2. Junei

Mit einer schönen alten Sense des Schwiegervaters erstmals in meinem Leben gesenst. Ein kleines Teilstück der Atelierwiese. Dabei an mittelalterliche Schnitter-Darstellungen gedacht, graphische Pestblätter. / Der Postler ist es, der immer den gesamten Inhalt meiner Bücherkisten „Zu Verschenken“ mitnimmt. Ich ahnte das schon. Ich mag ihn. Dann stellt er die leere Kiste wieder ordentlich an die Parkplatzwand. Dort hängt seit Jahrzehnten ein einst gefundenes Verkehrsschild mit durchgestrichenem „P“, also Parkverbot. Sowas gibt es ja schon lange gar nicht mehr. Ich warte drauf, dass es irgendwann weg ist und im Antikmarkt hängt. / Ein paar schöne neue kleine Bilder sind produziert. Meist abendlich nächtens, wie ich das so liebe. Dazu wunderbare Musik der Dire Straits. Darf man heute ja kaum sagen, ist doch so unsagbar altmodisch. / Und warum Andere erfundene und grausame Geschichten um ihre familiäre Vergangenheit legen, um diese dann um ihre eigene reale Existenz zu spinnen, das weiß ich nicht. Sowas gab es ja schon ein paar Mal, seit ich ein Weblog betreibe. Nur eben nicht so grausam. Wenn man so etwas macht, sollte man stets darauf achten, dass man niemandes Herz wirklich hinters analoge Licht führt. Sicherlich benötigt die betreffende Person nun Kraft und Hilfe, beides wünsche ich ihr ehrlich. / Die B-Sehnsucht wächst gerade wieder. Immerhin wollte ich „da ja nie weg“ (so sage ich immer zu pflegen). Kann gut sein, das hängt auch mit dem Tod der alten Dame zusammen. Oder dem schönen Wetter. Oder dem schönen Telefonat mit der Kirschkern heute am Nachmittag. Irgendwas ist abgeschlossen, nun muss ich’s nur noch aufschließen.

SIL.

Die düstere Baustelle zieht sich hin. Eine falsche Formulierung eigentlich, denn nicht die Baustelle ‚zieht sich‘, sondern die Arbeit auf ebenjener. Wobei sie sich durchaus zieht, die Baustelle, jedoch ich werde nun bald und mit Gottes Hilfe das Erdgeschoß erreichen. Ich fing ja ganz oben an in Richtung unten. Meter um Meter reinige ich mich nunmehr seit Monaten in Richtung des Erdmittelpunkts, kämpfe, dränge und biege mich durch das enge verwinkelte Gerüst und wühle und taste mich entlang Wandschmutz und gebundenem Feinstaub aus über 50 Jahren hin zu unser aller Magnetkern, Stufe um Stufe dem Hades entgegen. Vor fünfzig Jahren war noch Wirtschaftswunder. Die Gerätschaften dampfen und nebeln, man sieht oft weder Hand noch Tand vor Augen, durch den enormen Druck fliegen einem kleine scharfe Fetzen von Splittern um die Ohren, Schollen wölben sich zischend auf ob der plötzlichen Hitze und Blasen kommen und vergehen in Sekunden wie im Hollywood der Nahaufnahme in Breitband und mit einem willkürlich verzerrten Zeitraffer. Es knistert und ziept und es riecht gefährlich, feuchte warme Materie platzt wie bei kleinen in Miniatur entworfenen Urknallen im Makro für die Puppenstube. Archaische Höllengeräusche einer als „Technik“ bezeichneten Vorgehensweise, die menschliche Überlegenheit gegenüber dem Material suggeriert, ohne dabei zu beachten, dass Materie immer dauernder sein wird als irgendein aus ebendieser zusammengesetzter Mensch. Selbst das Treppenhaus rät zu mehr Demut, ist aber geduldig mit mir.

Ein Treppenhaus kann natürlich keine Ratschläge geben.

