1523

1523

Beim Weinhändler verköstigend rundum erörtert. Die Herbstgeilheiten fangen jetzt wieder an. Merkt man an den Blicken und dem Fußgewippel unten am Stehtisch. Und dem Fingerausspreizen mit Weinglas. Und die Armbanduhr klackt öfter auf den Tisch oder sonstwas. Sowie an den feinen Stimmlagen zwischen unzusammenhängenden Balzsätzen.

Beim Bratwurstfritzen sitzen am Nebentisch zwei Russen im Gespräch, der eine graublond langhaarig meliert mit Turnschuhen und souveräner Kotelette, mein Alter, sicher Geheimdienstleute mit Kontaktgiftmordplänen, mir aber egal. Kaufe zwei Dosen Sauerkraut und fünfzehn Würste zum Verschenken. Grüße die Spione beim Gehen freundlich, die schauen mich aber nur komisch an. Schnell weg.

Einen kleinen trommelschlagenden Engel vorsichtig aufgedeckt, sowie eine Jahreszahl. „1523“. Hat man gerne, kommt ja nicht so oft vor. Habe 100 weitere Skalpellklingen bestellt und bereits postalisch erhalten. Beim Gang in den WC-Container der Großbaustelle ebendort den Toi-Toi-Kalender 2018 im Hinterzimmerchen liegen sehen. Keiner hängt ja sowas noch auf. Traut sich niemand mehr. Dabei im Grunde so rührend harmlos ggü. dem, was wirklich zu sehen ist heutzutage, wenn man das denn sehen will. Es gibt viele Malocher, immer noch, die kruppen den ganzen Tag, irgendwo in der Ferne, wochenlang. In Bauberufen. Um das Geld dann nach Hause zu tragen zur Frau und Familie. Monatelanges Wohnen in Containern oder irgendwo in billigen Monteurspensionen. Für diese und deren Sehnsüchte sind solche Kalender da. Solche Träume eben. Damit sie wenigstens wissen, wofür sie kruppen und ihre Körper runterarbeiten. Männer haben ja einst die Maschinen auch nur erfunden, damit sie schneller bei der Frau sein können. Um dann zehn Jahre früher zu sterben. Diese Kalender sind also quasi Überbrückungskalender. Übersprungskalender anderer Arbeitswelten. Da sollte man auch nicht rummachen oder zu sehr pingelig sein, finde ich.

Erinnere mich an die Fernsehbilder, als die britische Flotte zum Falklandkrieg die heimischen Häfen verließ. An der Pier standen die Ehefrauen der Matrosen und viele entblößten ihre Brüste als liebevoll flehendes Abschiedszeichen: „Komm‘ bitte wieder!“ Niemand hat sich meines Wissens damals aufgeregt. Im Gegenteil.

„Der schöne Bernd“ legt sich mittags auf eine Klappliege vor den Pipi-Containern im ehemaligen Pfarrgarten und döst. Rohbauer haben es nicht leicht. Sein Kran dümpelt solange in der Sonne, wahlweise Regen. Wenn der Kran läuft, dann macht’s „surr – surr“. Unten steht eine Kiste Bier. Wahrscheinlich alkoholfrei, alles andere ist ja verboten. Derweil die Dachdecker oben ihre Biberschwänze verlegen und mühsam auf Altbau zusägen. Bei Regen machen sie Pause. Mit dem thüringischen Steinmetz-Capo aus Erfurt über ihren Mitarbeiter Youseff aus Marokko geredet. Dieser glaube nicht an die naturwissenschaftliche Schöpfungsgeschichte, berichtet Capo. Beten tut er abends, die fünf Mal holt er dann nach, das geht irgendwie, auch auf Baustelle oder in Pensionen. „Jeder soll glauben, was er will. Ich glaub‘ an nichts“, sagt er nett. Ich stimme ersterem zu.

Für 18 mal 18 cm ungefähr drei Stunden gebraucht. War länger nicht. Penibel und mit Stirnlupe bewaffnet. Dazu auch noch eine alte Elektroleitung ausgebau, die mitten durch den Altbestand führt. Es gibt viele solcher Schlitze, die sich durch bedeutende historische Malereien oder aufwändige Dekorationen ziehen, leider. Sehr schade, oftmals. Aber woher sollten die einstigen Elektriker auch wissen, wo hinein sie da ihren Schlitz fräsen und legen? Überlege, ob der für diesen Schlitz verantwortliche Handwerker wohl noch lebt. Und was er erlebte. Wirtschaftswunder? BMW-Isetta? Und vorher Kriegsverbrechen?

Staubig ist es. Wieviel Staub ich wohl schon eingeatmet habe bei dieser beruflichen Tätigkeit über die Jahre. Und wieviel giftiges Auripigment oder Zinnober und dergleichen. Eigentlich mag ich Staub. Und renne nicht gleich weg, wenn’s irgendwo bröselt. Eher fühle mich dann immer dazu berufen, aufzukehren. Vielleicht sollte ich das, spätestens jetzt dann langsam mal, tun: Das Einatmen von Stäuben zu vermeiden. Der Mensch aber lebt ja nicht von Luft allein.

Am Arbeitstisch im Atelier derweil neue kleine Arbeiten, die mir immer undurchsichtiger werden.

#18.9.2019

Horse

Der thüringische Steinmetzcapo weisst mich darauf hin, dass ich hätte fragen sollen, bevor ich einen Eimer Schutt in offenbar ihre Mulde geschüttet habe. Er hat mich quasi ertappt, dabei gab es eigentlich gar nichts zu Ertappen. Ich dachte beim Entsorgen, es wäre die allgemeine Baustellenmulde. „Kein Problem, aber beim nächsten mal einfach vorher fragen, ja?“ Natürlich hat er Recht. Ich mag den Dialekt sehr.

Die blaue Baustellenmulde steht hinter der Steinmetzmulde. Das hat mir heute der Rohbauer gesagt, in breitem Bayrisch. Ich mag auch diesen Dialekt sehr. Ich könne da alles reintun, er würde es auch mit dem Kran abholen, aber bitte bloß Baustellenschutt, kein Plastik, kein Papier. Logisch.

Und dann dieses selbsterklärt romantisierende Weichei. Dieser nette Onkelpapa mit seinem seitengescheitelten Namen, der auch mit „H“ anfängt. Immer am Jammern. Ein Sensibelchen, wie alle aus dieser Truppe. Sehr undeutsch. Immerhin entstamme ich alten biodeutschen Haudegenfamilien, blond und blauäugig. Mein Großvater war Kapitän-zur-See und Festungskommandant von La Pallice, da ist mir natürlich in Wiege und Milch gelegt, nicht ständig rumzuheulen, sondern gefälligst die Arschbacken zusammenzukneifen, wenn’s mal ernst wird. Sie sollten sich schämen. Nazis von heute sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.

