wurstebrei

Nun Schläuche abmontieren, den Rasenmäher verstauen, Quitten aufsammeln und die paar restlichen Äpfel auch. Stühle rein, Splitt holen rechtzeitig, genug Öl ist im Tank. Das Außenwasser abdrehen und die Leitungen entlüften, damit der Frost hineinkriechen kann. Frostschutz ins Wischwasch. Texte, rückwärtsgewandte, wieder entfernen, so wie gestern kurz vorm Kino. Herausnehmen aus dem Ganzen. Auf auf nach vorn, vorwärts. Egal. Wurstebrei.

Wurstebrei. Erinnert mich an den Vorharz.

Die Herbstlinie ist lang und sie gefällt mir, fühl dich nicht zu wohl am Waldrand, aber warum eigentlich nicht. Eigentlich war das hier alles doch nur vorrübergehend gedacht. Zu tun, irgendwas, hab ich immer. Endlich Farbe, Öl, Matschen. Legen, schleudern, tatschen. Ohne Denken jetzt. Sollen andere. Sowie vier Kilogramm Umbra-Natur sind bestellt für einen kleinen Putz an einem alten Haus, den es zu opfern gilt. Und rennen, rennen, rennen. Durch den tiefen schönen Wald, jetzt wieder mit Schal.

Was fängt man an in der Zeit zwischen jenseits der ungefähr endvierzig? Hat mir niemand gesagt, dass das Ableben da überall so präsent ist. Im Umland. Viel Liebe sicherlich, ganz egal, wie. Und einfach viel machen, alles. Und viel Schlafen. Und viel Lachen, wenn möglich. Heute Morgen kurz vor der Kirch’ versprach ich mich und sagte anstatt „Waldrand“ ausversehen „Waldstrand“. Mit dem Lachen hab ich kein Problem.

Am Nachmittag kamen wir per KfZ nach einem schönen und herbstlich schwäbischen Sonntagsessen ganz unvermittelt gegen 15.45 Uhr an einen Unfall heran, der sich ein paar Minuten zuvor ereignet haben musste auf einer harmlosen Landstraße unter großem Herbsthimmel mit Wind. Ließen noch das Polizeiauto mit Blaulicht vor uns dorthin einbiegen ohne schlimme Gedanken und waren einige Meter später dann die dritten in der Schlange der betroffen Anhaltenden. Die Straße war bereits gesperrt. In Sichtweite schon die wiederbelebenden Stoßbewegungen der Zeugen und Beteiligten als Ersthelfer, ein paar andere standen daneben und schauten zu und dorthin, dann erreichten von rückwärts der Notarzt- und Sanitätswagen den Platz. Wir wendeten nach ein paar Minuten, sehr wortlos, die Hände und Finger irgendwie geballt oder verschränkt in irgendeiner Tasche oder am Lenkrad, um den Ort zu verlassen, an dem alles vorhanden war an Hilfe und an dem es nichts mehr zu schauen, wohl aber zu ahnen gab, wir wollten da auch nichts mehr schauen oder ahnen.

Eine 25jährige Frau, Lenkerin eines weissen Polo, so las ich später, hatte eine offenbar völlig unachtsam aus einem Querweg in die Straße hineinfahrende Radfahrerin überfahren und noch versucht, in die Wiese gegenüber auszuweichen, vergeblich, denn die Radfahrerin verstarb noch am Unfallort.

Nach einem späten und tief traumlosen Nachmittagsschlaf dann abends den sehr sehenswerten und abermals nicht ganz unbewegenden Film „Inch Allah“ im Festivalkino* gesehen. Das auch noch. Auch das noch.

*

Meine Gedanken könnten natürlich im Film sein, aber auch v.a. bei der Polo-Fahrerin. Und sowieso natürlich bei der Radfahrerin. Sie sind es noch, jene Gedanken und wasweissich, zwei Uhr nachts ist es jetzt. Was für ein Tag, dazu ein Sonntag. Und Vorhaben: Ich muss wieder weniger aufschreiben. Weniger T-Shirts und weniger Alltagspathos in unsinniger Beobachtung, lieber eher Wurstebrei. Aber es ist schon blöd, wenn 50 Meter vor einem jemand gerade stirbt.

6 Gedanken zu „wurstebrei“

  1. Ja, das ist so. Hat ja auch etwas versöhnliches, zuletzt. Das Bild mit dem „Jazz“ gefällt mir. Aber schämen muss man sich sicherlich nicht für solche Gedanken, wie die Ihrigen am Brunnenmarkt, ich glaube, das ist normal und wird von denen, die entschwinden, sicherlich großherzig verziehen.

  2. Manchmal kann man halt nur noch eines tun: Des andern Hand halten, auch wenn man am liebsten zaubern oder die Zeit um ein paar Stunden zurückdrehen möcht`- um des Schicksals Lauf aufhalten zu können!

  3. Das Sterben ist einfach so da, irgendwo, nebenbei und ohne große Geste.
    Man möcht es nicht haben, aber das schert es nicht, also halt leben, soviel wie möglich.

    „Mir“ ist da einmal am Brunnenmarkt die Blumenfrau einfach umgekippt, weil es war offensichtlich Zeit. Die liegt da und ich halt noch ihre Hand und red auf sie ein während sie entschwand, was auch kein Radezkimarschpumpen (haben wir so gelernt, also im Takt auf´s Brustbein) verhindert hat.
    Ich weiß noch, einer meiner Gedanken war, „Warum tut sie mir das an?“, und dafür werde ich mich noch eine ganze Weile schämen.
    Es ist einfach, und steht neben Jazz, Bilder malen, Rotznasen putzen, Lustschreien, Brombeermarmeladebrot essen, Nasebohren, Wittgenstein, den schillernden Schuppen eines Schmetterlingsflügels, weißen Polos und sonstwas auf einer Linie.

    Endvierzig, da geht noch einiges…

  4. Um vorwärts zu fahren muss man manchmal in den Rückspiegel schauen. ich jedenfalls. Dann verstehe ich besser, warum heute alles ist wie es ist, und sehe auch das Kontinuum, auf dem ich mich bewege.
    Sie schreiben:
    „Was fängt man an in der Zeit zwischen jenseits der ungefähr endvierzig? Hat mir niemand gesagt, dass das Ableben da überall so präsent ist. Im Umland. Viel Liebe sicherlich, ganz egal, wie. Und einfach viel machen, alles. Und viel Schlafen. Und viel Lachen, wenn möglich.“

    Genau so. Und Wurstebrei.
    Nur nicht zuviel schlafen, und den Jazz nicht vergessen, wie überhaupt die Musik.

    (Aber das Sterben überall nimmt mich auch mit)

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