vaccine pussy

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Die zweite Mulde steht nun unten an der Straße. Neulich wurden bereits 1,06 Tonnen mit Altholz A I-III abgefahren. Jetzt sogenannter „Baumischabfall, schwer“. Ich frage mich, was geschieht, wenn es regnet oder schneit. Würde eine Durchnässung dann mitgewogen und abgerechnet? Das Altholz hatte ich alleine vom Zwischenlager im Vordergarten – auf dem damals eigens für die wasserfeste Tischtennisplatte aus Eternit mit Betonplatten geschaffenen Podest – in den Container geschafft. Es macht Spaß und befriedet sehr, wenn man die Sachen über die Brüstung der Gartenmauer in den tiefer unten auf dem Parkplatz an der Straße stehenden Behälter schmeißen kann. Oder auch werfen. Manchmal auch Pfeffern, mit Schwung und Zielübungen. Bestimmt haben die Menschen auch schon vor 10.000 Jahren gerne Sachen in der Gegend herum geworfen und sich dabei einfach so gefreut.

Die schweren Wannen mit Schutt und zerbrochenen Fliesen allerdings musste ich heute mit Sack- und Schubkarre den Gartenweg hinunter schaffen und dann über den Rand in die Mulde wuchten. Das ist recht anstrengend, aber ich sage mir immer, es hält mich dann vielleicht ja wenigstens fit und gesund. Im Baumischcontainer sind auch Kabel und Metall erlaubt. Seltsam. Und Kaffeebecher und Pizzaschachteln, ich kenne das vom Zweitberuf. Irgendjemand freut sich immer, auch Passanten, wenn sie ihren Müll in ein solches Behältnis entsorgen können, gerne auch nachts und notfalls mit Transporter. Ich bin gespannt.

Ich weiss auch immer nicht, wie ich mir das Trennen der verschiedenen Stoffe und Materialien dann vorstellen soll. In großen endzeitlichen Hallen werden wahrscheinlich diese Mulden rund um die Uhr angefahren und dann nachts unter Flutlicht von prekären vermummten Arbeitnehmern parallelweltlich handverlesen, die durch große blechern klingende Megaphone von einem in einem erhöhten Glaskarten sitzenden dicken unrasierten Vorarbeiter angetrieben werden, der sein Leben lang schon nach Bier stinkt und seine Feinripp-Unterhosen zweimal im Jahr wechselt. Und wenn eine der armen Seelen unten in der Halle einmal ein asbestbelastetes Stück übersieht und dem normalen Bauschutt zuordnet, dann wird gepeitscht, gekündigt oder abgeschoben.

Oder es wird überhaupt nicht getrennt. So, wie beim gelben Sack. Früher dachten wir ja, moderne Parkbänke würden aus Joghurtbechern und Milchtüten hergestellt. Stattdessen schwimmt alles im Meer vor Malaysia.

In der kommenden Woche fangen die Sanitär- und Heizungsbauer an. Dann geht es richtig los. Mit schwerem Gerät, Bohrhammer, Flex. Alle Heizkörper werden erneuert. Und die Leitungen für Wasser und Wärme auch, wenn sie alt und schwach sind oder nichts mehr hindurchlassen. Ich kann das verstehen, manche Sachen lasse ja auch ich nicht mehr durch mich hindurch. Frau Mullah und ich haben nun die künftigen Armaturen und das Weißzeug ausgewählt, endgültig, bei einem zweiten Termin beim Sanitärausstatter. Man glaubt es ja kaum, welche Fülle an Produkten sich zur Auswahl anbieten. Es ist fast schon beschämend, dieser übervolle Ressourcenluxus. Wie soll man diesen Möglichkeitsreichtum Leuten aus anderen Weltgegenden erklären, deren Rohstoffe hier jenen anhäufen? Ein Wasserhahn ist ein Wasserhahn, sollte man denken. Dachte ich immer. Oder ein Waschbecken ist ein Waschbecken.

Ein Wasserhahn sind heutzutage aber 150 Wasserhähne. Ebenso die Waschbecken.

Und Kloschüsseln auch.

Die Tage des gemauerten Klinkerofens im künftig ehemaligen Esszimmer, den die alte Dame vor vierzig Jahren aus Angst vor einem sowjetischen Einmarsch (wahlweise Atomkrieg etc.) einbauen hatte lassen, sind gezählt. Bis die neue Heizung installiert ist, kann man damit noch gegen ein Einfrieren heizen. Derzeit sehr praktisch: die rückgebauten Nut-und-Feder-Wandbekleidungen können sofort zersägt und umgehend verschürt werden. Ein wunderbarer Kreislauf, ganz nach meinem Geschmack.

Fast alle Angebote sind jetzt da, bis auf das der Trockenbauer. Eine noch ganz unbekannte Größe. Bei Dingen unbekannter Größen und sowieso in dieser Jahreszeit denke ich oft und aber recht süddeutsch-gelöst an den Lauf der Welt so im Gesamten. Vielleicht spielt auch die derzeitige Seuche ein Rolle, das mag sein. Ich finde es jedenfalls immer wieder ganz grundsätzlich erstaunlich, dass man selbst einmal irgendwann geboren wurde. Und damit die Zwangsläufigkeit einer Seele zugewiesen bekam. Sowohl Bürde wie Gelegenheit. Im Grunde jedoch eine Zumutung seitens derer, die einen einst ins Leben warfen, ohne groß zu fragen, in einem Moment ihrer Lust.

Bei den Fliesen sind wir uns sehr einig. Urlaub wäre schön.

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Abb.: Atelier/ o.T., sans titre („vaccine-pussy“), 04.01.2022, Lapislazuli, Gum. Arabicum / Oil on Cardboard, 19×25,5cm / ©

23.12.2021

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Diesen berührenden Brief bekam ich vor ein paar Tagen zugeschickt. Ich habe mich sehr gefreut. Und ich dachte, was, wenn nicht ein solcher Brief, ist doch etwas zum Teilen in einem Weblog. Gerade jetzt, zu Weihnachten. Ich habe nachgefragt, ob ich das darf. Ich darf. Großen Dank an A.B.! / Ich wünsche herzlich frohe Weihnachten und immer eine Handbreit Zuversicht unterm Kiel.

