Klassentr.

paris2

lieber A.,
danke für deine nachricht, vorhin. – AH. hat mich eben mit seinem 300ter benz, schwarz, bj.1989 nach hause gefahren. ursprünglich wollte ich mich dem frühsommerabend fügen, zu laufen nach hause ins bergdorf, wie alle dörflichen taglöhner in generationen zuvor auch. laufen wird ja auch zunehmend gesünder. es wären 45min gewesen, nachts überland, den berg zuletzt hinauf, steil. es war wohlig schön und sehr zugewandt, sein angebot des heimbringens. wann schon hat mich mal jemand aus freien stücken heimgebracht, heimgefahren, einfach so? das werd ich ihm nicht vergessen! und seine schwarze limousine – zeitlos schön. als die produziert wurde, war ich 27 jahre alt. mir würde ein solcher wagen auch stehen. gefallen hat mir besonders auch, dass er sich kein youngtimer H-kennzeichen geholt hat. das würde ich auch so machen.

heut abend das treffen war schön, weniger waren da, als im letzten jahr, gleichwohl dichte gespräche. hauptsächlich ging es – auch in gebrochener rezeptionsform – um gesundheitsthemen. omega3 oder aluminium (oder war es magnesium?), cholesterine im verhältnis zu vitamin D und B (3 oder 12), referent hauptsächlich der MN., der ein tatsächlich biochemischer CRACK ist, er lehrt irgendwo in der schweiz. es ist spannend, ihm zuzuhören, auch wenn man einiges nicht verstehen kann ohne vorwissen. zumal nicht mit 3 hauswein getrunkenerweise gegen schluss. einige haben hüfte, halb-hüfte oder überlegen notgedrungen, stents oder herzinsuffizienten zu akzeptieren, teils angesichts eines nahenden ärztlich vorrausgesagten todes deshalberweise oder angina pectoris. die S. war da, annette R., matthias H., MM. und andere. natürlich auch der ecki. ecki ist gelernter guitarrenbauer, dann tontechniker beim ZDF gewesen, frühverrentet berufsunfähig wegen hörschaden. er verdient jetzt sein geld mit busfahren. ich glaube, ich kenne keinen besseren busfahrer als ihn. ein paar mal vor 2 jahren funkte er mir im vorraus, dass er sonntags permanent ins bergdorf fahren würde und ob wir uns nicht an der endhaltestelle treffen könnten, es sei so langweilig ohne fahrgäste. ich bin dann hingelaufen und habe ein thermoskännchen kaffee mitgebracht. da saßen wir dann im bushäuschen und haben herrlich geschwatzt während seiner unbezahlen pause.

gestern hat er ein paar mal die knopfbatterien seines hörgerätes gewechselt, lustig, eine angenehme frauenstimme würde ihm permanent ins ohr flüstern, ihre batterie ist demnächst leer… oder vergleichbares. ich mag den ecki sehr, obwohl wir uns in etwas unterschiedenen cliquen bewegten, vor 45 jahren.

MN. hat sich dann mit NB. auf den heimweg gemacht, wie schon öfters. wohin auch immer und so weiter. ecki zwinkert und wir bestellten noch einen roten. NB. ist psychotherapeutin in einer größeren südostdeutschen stadt, die gerade einen neuen fussballtrainer sucht. vor jahren hat sie mir mal ein bild abgekauft, ein sehr sinnliches aquarell, während einer ausstellung in dieser stadt. das war im hungerjuni 2007 gewesen, als bei mir alle türen offen waren nach überall hin. ich danke ihr das bis heute, nicht allein wegen des geldes..

viele schon jetzt in rente und entspannt. das bleibt mir noch nicht so in aussicht. ich arbeite ja gerne. soweit seis berichtet. maria P. hat einen guten humor. wie immer und ja schon damals im deutsch-LK. sei herzlich gegrüßt, mein lieber A.! schön, dass du da bist. wie vor 40 jahren.