Das alles allein unterbrochen hie und da von dieser ungemein lasziv gehauchten Automatenstimme, weiblich und offenbar entworfen für’s Baustellenklischee: „Schön, daß Sie mich starten, ich bin gleich für Sie bereit!“. Dann, nach etwas Brodeln und Aufköcheln im Tank jene wunderbar fast frühlingshafte Nachricht: „Gerät ist betriebsbereit!“. Und ab und an, leicht dominant: „Entkalken!“. Zuletzt, wenn weitere drei Liter hinausgestoben sind und den Atem der Welt benässt haben, die lapidare Feststellung: „Wassermangel!“. In Endlosschleife.

Im Dauerbetrieb werden die Kabel warm. So viel Energie fließt und wird umgesetzt bei diesen Vorgängen der Umwandlungen von Zuständen.

(Wahrscheinlich könnte eine ausgewachsene Person mit dieser Energiemenge nach Mittelfrankreich reisen, um dann dort ihrerseits zu wandern oder im Cafe zu sitzen.)

„Wassermangel“ bedeutet immer auch Pause. Eher ein ‚Päuschen‘. Mit einem großen Eimer zwei Stockwerke in den Tiefkeller, dort befindet sich die Wasserstelle, gleich neben der lange verwaisten Mausefalle mit ranzigem Käse. Hier saßen sie bestimmt auch damals vor 75 Jahren, als das Nachbarhaus getroffen wurde und sie die ganze Nacht lang die Fassade aus den Fenstern des vierten OGs heraus mit Wasser begossen, damit das Feuer nicht übergriff. Ich fülle dann den Eimer, begebe mich wieder hinauf und rauche manchmal noch kurz eine Zigarette vor dem Haus in der gleißenden Frühlingssonne, wahlweise im Regen. Und denke an die alte Dame. Als ich in KW 4 im dritten Stock anfing, da hat sie noch gelebt. Nun ist sie seit zehn Wochen schon unter der Erde. Wie es da unten wohl aussieht jetzt?

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Es gibt da seit ein paar Tagen ein Video, welches mich (und wohl nicht nur mich) beeindruckt. Man muss das ganz ansehen, auch wenn es fast eine Stunde lang dauert. Und auch die kurz erwähnte Tatsache, dass die Anzahl der Wähler zwischen einem Lebensalter von 18 bis 30 offenbar wesentlich geringer ist, als die Anzahl der Wähler über einem Lebensalter von 70 Jahren. Vielleicht sollte man die jüngeren Wählerstimmen, um deren zukünftiges Leben es ja geht, mit 1,5 multiplizieren? Es ist so ein Stillstand überall. So eine gesättigte Trägheit, fast schon eine Lähmung. Mit Prisen ältlicher Arroganz. Weil keiner mehr weiterweiss oder will. Oder weil zu viele ihr Geld retten wollen. Wo doch Klarheit überfällig wäre. Ich fühle mich ziemlich erinnert an’s eigene zornige Aufbegehren vor langen Zeiten.

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Erneut ein paar Päckchen und ein großes Paket nach Übersee mit längst vergangener Korrespondenz und liebevollen Hinterlassenschaften gepackt und zur Post gebracht. Man muss das alles anständig zu Ende bringen. Diese ganzen Auflösungen und Vergänglichkeiten von Geschichten, Dingen, Personen und einst Gedachtem. Aber ich kann beim besten Willen nicht beispielsweise eine kleine schöne Ledertasche fortwerfen, welche die alte Dame noch handschriftlich mit einem erläuternden Zettelchen datiert und verortet hat. Zu groß ist die Aura:

„Diese Tasche bekam ich zur Konfirmation 1941 in Königsberg von Oma Mika aus Pillau geschenkt, wo doch alle damals gar kein Geld für so etwas hatten!“

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Im Dorf gibt es jetzt eine Ampel, aber nur, weil gerade Baustelle ist. Ansonsten gibt es keine Ampel in diesem Ort und das gefällt mir an diesem Ort.