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„Bonjour cher S.R.,

sehr berührt habe ich, auf der Suche nach „anderen“ Bildern Ihres Vaters – oder Spuren seines Lebens – Ihren Blog gelesen. Zu ihm und ihrer Mutter. „Anderen“ Bildern, da ich selbst ein Bild mit mir durch das Leben führe, weitere mir gut vertraut sind. Ebenso wie der Name ihrer Eltern. Sie waren Freunde meiner Eltern. Mein Vater war Kurt Maschmann, ein Hamburger Journalist… seine Frau Judith. Sie ist in diesem Jahr 98 geworden… Mein Vater ist leider schon 1981 verstorben. Laut meiner Mutter, haben sie Ihre Eltern „wann immer es ging“ auf (Dienst)reisen in den Süden besucht. Mein Vater war damals stellvertretender Chefredakteur der Hamburger Morgenpost.

Das Bild ist aus meinem Elternhaus in Hamburg mit nach Berlin, und dann viel weiter mit mir nach Südfrankreich, in die Cevennes gezogen. Es ist kein heiteres Bild. Sehr mysteriös, sehr feurig, mal beängstigend. Mal sehr beruhigend… vielleicht, weil ich es aus so vielen Lebenssituationen kenne. In Hamburg hing es Jahrzehnte im Wohnzimmer meiner Eltern. Neben seinem „Schwesterbild“ (nur wg. dem Format), drei grosse aufspringende „Blüten“ in hellen Blautönen… auch gibt es ein kleineres Bild mit Sonnenblumen. Eines zeigt Stiefmütterchen.

Oft habe ich es schon als Kind von der Couch aus betrachtet… es hat alle Stimmungen mitbestimmt. Die heiteren und entspannten, z.B. wenn meine Eltern am Abend ihr Glas Whiskey (mit Wasser) genossen nach einem langen Redaktionstag, die Sonntage mit Frühschoppen mittags im Fernsehen, die klappernde Schreibmaschine – der Schreibtisch stand auch mit im Wohnzimmer. Im Grunde war es auch das Esszimmer. Wir hatten eine Haus. Aber es war eng. Mit Grossmutter und drei Kindern.
Die beschwertesten Tage waren die, als mein Vater krank lag. Viele Magenleiden. Und ein Gehirntumor hat ihn aus dem Leben gerissen. Mit 61. Mein Alter heute. Ein seltsamer Gedanke. Mein Vater wurde im gleichen Jahr geboren wie Ihr Vater. 1920. Er hat sich ebenfalls ohne Zurückhaltung zur Wehrmacht gemeldet. Er war zuletzt in Berlin stationiert. Im Wachregiment Grossdeutschland. Er war stolz darauf. Nicht schön zu lesen in alten Briefen. Aber er war wie viele, die es dann bereuten. Wie furchtbar. Wie blind.

Er ist in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Im Ural. So schrieb er dann, das er dies nicht bereut hat… sondern das es ihm die Augen geöffnet hat. Er hat überlebt. Er hat viel Entsetzen gesehen. Von dem er aber nie viel sprach. Er ist 1948 nach Hause gekommen. Er hat sein ganzes fortdauerndes Leben seine Blindheit bereut, dem System gefolgt zu sein. Er hat sich nie verziehen eine Gruppe junger Soldaten, so sagte er (wenn ich mich recht erinnere) direkt in die Hände der Russen geführt zu haben. In die Gefangenschaft, in den Tod…

Er war nicht gläubig. Aber in seiner Weise spirituel. Er hat einen Seelenfrieden (wenn er ihn denn je hatte) durch die Arbeiten als Freimaurer gefunden. Und in der Anleitung junger Journalisten, immer die Meinungsfreiheit zu verteidigen, Kritikfähigkeit zu lehren und zu bewahren, … er gründete 1972 in Hamburg die Akademie für Publizistik, deren Leiter er bis 1980 sein konnte.

Er hat die Krankheit am Ende auch als eine Art Bestrafung für seinen falschen Weg, Hitler zu folgen, empfunden. Er hat am Ende seines Lebens mit dem Pastor unserer Gemeinde gesprochen (den er trotz seiner atheistischen Haltung schätzte), auch mit dem Neurologen, der sein Freund war, ja mit allen Brüdern der Loge. Er war Humanist. Er hat das Theater geliebt. Er wollte Regisseur werden. Das war sein Traum. Zerstört durch den Krieg. Seine zweite Leidenschaft war das Schreiben. Zurück in Hamburg begann er schnell für den Wandsbeker Boten zu schreiben. Meine Schwester wurde 1949 geboren. Es musste schnell Geld verdient werde. In Russland soweit ich es weiss, und das ist nicht viel, hat er mit Mitgefangenen eine Theatergruppe gegründet, sie haben „bunte“ Abende gestaltet. Sie haben geschrieben, Schach gespielt (ich habe ein wunderbares Schachspiel, das ein Mitgefangener gedrechselt hat. Mit meinem Vater spielte ich oft an Sonntagen). Mein Grossvater hat ihm Theaterstücke ins Lager geschickt, als es möglich war.

Das alles nur kurz (naja), zur Beschreibung seiner Persönlichkeit. Ich habe meinen Vater nicht so früh verloren, wie Sie den Ihren. Und doch gibt es so viel Unbekanntes. Nie Gefragtes. Nie Beantwortetes. Nie Erzähltes. Typisch auch für die 50ziger-70ziger Jahre in Deutschland. Viel Tabu, viel Verdrängen. Vielleicht hätte er wohl geantwortet. Aber ich war auch zu jung für die richtigen Fragen. Vielleicht habe ich auch gefragt. Aber einige Antworten vergessen?

Meine Mutter lebt noch. Sie hat in ihrem hohen Alter zunehmend Lücken, vorsichtig gesagt. Sie ist müde. Zu müde für manche Fragen. Es muss nicht mehr sein. Und auch sie kennt die Antworten nicht. Sie hat viel verdrängt. Das Leben hat es verdrängt. Sicher ist, sie kannte Ihre Mutter… wie gut vermag ich nicht zu sagen…

Und war es das, war es die Kriegsgefangenschaft, die unsere Väter zusammengebracht hat? Oder kannten sich unser Mütter zuvor? Aus Hamburg? Aus Thüringen? Heute Abend stelle ich mir diese Frage. Antworten meiner Mutter sind nun leider heute nicht mehr zweifelsfrei „richtige“ Antworten. Es überfordert ihr Gedächtnis… es nicht mehr zu wissen, macht sie traurig und verwirrt. So bedränge ich sie nicht mehr.

