stop bashing the uebersprung

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Endlich montiert. Auf die neue Heckklappe. Mit der alten waren ja die auratischen und an vergangene Abenteuer mit der Kirschkern erinnernden Aufkleber (‚Schwedenelch‘, ‚Eis-Essen-Verboten‘ und das ‚Oberstdorf-Edelweiß‘ in mittlerer Größe) schmerzlich verloren gegangen und ich entstamme ja noch einer Generation, in der man irgendeinen Aufkleber haben muss, hinten drauf. Diesen hier hat mir vor geraumer Zeit die liebenswerte Frau Tikerscherk übereignet – eine Eigenproduktion. Danke nochmals und Hoch soll sie leben! Nun muss ich nur zusehen, wie ich das mache in Babylon, damit mir der Wagen nicht abgefackelt wird von ironiefrei Klassenkämpfenden.

5.10.18

Streichemann & Söhne. Mal wieder ordentlich weisseln. Hui, geht das flott und gewandt. Ich hätte mir Latinum und Graecum eigentlich auch sparen können. Stattdessen eine Anstreicherlehre. Besser noch, Gipser. Wo es doch im Dorf über Jahrhunderte so gehandhabt wurde. Der eine Sohn wird Maurer, der nächste Gipser. Der übernächste wieder Maurer. Sehe die alte Dame als Dreijährige durchs Berlin des Babylon hüpfen. Tempelhof und Zehlendorf. Die Lederwarenfabrikation in Kreuzberg, Sebastianstraße. Wir spielen jetzt öfter Schulstunde. „Wie hiess Dein Vater?“ „Waldemar!“ Richtig. „Und wer bin ich?“ „Papa!“ Falsch. „Wie hiess Dein Mann?“ „Das… weiss ich nicht mehr. Jetzt ist aber auch genug mit Schulstunde!“ Sie spielt Katz und Maus mit dem Sensenmann, wobei mir manchmal scheint, sie sei die Katz.

Sept. 26., 2018

Antizyklisches Nägelschneiden an Einzelfingern ist seit jeher Zeichen für Schieflage. Oder für antizyklisches Nägelwachstum aufgrund von Schieflage. Oder für händische Arbeit mit kalkbasierten Medien. Derweil die brunftenden Hirsche mitsamt dem Vollmond vergeschwistert von weit her aus den Wäldern nach Oma rufen und die Bodennebel in den Senken ratlos bestätigen.

29 Monate

Am 3.9.2018 also haben Bahram und Salman ihre Ausbildung begonnen. Ein großes Chapeau!

Zum Industriekaufmann (Bahram), sowie zum Fachlageristen. Salman (Fachlagerist) hatte zudem am selben Tag die Theorieprüfung zur Erlangung der Erlaubnis zum Fahren eines Gabelstaplers. Tags drauf bekam er das ersehnte Dokument: Seinen Staplerschein!

In den vergangenen sieben Wochen hatte Bahram einen Intensivsprachkurs B1+/B2 mit dem Schwerpunkt ‚Bürokommunikation‘ besucht und mit der Note „Sehr gut“ bestanden. Morgen hat er noch einmal den ganzen Tag lang Prüfungen. Wenn alles gut geht, dann gibt es ein Zertifikat. Ein Zertifikat, zumal ein solches, ist immer wichtig.

Salman durfte in dieser hochsommerlichen Zeit in seinem zukünftigen Ausbildungsbetrieb bereits das Staplerfahren üben. Er ist vor sechs Wochen ausgezogen und lebt nun im „Betreuten Jugendwohnen“ in einer 2er-WG. Sturmfreie Bude, aber nur fast. Gut so.

/(…sagt der Ex-Pflegevater, grinsend.)

Bahram sucht eine Wohnung oder eine WG, besser wäre eine WG, gerne auch mit Studenten (von denen es hier ja viele gibt). Alles sehr eigeninitiativ mittlerweile, er bewegt sich sicher auf europäischem Terrain, versiert, gekonnt und mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut. Sprache ist sein Metier.

Möge das alles auch ebenso gut weitergehen wie bisher. Nun kommen ja Ausbildungsalltag und Berufsschule auf die Beiden zu. Daher nun auch nochmals einen ganz großen Dank an die Verantwortlichen der beteiligten sehr engagierten Ausbildungsbetriebe.

Und an alle anderen Unterstützenden der vergangenen zweieinhalb Jahre ohnehin auch. Ganz wichtig: Die Kirschkern. Und die Kirchengemeinde, die sich auf das Ungewohnte im Pfarrhaus einließ. Die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule. Die Mitarbeiterinnen der Jugendabteilung des Landratsamtes. Der dörfliche Holzbaubetrieb. Die geduldig Nachhilfegebenden. Die Redaktion des Magazins CHRISMON. Und viele weitere jetzt hier Ungenannte.

Wir sind jedenfalls sehr glücklich, dass alles bis hierhin schon mal geschafft ist. Alle haben da mitgemacht und beigetragen. Zuallererst jedoch Salman und Bahram. Das darf man nie vergessen.

Wenn wir uns heute vorstellen, beim abendlichen Gläschen zu zweit auf dem kleinen Sofachen in der Küche, Frau Mullah und ich, wie alles begann, da vor 29 Monaten. Und Revue passieren lassen. Und was alles geschehen ist in dieser Zeit.