in weikersheim im hohenlohischen mir den kopf an einem gotischen wasserspeier oben am kirchturm angehauen, im haupt und landesgestüt marbach auf der schwäbischen alb gewesen, inmitten stuttgarts gewesen, kunstwerke ausgewählt und in eine alte kiste gepackt, dabei überlegt, wie man mit einem SUV eine ampelschlange zu überholen es überhaupt nur andenken kann, wenn man einen epileptischen anfall hat oder dieser sich ankündigt, aber tote sind dann eben tot und man kann sie nicht mehr lebendig machen. am nächsten tag den schorf am kopf angepult, dann auf die finger gehauen deshalb, finger dabei verletzt. egal, haudegen. haare geschnitten. welche haare? neugierig darauf, welche meiner erotik-abblidungen wohl in einem buch ggf. zur verwendung ausgewählt wurden, aber kann man denn überhaupt noch schweinkram abbilden im älterwerdungsprozess, als männchen? ohne ausgelacht zu werden? als älterer XY musst du graue schläfen haben und darfst vor allem nicht über’s geld reden. schweigen generell ist gut. als ‚alter mann‘ ist man ja fast grundsätzlich und ganz schnell ein alter sack. insbesondere, wenn weiß an gesicht und bauch. auch, wenn man alte anstatt junger brüste abbildet, zum beispiel. nur ganz manchmal. ich erinnere mich gut als mitte-zwanzig. auch als mitte-dreißig (ff.). eigentlich ist es heute gar nicht so sehr anders, das grundgefühl. neugier eben, nur jetzt ein paar falten mehr und weniger haare, außer in den ohren. und etwas langsamer. dafür weise und überlegter. man kann ja auch landschaft oder fahrzeuge abbilden, anstatt brüste. man kann einfach alles abbilden! das war vor langer zeit schon eine für mich überwältigende erkenntnis, ganz am anfang meiner abbildungs-wunschausbildung: dass man einfach ALLES abbilden kann, immer und überall. jede kleine vermeintlich unwesentliche ecke, die man betrachtet, kann die ganze welt zeigen. ein leben lang. diese bildnerische unerschöpflichkeit der schöpfung, ein großes geschenk.

der beste saxophonist, den ich kenne.

ein schönes interview.

und bäume – kleine bäume, großes gestrüpp – gefällt am waldrand, kettensäge. diese gegen abend noch kleingemacht und geschützt gestapelt vor dem küchenfenster. „gebeugt“ sagt man im schwäbischen. beim sägen so vor mich hin fiel mir das wort „Bordsteinschwalbe“ wieder ein. vor dem küchenfenster hat sich in einer abgeblühten rosenblüte eine kleine junge kreuzspinne eingenistet. sie mag’s natürlich, wenn ich das küchenlicht abends in der dunkelheit anmache. vorgestern ein größerer weisser nachtfalter, den sie eingespinnt und sich aus dem netz zu ihrer bleibe hinaufgezogen hat am faden. fast keck nur eines ihrer noch hellen beinchen tags herausgestreckt, als wenn sie diesen platz ganz und gar genießen würde. bestimmt ist es ein weibchen, das verrät ihr gestus. ob wohl ihr herz groß ist? kaum. warum auch.

Das Herz des asiatischen Grillfräuleins, welche mich immer mit „Hallo, junger Mann…“ anredet, wenn ich ihr den Bon über die Grilltheke hinüberreiche, ist groß. Schon mehrfach hat sie mir in einem unbeobachteten Moment vier anstatt drei Bratwürstchen in’s Brötchen gelegt, ganz diskret, so, als wenn nichts gewesen wäre. Herzlichen Dank dafür!

Moin

Nordsee nicht nur Mordsee Plakat Grabstein Haus ohne Namen Golf Mini Textilstrand Könnte ewig so weiter

Ein Klacks, diese Hochfahrt. 900 km. „Deutschland ist schön“, Erdinger Weissbier etc. Man kann sich hochhangeln, Heilbronn, Würzburg, Fulda, Kassel, Göttingen (ein Klacks!), Hildesheim, Hodenhagen, Hamburg. Dort im Schanzenviertel übernachtet. Vorher, noch nahe Walsrode, sitzt Bahram vorne. Ich freue mich über meinen neuen Bordcomputer. Aber Bahram konnte noch nie widerstehen, wenn es irgendeinen Knopf gab, den man theoretisch drücken könnte. Also entfernt er die Chipkarte des Navigationsgerätes. „Schau mal!“ sagt er stolz und hält das Ding in der Hand. Dieser Schritt ist technisch nicht rückgängig zu machen. In der Folge bemerke ich, dass meine Laune schon besser war. Frau Mullah schaltet ihre Maps auf dem Smartphone ein. Wenigstens bekommen wir einen Parkplatz direkt vor der Tür der Gastgeber, sowas käme einmal im halben Jahr vor, sagen sie später.

Am nächsten Morgen geht es weiter, immerhin wollen wir ja bis ans obere Ende der Landkarte. Zum blanken Hansi. Den Wagen geparkt, zur Fähre gelaufen, diese bestiegen, übergefahren, angekommen, dort ins Taxi gestiegen und zur gebuchten Wohnung gefahren. Dort eingewiesen worden und festgestellt, dass alles sehr hellhörig ist. Eine Balkenlage, keinerlei Dämmung. Das Haus wurde wohl in überwiegender Eigenleistung in den 1970er Jahren erstellt. Darauf deutet viel. Eigentlich alles.

Festgestellt, dass über uns eine junge Familie mit einem kleinen aktiven Frühaufsteher und dessen etwas älterer Schwester wohnt. Aus München. Mit Starnberger Kennzeichen. Am Combi-BMW. Mit Dachsarg.

Die Kinder rasen oben durch die Wohnung und ich denke, das wars also mit dem Urlaub. Ich bin ja Kinderfreund. Es ist, als würden sie durch unsere Wohnung rasen, akustisch betrachtet. Versuche mich zu erinnern, ob die Kirschkern mit ca. 3 Jahren schon durchgeschlafen hat. Mein Gram überwältigt mich. Ja, ich werde wohl ein alter griesgrämiger weißer Mann, der irgendwann an der Welt zerschellt. Mein Film ist zu Ende.

Das war am letzten Sonntag Abend. Heute haben wir ein paar Tage später. Es geht mir besser.

Inzwischen waren wir am Strand, sind um das Nordende herumgelaufen und haben einen Vortrag über Sturmfluten besucht. Abends hat Bahram nochmals ausführlich die ganze Geschichte seiner Flucht erzählt. Auch sein Ankommen in Rosenheim und die Dinge in den anfänglichen Camps in München. Und wie es kam und was für ein Zufall es ist, dass er in der süddeutschen kleinen Universitätsstadt gelandet ist. Und was für ein weiterer Zufall, dass wir – also Frau Mullah, er, Salman und ich – uns alle getroffen haben. Diese unvorhersehbaren Wege des Lebens. Allah und der liebe Gott haben sich sicher abgesprochen. Er ist sichtlich aufgeweicht von dieser wunderschönen und faszinierenden Landschaft und vor allem dem Meer. Das ist jetzt ja ein echtes Meer, nicht nur ein großer See.

„Nordsee ist Mordsee“, das gefällt ihm. Und diese Gezeiten. Und der viele Sand. „Dahinten kommt England und dann viel weiter Amerika“. Und Dänemark ist auch nicht weit. Wir könnten doch mal versuchen, bei Ebbe nach Dänemark rüberzulaufen? Er darf das Land immer noch nicht verlassen, das liegt am Aufenthaltstatus. Schwer zu verstehen, innereuropäisch. Aber gut, es muss ja noch Ziele geben. Seine Behördenpost übrigens ist binnen dreier Tage via DHL tatsächlich in Kabul angekommen. Kaum zu glauben.

Aus einer schnellen Idee vor ein paar Tagen ist spontane Tatsächlichkeit geworden: Gestern holten wir den „kleinen Rami“ (so nennen ihn alle, weil er recht klein ist und Rami heisst, im Gegensatz zu den ganzen großen Ramis, die so rumlaufen) abends vom Fähranleger ab. Auch er hat Ferien und ist spontan zu uns nach Norden gereist. Ein schöner Besuch jetzt und Bahram ist nicht so allein mit uns zwei alten Menschen. Rami ist ein sehr feiner und bedachter junger Mann, der schon oft ausgleichend, kümmernd und deeskalierend gewirkt hat. Wenn es mal Krach zwischen Salman und Bahram gegeben hatte. Heute haben wir auch ihm ein Fahrrad geliehen. Gerade sind sie am Strand zum Baden, während ich hier im Haus ohne Namen sitze und schreibe. Durch das, was einmal Gärten waren, laufen Fasanen und krächzen komisch. Hinten der Radweg, es ist schön, alles mit dem Rad machen zu können. Immer diese Berge in Süddeutschland. Ich glaube, mein Film ist doch noch nicht zu Ende, auch wenn mal wieder so viel los war in den letzten sechs Monaten.