Meine Mutter ist in Thüringen in Apolda aufgewachsen. 1923 geboren. Sie war Kinderpflegerin. Ist 1943 von Berlin nach Wangerooge (einer ihrer Brüder war dort verheiratet und stationiert) … dort traf sie auf meinen Grossvater, der sie wiederum so charmant fand, das er die Brieffreundschaft zwischen ihr und meinen Vater initiierte (!) … was schnell in Verliebtheit und zur Heirat noch 1945 führte. Mein Vater brachte sie nach Hamburg-Volksdorf in sein Elternhaus… und dort lebte sie zwischen Bangen und Hoffen, die Jahre bis zu seiner Rückkehr. Dort lebt sie noch heute. Mit meinem Bruder, seiner Familie. Sie war lange autonom. Nun pflegt sie mein Bruder aufopfernd. Sie kann leider nur noch sehr schlecht sehen. Sie hat früher leidenschaftlich gerne gezeichnet und gebastelt. Sie hatte Talent. Sie hat uns Ostern und Weihnachten mit Karten beschenkt. Sehr fein bemalte Ostereier. Ostern und Weihnachten, Geburtstage, das waren ihre Fixpunkte im Jahr. Und der grosse Garten. Den sie „jetzt“ meinem Bruder übergeben hat. In Wahrheit ja schon vor ein paar Jahren…

Warum schreib ich das alles? Zum einen, weil mich der Text zu Ihrer Mutter so berührt hat. Ich war … ja, tatsächlich bestürzt zu lesen, das sie nicht mehr lebt. Ich kannte sie ja gar nicht. Und doch, da ist diese Verbindung zu meiner Mutter. Ich nenne meine Mutter auch übrigens immer noch „Mutti“. Während mein Bruder längst zu „Oma“ übergegangen ist. Wegen der Kinder. Sie ist „Oma Ju“ geworden.

Im zweiten Moment war ich froh, das ihre Mutter ein schönes Alter nach einem reichen Leben erreicht hat. Im dritten Moment dachte ich, wie sage ich es nun Judith, das Ingeborg nicht mehr auf dieser Welt ist? Aber das ist nur mein Problem, Judith hat schon lange gelernt damit zu leben, die „letzte“ zu sein… auch wenn sie es seltsam und kaum verständlich findet, wie sie immer wieder betont. Ich habe es ihr am Telefon erzählt, und da hat sie sich gerne erinnert. An die Reisen, Begegnungen … auch ihr Haus. Irgendwie kamen Bilder in ihr zurück.

Ich schreibe, weil ich denke, das es Sie vielleicht freut – ich hoffe es – zu hören, das das „Schreiben des Namens Harald Alexander Rogler im Internet“ tatsächlich nun dazu führte, das durch „Zufall“ Gedanken zu ihm gehen und seine Bilder ganz und gar nicht in Vergessenheit in einer Kiste gelandet und verschwunden sind. Im Gegenteil. Und auch ein Teil der Geschichte, die Menschen verbindet, nicht einfach sich ins Nichts auflöst. Dank dieser Bilder.

Und auch dank einer Kiste… noch dazu! Ja, dies nun noch am Schluss dieser Zeilen: Eine wahrhafte Erinnerungskiste! Ich besuchte meine Schwester Angela, die ebenfalls hier in Südfrankreich lebt. Ich erzählte ihr von meinen Fundstücken im Internet. Las mit ihr noch einmal den Text zu ihrem Vater. Und sie erinnerte mich an das, was ich vergessen hatte: sie hat von unserem Vater, als sie noch auf die Werkkunstschule in Hamburg ging, der Armgartstrasse, eine grosse schöne Holzkiste mit Ölfarben geschenkt bekommen. Es waren die Farben Ihres Vaters! Sie weiss nicht mehr, in welchem Jahr es war. Sie weiss nur, das unsere Eltern sie von einer Reise mitgebracht haben. Sie hat die Kiste noch heute. Meine Schwester ist eine Hüterin. Sie bewahrt sie. Es riecht gut, wenn man den Deckel öffnet… und die vielen Tuben betrachtet … (Ölmalerei hat sie nie richtig erlernt). / Beide waren wir der Meinung, das alles sollten sie erfahren! Wir schicken ihnen mit Freude die Fotos : )))

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inzwischen – seit diesem Gedanken – ist leider Zeit vergangen, viel zu viel, ein paar Wochen. Das tägliche Leben hat zu sehr gefordert und abgelenkt. Es ärgert mich… zumal ich es noch nicht geschafft habe, ein gutes Foto des Bildes, das mich begleitet, aufzunehmen. … wir haben in unserem Haus im Herbst alles auf den Kopf gestellt, die Wände isoliert und renoviert … so wurde das Bild abgehängt und wartet auf dem mezzanine noch auf seinen neuen Platz. Heute von diesem Bild nur ein Foto in unserem Salon… entfernt sieht man es wie es noch am alten Platz über einem Kamin hing. Actuellement bin ich gerade noch ein paar Tage in Hamburg … meinem Bruder, der Familie ein wenig bei der Pflege meiner Mutter zu helfen, ….so finde ich auch endlich die Zeit und Ruhe diesen Brief zu Ende zu schreiben … und auch Fotos der Bilder hier im Hause dazuzugeben … ich schicke ihnen das alles mit großer Freude und hoffe, das es ihnen eine ebensolche bereitet. Ein bisschen wie Weihnachten vielleicht …