Himmel! (…)

Ich hätte vielleicht, gleich von Anfang an angedacht und geplant, ein analoges Buch daraus machen sollen. Das dachte ich immer mal wieder, wenn ich von Büchern über innerfamiliär minderjährige Flüchtlingsbetreuung las. Habe ich aber nicht, das mit dem Buch. Habe das versäumt, und mir erschien ein solches Vorhaben lange auch zu voyeurhaft. Das werfe ich mir nun manchmal ein klein bisschen vor. Jetzt, wo die Jungs ausziehen oder gerade ausgezogen sind. Wie gern hätte ich jetzt ein kleines Buch/Brevier in der Hand und könnte darin herumblättern.

Stattdessen habe ich eben immer wieder in dieses Blog geschrieben und berichtet. Da war einfach zu viel Neues und Alltag und Fremdes und Organisation. Auch Stress, ja, vor allem anfangs. Ob das alles auch klappt und funktioniert. Und aber auch schon nach kurzer Zeit Freude und Verantwortung – und Freude über die Verantwortung. Und bald schon auch gemeinsamer Witz. Und schon auch mal Angst, Ärger und Abenteuer.

Angst, wie man eben um ‚die Kinder‘ manchmal Angst hat. Ob sie ertrinken oder auf schiefe Wege geraten. Oder einen wichtigen Termin vergessen haben. Oder ihre Gestattung, das Aufenthalts- und Personaldokument, stets dabei haben mitsamt dem Monatsfahrschein für den Schulbus, damit sie nicht – aus Versehen – als ‚Schwarzfahrer‘ und damit als „kriminelle Afghanen“ abgeschoben werden könnten. Ja, so ist das mit der elterlichen Sorge. Harmlose Lappalien, die plötzlich unerwartet wichtig werden und entscheidend sein könnten für’s Wohl der Anvertrauten.

Und so weiter. (…)

Dies alles war seinerzeit aus einem tiefersitzenden selbstverständlichen Impuls (etc.pp) aus der Mitte vom Bauch herausgekrochen. Auch demjenigen, irgendetwas mit Taten und Fakten beitragen zu wollen, damals, ab dem Herbst 2015. Schaffen wir das? Na logisch. Den Anstubser gab Frau Mullah und sie brauchte mich nicht lange überzeugen. Ein hohes Gut.

Auch und gerade dann, wenn vieles an Engagement ja mittlerweile nun in der Nachschau mit Genuss gewinnbringend zerredet und zerrieben wird, oft von Zeitgenossen der eher halbklugen Post-post-Besserwissenden mitsamt ihrer Klientel, die ja aber auch schon vor drei Jahren nur hinter ihrem grünen Schreibtisch saßen bei nicht oder nur mäßig geklapptem Fenster. Ohne jemals einem waschechten Flüchtling begegnet zu sein. Und die sich jetzt anmaßen, herablassende Bücher und süffisante Kommentare oder dito Kolumnen zum Thema zu verfassen. Über diejenigen, die das alles gewuppt haben und noch wuppen jeden Tag. Also auch über uns hier, alle.

Jetzt ist es zu spät fürs Buch. Aber ist das wirklich so? Muss man denn aus allem immer gleich ein Buch machen? So vieles wäre eines Buches wert. Wie vieles aber an Geschehnissen seit Aberjahrtausenden wurde ja vor allem eines: nämlich einfach gelebt. Oder erlebt. Und dennoch niemals aufgeschrieben.

So soll es bleiben.

7.9.2018

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In einer Kirche der Region sollten wir heute aufgrund der anstehenden Restaurierungsarbeiten ein großes Kruzifix verhüllen, um einer Beschädigung dessen durch Zementstäube vorzubeugen. Auch die Assistenzfiguren wurden von uns vorrübergehend von ihren Konsolen entfernt und in der Sakristei eingelagert. Nach getaner Arbeit bot sich dieser fast schon inszeniert wirkende Anblick, der mich gleichermaßen berührte und erschreckte, auch wenn ich ja schon lange um die Kraft von Bildern weiß.

reichlich

über die autobahn 8 und den hitlerschen aichelberg nach ulm, trickreich die dortigen insurgents umfahren, dann nach süden in richtung der berge, dann abgebogen nach osten und schließlich in jenen unendlichen weiten bayerisch-schwabens gelandet. dort im beginnenden voralpenland den rücken professionell massieren lassen und mit wärme denselben behandelt, minigolf gespielt und knapp gewonnen, gut gegessen, die vorzüge eines kurortes genossen (man kann sich ständig saujung fühlen), ein wenig geschwommen, gedöst, nichts-getan und zeitig ins bett, um schweren dieselschlaf zu tanken für die nächsten monate. lotto war nix, obwohl: einmal dreimal zwei richtige, immerhin – dafür endlich der alten dame ihre alten DM-münzen getauscht, die derzeit noch älter sind, als ich. mit der kirschkern eine wohnung für bahram gesucht, ihren plänen zugelauscht, eine rezension angefertigt über die südsee, im atelier ein paar schöne neue bilder geschöpft, heute äpfel abnehmen und eine neue normalbrille anleiern. warum gerade draußen die hunde wie verrückt bellen, weiss ich nicht. allerdings, dass das kloster irsee ein bemerkenswerter ort ist, das weiss ich nun. überhaupt: keine schlechte gegend da und so einen sommer wie heuer mag ich sowieso. /auch deshalb, weil meine berufsriskanten verdienstausfälle werden ja nun künftig vom freiberuflerministerium übernommen. rücklagen brauch ich nicht mehr, ist wie in polynesien, kokosnuss und fisch ist immer da, reichlich vorhanden, und warm ist’s auch gratis.