Beim Blick übers Watt nach Osten bei halber Flut in Richtung Föhr fällt mir die alte Dame ein. Es sieht ein wenig aus, wie das Haff, das kurische. Um diese Zeit vor einem Jahr ist sie einmal nachts alleine aufgestanden und hatte die absurde Idee, ins angrenzende Bad zu gehen. Zu Fuß. In der Schlafzimmertüre wurde sie gottlob von der H. abgefangen und mit knapper Not auf einen nahen Sessel gesetzt. Die H. rief mich aufgeregt und später saßen wir dann eine Stunde lang, mitten in der Nacht, im Wohnzimmer. Die alte Dame wolle reden, so sagte sie selber. Sie wolle sich jetzt mit uns unterhalten. Sie schlug die Beine übereinander und meinte, nun müsse mal Schluss sein mit ihrer „Krankheit“, sie wolle sich ab jetzt am Riemen reissen. Ich erzählte ihr, dass sie schon seit drei Jahren nicht mehr alleine auf die Toilette gehen könne. „Ach wirklich?“ meinte sie freundlich. Aber das würde ja nicht stimmen, nicht? Der Schalk in ihrem seltsam kindlichen Gesicht war nicht zu übersehen. Es war derselbe, durch dessen liebevolle Maske sie im Februar, drei Tage vor ihrem Tod, beinahe lächelnd zu mir sagte „Muss ich jetzt sterben?“ Wir plauderten also über dies und das und nach einiger Zeit und einigen ausschweifenden Anekdoten und Klärungen meinte sie, sie wäre jetzt müde. Wir sollten doch bitte das Licht im Bad anmachen und könnten dann aber wirklich beruhigt schlafen gehen, den Rest mache sie dann ja alleine. Ich schob zuletzt die Bettschranken wieder hoch und gab ihr ein Küsschen auf die Wange. Da war sie schon am beruhigten Einschlafen. Ich glaube, sie hat es gut geschafft, mit dem gemächlichen Verlassen dieser Welt. Es war genügend Zeit dafür da.

Gestern erklärt, was ein Leuchtturm ist. Die Münchner Familie ist nett.

Vor ein paar Tagen erklärt, was FKK ist.

Das macht was mit einem, diese Landschaft hier. Es ist ja auch ihre Aufgabe, dass sie was mit einem macht, sonst bräuchte man ja nicht hinfahren. Die große Ruhe häuft sich an wie eine Wanderdüne. Ende von Landschaft, Ende vom Leben, Ende von Deutschland.

An der Promenade in Wittdün sitzen ein paar Jugendliche auf dem Mäuerchen der Jugendherberge. Offensichtlich Schullandheim. Ich grüß‘ ein Mädchen mit strengem Kopftuch freundlich mit „Salam“ und sie ruft mir beinahe unfreundlich laut hinterher „Hä??? Salam???“

Und das mir. Versteh‘ einer die Welt.

Beim abendlichen Konzert auf dem Sportfeld von Nebel werden Bahram und Rami komisch angeschaut. Sagen sie. In der Tat, es gibt wenig sichtbare Flüchtlinge hier. Das Konzert ist umsonst und organisiert vom DLRG. Zwei Musiker unter dem Namen „Cris Cosmo“ machen Musik mit viel Publikumsbezug, Arme hochheben, hochspringen, Refrains mitsingen und so weiter. Aber gar nicht so schlecht, sehr professionell. Der Refrain des besten Stückes textet mit ordentlich Riffs und Beats „Es – muss – eskalier’n!“. Ja, denk ich, es muss alles endlich eskaliern, so gehts doch nicht weiter auf der Welt!

Die Jungs stehen vorne an der Bühne und schließen Freundschaft mit den jungen Lebensrettern vom DLRG. Das letzte Stück in Moll und eher langsam, mit Handytaschenlampen (früher bei sowas ja Feuerzeuge, aber wer hat heute noch ein Feuerzeug dabei außer mir?), „Namaste“ und dergleichen, „Frieden“ und auch „Salam Aleikum“. Ein älteres Paar liegt sich weinend in den Armen, die Sonne geht dunkelorange unter in Richtung Sylt und später zu Hause zeigen sich auch die beiden Afghanen recht gerührt übers „Salamalahikum“.

Am Strand buddeln die beiden ein tiefes Loch. Einen Brunnenschacht, so sieht das aus. Fast schon so tief und groß, dass die Verkehrssicherheit gefährdet ist. Sie filmen und fotografieren immer gleich alles und laden es ins Internet hoch, sofern vorhanden. Amrum ist eher eine Internetwüste, jedenfalls dort, wo wir so sind. Das kann einem gefallen. Kann einem aber auch nicht gefallen.

Wir laufen drei Stunden lang durchs Watt hinüber nach Föhr. Mein erster kleiner Sonnenbrand nach vielen Jahren, ich musste die Hose ausziehen bei einem Pril. Danach hab ich sie nicht mehr angezogen. Also bekomme ich in diesem Jahr mal wieder gebräunte Beine, jedenfalls rückseitig, was Frau Mullah gefällt. Glaube ich. Mir selber ist’s egal.

„Schnurz-piep-egal“ würde Bahram, der Sprachinteressierte, jetzt sagen.

In der Ferne vom Strand her Boogie-Woogie, 21.52 Uhr. Fasanengeschrei hie und da. Die Jungs sind zum Feuerwehrfest nach Norddorf gefahren, sie hoffen, dort die DLRG-Jugendlichen wiederzutreffen. Frau Mullah liest auf dem Sofa, ich sitze draußen und tu gar nichts, außer nachdenken oder gar nichts denken und den Abend genießen. Am Strand vorhin genickert, aber immer einen Blick auf die Möven. Sie sind die ersten, die einem die Augen auspicken, wenn man nicht mehr kann. Oder man wird nach einigen Stunden Unbewegtheit vom Sand eingeweht. Ob die Flut gerade kommt oder geht, ich hab keine Ahnung. Den Tidenplan zu Hause vergessen. Am Strand hat es Internet. Ganz leer alles gegen Abend.

„Jetzt kann ich die englische Küste schon sehen!“. Auch so ein schöner Refrain. Liege im Sand und kaue Strandhafer.

Dreimal erlebte ich Kinderurlaube auf Wangerooge. Mein Holzschiffchen hieß „Möve“, leider hab ich es vor Jahren schon auf dem Flohmarkt verkauft. Überhaupt, die ganzem Spielzeuge meiner Jugend jetzt auf Antikmärkten. So lange ist das doch noch gar nicht her. Oder doch?

Und dann mein „Projekt“ mit neunzehn Jahren, immer auf dem Deich lang von Brunsbüttel aus bis an die dänische Grenze zu laufen. Übernachten im Schlafsack zwischen Schafen hinter’m Deich. In St. Peter-Ording machte ich einen Tag Pause. Am Strand, ohne mich einzukremen. Die Nacht in der kleinen alten Kate eines Onkels eines Freundes, alte Landser-Hefte standen dort im Regal, dann kam der Sonnenbrand-Schüttelfrost und das Fieber und ich dachte, ich müsse sterben vor Hitze. Ich beschloss damals, dieses Vorhaben ein ander Mal fortzusetzen. Mit der Haut in Fetzen fuhr ich nach Hamburg, um meine Grossmutter dort zu besuchen. Ach ja, meine „Omi“. Sie war die echte Ostpreussin gewesen und Marine-Braut, die es damals gar nicht gut fand, dass ich den Kriegsdienst verweigerte. Als sich einer ihrer Söhne im jugendlichen Alter einmal die Hand fürchterlich einklemmte, war ihre erste Reaktion gewesen „Oh Gott, jetzt kann er nich‘ Soldat werden!“. Aber ich hab sie sehr gemocht, meine Omi.