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ein kleines klassentreffen. ich glaube manchmal, ich bin einer der sehr wenigen, die sich noch körperlich überhaupt bewegen während beruflicher ausübung. alle anderen hocken irgendwo auf stühlen verwaltend ihrer fähigkeiten. will mich aber mitnichten darüber erheben. auch mir werden die eimer voller mörtel und speiß nicht leichter. die pinsel hingegen schwingen sich immer noch wie fast von selbst.

und vielleicht ist es eben einfach auch so, dass menschliche herzen an gewicht zunehmen zwangsläufig mit den jahren, das würde mir auch einleuchten. dass herzen das alles nicht mehr mitmachen wollen. ich kann ein lied davon pfeifen. viele herzensbesitzer hingegen wollen das oft vielleicht nicht wahrnehmen, dabei fiele es wohl nicht ehrlicherweise schwer. wie man herzen entlasten könnte, ich weiss es nicht. früher sind ja alle auch mit sechzig-plus verstorben, als man noch gar nichts über omegas und olivenöl wusste, oder stents. der verzicht auf kohlehydrate scheint hingegen enorm wichtig zu sein. oder weissmehl, das gibt es erst seit 100 jahren. man sollte nur noch butter und gemüse essen. und salz: der salzverzicht sei ein narrativ der krankheitslobby. so, wie ich es verstanden habe, sei salzverzicht purer nahrungsergänzungsterror. oder lobby des erhaltens einer abhängigen halbgesundheit, mithin halbkrankheit – damit man die medikamente der gesundheitsmafia an halbtote bzw. halblebende weiterhin verkaufen kann. wir kommen aus dem meer, dem salzwasser… sagte MN., und die menschen lebten anfangs immer entlang der küsten. fischöle scheinen da logisch. oder kokos.

von demenz ganz zu schweigen. ich glaube, auch hier das zauberwort: omega3.

das verbindende an diesen treffen seit ein paar jahren: keiner und keine muss mehr auftischen auf tableau – mein haus, meine segelbootin, mein porsche, mein beruf, meine 10 kinder, meine brüste, meine million. alles ist aus dem haus. gelassenheiten und lebenswirklichkeiten, plötzliche interessiertheiten, nachfragen, offene blicke und ungeahnte nuancen legen sich friedlich und verbindend über die runde. von einigen fühle ich mich erstmals wahrgenommen, genauso, wie auch ich einige erstmals wahrnehme. das ist sehr schön. auch der vorsitzende der regionalen handwerkskammer war da. mit ihm hätte ich gerne mich noch mehr ausgetauscht.

einer des jahrgangs allerdings und bestürzend ist im februar verstorben. ein fotograf.

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ich schrieb so dahin neulich:

FOTO: Das bin ich, im letzten Sommer 2023 in Germany Rothenburg odT., gut gelaunt bei der schützenden Arbeit in einem sehr alten jüdischen Haus. Arbeit verbirgt und schützt einen vor der Welt. Meine Welt ist groß und klein, ich habe eine Tochter großgezogen und eine Mutter in ihren Tod lange begleitet. Ich bin rund mit allem, was ich nun tue oder plane, zu tun. Ich mag Kaffee und Wein, ich produziere Bilder und ich bin oft an interessanten Orten, die Andere „Lost Places“ nennen. Dort bin ich Detektiv und es gibt keinen schöneren Job als diesen. Ich liebe meine Frau und oft bin ich abends alleine im Atelier und überlege, welche neuen kleinen Bilder ich herstellen will. Gerne würde ich 4 Bilder monatlich verlässlich verkaufen, denn dann könnte ich immer zu Hause bleiben. Aber wahrscheinlich würde mir das nicht gut tun, denn ich mag ja das Abenteuer fremder komischer Orte und Menschen. Mein Lieblingsschlaf ist der Mittags-Schlaf. Oft gelingt es mir daher, aus einem Tag zwei Tage zu machen. Dieses Prinzip ist mein Geheimtipp. Bis es soweit ist, muss ich oft weiterhin lange Wege auf mich nehmen an fremden Orten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich habe einen Lieferwagen (Diesel, französich), in den ich alles hineinladen kann, was ich benötige. Sehr gerne fahre ich mit diesem Wagen zusammen mit meiner Frau im Sommer in die Wärme, zum Beispiel nach Südfrankreich. Dort laufen wir dann nackt am Strand herum und fühlen uns beide sehr wohl. Man muss ja sein Leben in Würde zum Ende bringen. Hoffentlich ist es noch lange bis dahin.

