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früher gab’s 3 briefkästen im dorf, ausserdem sogar eine poststelle mit schalteröffnungszeiten und personal, heute nur noch einen briefkasten. früher gabs 2 metzgerläden im dorf, mit wursträdchen über die theke für die kinder, heute keinen mehr. und einen edeka und einen rewe, in steinwurfweite, früher, heute gerade mal noch eine bäckerei mit ein wenig zusätzlichem.

früher gabs zwei bankfilialen, heute immer noch, aber die eine hat seltsame öffnungszeiten. früher gabs kein internet im dorf, früher gabs ja sowieso gar kein internet. heute gibts internet, auch im dorf. früher gabs keine bankomaten, heute zwei. im dorf. früher gabs zigaretten beim bäcker an der theke, heute nicht mehr, schon lange. früher gabs 7 zigarettenautomaten im dorf, heute noch zwei. bis letzte woche noch drei. den beim italiener im sportheim und den in der schwäbischen küche im unterdorf nicht mitgezählt.

früher gabs noch einen bürgermeister im dorf, heute gibts einen ORTSvorsteher. früher hat im automaten am halben ende der strasse die packung camel 2 mark gekostet. und früher gabs noch einen feldschütz im dorf, den man ärgern konnte, wenn man über die wiesen lief, während diese hoch standen. früher konnte man vom waldrand aus noch die schwäbische alb sehen, heute ist das alles zugebaut. früher gabs auch keine pfarrerin im dorf, sondern einen pfarrer.

früher gabs nur eine bushaltestelle im dorf, heute zwei, die zweite im neubaugebiet, welches auch schon lange nicht mehr NEU ist. früher gabs eine dörflich genossenschaftliche molke im dorf, da ist man abends als kind hingeschickt worden mit märkchen, um die milchkanne füllen zu lassen. dann, später, wars ein automat irgendwann und spezialmünzen zum einwurf und keine molkefrau mehr, die die kanne füllte. früher hat man dann als kind angst gehabt bei heimweg mit der milchkanne, weil irgendwann die strassenlaternen aufhörten am RAND vom dorf. ich hab dann immer gepfiffen gegen die angst vor den bösen männern und frauen. und dann war die molke ganz weg und überall gab es tetrapack und strassenlaternen.

als aldisüd aufgemacht hat, nein, ach was, schon lange vorher. in der zeit, als es noch keine (früher) fruchtjoghurts im supermarkt gab. und wenn, dann naturjoghurt und im gläschen aus glas, haltbar drei tage, mehr nicht. als es früher überhaupt noch gar keine supermärkte gab sowieso.

früher gabs auch noch eine mülldeponie am ortsausgang, wo man im vorbeifahren die mülltüten reingeworfen hat. einfach so. früher gabs auch noch keine mülltrennung. früher gabs auch noch kühe und schweine im dorf. früher gabs auch noch schranken im wald, damit nicht jeder dackel da durchfährt. Heute fährt da jeder dackel durch. früher gabs noch einen förster im forsthaus im dorf, der hatte alle schlüssel zu allen schranken im wald.

dafür gabs früher keinen italiener im sportheim und keine flutlichtanlage, keine bankomaten und kein internet. Heute befinden sich auf dem alten försterhaus solarmodule. Die gabs früher auch nicht.

Telefonzellen gabs früher auch im dorf, heute keine mehr.

Früher durfte man noch ordentlich lindan in die holzschutzfarbe mischen, weshalb die verschalung vom haus am waldrand noch vollkommen in ordnung ist (bis auf die wetterseite). HEUTE (hingegen) fault jedes holzteil nach 6 jahren durch, dafür gibt’s heute auch wieder wanderfalken und schmetterlinge. Früher durfte man noch wespennester unter den dachpfannen mit einem wunderspray wegmachen. Oder sogar hornissennester.

Dafür gibt’s heute ein geburtshaus in der exkneipe gegenüber der kirche. Geburtshäuser gabs früher auch nicht. sowieso. geburtshäuser und käuzchen gibt’s heute wieder. Die käuzchen waren zwischenzeitlich verschwunden.