Kl. Freuden gr. Freuden

Entwurf von Korrektur

(Abb.: Entwurf von Korrektur, 2019)

Auf meinen vielen wegen ein paar sachen und vor allem bilder an einem zu entsorgenden haufen vor einem fränkischen mietshaus gesichtet, angehalten und herausgepludert. nun recherche, ich bin im glück. das könnte etwas werden, sammeln und jagen. hingegen lotto war nix, nur familiäre lebensdaten ohne superzahl. und frauen fahren oft zu dicht auf von hinten, fällt mir vermehrt auf. über kilometerweise. jedenfalls bei mir. ich fühle mich dann immer bedroht, aber die zu dicht auffahrenden frauen meinen das vielleicht gar nicht so. eine bekannte meint, das liege daran, dass frauen ja als mädchen immer mit puppen spielen würden, anstatt distanzen zu üben beim speerwerfen oder ball auf der grünen wiese. und ich entgegne in solchen gesprächen oft, wenn frauen sich beklagen, sie müssten ja die kinder kriegen und wie gut es doch die männer hätten, dass männer ja dafür in den krieg müssen und dann sterben. wenn es dann im weiteren gespräch um die monatsregel geht, dann kontere ich mit dem rasieren. ein leben lang immer wieder rasieren, eine unvorstellbare bürde. aber gut, man müsste sich ja nicht rasieren. und ihre regel hätten die frauen dann trotzdem, auch wenn sich die männer nicht rasieren. aber eigentlich sind das ja gar keine themen mehr für mich. ich schreibe nur so vor mich hin. denn ich bin irgendwo hängengeblieben. im kopf und in sicht. mir fällt nichts mehr ein. außer, dass ich eine quelle für wunderschöne alte aluminiumkisten zu günstigen preisen aufgetan habe, ein tip übrigens von eben jener bekannten, die meint, dass das dicht-auffahren seitens der frauen von mangelnden distanzspielen in der jugend herrühre. die quelle der kisten werde ich bestimmt nicht verraten. ich könnte einen handel vielleicht aufmachen mit alten schönen etwas verbeulten großen aluminiumkisten. aber eigentlich ist das ja gar kein thema mehr. habe ja schon zwei berufe. ich schreibe eben nur so vor mich hin. vielleicht auch habe ich einfach nun alles, was mir möglich ist, aufgeschrieben. ich könnte natürlich berichten von den afghanischen jungs. da gibt es immer etwas neues, die ganzen geschichten gehen weiter. nur die meine ist gerade stehengeblieben. meine geschichte hat eine auszeit genommen, unbezahlt. und dies, ohne mich gebührend zu informieren. immerhin bin ich ja der chef meiner geschichte. bin ich das wirklich? jedenfalls kann ich meiner geschichte großherzig verzeihen, wir kennen uns ja schon lange und mögen uns. außerdem gibt es so viele andere spannende und schöne oder manchmal auch schlimme geschichten. dazu, meine kleine süße naivität, und wenn sie auch nur gespielt war immerstets, ist dabei, mir abhanden zu kommen. wobei ich sie schon sehr mag, meine ungroße naivität. sie hat mich auch oft bewahrt vor umfangreicherem. irgendjemand hat sie verpackt in irgendeine kiste. vielleicht war’s ja meine geschichte, die das tat. aber das wäre jetzt ja viel zu einfach. zu „schlüssig“, dabei in sich zu unschlüssig und ohnehin viel zu platt, für ausgerechnet mich. wo ich doch so gerne zu große anzüge tragen würde oder baustellenschuhe, deren stahlkappen schon arg verbeult sind. was ich tue. demnächst also neue arbeitsschuhe, schick, und zwar bei WÜRTH. dazu große krägen weißer hemden. kleine freuden, große freuden. ohne allemal logik schon gar nicht, man kann mich damit erwischen, was ich allzugerne zuließ.

2.4.19 / 2000 Hühner+Kröten

Den Garten dieses Jahr wieder wachsen lassen, wie im letzten. Eine schöne Wiese wird das und jede Menge Tierchen und Viecher. Überall krabbeln die Kreaturen und man selber hockt zwischendrin als ebensolche. Und kann sich an allem freuen. Wenn man Zeit dazu hat.