Herzlichst,
Annette Bonnefont (Maschmann)“

Advent

A.Hm.Rogler 1956-2006

man könnte so langsam ja nun auch mal auf die strasse gehen, zum demonstrieren. kinder, alles kinder. halten mama für schuldig, wenn baden am see ausfällt wegen gewitter. schrieb ich ja schon mal, vor 1,5 jahren. kollege erzählte von einem jüngst C-toten in der familie. der war im krankenhaus wegen einer anderen kleinen sache, neben ihm der bettnachbar hustete die ganze erste nacht. woraufhin er dem personal bescheid gab, die jenen dann morgentlich C-positiv testeten. vier tage später hustete auch er und neun tage später war er tot. oder dieses fränkische kaufhaus, in dem ein arzt einen von ihm am vortage als erkrankt getesteten menschen erkannte, der sich ganz offenbar nicht in quarantäne begeben hatte, und daraufhin dem personal bescheid gab, welches dann eine durchsage veranlasste, alle positiv getesteten anwesenden sollten sich bitte unverzüglich melden. es meldeten sich, so lautet die geschichte, gleich sieben und nicht nur der eine. unsere demokratie ist in gefahr. das zu sagen ist in etwa so, wie nach vorerkrankungen zu fragen. ganz in arztmanier. und dann bedauernd zu nicken am grab und vaterunser. neulich im herbst tranken wir im hause zu dreien maskenlos kaffee, privat und näher aneinander als empfohlen, warum auch nicht, kein wort übers thema. schön der kaffee und das gespräch, auch vor allem das aus alten zeiten vertraute vertrauen. weniger neulich erfuhr ich zufällig vom impfstatus desselben besuchers, nämlich dem fehlenden. es hätte ja nun auch sein können, ich wäre vorerkrankt oder die dritte am tisch hätte dies sein können. hätte. für mich folgt, es war gastseits egal. man muss ja nicht gleich auseinandergehen, sollte man die dinge, wenigstens kurz, ansprechen. so würde ich das handhaben. „du hast ja nicht gefragt“ könnte der damalig bewirtete natürlich sagen. recht hätte er. ich habe nicht gefragt, allein ich hätte kurz ggf. erwartet. viele haben jetzt in diesen zeiten wohl eine kitzelige lust am schicksalspielen, so scheints. oder ein brummendes unterbauchverlangen am endlich mal wieder unvorhersagbaren, sofern es sie nicht selber trifft. oder gar schmeißt. wie religion, nur ohne ritual und institut und steuer und sakralraum. lust auf darwin, wenn man sich hinter ihm ohn‘ schuld verstecken kann. die kranken und schwachen und alten müssen weg, die mit schlechten genen. natur eben. wie die katze, die mir vors auto läuft – entweder, sie war alt, zu langsam, zu schwach oder zu dumm. der herr richtets und es spielt dann auch keine rolle mehr, ob ich ausgetreten bin oder buddhist oder rudolf steiner oder afd. oder einfach naturfreund oder retter von demokratie. natur, bio, alles. „ach du, wir sind da auf einer anderen spur…“ berichtete mir freundlich vor ein paar wochen eine innerlich jugendlich stets sich gebende frau knapp über die sechzig, die mit ihrer 95-jährigen anthroposophischen mutter zusammenlebt. auf meine besorgte nebenbeifrage bezüglich wohlergehen, schneeschippen, allgemeinzustand und „schon geimpft?“. wie naiv ich doch bin. und lisa fitz, eine frühere kabarrettistin, versucht vor ein paar tagen im TV zu hinterfragen old scool allen ernstes, wie viel doch „die impfhersteller verdienen würden“. ich erinnere also spontan meine lebensbedrohliche blinddarm-operation vor sechsundvierzig jahren und frage mich empört, was wohl jener arzt seinerzeit verdient haben mag. old scool. /das helle am ganzen desaster ist wenigstens, alles tritt nun erodiert hervor, was tatsache ist und ja sowieso schon immer da war, nur unter krumen und tand. endlich. die allesverächter, die demokratiebewahrer, die stets-warnenden, die ewigen kinder und besserwisser und diejenigen, die es jetzt so langsam einfach nicht mehr ohne schuldfrage aushalten. kunst und viren haben ja eines gemeinsam, beide sind nicht emotionsdemokratisch. dann also monarchie, spiritualität, gehorsam und demzufolge zu guter letzt: strafe. als rettung. man könnte ja fast schon symphatisieren mit diesem virus, denn dem ist das alles wurscht, wie wir gelernt haben. es therapiert schlicht einfach nur durch sein keinerlei willen untergeordnetem agieren, dazu noch emotionslos supergratis. die demokratie, die undemokratie, die vorerkrankungen und sogar das unvorhersagbare.

ziemt Oberkampf

Oberkampf

frage den elektrikermeister, was eigentlich passiert, wenn man einen eingeschalteten kühlschrank im winter bei minus 8 grad auf den balkon stellt. „nein“, sagt er, „der fängt dann nicht etwa an zu heizen. der schaltet einfach ab.“ er grinst ein bisschen, ich auch.

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ach, ich wär so gerne nach island, san marino oder in irgendeinen fernöstlichen kleinstaat ohne große internationale wichtigkeit hinein geboren worden. dann hätte ich eben andere augen, vermutlich. und hätte vielleicht kein abitur und weder latinum noch graecum, ich hätte keinen zivildienst anstatt dem militär gemacht, weil es vielleicht keine großtragischen kriegsenkelgeschichten in jüngeren vergangenheiten mit mord und totschlag gegeben hätte, mein papa wäre vielleicht erst vor 7 jahren gestorben, anstatt schon vor 55 jahren an den spätfolgen der von der heutigen AFD als vogelschisszeit bezeichneten jahre, ich hätte mich auch nicht um die psyche meiner mich leider sodann alleinerziehenden mama kümmern müssen, wegen ihrer verlorenen ostgebiete und gefühlten rittergüter und ihrer frühen verwitwung und ich würde auch nicht bis heute die wolldecke von oma mika aus pillau/opr. aufzubewahren mich bedingt fühlen, obwohl ich die ja nie kannte und nur meine fluchttraumatisierte alte dame immer so verliebt verklärt von ihrer oma mika sprach. ich würde auch keine geschichten über am kapitulationstag hastig weggeworfene wehrmachts-kleinpistolen im watt hinterm deich bei cuxhaven mich weiterzureichen bemüßigt fühlen, zum gedächtnis, „dies tut zu meinem gedächtnis!“, geschweige wäre ich vor nun beinahe schon 30 jahren mit der alten dame von kiel aus mit dem schiff nach OPR gereist, um den OPR-himmeln wieder die farbe einzutüten, für die allseits traumatisierten wirtschaftswunderer.

was ist das denn ewig mit diesem koloss namens „Deutschland“, kolosse mag ich nicht, nein, ich wäre gerne ein autistischer nordwestgrieche oder stiller südostfranzose geworden, oder in einem vorort von triest geboren oder auf einem unbedeutenden schäreninselchen, welches bald vom klimawandel verschluckt werden wird. wie gerne würde ich mich verkriechen, einfach mal so als abseitiger weltbürger, und nicht allein schon aufgrund meines passports verantwortlich sein für die genesung der welt, die menschenrechtliche humanisierung ebendieser, diese ewigen verantwortlichkeiten und vorbildfunktionen auch gegenüber denjenigen dies ewig missbrauchenden. wo doch sowieso die schurken siegen werden, so wie es aussieht.

wie oft habe ich „verbrecher“ irgendwo druntergeschrieben, künstlerischerseits, einen busen dazu gemalt aus schlichtem protest und sonniger lebensfreude, gar einen schweif oder schwanz obendrein mitsamt weiblicher vulven zur geneigten kleinprovokation, ach wo, wie billig, und es ZIEMT sich ja auch nun nicht mehr, soetwas, für mich. ich bin ja jetzt ein alter hase, dazu seit gestern ein alter mann, dazu noch weiß. mir bleibt eigentlich nur landschaft als malerisches motiv, oder tiere. ich könnte ab jetzt ja auch kreise oder elipsen malen, in den ausgefuchsten farben sublimierter lustbarkeiten. keine geschlechtsteile mehr und um gottes willen keine primärstrapse, dildoähnliche gebildlichkeiten oder gar nachtwäsche mit ggf. darunter verborgenen lustgrotten.

