ach, jahre später

Agde1
Agde2
Agde3

nach dunkelheit immer wieder käuzchen, wie am waldrand, 1000km weiter nördlich. das müssen pinienkäuzchen sein. ich wusste nicht, dass es hier unten und so nahe am meer außer türkentauben, elstern und lachmöwen auch käuzchen gibt. und seltsam, die großen schwärme von staren sind noch nicht eingetroffen, anders als in den vergangenen jahren. vielleicht wegen der anhaltenden wärme im norden. dafür habe ich erstmals störche gesehen, im formationsflug. bestimmt waren es vierzig, die in einem großen V über den herault in richtung spanien zogen.

ich sage ja gerne „spananien“ und finde das immer noch witzig. im ernst.

an der schon abendlichen bushaltestelle wartet ein bus, der nach cap d´agde fährt, endstation plage de naturistes. frau mullah witzelt, da könnte ich ja jetzt einsteigen. ich sage, nein, das brauche ich doch alles nicht mehr. in meinem alter. ich hatte das ja alles schon, dieses ganze lotterleben. ähnlich wie ein pistazieneis im sonnenuntergang an der promenade bei den leuchttürmen. „ach danke, nein“… und ACH, das brauche ich doch alles nicht mehr. sag ich.

die alte dame hatte zum ende ihres lebens immer gesagt, sie brauche das und dies doch alles nicht mehr. und wir ermahnten sie stets voller zuneigung, es gehe doch nicht ums „brauchen“, sondern ums wollen. daran denk ich beim pistazieneis.

ich will aber heute kein pistazieneis mehr, obwohl ichs brauchen könnte, oder würde.

mir fällt wieder ein (sehr oft in dieser gegend hier) eine geschichte aus den 1970er jahren, diejenige eines mit einer portugiesin verheirateten mannes aus einer hessischen kleinstadt mit dunklem fachwerk. sie, der mann und die frau, gastierten mannigfach am portugiesischen atlantikmeer für gemeinsame urlaube, jedoch die ehe lief wohl schlecht, so erzählte es mir jahre später seine deutlich jüngere schwester, bevor sie mich, bekleidet lediglich mit einem leoparden-tanga, auf dem halbrunden hochbett meines runden turmzimmers vernaschte. eines tages also, nach dem schwimmen, war der mann im meer verschwunden. man fand noch seine utensilien und badedinge am strand, aber von ihm war keine spur mehr. man ging am übernächsten tag von seinem ertrinken aus.

in der folge musste seine frau bei jedem in der betreffenden region angespültem und noch erkennbar männlichem leichnam vom hessischen aus nach portugal reisen, um eine mögliche identifizierung vorzunehmen. über monate und sogar jahre. nie war die leiche er. bis man ihn schlussendlich, nach vielerlei für die frau fürchterlichen formalitäten, für tot erklärte.

JAHRE SPÄTER dann, (wieviele es nun genau waren, das erinnere ich nicht mehr), klingelte er völlig unvermutet und leibhaftig an der haustüre seiner mittlerweile sehr alten und in der seele gebrochenen eltern. er hatte im emotionalen unverstand an seiner frau rache nehmen wollen, zu diesem zweck sein ertrinken vorgetäuscht und heimlich an der atlantikküste auf einem zweimaster angeheuert, der in richtung südamerika unterwegs war und noch matrosen für die überfahrt suchte. dort hatte er dann, so wurde später erzählt, in peru oder chile erneut geheiratet und eine familie gegründet, die er nach abermals 10 jahren verließ, um nach europa in die hessische kleinstadt mit fachwerk heimzukehren, wo er fortan als freundlicher koch arbeitete.

gestern abend – nach einem sehr eindrucksvollen dreistündigen küstengewittergroßereignis – frage ich mich: dürfen sich naturisten eigentlich, wenn es gewittert, was überziehen?

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