Früher gabs mich auch ohne internet, heute gäbs mich nicht mehr, gäbs kein internet. zumindest hier im dorf. Früher wurden die äpfel im herbst zu most verarbeitet, heute liegen die auf der strasse herum und man kann sie matschen mit den autoreifen im geschickten vorbeifahren. Oder, wie früher, sie wie eine kegelkugel in richtung der steil herabführenden strasse werfen, damit sie 150m weiter unten auf den bordstein klatschen und spatzen oder den alten bertold erschrecken. Früher wie heute: das macht den größten spass.

Früher gabs auch keine blausilbrig lackierten lederschuhe, dafür heute. Ich überlege käuflich. Als ersatz. für und als manifest gegen die bunten turnschuhe überall. Als launisches herbstgeschenk gegen alles weltlich zu erwerbende stellvertretend. Und dann würde ich deren mehrwertsteuer absetzen als berufskleidung Für die ewigen affen. Die braucht die gesellschaft heute. Auch wie früher. Ich bin ja gern einer von denen, aber das muss auch ORDENTLICH bezahlt werden. Früher hätt ich das nicht gekonnt, das absetzen. Nicht gewollt. Früher wäre ich nicht mal draufgekommen auf sowas.

früher gelatine, heute pixel und paste mit sinn.

Wenn man also jetzt (meine frühere zählung) 38 mal „früher“ zählt, dann kämen bei 2 euro pro hier verlautbartem „früher“ circa 76 euro+ in die FRÜHERKASSE. Wofür diese kasse verwendet werden wird, das ist noch nicht klar. Früher wär man dafür wahrscheinlich ordentlich irgendwie saufen gegangen. 

Man müsste sich wahrscheinlich auch gedanken machen über eine „wahrscheinlich“-kasse, oder eine „irgendwie“-kasse. Oder eine „man“-kasse. Das hätte man früher wahrscheinlich irgendwie auch nicht SO gemacht. diese gedanken sich.

schpfg.

In den Pausen beim Rauchen denke ich oft an die Schöpfung. Die Falken sind wieder da und lassen den Rest ihrer Mahlzeiten von ihrem Fressplatz aus – hoch oben am Südturm – wie immer vor das südliche Westportal herunterfallen, allerlei Flügel ohne den Rest, Fragmente von Fusskrallen, mal beringt mit einer gravierten Mobilnummer des verlustig gegangenen Züchters, mal unberingt, oder ausgehöhlte Torsi von Amseln, Tauben und ähnlichen Beutetieren. Die hübsche Bettlerin vor dem Haupteingang, auch sie ist wieder da und die Eichelhäher sind auch wieder da, was erstaunlich ist, denn im letzten Jahr waren durch einen Kapitalfehler der Eltern bezüglich der Wahl ihres Brutplatzes hinter dem steinernen Laurentius an der Südseite durch die Sommerhitze die drei gerade flügge gewordenen Jungen wahrscheinlich vor Durst ums Leben gekommen, ich hatte besorgt noch ein Töpfchen mit Wasser an den Boden platziert, erfolglos, und der Mesner brachte dann den letzten Jungvogel, der noch lebte, zur nahen Polizeistation, wo sie ihn sicherlich weiterreichten zur Vogelstation, aber ob er das wirklich geschafft hat, ich weiss es nicht, ich glaube es nicht, ganz ehrlich gesagt. Und auch ich bin ja wieder da (hier: als Teil der Schöpfung), ebenso der Kollege, die forschen Bauforscher, die Architektin, die Holzleute, die Bratwürste, die Glasfrau, die Steinleute mit dem Jäger R. und seinen beiden Haralds. Die alte Frau allerdings mit den langen grauen Haaren im kunstvoll geflochtenen Zopf, die in den letzten Jahren jeden Morgen ehrenamtlich im Innern staubsaugte, stets freundlich in Allem und ebenso grüßend, ist nun nicht mehr da, ich fragte den Mesner heute besorgt nach ihr, ja, sie lebt gottseidank, aber sie würde jetzt am Rollator gehen, wegen einer alten wiederkehrenden schlimmen Borreliose, weshalb sie leider nicht mehr staubsaugen könne und freundlich sein. Er müsse sie dringend mal wieder anrufen, sagt er. Und auch das ganze Material, was wir benötigen und verarbeiten: Es ist wieder da. Anders in diesem Jahr ist, dass ich mir für die zu erledigenden Putzergänzungen aus Heißkalkmaterial nun sehr diszipliniert Einmalhandschuhe aus der Apotheke überanziehe, damit die Haut meiner Hände sich auch weiterhin einigermaßen zur Schöpfung dazugesellen kann. Man mag kaum glauben, wie sehr und vor allem schnell das Kalkwasser eines sich gerade erst selbst gelöscht habenden Kalkes angreift und Greisenhände mit offenen Stellen verursacht, deren kleine und größere Krater und Furchen dann suppend Wochen benötigen, um auszuwachsen und abzuheilen. Nicht ganz und gar schlimm, aber auch alles andere als ganz und gar gut. So ähnlich verhält es sich bislang in diesen Halbwochen, Tagen und Stunden mit den sonstigen Vorkommnissen. Es ist eben Zwillingszeit. Da gehen die Daumen nach oben und nach unten, so schnell kann man nicht denken.