Rami erzählt, dass er, nachdem seine Mutter verstorben war und der Vater eine andere Frau heiratete, weg sei von der Familie. Die neue Stiefmutter habe ihn nicht gut behandelt und sein Vater ihn geschlagen. Zunächst habe er in Herat in einem Krankenhaus geputzt. Dann sei er in den Iran geflohen, nach Teheran. Dort habe er drei Jahre lang in einer Textilfabrik gearbeitet und in einer Firmenwohnung gewohnt. Es ist nicht gut für Afghanen im Iran. Keine Papiere, keine Rechte, „illegal“. Man kann sich kaum auf die Strasse wagen. Wenn einen die Polizei erwischt, dann wird man zurück nach Afghanistan geschickt. Schließlich wollte er sich einer freien Armee, die in Syrien gegen den IS kämpfte, anschließen. Die iranischen Behörden finanzierten und versprachen, dass man nach einer gewissen Zeit dort Aufenthaltspapiere für den Iran bekomme. Wenn man noch lebt und nicht enthauptet wurde. So funktioniert das. Man lässt die Entrechteten ihr Leben für staatliche Interessen auf’s Spiel setzen und als Belohnung winken dann irgendwann ggf. Legalitätspapiere. Zynische Erpressung, mehr nicht.

Eine Cousine von ihm, ebenfalls in Iran lebend und dort geboren, hielt ihn ab davon. Auch ein bisschen Liebe schien im Spiel gewesen zu sein. Schließlich kratzte er all sein Geld zusammen und vertraute sich der Schleppermafia an. In Iran habe er keinerlei mehr Zukunft gehabt. Jetzt ist er neunzehn.

Alles so Geschichten. Auch so kann eine Jugend aussehen.

Mit einem flotten Dampferchen nach Sylt geschippert. Nun war ich also das erste Mal in meinem Leben auf Sylt. Dort holte uns der gute Freund aus Grünwald ab und zeigte uns die Insel. Zuletzt Fisch essen bei Gosch mit den guten Freunden, dann, nach fünfeinhalb Stunden, wieder zurück nach Hörnum. Schade, eigentlich hätten wir übernachten sollen. Mit mehr Zeit. Dafür Seehunde gesehen auf einer Sandbank, vom Schiff aus.

Abends in schöner Runde zu viert die Werbungsdinge bezüglich Heiraten durchgespielt. Man muss ja die Eltern der Braut fragen. Und auch den „Ex-Pflegevater“. Sehr lustig und fröhlich alles. Die Jungs sehnen sich nach einem ganz normalen Leben. Mit Liebe, Arbeit, Kindern, Frieden und ein bisschen Geld. Und einem schönen Auto, gerne auch elektrisch.

Seit ewig langen Jahren habe ich nun also mal wieder in der Nordsee gebadet. Alle sagen, so warm und schön war’s lange nicht mehr. Haben wir gut erwischt. Ich glaube schon, dass ich mal wieder hierher will. Boris Johnson will der EU nur 7 von 36 geschuldeten Milliarden bezahlen. Bruch internationaler Verträge. Und immerhin alles Steuergelder. Kommt alles gar nicht gut. Wie kann sich ein Land nur so in’s Abseits manövrieren? Bolsonaro macht Witze über das Aussehen von Macrons Ehefrau, während sein Urwald brennt. Und so weiter, diese News. Gut manchmal, wenn Internet nicht tut. Man sollte jedes Jahr drei Monate lang das Internet abschalten. Wäre mein Vorschlag an die Weltregierung.

Wir spielen Mittwochslotto. Vier Euro Einsatz für jeden von uns, ein ganzer Schein. Jackpot 8 Millionen, wären also 2 für jeden und jede. Bahram und Rami machen Pläne für ein Restaurant. Beide können gut kochen. Ein Ferienhausnachbar schneidet schon den ganzen Tag mit der Heckenschere im Garten. Das dauert. Ich wäre schon lange fertig. Einen Haufen Kaninchen gibt’s hier auf der Insel. „Sind Kaninchen eigentlich halal?“, fragen wir. Immer wieder auch mal Gespräche über Religion. Und Scharia und Grundgesetz und Menschenrechte und all‘ diese Dinge. Gute Gespräche, meist abends draußen auf der Terrasse und die Grillen zirpen ihre Meinung dazu. Menschen sind vor allem ja meist erstmal Menschen.

„Nüscht…“ sagt der Lotto-Mann tags drauf, nachdem der Schein durch die Maschine ist.

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Irgendwann hörte ich dann auf zu notieren. Ein wunderbarer Urlaub. Die diversen schlechten Launen verflogen. Das Navigationsgerät funktioniert wieder, ganz von alleine. Es war auch schön, den Afghanen mal einen anderen Teil von Deutschland zu zeigen. Das hat Spaß gemacht. So, wie wenn man zu Gast wäre in Afghanistan, denke ich. Die Gastgeber würden einem sicherlich nicht ohne Stolz das Land zeigen, Ausflüge nach hie und dort, tolle Berge, uralte Moscheen, die Buddhastatuen von Bamiyan. Zum Beispiel. So ähnlich war das im Norden, jetzt, dieses Jahr. Wie wohl überall auf der Welt. Es geht um Gastfreundschaft.

Nach Wohnungsübergabe des Hauses ohne Namen zur Fähre, dann nach Hamburg, nochmal bei den Freunden übernachten. Reeperbahn gucken, der letzte warme Abend vor dem Umschwung des Wetters. Nächtlicher Hafen. Der riesige Schatten eines ebenso riesigen Containerschiffs schob sich langsam elbabwärts nach Westen. Sowas kitzelt ja immer Sehnsüchte. Ende des Sommers, Ende der Ferien.

Die Rückfahrt über zehn Stunden Autobahn und ein Beinahe-Unfall. War lange nicht so knapp. Glück gehabt, sehr großes. Zuletzt angekommen, überaus erholt. So wie ewig nicht. Ab jetzt nur noch mindestens zwei Wochen Sommerurlaub. Drunter funktioniert nicht. Gerne auch 3. Und gerne wieder an Nordsee. Sowieso Nordsee nicht nur Mordsee. „Eyh Baby, steig auf, lass uns beide, Du und ich, lass uns jetzt nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen!“ flüster ich Frau Mullah, ganz leise, ins Ohr.

es muss sein. laß es so.

fresse Ruesselsheim Invitation

Zum ggf. Vormerken bereits jetzt schon eine herzliche Einladung zur Veranstaltungsreihe „Atelier zu Besuch“, hier: Sebastian Rogler im Gespräch mit Martina Altschäfer, am Donnerstag, den 19. September 2019 um 19.00 Uhr im Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim, Hauptmann-Scheuermann-Weg 4 (Festung), 65428 Rüsselsheim; Eintritt 5,00 EUR, für Mitglieder des Kunstvereins frei.

Information: In der Reihe „Atelier zu Besuch“ werden regelmäßig Künstler*innen eingeladen, um an einem Abend ihre neuesten Arbeiten zu präsentieren. Wie in der besonderen Atmosphäre eines Ateliers können hier die Gäste den Künstler*innen über die Schulter schauen und mit ihnen intensiv über ihre Arbeit, über Technik, Farbe und Inhalte sprechen.

In Sebastian Roglers Arbeit verknüpfen sich Bild- und Textfragmente zu einer Darstellungswelt zwischen Motiv, Zitat, Selbstzitat, Zufall und Sprache. Zu seinem „Atelier zu Besuch“ in Rüsselsheim wird er ein paar auratische Kisten mit Bildwerken mitbringen sowie ggf. kleinere Texte rezitieren, die seine bildnerische Arbeit zu illustrieren vermögen. Sebastian Rogler studierte nach seiner Ausbildung zum Restaurator für Gemälde, Skulpturen und Wandmalerei Freie Grafik mit Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und lebt heute in Hagelloch und Berlin.