FOTo: This is me, last summer 2023 in Germany Rothenburg odT., in a good mood doing protective work in an very old Jewish house. Work hides and protects you from the world. My world is big and small, I raised a daughter and accompanied a mother for a long time until her death. I am well-rounded with everything I do or plan to do now. I like coffee and wine, I produce images and I am often in interesting places that others call lost places. I’m a detective there and there’s no better job than this. I love my wife and I’m often alone in the studio in the evenings and think about what new little pictures I want to create. I would like to reliably sell 4 pictures a month, because then I could always stay at home. But that probably wouldn’t do me any good, because I like the adventure of strange, strange places and people. My favorite sleep is the afternoon nap. That’s why I often manage to turn one day into two days. This principle is my insider tip. Until then, I often have to continue to travel long distances to strange places to earn my living. I have a van (diesel, French) into which I can load everything I need. I really enjoy driving this car with my wife to warm places in the summer, for example to the south of France. We then walk around naked on the beach and both feel very comfortable. You have to end your life with dignity. Hopefully it’s still a long time away.

das foto von mir mochte ich, aber das muss nicht sein. fotos von sich selber sind anderen PLATEFORMES vorbehalten. stattdessen hier allem vorangestellt eine vintage-assoziation oder etwas zeitgemäß in dramatisch-warm gewandeltes lichtbild aus fast eigener feder. der sommer kommt. und mit ihm neue schlangen, neue zecken, neue mücken, neue spinnen und allerlei lebendes gezeugs.

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das haus ist innerhalb der vergangenen acht wochen in kaum endender eigenleistung ringsherum 40cm tief und mindestens 30cm breit ausgegraben worden entlang der grundmauern. die schönen 1964er-flusskiesel machten den spaten und die schaufel zunächst unmöglich. stattdessen war es auf den knien ein freihacken der steine stück für stück, entfernen von wurzelwerk händisch und fluchend. zwischenzeitlich wollte ich tatsächlich aufgeben. irgendwie dann aber konnte das doch geschafft werden, auch mit afghanischer herzenshilfe. sodann die stuccateursfirma, die alles dämmte, versiegelte, verputzte und einen anstrich auftrug, nicht ohne eine vierzehntägige zwangspause wegen der eisigen temperaturen. und heute konnte ich mit der schubkarre den letzten rest von 2,5to schotter, abgeladen unten an der strasse, die ausgehobenen bereiche wieder zuschütten. das bedeutet, nun können die zuschüsse zu unserer umfangreichen energetischen ertüchtigung schlusserrechnet und beantragt werden.

nun ist nur noch eines: die reparatur der schönen hölzernen terrasse. diese klafft als großes loch immer noch derzeit unmittelbar vor dem austritt in einst ebenjene. übernächste woche will ich mich dem widmen. das geld ist aus, es wird nur noch repariert. und nichts mehr erneuert. beim dörflichen zimmermann habe ich schon angefragt nach 4 balken. danach müsste nur noch ein metallbauer die einstige metallstangenkonstruktion kürzen. kürzen, da das haus ja größer geworden ist, ausladender. durch die aufgebrachten dämmungen. dieses sind so die kleinigkeiten an folgearbeiten, die man anfangs noch nicht im blick hat. auch wenn überleben mitnichten damit zu schaffen hat.

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und wenn dann alles wieder wächst, gottlob zum beispiel auch die rote rose, die ich seit drei jahren 8 mal wieder abgeschnitten habe, stets mich bei ihr entschuldigend, weil ihre stabilen dornen eben einfach am gerüst fehl am platze sowie ggf. die zimmermänner verletztend gewesen waren und störten, sodann freut es mich jetzt, dass so langsam alles wieder DARF. /nun zu bett, die mäuschen kommen und wollen. Endlich Ruhe.


Foto: wahrscheinlich von AH. (der, der mich nach Hause fuhr im schwarzen Benz), Paris ca. 1979

2 Gedanken zu „Klassentr.“

  1. Ja, B., das war ein wirklich nettes Treffen mal wieder in Tübingen. Die Wahrnehmungen voneinander sind in der Tat in einem Wandel.

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