ein asexueller erzählonkel aber wollte ich eigentlich nie sein, noch werden. und auf die üblichen charmant altersgerechten versteckecken will ich auch künftig verzichten. vielleicht wäre ich ja auch gern schweizer geworden, in irgendeinem entlegenen bergtal, dem wallis zum beispiel. stattdessen muss ich seit gestern ein weiser und milder mensch geworden sein, dem die vernunft aus jeder pore, jeder silbe und jedem strich quillt. und der keine blöden witze mehr machen darf, um nicht als typologietoxisch rüberzukommen.

himmel, hilf. ich muss noch finden die neue rolle. und stelle. in einer wohlwollenden geburtstagsmail meinte eine tolle endsechzigerin liebevoll, ich würde locker als „endvierziger“ durchgehen. ach wo, liebe M. – aber danke von herzen! nein, ich nehme dies alles nass und forsch an. und bin froh und dankbar, überhaupt jetzt schon mal wenigstens so alt geworden zu sein, gestern. es ist nämlich vor allem immer eines, alles ein großes geschenk.

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zwei tage paris waren wunderschön!

/um 24 Uhr zu Bett.

Sowas gibts ja heute gar nicht mehr!

Heute die Badwände von den restlichen Fliesen befreit. Sowie die Bad-Decke von den Nut- und Federbrettern. Das Wasch- und das Zahnputzbecken haben Salman und ich schon neulich abgebaut. Der große Badspiegel steht in der Garage, die Lampen habe ich heute ebenfalls entfernt. Vormittags war der Elektriker hier, um ein paar heikle Dinge abzuklemmen. Es soll ja niemand beim Rückbau ums Leben kommen. Das noch verbliebene Türfutter der Küchentüre ist ebenfalls entfernt. Die schöne Durchreiche mit den Riffelglasscheiben zum Verschieben steht schon seit Wochen beim Bauschutthaufen bzw. beim Holzabfuhrberg im Vordergarten. Den alten Herd habe ich in den Garten gestellt, in die Ecke für die Elektroabfuhr. Der Kühlschrank steht seit heute Abend auf der Terrasse. Was noch ausgebaut werden muss, ist die Spüle aus deutschem (und noch nicht chinesischem) Edelstahl. Schon bei der Wertschätzung des Hauses vor anderthalb Jahren staunte einer der drei sachverständigen Gutachter, ein alter erfahrener schwäbischer Haudegeningenieur, hinter seiner Erstwellen-Maske nicht schlecht über die Ausmaße dieses Stückes Metall, „… Mensch, eine Metallspüle, so lang, und an einem Stück! So was gibts heute gar nicht mehr!“

In jenem Badspiegel habe ich mir einst meine irgendwann sprießenden Achsel- und sonstig plötzlichen Haare leicht verschämt und geheimneugierig angeschaut. Deshalb heißen sie ja auch „Schamhaare“, sie könnten aber genauso gut auch „Neugierhaare“ heißen. Und den ebenfalls flaumenden rotblonden Bart. Mit dann ersten Gesichtsrasurversuchen unter der Anleitung eines lieben Onkels, der Vater war ja nicht da zum Zeigen, da gestorben. In dieser Badewanne, die demnächst mit Schwergerät ausgebaut werden wird, saß ich einst auch mit der G., als die alte Dame einmal länger verreist war. Wir lachten die ganze Zeit etwas schüchtern im Übersprung und rauchten, bis der Aschenbecher ins schon nur noch lauwarme Badewasser fiel. Wir mussten noch viel mehr lachen, zogen uns daraufhin schnell an und fuhren mit der Vespa in die Stadt, um ein gemeinsames Bier zu trinken, was uns viel vertrauter war, als nackt gemeinsam in irgendeiner Badewanne zu sitzen. Im Bad war es auch, wo in der Vorsterbezeit der alten Dame, noch nicht allzulange her, ungeheuerlich schlimme Dinge sich abspielten, die man nicht mehr erzählen mag und muss, noch geschweige an sie denken oder erinnern. Der alten Dame würden diese ganzen Aktivitäten jetzt bestimmt gefallen in ihrer zeitlebigen Neugier. In ein paar Tagen schauen Frau Mullah und ich uns moderne Badarmaturen und zeitlose Keramiken an und treffen Auswahl. Was aber bleiben wird, ist der schöne Kunststeinboden von 1964, über den der künftige Fliesenleger ja bereits sagte, ähnlich dem Sachverständigen in der Küche: „Mensch, den haut ihr aber nicht raus, oder? Den müsst ihr lassen, sowas gibts heute ja gar nicht mehr!“

Durch die Durchreiche der Küche ins Esszimmer, deren Schiebefenster aus Riffelglas nicht stets beidseits geschlossen war, sprang auch einst der liebenswerte Boxer Andor von Lampertsrück (1968 – 1981) in einem hohen sehr virtuosen Satz, nachdem es ein versuchter Brauch geworden war, die Aktivitäten des jungen Rüden vormittags, wenigstens während der Halbtagsbrotarbeit der alten alleinerziehenden Dame und meines Grundschulbesuches, für vier Stunden lang in der Küche zu bannen und zügeln. Nie vergessen werde ich seine – Andors – Freude über diese Überlistung seines Frauchens und mir, als er dann, wir wollten gerade das Haus morgentlich verlassen, schwanzwedelnd uns bestgelaunt hinterher rannte. Ich mag Boxerhunde wirklich sehr. Einige dieser gelben Fliesen werde ich bergen und zur ggf. zeitnahen Neuverwendung lagern. Vielleicht ja partiell schon bald in der neuen Küche. Auch die architektonisch begutachtende Sachverständige aus dem vereidigten Bewertungsteam meinte vor anderthalb Jahren übrigens, noch mit handgenähter Stoffmaske, wenn ich mich recht erinnere, über die gelben Küchenfliesen: „Mensch, diese Fliesen, diese Farbe! Dass es sowas noch gibt! Sowas gibts ja heute gar nicht mehr!“

16.11.2021

1964
2019
2021

(Abb.: 1964/2019/2021)

edit 17.11.2021: / Vor dem Umbau ja Planung und Rückbau. Derzeit Planung und diesbezüglicher Rückbau. Jede Stunde selbst getätigter Rückbau ist eine Regiestunde weniger von Anderen, also eine Menge, geldgemessen. Außerdem ist man abends gelöst, nach raushauen, Staub und krachen. Und das Haus wird immer leichter. Und wärmer, wenn man das ganze Holz in den CO2-neutralen Ofen schieben kann und den letzten Rest vom Erdöl im Gartentank unter der dunklen Erde für Wärme zwischen den Jahren erhofft. Der Heizungsbauer sagt professionell, „Januar kein Problem, zur Not stellen wir Ihnen ein Fass Öl in den Keller“.