Die Audis morgens im Stau der Bundesstraße nach der Landeshauptstadt, sie tanzen. Hin und her. Jeden Tag dieselben. Sollen auf der rechten Spur bleiben, die ist schneller unterm Strich. Glaubt mir. Irgendjemand muss ja immer schneller. Oder ist es eben. Einen Hauch, als der Andere. Überall Spiegeleien der Ist-Zustände von Spiegeln. Es könnte so einfach sein, dabei. Die Hähne krähen, die Hennen picken. Alle Hühner lachen und legen ihre verdammten Eier. Seit zweitausend Jahren.

Nur die Kröten, die wandern.

Eine Kiste mit Büchern auf die Straße gestellt zum verschenken. Habe ich gestern gegen Abend. Die Kiste war weg, heute nachmittag. Vielleicht hat jemand eine Bananenkiste gebraucht und die Bücher eben einfach auch mitgenommen. Hans Fallada, Helmut Kohl, Thornton Wilder, Thomas Wolfe, Isabel Allende, Loki Schmidt, Katharina die Große, Rut Brandt, Tolstoi, Peter Bamm und so weiter.

Der Antiquar hat mir die Hoffnung genommen, dass das alles noch etwas wert sein könnte, und wenn es nur zehn Euro wären. Es gibt wohl einfach zu viele Bücher auf der Welt. „Ich würde es ja nehmen, aber ich hab’s schon acht Mal…“ sagt er und es klingt, als wäre er selbst ein bisschen deprimiert darüber.

Die dunkle Baustelle zieht sich. Einst war es ein buntes Treppenhaus, Hellblau, Ocker und so weiter, beleuchtet noch mit Gaslampen. Die Lampen gibt es noch, es sind Prachtstücke. Dann wurden die Wände eierschalen überstrichen in den frühen 1960er Jahren. Mit Dispersionsfarbe. Das war ein größerer Fehler, nicht der Farbton, sondern dieses Bindemittel.

Im Fachhandel gewesen, dort für zweihundert Mark meine Bestände an Lösemitteln wieder aufgefüllt. Und größere Mengen von Weiß. Das gibt ein gutes Gefühl. Leinöl ist noch genug da. Ein Faß vom Spezialisten selbstgemachten Kalkmörtels müsste ich mal wieder holen, einfach, damit genügend Stoff vorrätig. Und dringend eine PDF mit Werkbeispielen vom künstlerischen Oeuvre meiner selbst mitsamt Vitae auf den Weg bringen, endlich. Zur Eigenbewerbung für Ausstellungen.

Eine lustvolle Laune hingegen am einigermaßen demütigen Überlassen der Dinge dem allumfangend lässigen „Schicksal“ ggü. hatte ich schon immer metagenerell an Leib und Seele mit mir herumgetragen. Schon mit dreizehn in Wald und Wiese war da eine Ahnung, irgendeine Vorstellung davon, wie alles vielleicht irgendwie funktionieren und zusammengehen könnte. Später dann Werten und Zweifeln, natürlich, wie überall. Sei es nun ein lapidarer Reifenwechsel, das Wetter, irgendein Weg oder ein niemals verordneter Arztbesuch. Das hat alles sicherlich auch mit Glauben oder Nichtglauben zu tun. ‚Hoffen‘ ist ja oftmals geeigneter und zeitgemäßer. Das Schicksal aber liegt immer ein Näschen vorn, wobei ja keine Ahnung vorherrscht, was Schicksal wirklich sein könnte. Das Schicksal schert sich schließlich nicht um Hoffen oder Glauben. Das ist ja das Schöne am Schicksal. Man darf das alles gar nicht wissen wollen, dann kommt man ihm vielleicht am nächsten.

Als Bildgründe nehme ich ja ohnehin oft alte Buchdeckel, von daher passt das mit den vielen Büchern. Aus den Hardcovern der alten Brockhausbände will ich vielleicht eine Serie machen. Ach, oder ihn doch behalten, wenn das Internet mal weg ist. Da lachen ja die Hühner. Diese im Kerndorf wohl erlaubt sind, nicht jedoch am Waldrand. Offiziell jedenfalls. Wegen Kikerikie.

