritischen Petition als Forderung unter anderem: „Ganzheitliche Förderung und Stärkung der Gesundheit!“ Ganz mein Ding, wunderbar. Also raus an die frische Luft. Rauch, Zucker, Fremdsexverkehr und Wein/Bier/Schnaps sein lassen, dann wird das schon. Die Alten wären eh‘ gestorben, ein Leben mit Vorerkrankungen ist ja auch verdammt mühselig und früher gab’s auch kein Impf. Entlastung der Rentenkassen und – endlich! – vorgezogenes Erbe für die gesunden Lungen der Jungen. Der güldene Mantel der Rettung der Grundrechte richtets und wirft sich sportlich über’s Solidarprinzip, natürlich „ganzheitlich“, wahrscheinlich auch nachhaltig, vor allem achtsam.

So wird’s kommen. Auch wenn wir das ja alles schon wussten.

Ich hingegen will mich jetzt von aller Gegenwart abwenden und zum Monarchisten mutieren. Und wünsche mir einen König wieder (Wilhelm sollte er heißen, oder Maik, oder Sebastian). Besser noch eine sexy Königin: Marianne, Olga, Elvira oder Gudrun. Gabi eher nicht.