Im ehem. Schlafzimmer der alten Dame – und zuvor, also vor langen Jahren, dem Schlafzimmer meiner Eltern – demontiere ich nach und nach die Einbauschränke. Das hat man 1964 noch so gemacht, Schränke eingebaut. Ein Schreiner-Meisterwerk. Was mich erstaunte: alles ist überwiegend genagelt, und zwar mit 6cm-Nägeln, die dann in Stirnseiten von 2,4cm gehauen wurden. Ohne, dass auch nur ein Nagel schief ging und ins Schrankfach barst.

Dass dieser Raum künftig Küche sein wird, das gefällt mir. Zudem ein neues Fenster nach Norden hin, zum Gartenweg, damit man sehen kann, wer da kommt und geht und vielleicht gleich an der Haustüre klingelt. Post? Ein Einschreiben-Übergabe? Und dazu eine künftig niedrigere Decke erhalten wird, die dann einen ganz neuen dachschrägen Raum – darüber – entstehen läßt.

Ich freu mich sehr auf diesen neuen Raum. Wir. Ihm ist bislang nichts zugewiesen, so wie etwa „Gästezimmer“ oder sonstiges. Einfach so, ein neuer Raum. Und südostwärts darin auch ein neues Fenster, im Blick hin zur schönen bläulichen Linie der Schwäbischen Alb mit ihrem Trauf.

Es ist viel Abbruch gerade. Man muss darauf achten, dass nichts kaputtgeht. Aber das ist ja auch eine erhellende, reflektierende Aufgabe. Ein paar lange Nägel mehr würde ich mir manchmal in meiner mir gewohnten Selbstaufgehobenheit wünschen, aber das Abenteuer überwiegt. Kontrollierte Abbrüche höchster Konzentration sind fein und intellektuell. Nägelziehen, bedacht, ohne Schaden anzurichten. Hellgelbe Fliesen aus den 1960ern bergen oder graue Kunststeinbodenplatten, ohne dass diese zerbrechen. Und dennoch wonnig an irgendein Werk gehen. Eine Weise schonender Behauptung. Mit Blumensträußchen zum Frühstück. Und ab dafür.

Im Garten raschelt jetzt immer etwas nachts, wenn ich seit vorgestern gelegentlich raustrete aus dem Atelier, dem hanggelegenen UG, in die Wildnis. Das ist kein Igel. Vielleicht sind es die Marder, die seit Jahren unterm Dach wohnen und die jetzt merken, es tut sich was. Sie müssen sich wohl ein neues Zuhause suchen, schon bald. Eine Wildkamera muss her, das meinte gestern auch Frau Mullah. Fast alle in der Strasse haben irgendwelche Hasengitter unter ihren Motoren liegen, ich hatte das nie. Mir hat hier niemals ein Marder etwas am Kraftwagen angefressen, sie haben immer nur an der Antenne gezuzelt und ihre Pfötchenabdrücke hinterlassen beim runterrutschen über die Windschutzscheibe danach. Gesehen hab ich sie aber oft, wenn sie dann wegrannten, wenn ich nachts hier zum Schlafen angefahren kam nach einem Bierchen mit dem Steuerberater in einer alten Studentenkneipe in der Stadt. Zum Beispiel. Ich klatsche dann gerne in die Hände und mache ein gefährliches „Tschhhhht!-Geräusch“. Ebenso bei den verwöhnten singvögel- und schmetterlingsfressenden Katzen der tierliebenden Nachbarn.

Der Fensterbauer ist beauftragt. Noch keine Bestätigung. Termin vor Ort mit dem Elektriker, er ist bereits beauftragt. Wohin kommen die Steckdosen und die Lichtschalter. Und das Licht. Er beginnt mit den Arbeiten in 3 Wochen, bis dahin sollte alles Mögliche demontiert sein, von mir, damit er loslegen kann. Das Dach neu im kommenden März. In der zweiten Januar-Woche fangen die Heizungsbauer an. Heute eine Zusage vom Fliesenleger, ein alter Mitkonfirmand. Dorf. Mai oder April. Ein- oder zweimal hatte ich ihm in der C-Jugend einen Steilpass von rechtsaußen gegeben, den er zum Tor verwandelte. Er war der Torjäger schlechthin seinerzeit.

Es war kalter Krieg, das Haus war da gerade elf Jahre alt, im Radio spielten sie Jazzrock und ELO, in der Glotze lief Klimbim und Kulenkampff und unten, das UG, das jetzige Atelier, war vermietet an eine junge promisk-libertine schweizerische Jungstudentin mit überaus reichen Eltern, die den eher armen reformiert theologischen Zimmerstundenten vom EG plus Waschbecken gnadenlos verführte, wenn sturmfreie Bude war. Und zwar: mehrfach.

So wusste es die alte Dame noch lange, bis ins hohe Sterbealter, mit wenig nachlassender Empörtheit.

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„13.11. / immer dieser käse mit dem profilbild. überall käse, jedenfalls Ü45. vielleicht ja auch kein käse, na gut. / ich werde nörgelrentner werden, aber welche rente? demnächst wird es mich erwischen. das foto ist vom juni 2020, also bitteschön noch keine 1,5 jahre alt. / neben mir die weissweinflasche knarzt, während ich dies aufhacke, der schraubverschluss. wie thermoskannen. thermoskannen sind was für rentner, die knarzen auch immer. ich fühle mich konfirmand. irgendetwas in meinem reifeprozess ist schief gelaufen. natürlich hat sich etwas getan, in mir, an mir, über mir und unter mir, in den vergangenen 40+ jahren. neben mir. und an den gegenden, in denen ich mich bewege und bewegte. zum beispiel auch in meinen bildwerken. oder in meinen ansichten über welt, verbrecher und jugend. wobei ich genau erinnere, ach wo, dies und das. zum beispiel auch meine hände. schön und fein waren die mal. nunmehr sieht man die handarbeit und die kälte des zweitberufes. und den kalk, der das seinige tut, das mergeln. oder antlitz, meine rechte unterlippe. es wurde geschnitten im zweiten coronajahr. die narbe steht. oder meine fähigkeit, jeden wein, jedes bier und alle zigarretten der welt ganz locker wegzustecken. wie oft höre ich in der letzten zeit, „das schlimmste ist, ich kann mich nicht mehr betrinken!“. dies vor allem von meinerseits geschätzten reiferen frauen. ich spüre ähnliches, bereits beginnend, wie schade. / mein einer großvater starb mit 62 und das war in meiner prägephase, also vor langer zeit, völlig ok so. mein anderer mit 56. es war eben so, alte männer und menschen starben gelegentlich mit zweiundsechzig. ich bin jetzt 59. heute denk ich, logisch, anders darüber. (…) / sollten wir uns begegnen in dieser zeit, sie würden mich sicher erkennen. so muss ein profilbild sein. wobei ich oft wirklich viel freundlicher blicke. / ich mag den herbst dann, wenn es endlich ungemütlich wird. weniger den goldenen, der erinnert zu sehr an den sommer und heult ja nur rum hauptsächlich, ob dem, was da noch kommt. man muss da durch. man muss sowieso durch alles durch, wie sonst soll das gehen mit dem leben. neugier ist ein sehr göttliches geschenk. / Um 24 Uhr zu BeTt.“