Abb. Motiv Einladungskarte: „fresse“, 2018, 21x12cm, Öl/Collage auf Buchrücken, © VG Bild Kunst Bonn, Foto: Klaus Mellenthin / Abb. 2, subjektiv werblich © VG Bild Kunst Bonn, Foto und Finger: S. Rogler

Sollten Sie also irgendwie entsprechend in der Nähe sein, so würde ich mich über Ihr Kommen sehr freuen.

13.8.2019

Nacht ist’s, ich geh‘ nochmal in die Speisekammer nach oben über die hölzerne Treppe, ein Rumpeln dort, um nach dem Rechten zu sehen. Auch wegen unbestimmtem Raschelns, Tippelns und Knackens unterm Dach. Holz arbeitet eben, wie alles Lebendige. Oben aber keine diebischen Kriminalvorkommnisse. So laut unter’m Dach das „tip-tap-touw“, das können keine Mäuse sein in diesen Zwischenräumen, die Marder schon eher. Allen wichtigen zuvor vor mich hin gesprochenen Restgedanken, Fetzen von Klang und Wort, die ich eigentlich noch fragmentarisch und schriftlich festhalten wollte, bevor es oben rumpelte – vergessen in der feinfühlenden Formulierung beim Kontrollgang mit Gänsehaut. Und geballten Fäusten mitsamt Obstmesser. Im Souterrain befindet sich ja nun auch keine Verantwortung mehr ggü. oberen Stockwerken. Zwar kälter unten, aber die da oben müssen sich selber kümmern, sie haben’s ja schließlich wärmer. Um ihre Geräusche schert sich sowieso kaum mehr einer. Oder um entlaufene Katzen, die „Mimi“ heissen, und entlaufene Hunde oder entlaufenes Leben mit Namen „Lucie“, zum Beispiel. Und dann all‘ diese Marder immer. Auch in den Motoren. Die Gespenster finden sich oft zuletzt ein fast im Keller, das ist so meine Erfahrung, also hier bei mir, ausgerechnet, meist dann jedoch völlig entspannt und vor allem überwiegend nackt. Was mich schon auch freut, dann gibt’s immerhin was zu sehen. Gespenster sind ja oft Weibchen der jeweiligen Art. Das war schon immer so. Und ihre Sorgen haben sie meistens dann wer weiß wo gelassen. Mit Sorgen und Nöten anderer Geister konnte ich eigentlich schon immer ganz gut umgehen. Warum eigentlich. Da waren oft Anfragen diesbezüglich, über alle meine Jahrzehnte. Zwickt mich jetzt noch hie und dort, gerne auch ein Knuff oder einen Klaps, dann dreh‘ ich mich um und schlafe weg. Und alle innere Blöße, so schön und von Marmor, sie soll sich voluminös scheren, gerne auch zum Teufel. Eben so, wie sie’s halt wahrscheinlich selbst auch will, jene Blöße, bzw. es so vorgesehen ist oder sein könnte von ganz oben. Und von ganz unten. So blank und weiß sie auch sein mag. Alles an ihr, an dieser Blöße, soll doch bitte bersten. Zerplatzen, im Schönen und Guten, hin zu Alabaster vielleicht, jedenfalls zu einem erstarrten Schimmern im ewigen Weiß, lebendig allenfalls durch bläuliche, grünliche und rötliche Untermalung. Blässe und Blöße sind lediglich irgendwelche Zustände, deren Wahrhaftigkeit mir oft Sorgen und Wünsche bereiten könnte. Danach könnte dann auch zum Heilen und Klagen übergegangen werden, immer und überall, über Hunde, Katzen und Leben, aber ich beteilige mich gewiss nicht, letztlich oder vorletzlich. Nicht mehr. Und dann schon gar nicht trösten. Nicht mit mir, was und wen sollte ich auch trösten, ich hab‘ doch schlicht anderes zu tun. Zudem ja keinerlei Qualifikation.

Grünwald/Afghanistan

6.8.2019

Mit dem neuen metallicgrauen Diesel gemütlich nach München gefahren, mal wieder die Alb hinauf über Hitlerautobahn, Sommer, rechts riesige Baustellen dem Horizont nah, beinahe schon künstliche Ortschaften mit eigenen Zementwerken und Wohncontainerstädtchen, die alle der neuen ICE-Strecke zuarbeiten. Viele Pressing-SUVs, aber – das muss man auch mal sagen – es gibt auch normal sich fortbewegende Audis, die ordentlich Abstand halten und einem gelegentlich sogar den nötigen Vortritt lassen beim Überholen am Berge von osteuropäischen LKWs, die wahrscheinlich alle schnell noch allgemeineuropäisch finanzierte Waren in die sezessionsgewillte Heimat bringen, bevor sie die EU ja unbedingt verlassen wollen. / Egal, anderes Thema. Schön dagegen ist, dass ich das neue Navigationsgerät beginne, innerhalb kürzester Zeit zu verstehen und zu wertschätzen, vor allem die Bedienung dessen und noch mehr seine tatsächlich jeweilig koordinaten- und zeitzonengenaue Aktualität: Wir konnten einen Unfallstau mit tödlichem Personenschaden nahe Burgau rechtzeitig umfahren und dadurch offenbar jeweils 27 Minuten an wiederum eigener Lebenszeit gewinnen. Toll.

Eher schweigend unsere Unterhaltung, Bahram sitzt neben mir. Vielleicht ein wenig Anspannung, nicht nur bei ihm, sondern auch bei mir. Vielleicht sogar mehr bei mir, als bei ihm? Ist doch unser Ziel das Konsulat seines Heimatlandes in München. In einem Vorort genauergesagt, und zwar dem recht noblen Vorort Grünwald. Dort wohnen, wie ich hörte, auch Frank Ribery, Kai Pflaume, diverse andere Premium-Prominente und Schauspieler. Und dort wohnt auch ein guter Freund von mir. Daher war der schöne Plan, an einem Nachmittag hinzufahren, um dann einen gemeinsamen Abend zu verbringen und sich morgens zeitig in die Schlange vor dem Konsulat anstellen zu können. Der Empfang und die Bewirtung sehr herzlich und gastfreundlich, wunderschön, und später im Biergarten tiefgute Gespräche, über eigentlich alles, auch über den Zustand der Welt, den Zustand des Menschen, den Zustand Europas, den Zustand des Internets, den Zustand von Afghanistan, den Zustand der Künste.

Heute Morgen, ich gebe es zu, war ich doch etwas aufgeregt. Nach leichtem Schlaf. Für Bahram war es der erste Kontakt mit einer offiziellen Vertretung seines Heimatlandes seit seiner Flucht von dort vor bald vier Jahren. Der gute Freund ist Anwalt und bot sich an, uns zu begleiten, was ich ihm sehr danke. Er verfügt über eine große und bewundernswerte Souveränität, viel mehr als ich eine solche innehabe, in diesen Dingen.

Der Grund Bahrams Besuches dort war die nur persönlich vorzunehmende Antragstellung auf Ausstellung einer „Taskira“, einem Identitätspapier, welches mit unserem Personalausweis zu vergleichen ist. Vorgelegt zur Erlangung einer solchen werden müssen Kopie(n) von Taskiras männlicher direkter Verwandter, also Vater oder Bruder. Sodann muss vom Antragsteller eine Vollmacht für einen Verwandten oder Bekannten, am besten wohnhaft in der Hauptstadt Kabul, bezeugt werden. Auch dessen Taskira muss in Kopie beigefügt werden. Das Procedere sieht weiterhin dann vor, dass der Bevollmächtigte vor Ort, also in Kabul, mit allen im hiesigen Konsulat unterschriebenen und bestempelten Papieren im afghanischen Innenministerium vorsprechen muss und dort eine Taskira für den (geflüchteten, daher nicht anwesenden) Antragsteller beauftragt. Nach etwa „vier Wochen“ (so heisst es, ob ich das glauben kann, weiss ich nicht) muss dann vom vor Ort Bevollmächtigten das fertige Dokument vom Innenministerium abgeholt und zum Aussenministerium verbracht werden, um es dort beglaubigen und übersetzen zu lassen. Sodann muss der Bevollmächtigte vor Ort alles in einen Umschlag packen und es – per Post – nach Europa zum Antragsteller schicken.