Es gab damals sogar auch Leute, die sind hier her gezogen an den Waldrand und das erste, was sie wollten, als ihr Haus fertig gebaut war, war, dass das Kirchengeläut vom Dorf abends abgestellt wird.

Da lachen ja nochmal die Hühner.

Die Zitronenfalterin war noch ein paar Mal da. Die eine Osterglocke ist jetzt erst verblüht, es drücken die Tulpen. Die Blumen am Grab sind nun ordentlich gerichtet, mit eigenbepflanzten Schalen. Und unten, in der Erde tief, schlummert die alte Dame. Das Friedhofswasser ist mittlerweile angestellt, immer am 1. April, so die Auskunft einer anderen alten Dame dort. Den Steinmetz muss ich noch kontaktieren. Was jetzt mit dem Stein wird und was der Abtransport kostete.

Eben bimmelt die Acht-Uhr-Glocke übers Tal, ich bin allein im Atelier am Waldrand, es dämmert und briest auf, soll ja Regen geben. Ich bin wohl wahrscheinlich doch ziemlich erschöpft von den letzten vier Jahren, vor allem den vergangenen sechs Monaten. Ein wenig kraftlos, vornehm. Kein Wunder, dass einen da tänzelnde Audis nerven. Nicht mal blinken tun sie, das wäre uncool. Kennt man ja. Bremsen tun die Weisen, darauf ist Verlass. Seit tausend Jahren.

Jetzt windstill, tröpfeln, die Abend-Amseln, Kröten, Rascheln hie und da im Gebüsch, und Bierchen. Wie sehr ich das mag! Jetzt kann die Wiese kommen.

Erste Arbeit als Vollw.