1a-Verrohung

Rich Car, Rich Tits

(Jetzt noch einmal, gruen.) /Es ist alles so kantenlos hier und jetzt, in der zunehmenden Welt mit ihren abnehmenden Äußerungen. Immer eckenloser, ein ganz und gar verblassender Siegeszug dumpfer Geschliffenheit halbseiden intelligenter Korrektheiten und runden Samtpolstern, dabei sind doch Kanten so aufregend am Lebendigen und allein sie weisen Wege, Gebrechen, Deppen und kitzelnde Weise. Die errungenen Freiheiten mangeln geraum die weißen Westen und stapeln jene mehr und mehr in dunklen blödsinnigen Schränken, spaßfrei innenlackiert. Und dann, infolgedessen, entsteht die große abendländische Verrohung des Verborgenen, im Innenleben der geschmeidigen Kurven und der darübergeworfenen altweißen Mäntel und eierschalenen Westchen mit abgründigem Tüll und Einstecktuch. Aber vornerum ist alles bifi und Strahlemann. /Schiefe Zähne fand ich schon immer sexy, manchen Bauch ziemlich oft auch und breite oder verquere Gesäße oder Schulterlinien; ebenso halbseitig kürzere Beine, auch ein leichtes Hinken oder große Nüstern. Oder etwa stimmhaftes Lispeln. Segelohren, blaue Zungen oder Muttermale, egal ob weiblich, männlich oder div. /desgleichen dicke Oberarme oder dünne Handgelenke oder sogar komische Narben, die man sich nicht erklären kann. Nie konnte.

Wieso sagt keiner mal Nein!, oder Ja! Oder irgendetwas Unlogisches – einfach, weil es gut ist oder gerade passt. Warum gibt es keinen Humor mehr um mehr als höchstens zwei dumme Kreuzungen und warum wird es danach schon inhaltsgefährlich. Biegung der Flüsse, Drainage von Peinlichkeiten, kein guter Ort mehr für Klischee, Beobachtung, Spiegel oder Schärfe.

Stattdessen heißt es nun „Auflösung“. „Schärfe“ sieht einfach scheisse aus, wegen der Pixel.

Ich kenne auch Leute, die finden das toll, wenn sich ein hochpreisiges Kunstwerk selbst zerschreddert als Teil seiner selbst, in dem Moment, wenn es für zwei Millionen versteigert wird. Ich hingegen finde das langweilig, doof und sowieso nicht neu. Ich finde es toll und künstlerisch gelungen, wenn ein Kunstwerk im Wald mit Straßenlaternen wirft. Und ebenso gut und noch besser gefällt mir manche nicht lautstarke Malerei oder Zeichnung. Denn gute Ideen gibt es viele, aber nicht alle heissen Kunst. Die blöden guten Ideen aber nehmen überhand. In der Folge drohen die guten Ideen zu verrohen.

Ähnlich der allgemeine Opferkult. Die Leute haben entdeckt, dass es derzeit sehr clever und ein Standortvorteil ist, wenn man Opfer ist. Es gibt ja jetzt Opfer bis zum Horizont. Wo früher Wälder standen, stehen heute Opfer. Ich arbeite daher nun auch an meinem Opfer, und ich habe viele: Meine Körpergröße, meine Kinderstube, meine Hybridimpfung, mein Geschlecht, meine Hautfarbe, mein Alter, meine Religion, mein Beruf, meine Nettigkeit, mein Diesel, meine Zigarretten und jetzt auch noch meine 1a-Verrohung. Wie gerne wäre ich eine superhübsche 22-jährige ungarische Influencerin* mit irgendeinem unsichtbaren Großheulproblem. Bin ich aber nicht, und zwar gerne.

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(Abb.: „1a-Verrohung“, 2021, 27x18cm, div. Edding a. alter kaschierter Pappe, Fundstück Papiercontainer Paris 2001 © / *und herzlichen Dank an Frau Wiesel für die „22-jährige ungarische Influencerin“.)

gehoben, Schatz.

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Vor mehr als dreißig Jahren, um das Jahr 1988 herum, verreiste die alte Dame für 12 Wochen nach Nordamerika. Und wie immer vor solchen Reisen plante sie, ihren wertvollsten Schmuck, meist alte Familienstücke, in ihr Tresorfach bei der Kreissparkasse für die Dauer der Abwesenheit zu deponieren – für den Fall eines Einbruchs von gewitzten Dieben, im unbewachten dunklen Waldrandhaus, welches ohne sie ja leerstand in den damaligen Jahren. In jenem Spätsommer jedoch war nicht genügend Zeit mehr gewesen, zur Bank zu gehen und so beschloss sie, das Gut möglichst raffiniert in einem Pappschächtelchen irgendwo im Hause zu verstecken. Was sie tat.

Nach ihrer Rückkehr konnte sie sich jedoch nicht mehr erinnern, wo genau sie das Gebinde voller Goldschmuck in der vorurlaublichen Eile verborgen hatte. Sie konnte es, trotz intensivster Sucherei, einfach nicht wiederfinden. „Im Keller irgendwo…“ – so sagte sie mir immer verzweifelt, in den ganzen folgenden Jahrzehnten. Und dass es so schade wäre, weil doch vor allem so sehr ideell wertvolle Dinge dabei seien.

Verdächtigte dann sogar die liebe russlanddeutsche Reinigungshilfe, in ihrer Gedächtnisnot. Diese Flausen trieb ich ihr empört stets schleunigst aus, bis sie kleinlaut aufgab und oft den Tränen nah zugab: Sie wisse es einfach nicht mehr. Und was für ein Teufel doch die Erinnerung sei.