Ich war davon ausgegangen, dass die für die Antragstellung nötigen Papiere, also diejenigen, weswegen wir heute in Grünwald waren, vom Konsulat direkt per Diplomatenpost nach Kabul geschickt werden. Dem ist nicht so, das muss von hier aus geschehen, so erfuhren wir heute. Nun also die Suche nach einer sicheren Möglichkeit, wichtige Dokumente analog nach Kabul zu versenden.

Es war eine nicht unfreundliche Atmosphäre dort, heut morgen in Grünwald/Afghanistan. Überall ein freundliches ‚Salam‘. Vielleicht hatte ich anderes erwartet. Ein Anwesen, ich schätze aus den 1930er Jahren, am Steilufer der Isar, aber verwachsene hohe Bäume verwehren den weiten ursprünglich angelegten Blick. Eine Wiese, die einmal ein Park war, ein aufgelassenes Schwimmbad mit versehentlich ins alte Wasser hineingewehten Antragszetteln, überall kleine Tischchen zum Ausfüllen von Formularen und Gartenstühle, die den Wartenden die Zeit erleichtern sollen. Ein Großraumbüro plein air. Mitten im Garten ein älterer Brauereiregenschirm, unter dem sich ein Behördentisch befand, mit davor gespannten Leitbändern wie auf einem Flughafen, zur Schlangenbildung, wenn zu viele Leute für dasselbe anstehen. Dahinter ein rauchender Sachbearbeiter mit Stempel. „Schon Passport? Oder Taskira?“ Ohne Taskira keinen Passport. Kleine süße Kinder, überwiegend selbstbewusst wirkende Frauen ohne Kopftusch. Manche mit. Familien und viele junge Männer. Alle bewegten sich zunächst in den Keller, dann zu einem anderen Nebengebäude, es wurden Ratschläge gegeben, was hie und da als nächstes kommt, hier noch eine Kopie machen, dann dort wieder anstehen, dann wieder zurück zur anderen Seite des Parks. Und so weiter. Einen anderen ehemaligen „UMF“ aus der hiesigen Heimat haben wir heute sogar auch getroffen. Eine fast familiäre Stimmung in manchen kleinen Momenten.

Nach knapp zwei Stunden waren wir fertig mit allem. Während Bahram gerade irgendwo anstand oder ausfüllte, sprachen der Freund und Anwalt und ich über die juristischen Feinheiten diplomatischer und konsularischer Vertretungen im Allgemeinen. Auch über die Immunitäten von Diplomatenpersonalien und dergleichen. Für mich war es durchaus etwas besonderes, dass ich mich also heute quasi zwei Stunden lang auf afghanischem Staatsgebiet befunden hatte. Sozusagen. Das hätte ich mir vor vier Jahren auch nicht träumen lassen. Erstaunt war ich über friedliche Gelassenheit dieses Ortes und des Geschehens dort, an dem sich sicherlich doch sehr viele schlimme Schicksalsgeschichten bündeln. Umso mehr überrascht war ich, dass zwar das Fotografieren verboten war und sich einige Überwachungskameras feststellen ließen, jedoch keinerlei Wachpersonal offen oder irgendwie martialisch zur Schau gestellt wurde.

Dennoch war ich froh, irgendwann wieder draußen in Grünwald/BRD zu sein, um sogleich mit Bahram die Rückfahrt anzutreten, vorbei an Augsburg, mit dem mich ja auch manches verbindet, dann an Ulm vorrüber und später der autobahnliche Albabstieg mit den sich nachher öffnenden Weiten, immer in Richtung Echaz, Neckar und Waldrand. Frau Mullah empfing uns mit einem wunderbaren Essen und danach machten wir alle wohlverdient – so glaube ich – einen ausgedehnten Mittagschlaf. Ich jedenfalls habe den gebraucht nach meinen zwei Stunden auf einem so gänzlich anderem Staatsgebiet. Es vermag mich zu bewegen, dies und das und solche Sachen, zudem solche Kontraste. Jedenfalls so ein wenig. Immer mal wieder und immer aber auch noch. Das geb‘ ich gerne freiweg zu, so als Weltbürger. Wenn die Dinge einem so nahe rücken. Manchmal Vorteil, manchmal Nachteil. Schwamm drüber.

Hauptsache nun, dass das mit den Dokumenten auch alles klappt. Und sollten Sie spezielle sichere Postwege nach AF kennen, so lassen Sie es mich gerne – bitte via Email – wissen.

Alles nur geliehen.

Räumen, von einer Ecke in die andere, dazwischen immer irgendwo gedanklich und tätig hängenbleiben und „was wollt‘ ich jetzt eigentlich ursprünglich machen, welcher war mein Plan gerade eben noch?“, hunderte gelber Säcke, den Restmüll möglichst zerdeppert, pulverisiert, damit alles in die kleine Tonne passt, Kisten auf der Straße „zum Mitnehmen“, die sich leeren, so solls sein, Haufen bilden für die Abfuhren, Häufchen machen für dies und das, Korrespondenzen verschicken an diejenigen, die es noch interessieren könnte, auch eine Kiste für originelle Kleingeschenke (z.B. Dr. Oetker Tortenguss von 1968 zu neunzehn Pfennige). Oder Vanillestangen und Hirschhornsalz in Glasgebinden von 1972. Daneben Plastiktüten längst vergangener lokaler Einzelhandelsgrößen.

Die Kleidung ist nun abgegeben, bis auf ein paar Erinnerungsstücke. Ich bin froh, dass ich so viel Zeit habe für das alles, Verabschieden. Oder endgültig bewahren. Oder Schatzkisten vergraben im Wald. Dass mir Grabpflege irgendeinen Spaß machen könnte, hätte ich auch nie gedacht. Was heisst schon „Spaß“. Die Fuchsien, die sie immer so mochte, gedeien prächtig. Normalerweise kann ich mir Pflanzennamen nicht merken. Es ist alles in Schalen gepflanzt, da die Erde sich immer noch senkt und aber weitere Geschehnisse da tief unten mag ich mir nicht detailliert vorstellen. So ist das eben mit dem Vergehen, alles nur geliehen.

Die Brotarbeit ist interessant, aber staubig. Ein paar Tage ein sehr altes Haus, welches wir untersuchen auf die Baugeschichte hin. Abends sehe ich aus wie ein alter SPD-Kumpel nach der Arbeit unter Tage. Schwarz im Gesicht und unter der Nase. Die ältesten Stäube sind ca. 520 Jahre alt, ganz ordentlich also, und sie brechen von oben herab über mich herein beim Öffnen uralter Deckenabhängungen in den Kragen meiner Arbeitskombination – ein hellgrauer Overall übrigens – bis zur Unterhose und das Hosenbein weiter hinunter bis zu den Arbeitsschuhen und zuletzt in diese hinein. Gut, dass mir die Arbeit Spaß macht. Obwohl die Gaststätte, die sich im Erdgeschoß befand, um 1926 – also dem Geburtsjahr der alten Dame – umfangreich renoviert und ausgestattet wurde und dort sicherlich kurz später dann eine Vielzahl von Menschen bewirtet wurden, die es gut fanden, das man jüdische Mitbürger und sowjetrussische Kriegsgefangene ermordete, beispielsweise. Und auch nach 1945 tranken dort sicherlich Leute, die den Krieg überlebt hatten, ihr kühles Bier, die das immer noch gut fanden, es nur nicht mehr so laut sagten, oder wenn, dann nur nach dem vierten Schnaps. Im Grunde wie heute also.