diese tage dümpeln wie überall in richtung wärmer und frühling, das geschehen mitsamt seinen peripherien verschwimmt und immer, wenn geschehnisse schwimmen, dann meint man ja, alles wäre schon drei monate her, aber es sind erst drei wochen und ein paar zerquetschte tage. die rechnungen kommen jetzt und aber die generalvollmacht „über den tod hinaus“ beeindruckt die bank nicht, alle überweisungen machen sie doch bitte jetzt mit uns zusammen, man kommt sich da ja kurz vor wie ein übler nachlassräuber. aber das alles hat bestimmt seinen höheren sinn, das denk ich. es war schon alles sicher richtig in diesen jahren zuletzt, das ist viel wichtiger. in der wäscherei vom pflegeheim ist noch ein poncho aufgetaucht, sie rufen mich liebevoll extra deswegen an und was sie denn damit machen sollen oder ob ich den noch abholen will, nein sage ich, ach geben sie ihn zu den alten kleidern, worauf sie sagen „oder wir können den ja auch noch jemandem anderen geben?“, worüber ich mich freue, ja, das wäre bestimmt in ihrem, der alten dame, sinne gewesen. aber auch das leben geht ja weiter und der große frieden macht sich am horizont zu bemerken, es ist alles schon ok so und gut, wie es denn eben war. „denk‘ nur an die zeit vor einem jahr, himmel, was da alles war…“ flüstert mir die zeit von vor einem jahr ins ohr. nun gibt’s ein grab zu versorgen, ich schaue mir die vielen frischen gräber an bezüglich grabpflege, zu der ich mich vertraglich ja verpflichtet habe. also blumen besorgen oder die grabpflege an eine gärtnerei übertragen, das will ich aber nicht, also erst mal bepflanzte schalen besorgen, besser noch: sie selber bepflanzen, am besten mit blumen aus dem garten, aber wann bitte wirft man den beerdigungsgrabschmuck weg? und wohin, ohne pietätlosigkeit? die rosen des sargschmucks sehen, nach meinem geschmack, noch gut aus. sie haben sich gut gehalten wegen der feuchten kälte in den letzten zwei wochen. ich bin ja visuell angelegt und habe daher meine eigenen vorstellungen von blumen und verträglichkeit von vergänglichkeit. und was man sehen darf und was nicht. derweil ich mich durchwühle durch die archivierungsmanie der verstorbenen und dort, in kisten, folien, kladden und schränken und antiken QUELLE-pappkartons mit noch vierstelligen adresskoordinaten aus der zeit vor dem internet, allerlei entdecke, als ebenso neugieriger erstmal nichtwegwerfer. alles geschichte und geschichten. als verstorbene/verstorbener hat man ja das recht, den nachfolgenden eier ins nest zu legen. kichernde verantwortungen zu übertragen. auf dass sie grübeln und sich erinnern. und entscheiden. und manches mal auch lachen müssen und gedenken im gedenken. im großen grunde aber ja auch ein privileg: nichts ist da heutzutage fremdentschieden und so wie noch bei den altvorderen gelegentlich einfach verbrannt. wahrscheinlich – nein, eher sicher – daher diese ungezügelte bewahrungswut der vom bombenhagel geprägten alten damen und herrschaften. der treuen fusspflegerin konnte ich noch echte kernseife am stück vor die tür legen, aus tiefer dankbarkeit. die gäbe es nicht mehr heute, das meinte sie schon vor drei jahren. und diese sei so wichtig für ihre arbeit. und drei päckchen mit ggf. relevanten erinnerungen habe ich versendet mittlerweile. eines sogar nach übersee. wertvolle tonaufnahmen, sechzig jahre alt. zwischenhinen allerdings überprüft es mich und meine von mir mir gedacht zugedachte aufgabe seitens des herrgottes: sollte ich besser einfach 2 mischcontainer bestellen und alles ungesehen hineinwerfen? alt genug wäre ich ja. ich überlege noch und kenne natürlich meine antwort. und immer, wenn ich dort bin, zünde ich ein kerzchen im garten im glas an. gerade heute, heute ist vollmond, und so sehr hell. da hat sie immer die vorhänge aufgezogen gehabt wollen im schlafzimmer, damit sie ihn vom bett aus sehen konnte. „schau mal, wie schön der mond – und so hell!“. gestern abend stand ich dort, wo ihr pflegebett stand, und dachte an die unzähligen dramen da und las und sortierte ebenso-unzählige briefe, die einst an sie geschrieben worden waren. das nachtlicht über der gegend hat immer geholfen und besänftigt. vor hundert jahren hat solches licht sicherlich auch schon geholfen und besänftigt. ich muss das alles noch zu ende bringen, da mittendrin. keine wahl hab‘ ich. immerhin habe ich eine erste schnelle malerei angefertigt vor ein paar tagen mit laut musik und offener türe zum milden garten, abends. der reflektierte titel: „Erste Arbeit als Vollwaise“, oma hätte gelacht, ich tu das auch, die kirschkern würde vermutlich trocken grinsen und auf die spinnen in den waldrandecken schielen. seit ich denken und erinnern kann, war ich immer ein „Halbwaise“. insofern dieser biografische wortwitz. kauft sowieso niemand, ist mir aber egal. demnächst dann wieder so wichtige bildthemen wie „frau“ oder „mann vor abreise“, „korrektur“ oder landschaft oder auto oder „was ich jemals lernte“ und dergleichen, ganz abseits des subjektes. mit natürlich ölfarben auf pappe, auratisch beigemischt vielleicht die reste der uralten ungefähr 1962 hergestellten tuben aus aluminium, meist erdtöne. und bald will ich endlich wieder mit dem sport beginnen jenseits der handwerklichen alltagsbewegungen, man muss diese ganzen geschichten ja auch einfach irgendwann wegrennen und damit erneut und höchstendlich transformieren, und zwar am allerbesten durch den mir immerdar zu allen zeiten so wohlgesonnenen WALD. der mich schon so oft begleitet und gut beraten hat bei allerlei, in lust wie leid und allen wettern. ein jedes hat seine bühne zur richtigen zeit, [nicht-wahr?], und nun nimmt er schon wieder ab, der mond zum fasten.