nerv+

Woher kommt eigentlich diese nirgendwo hinterfragte Zwangsläufigkeit, dass der Mensch unbedingt selbstfahrende Autos erfinden müsste? Ich verstehe das nicht. Mehr noch, ich lehne diese Art von Automatismen menschlichen Möglichkeitsstrebens ab. Ich wurde nicht gefragt. Es dreht ja nicht um die bestaunten technischen Möglichkeiten. Sondern es geht darum, dass Leute endlich ihren Job verlieren. Denn auch die selbstfahrenden Autos werden irgendwann ja nur noch von selbstproduzierenden Robotern zusammengebaut, die ihrerseits dann von Robotern hergestellt werden, welche Roboter zur Produktion von selbstfahrenden Autos produzieren. Und so weiter.

Viel mehr drängt doch eigentlich die Frage, wie künftig mit dem allgemeinen Anspruch auf Mobilität umgegangen wird. Und vielleicht auch die Frage, was man denn mit der gewonnenen Zeit anfängt, wenn einen ein selbstfahrendes Auto von A nach B fährt. Vielleicht ließen sich die Stunden auf der Rückbank dann ja dazu nutzen, sich im mobilen Internet über lebensmittelliefernde Drohnen zu informieren, die alsbald Salat, mittelamerikanische Bananen, Wein, Käse und Zigaretten im Garten oder auf einem Balkon abwerfen, mitsamt Lieferschein, Rechnung, Vorteilskarte und Sammelpunkten. Die Frage ist ja nur, von welcherlei Einkünften ein selbstfahrendes Auto sich dann noch geleistet werden kann.

Der Mensch als ewig Neugieriger. Sitzt auf den Chromosomen, heisst es. Die werden schon noch staunen, diese Chromosomen.

Und weshalb eigentlich haben mittlerweile fast alle deutschsprachigen Medien die hässliche frühkapitalistische Wortwahl des derzeitigen amerikanischen Präsidenten übernommen, wonach derjenige, den man entlässt, neuerdings nur noch herabwürdigend als „gefeuert“ bezeichnet wird? Diese schleichend sprachlich unterwandernde Unterwerfung stört mich, mindestens.

Die mittlerweile inflationäre Verwendung des Wortes „Unterwerfung“ stört mich übrigens auch.

Und mich stört übrigens weiterhin auch die neuerliche Renaissance des Wortes „zerlegen“. Alle naslang „zerlegt“ irgendjemand irgendjemanden. Welch abscheuliches Vokabular.

Zu vorerst vorletzt stört mich, dass die bayerische Lokalpolitik einer Partei, die bundesweit ca. sechs Prozent an (bayrischen) Wählerstimmen sammeln konnte, nun zum gesamtbundesrepublikanischen Interesse sozialisiert wird. Verklärung erster Güte. Und wieso ein „Heimatminister“ seine urbayerischen Interessen, nämlich Wählerstimmen von ganz Rechts zurückzuholen, ungestraft auf Bundesebene zum Allgemeinwohl erklären darf. Mir ist das zu viel Bayern gerade in der BRD. Das ärgert mich sehr, mindestens.

Dabei fällt mir ein: Was ist eigentlich aus der Maut geworden? Das war doch auch so ein millionenversenkendes Männerding als reingrätschender Querschläger. Ungestraft. Auch beim Diesel. Und alles nach wie vor. Verklärung zweiter Güte. Und Bezüge, jedmonatlich, aus öffentlicher Hand. Mir wird sozialübel.

Wenn ich schon höre: „Landesgruppe“. Oder, noch schlimmer: „Landesgruppenchef“. Dann sehne ich mich nach schnellem Darwinismus. Oder einer vernünftigen Revolution.

Zuletzt hasse ich – vorerst – das Internet. Immer wieder mal. Zum Beispiel vorgestern. Ein wildfremder weiblicher Mensch, die sich erst jüngst mit mir „befreunden“ wollte und deren Wunsch ich nach kurzer Recherche ohne Bedenken nachgekommen war, kommentierte ungeahnt und unvermittelt übergriffig leichtfertig drei von mir in saftigen Farben veröffentlichte Fotos, welche die Sinnlichkeit der Beschäftigung mit Ölfarben und meine Begeisterung darüber dokumentieren sollten. Eigentlich ging es bei diesen Bildern um buntes Farbmaterial, ausgedrückt aus großen Tuben in runde Hohlgefäße, die Schönheit seiner Verwendung und den Beginn eines konzentriert händischen Mischvorganges mit Pinseln. Diese Arbeit übrigens in alten ausgemusterten Tupperware-Schälchen aus den 1960er-Jahren.

Im fraglichen Kommentar dann wurden „Assoziationen“ angesprochen, die – reichlich geschickt und ohne etwas konkret zu benennen – unschwer in Richtung Kot und Toilette zu deuten waren. Vielleicht war diese Achtlosigkeit im wohlwollendsten Fall ja harmlos gemeint und nur einfach so, launisch unbedacht, hineingetippt. Aber nun war er da, dieser hässliche Kommentar, er war in der Welt. Leider auch in meiner. Am Thema völlig vorbei und in eine bedenkliche Fäkalrichtung.

Damit war mein ursprüngliches Anliegen vom einen auf den anderen Moment gründlichst „zerlegt“.

Ich ärgere mich über solche Kommentare. Auch, wenn ich solche Durchkreuzungen anderswo mitbekomme. Und ich ärgere mich aber auch über mich, dass mich solche Kommentare ärgern. Und zuletzt ärgerte mich, dass ich überhaupt diese drei Fotos in’s Internet stellte, auch auf jene Sozialplattform, die gerade einmal wieder in aller Munde ist. Dort habe ich schließlich die Fotografien wieder gelöscht und mich ordentlich und mit Schwung „entfreundet“, auch gleich von allerlei anderen im Grunde Unbekannten, im Furor. Selbst schuld bin ich, ich weiss das. Ich hatte im persönlichen Überschwang nicht sämtlich mögliche Deutungsmöglichkeiten von Bildern vorher bedacht. Was man ja tun muss, auch wenn es einem dann gelegentlich einen Strich durch eine zuvor vielleicht hochgeliebte Herzensrechnung macht. Es ist mir also etwas – sträflich – durchgerutscht.

Wieder was gelernt, immer noch, immer wieder. Über diese Grenzen. Sogar nach so langen Jahren in der weiten elektrischen Welt.

Nun ist alles gelöscht. Vergällt. Gefeuert, zerlegt und unterworfen. Es wird Zeit, dass der Frühling kommt. Und der Strom ausfällt.

Sollten Sie zu Hause ausmisten und alte Tupperware-Schälchen finden, bitte diese nicht wegwerfen, sondern immer gerne her damit. Zu mir. Die sind nämlich – neben schöner Form und Farbe – auch weitgehend lösemittelbeständig und daher bestens geeignet für’s Ölfarbenmischen. Das kann man dann ja bald in selbstfahrenden Autos von C nach D erledigen, während man nebenbei Petitionen gegen Angriffskriege von Bündnispartnern unterzeichnet oder Waffenexporte ächtet.

6 Gedanken zu „nerv+“

      1. Trotzdem „Frohe Ostern“.
        (Sie sind bisher der Einzige, dem ich dieses zugerufen habe. Die Idee gefällt mir, dass ich mir die Grüße für dieses Jahr spare. Abgemacht.)

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