Das Gebäude erhielt immerhin einen Bombentreffer, ein Stockwerk wurde ihm als Pfand oder als Preis oder als Strafe genommen. Gottlob nur eins, denn das Haus kann ja nichts dafür für Typen aller und jeder Coleur, die sich dort über die Zeit betranken. Wer weiß, vielleicht tranken dort auch sozialistische Weltrevolutionäre konspirativ. Zuletzt war eine Karaoke-Bar gepachtet. „Nazis raus!“-Aufkleber finden sich und alte SW-Fotos von Black-Music- und diversen Soulgrößen.

Zwei Holzöfen wurden um 1926 eingebaut, in der vorderen Gaststube eher traditionell mit grünen glasierten Speicherkacheln, im neu geschaffenen Nebenzimmer dagegen beinahe in Art Deco oder Volks-Bauhaus mit dunklen rohen Klinkern, formal überlegt gedacht und kühn gemauert. Sicher war es nach Fertigstellung ein modernes Lokal mit all den Tatsachen oder Geheimnissen der Gäste, die hier unwichtige oder wichtige Gespräche führten, die hier ein geheimes Techtelmechtel anbahnten, oder diejenigen, die nur diskutierten, ob die NSDAP wirklich eine Bedrohung für die Weimarer Republik darstellen könnte oder nicht, wobei die Mehrzahl seinerzeit sicherlich darüber lachte und den Kopf schüttelte über derlei absurde Annahmen. Im Grunde wie heute also.

Gepafft wurde ordentlich jedenfalls. Alle Bauteile im hohen Erdgeschoß sind ockrig patiniert und verklebt. Gut, dass mir die Arbeit Spaß macht. Oft muss ich dann dort mal raus gehen auf die Gasse vor dem Haus, um mich abzustauben und um ggf. kurz eine Zigarrette zu rauchen. Beim Rauchen denke ich dann oft auch an das „Neue Bauen“ der 1920er Jahre und frage mich dann immer wieder, wie es zu der Katastrophe ff. danach kommen konnte. Es ist mir ein Großrätsel. Im Grunde wie heute also. Von auch meinen Steuergeldern wird hier im Landtag von der Vogelschissfraktion ein Angestellter alimentiert, der „es kaum erwarten kann, auf Gräber zu pissen“. Das ist diese Sonderbarkeit, für mich, der Demokratie. Schwer auszuhalten. Dass der von meinem Geld sich Pizza bestellt.

Der Wald stürbe aufgrund der Trockenheit, nicht aufgrund der Hitze.

Traf neulich einen, der sich in breitem Dialekt ärgerte, dass er in Ehingen a.d.D. Diesel für unglaublich billige 1,17 Euro volltanken hätte können, jedoch nur ein paar Liter füllte, da er gerade im Begriff ist, seinen Wagen zu verkaufen. Er hätte „heulen können…“ darüber, dass er diese Sparchance verpasst habe. Das war lustig.

Das schöne Wort „Rudelbeten“ und den schönen Satz „Der betet wie Joe Cocker!“ gehört. Abends im Biergarten. Das war auch lustig, dabei liebevoll menschlich, ja fast schon zärtlich. Heute übrigens erstmals das Außenwasser angestellt und einigen im Garten zu trinken gegeben. Thermometer zeigte 40 Grad, das hätte die alte Dame gefreut, die konnte es nie warm genug haben im Sommer. Und wenn dann der Wald am Abend vom leichten warmen Wind rauschte, dann sagte sie oft „Klingt wie die Ostsee, hörst Du, gleich da hinten ist der Strand!“. Heute vor 5 Monaten ist sie gestorben.

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Mein Wagen, ein Diesel, (Abb. hinten rechts) ist nun 8 Jahre alt. In diesen acht Jahren bin ich damit 245.000km gefahren. Er läuft gut, aber ich habe doch zunehmend Angst, dass es vorbei sein könnte und ich irgendwo auf dem platten Land einfach so stehenbleibe. Das wäre nicht gut, denn ich nutze diesen Diesel nicht unerheblich auch beruflich, um entweder meine Bildwerke zu Ausstellungsorten zu schaffen oder um zu oft abgelegenen Baustellen zu gelangen. Alte Häuser, Hütten oder Kirchen. Mit dem Zug oder Bus ginge das nicht, auch deshalb schon nicht, weil ich für letzteres meine Ausrüstung mit mir führen muss. Zum Beispiel Leitern, einen großen Staubsauger, Beleuchtung oder Fässer voller Kalkmörtel. Mein Diesel ist daher ein Hochkombi, manche sagen auch „Mini-Van“. Früher sagte man einfach „Kastenwagen“ und mir gefiel schon immer dieses schöne Wort.

Es ist ein Auto, was von der Seite *scheiße aussieht, aber wirklich sehr praktisch ist. Auch für den Transport irgendwelcher anderer Dinge von Bekannten oder für Umzüge oder zum Entsorgen von Häckselabfällen aus einem verwilderten Garten. Auch kann man damit zu fünft in Urlaub fahren oder zu zweit auch darin schlafen, wenn man nicht zu großgewachsen ist. Man kann schöne Ferien ja auch verbringen, ohne dass man irgendwo hinfliegt. Zuletzt geflogen bin ich vor vier Jahren. Und habe sowieso eigentlich nie wirklich Lust auf’s Fliegen gehabt, außer damals in dieser sechssitzigen Piper-Seneca auf dem Weg von Lamu nach Mombasa/Kenia, als mich der indische Pilot vorne neben sich Platz nehmen ließ und ich die Mangrovensümpfe von oben sah, während derjenige am Steuer irgendeine Zeitung las.

Ich habe gehört, man müsse 150.000km fahren, um die energetischen Herstellungskosten eines Kfz zu amortisieren. Also wieder „‚reinzuholen“. Ich finde es daher gut, wenn jedes hergestellte Kfz möglichst lange gefahren wird. Und ich glaube, mit meinen 245.000km bin ich da ganz gut dabei.

Nun habe ich mich in den vergangenen Wochen, auch im Internet, nach gebrauchtem Ersatz umgesehen. Daneben habe ich viel gelesen, nochmals, mehrfach und auch Neues. Über dieses ganze Thema. Und wieder bin ich entgeistert darüber, wie – teils völlig ohne Vernunft – oft an diese Dinge herangegangen wird, ohne dass oft auch nur Wenige der Wahrheiten überhaupt bislang bekannt sind (oder berücksichtigt) werden. Es ist oft eine völlig aus dem Ruder laufende höchst emotionalisierte Debatte.

Beim Diesel mag ich den geringen Verbrauch vom Kraftstoff. Auch natürlich, dass es sich in Deutschland lohnt, einen Diesel zu fahren, wenn man relativ viel unterwegs ist. Bei längeren Fahrten wird der Diesel zudem ja immer sauberer. Wenn er schön warm ist. Nicht so in den Städten.

In der Schweiz beispielsweise, jüngst gesehen, ist Diesel der teuerste Kraftstoff. Bei uns stets am günstigsten. Warum eigentlich gibt es dieses offenbar verkehrspolitische national geregelte Gefälle?

Die Stickoxide machen den Diesel zum Problem. Manche sagen, das Stickoxid sei verantwortlich für 100.000 mehr Tote in Europa pro Jahr. Oder In Deutschland. So richtig letztlich bewiesen scheint das aber nicht zu sein. Sagen die einen. Die anderen sagen, doch, das stimme. Beweise werden von jeder Seite geliefert. Ich möchte niemanden umbringen. Es gibt ein System, welches die Stickoxide binden kann. Mit Harnstoff, also Pipi. Aber unter minus sieben Grad ließe die Leistung des Kfz dann nach. Ich frage mich, wo das ein Problem ist. Wieso werden nicht endlich übermotorisierte und ausnehmende SUV und diese Angeber-Monsterpritschen mit polierten Aluminiumfelgen gesondert besteuert?