Immer, wenn ich im Keller war, suchte ich, wenn Zeit war, ein wenig, hob diese Kiste einmal hoch, fasste ein anderes Mal hinter jenes Regal, durchsuchte die Taschen alter Wehrmachtsmäntel, öffnete kaum mehr zu öffnende alte Lebkuchen-Dosen oder begutachtete die beiden alten Milchkannen aus Aluminium in der alten Fluchtkiste aus Cuxhaven. Ich habe seit Jahren schon nach und nach den Keller ausgemistet und immer dachte ich aufmerksam an ihre Worte. Nichts. Nirgendwo. Selbst in ihren letzten Monaten, vor drei Jahren, als vieles schon hinweg dämmerte, kam sie immer wieder darauf zurück. Wo doch der Schmuck sein könnte, herrjeh! Und irgendwann dann, resignierend, ich glaube, es war 2 Monate vor ihrem Sterben, meinte sie angesichts des sich nähernden Todes und seuftzend: „Na gut, ich glaube, der Schmuck, weisst Du, der ist dann eben einfach… weg.“

(‚Das letzte Hemd hat keine Taschen‘, so möchte man hinzufügen. Das sagte sie ohnehin oft, auch als sie noch im Saft war.)

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Nach dem Ausräumen und Sichten des Hauses und seiner Innereien habe ich nun mit dem partiellen Rückbau mit schwerem Werkzeug begonnen. Die Kellerräume sind bereits seit 3 Wochen komplett geleert. Ich habe auch nochmals, in Gedenken an den Schmuckschatz, ein paar Öffnungen im fundamentierten Boden aus Stampfbeton („Spanier“ gossen den damals, mit Schubkarren, laut Bautagebuch) freigemacht. Und beleuchtet und gegraben. Nichts. Kein Schmuck im Keller. Also, so dachte auch ich zuletzt, der ist eben einfach weg. Wie gerne hätte ich ihr in den Himmel berichtet.

Gestern demontierte ich eine steinerne Heizungsabdeckung im Wohnzimmer. Der alte Heizkörper von 1964 wird erneuert werden. Die davor fest und schwer installierte Sitzbank aus massivem Teakholz muss dazu abgebaut werden. Als ich die zweite der steinernen Lamellen herausgeklopft hatte, gab das herbstschräge Sonnenlicht eine kleine längliche Pappschachtel, deponiert hinter der Banklehne auf dem seit 1964 verstaubten und mit uralten Spinnweben umflaumten Heizkörper preis. Auf dem Deckel noch lesbar ihre Schrift mit verblichenem, einst, Edding: „Tresor“.

Sofort wusste ich, das kann nur jener Schmuck sein. Und so war es dann auch. Sie hatte – seinerzeit noch beweglich offenbar – das Kistchen von unten unter erheblicher Körperverrenkung und Verdrehung ihres Unterarmes gegenüber dem Handgelenk auf die Oberseite der Heizung geschoben. Kein noch so gewiefter Dieb hätte es da jemals gefunden. Was sich ja, quasi, bewahrheitet hatte.

Ich musste so lachen.

Und herzen. In den Himmel. Wie gerne hätte ich ihr das berichtet – ihr, die zuletzt so unbeweglich nur noch im Rollstuhl saß. Kaum mehr als zwei Meter entfernt übrigens von meiner sonntäglichen Fundstelle. Auf ihrem Wohnzimmer- und Fernsehplatz. Vor 10 Jahren noch ohne Stock im Korbsessel, vor 9 Jahren ebenda mit Gehstock, vor 7 Jahren noch mit Rollator und zuletzt eben im Rollstuhl.

Schade ist, dass sie mir nun nicht mehr erzählen kann, von wem denn die seltsam-schöne amorphe Jugenstil-Brosche ist, ob der schöne Ring (mit den 3 Smaragden?) von Oma Mika aus Pillau stammt, ob das feine Armband, ein wenig Art Deco, aus den 20er-Jahren vielleicht ein Geschenk an sie ist von ihrem Haudegen-Papa oder warum die um 90° verdrehte mechanische Uhr am Goldarmband immer noch genau die Uhrzeit anzeigt, wenn man sie aufzieht, so wie ich das gestern Abend tat. Und von wem die ist. Vielleicht ja ein Hochzeitsgeschenk von meinem Papa an sie, von 1959?

Familiär weiblicherseits jedenfalls wurde schon aufleuchtendes Interesse angemeldet zur neugierig sensiblen Begutachtung der Fundstücke. Schmuck muss schließlich weitergetragen werden. Finde ich. Und nicht im Tresor liegen – oder in kleinen Pappschachteln weitergereicht werden, zur verdeckt diskret düsternen Aufbewahrung, mausoleenhaft. Generationenlang, fürchterlich. So gefällt mir das, besser: würde mir das gefallen. Und meiner ostpreussischen Ur-Oma Mika, über die ich so viel Liebevolles hörte mein Leben lang, soviel ich jedenfalls über sie weiß, vielleicht sicher möglicherweise ggf. – auch.

Es ergibt, am Ende der diesjährigen Herbsttage, schon einen einigermaßen sinnigen Sinn, dass dieser Fund eines außerordentlichen Primärdokumentes am Ende einer großen abendländischen Ausräumerei sowie eines klärenden Wegschmeißens steht.

<3

Harald Alexander Rogler /Malerei, Graphik

Pfingstrosen
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HAR2

Herzliche Einladung:

Harald Alexander Rogler (1920 – 1966)
Malerei / Graphik / Glasfenster
31.10.2021 – 14.11.2021

Versöhnungskirche Stuttgart-Degerloch, Löwenstraße 116, 70597 Stuttgart / geöffnet Di – Sa 16.00 – 19.00 Uhr

Eröffnung am Sonntag, den 31.10.2021, 10.00 Uhr Gottesdienst zum Reformationsfest, 10.45 Uhr Vernissage

Am Freitag, den 5. November 2021, biete ich um 17.00 Uhr eine Führung durch die Ausstellung an, hierzu ebenso eine herzliche Einladung.

Am Montag, den 8. November 2021 um 19.00 Uhr: V. Saile, Vortrag mit Bildern, „Die Glaswerkstatt – Künstlerische Glasgestaltungen“

Finissage am Sonntag, den 14. November 2021 um 11.00 Uhr

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(Großen Dank für die Ermöglichung, Organisation und Durchführung dieser Ausstellung an die ev. Kirchengemeinde Stuttgart-Degerloch, Herrn Pfarrer Andreas Maurer und Frau Mirja Kinzler M.A.)