(Eigenes Thema wäre: ‚Die Psychologie hormoneller Mobilitätsauswüchse – Weibliches Sicherheitsempfinden und männliche Verkehrspotenz‘ – oder auch: ‚Wieso stimmt es, dass kleine reiche Frauen mit einem riesigen Auto zur Post fahren, um dort ihre im Internet bestellten Klamottenremittenten abzugeben und wieso stimmt es, weit häufiger, dass sexualtherapiebedürftige Jung- oder Mittelalter- oder schlicht alte Männer mit übergroßen Killermaschinen im Allgemeinverkehr terziäre Geschlechtsorgane simulieren‘. Man könnte das auch edler formulieren, ganz gewiss, aber mir liegt nicht daran.)

Beim klimaschädlichen CO2-Ausstoß allerdings scheint der Diesel immer noch unter demjenigen der Benziner zu liegen. Jedenfalls bei Nicht-Diesel-Neuwagen. Wir erinnern uns: „…erst ab 150.000km Laufleistung…“ etc.

Feinstaub scheint ein generelles Problem für Menschen zu sein. Manche haben nun herausgefunden, dass Benziner mit höheren PS-Zahlen die wahren Feinstaubproduzenten seien. „Echt übel!“ weiss Freund H.

Es gibt also das Weltklima (die *Menschheit mit CO2). Und es gibt die Stickoxide (die *Menschen). Und dann gibt es auch noch den Feinstaub (die *Menschen). Auch medial ja immer wechselweise Meldungen, mal CO2, mal Stickoxide, mal Feinstaub. Beim Feinstaub gehen die Meinungen ebenfalls weit auseinander. Die Fraunhofer sagen, Feinstaub gab es immer, er ist abhängig vom Regionalklima und ein möglicher Hauptverursacher sei möglicherweise nicht zu knapp die Großflächenlandwirtschaft. Und die Windrichtung, beispielsweise während der Erntezeit. Und der Reifen- und Bremsenabrieb. Und die Gülle vom Bauern. Und, ganz wichtig, ob es zwischenrein mal regnet. Das hat auch viel mit Zufall zu tun. Aber Zufall ist, auch wenn chaotisch, Realität.

Den Fraunhofern traue ich übrigens seit jeher generell recht hohe und unabhängige Rationalität zu. Aber wer weiss.

Also Feinstaub, Stickoxide und CO2. Und jeder von uns mittendrin, mit den täglichen Zwangsläufigkeiten, Erfordernissen und vor allem vielen unterschiedlichen Arbeitswelten zum Einkommenserwerb bezüglich Leben und Überleben, wobei hierorts das generelle Überleben ja noch nicht unbedingt infrage gestellt ist. Was die Stickoxid-Kenner bezweifeln. Zu Recht. Wenn es denn nun alles stimmt. Was die CO2-Spezialisten bezweifeln. Zu Recht. Wenn denn alles so stimmen sollte. Was die Feinstaub-Kenner bezweifeln. Zu Recht. Wenn denn alles so stimmen sollte.

Welche Qualitäten und Lebensqualitäten postulieren wir, von denen ja letztlich auch keiner weiß, welche diese nun sind oder sein sollen. In diesem großen Rad Leben und Gesellschaft. Wie alt wollen wir individuell noch werden, oder uns verjüngen sogar, oder saubere Luft ohne jegliche Emissionen und dabei Landwirtsschaftsfeinstaub schlucken, weil wir uns freuen, die Gräser der frischen Ernte zu riechen? Dabei einen halben Liter Zucker täglich zu uns nehmen. Um dies dann aus Lanzarote zu berichten oder aus Ost-Indien. Oder Grillabende genießen mit halal-Rindfleisch auf dem Rost, dessen Her- und Bereitstellung wiederum Wälder abholzt, Methan produziert, Leben vernichtet, eben anderes Leben halt, als das unsere.

Wer will das alles noch ausrechnen? Butter und Käse als Klimakiller. Schlimmer im Grunde als Diesel.

Jede Inspektion habe ich übrigens veranlasst und jeden Abgastest und viel Geld dafür bezahlt. Mit nunmehr 245.000 geleisteten km. Ich habe in dieser Zeit, die mir das Kfz beruflich unterstützte und ermöglichte, stets meine Umsatzsteuer und Einkommensteuer bezahlt. Für allgemeingewichtige Dinge im besten Fall. Der Nutzen von Steuergeldern für die Allgemeinheit obliegt politischen Entscheidungen. Ich finde das wichtig, dass das so geregelt ist. Will sagen, ich bin ein Steuerzahlerfürsprecher. Schön blöd, nicht?

Dennoch würde ich von einem politischen Komplettversagen sprechen, was die Mobilitätswegweiser der vergangenen 20 Jahre angeht. Allzu kurz die Wahlperioden und allzu groß die Interessensvertretungen manch mächtiger Verbände. Und manch mächtiger Verbrecher (wie sollte man sie anders nennen?), die manchen Konzernen vorstehen und lügen und betrügen, was das Zeug hält. Jedenfalls was es hielt. Zuletzt nehmen sie ggf. „ihren Hut“. Mit Abfindungen, von denen ich mir eine Flotte von mindestens einhundert neuen Ad-Blue-Dieseln zulegen könnte.

Ich habe mich nun entschlossen, gemäß meiner finanziellen Möglichkeiten sowie meiner Ratio, den Feinstaub und das CO2 für die wesentlichen Dinge zu halten, die Schaden anrichten. Ich werde also weiter Diesel fahren. Ich fühlte und fühle mich gleichwohl sehr alleingelassen in dieser Entscheidung. Und während und vor dieser Entscheidung. Überall Achselzucken. Oder dumpfe Posaunen, oft seitens vielfliegenden Bürohockern, denen es kein Problem bereitet, die eintausend Meter mit dem Fahrrad zur 36-Wochenstunden-Arbeit zu fahren. Kein Pardon. Der Chef meiner Werkstatt meinte auf Nachfrage nur lakonisch „Abwarten und Tee trinken.“ Klingt fast so schön wie „Kastenwagen“.

Freund H. riet mir übrigens, keinen Euro-5-Diesel mehr zu kaufen. Freund K. dagegen meinte „Ach, egal.“. Beide sind erfahrene Schrauber. Beide wussten auch, dass Euro-4-Diesel sauberer seien als Fünfer. Das hat mich dann schon erstaunt. „Und die ersten Euro-6-Diesel sind noch schlimmer, abgastechnisch!“.

Was bitte soll das alles? Hören Sie mir auf mit Arbeitsplätzen. Oder mit „Wir produzieren doch nur das, was der Kunde will!“ (…) Ich will zukünfig einfach in meinen Tank pinkeln, um dem Stickstoff mit Harnstoff auf eigene Faust den Garaus zu machen. Und ich freue mich trotz alledem auf einen neuen Gebrauchten, ich werde den vielleicht schlicht „Stadler“ nennen. Oder edler: „Winterkorn“. Dabei denkt man dann an wehende Kornfelder im Winter. Schön blöd, nicht? Noch elf Tage bis dahin. Und wenn irgendwo in der Nähe mal eine Biedermeierkommode von A nach B zu transportieren ist oder eine Ladung schweren Münzgeldes, ob weiß ob schwarz, dann einfach bei mir durchklingeln. Ich helfe immer gerne mit meinem bescheidenen Kastenwagen.

ansonsten ist es sommer und wie schön und auch freizügig das mal wieder sich gestaltet mit gelegentlich dichten schauern zwischendurch, welche ja aber so wichtig sind fürs nässen, benetzen und die gänsehaut. und die frauen tragen ihre schönsten kleider.