Busen und Bussen

Auerbach/Opf. und Michelfeld/Opf., in einem Haus des Barock eine andere Welt, seit fünfzig Jahren im Schlaf, zunächst der Bauhof des Klosters und dann säkularisiert eine Fabrikationsstätte von Zirkelkästen oder Zigarrenkisten auf vier engen später schlampig eingebauten Stockwerken, staubig, unbeheizt und gerade so, dass man stehen konnte, dazu das Fabrikantenzimmer, dort eine zurückgelassene Melone, mit einem alten bemalten Safe, den keiner mehr wegbewegen will, genausowenig wie das uralte Klavier, zwar schön, aber auch nichts mehr wert. Ein schöner verwunschener Ort, ein Dornröschen, welches nun gottlob ein Liebhaber wachzuküssen sich offenbar gefunden hat. # Bei der Rückkehr durchgeknallte Erzieher und denen Nachhilfe geben müssen im Urheberrecht, Energiesauger und klebrige Aufmerksamkeitsbinder, die das alles auch noch lustig finden oder nichts anderes zu tun haben, wie ich das verabscheue, vor allem, wenn halbpädagogisch verlautet, man habe ja „genau diese Diskussion erreichen wollen“, diese unsäglichen und längst abgehandelten Sachen zu Handschrift, Autorenschaft, Aura und der Umkehrung all dessen, die Künstlerstilisierung mit Anzug und Herrschaft, Salon und Generalschauspiel, da man ja nicht darauf angewiesen ist, sondern Beamter, was man selbstverständlich weglässt, wo es nur geht. Diese Arten eines zynischen Kunstmissbrauchs, verachtensreife Auftritte, vor allem auch, wenn sie im Saft der finanziell gehobenen Mittelschicht einer dünstenden Kleinstadt vollzogen und mit mutmaßlich eigenveranlassten Lexikoneinträgen selbstverliebt beworben werden. # Schwamm drüber. Im Grunde wohl ein guter Kerl. Die Abschüttelung jenes Grundzornes vom Lindenblatt meiner Seitenlinie gelang gelungen und wertezügig. Musste mir auf die Schulter klopfen, die während des Klopfens schon vergessen hatte, was eigentlich das Thema gewesen war. Nicht zuletzt auch wegen eines wunderbaren Tages der Väter und einer Bollerwagenfahrt in eine Herzensgegend seit jeher, die unendlichen Weiten des oberen Landes mit der jungen blauen Donau, schönen Haufendörfern, einem kompakten Käsekuchen ohne Sahne und einer Dialektnuance, die ich doch so sehr mag. Von der höchsten Erhebung Oberschwabens waren die umsäumten Spitzen der Alpen zu erkennen, davor lasziv hingestreckt der Federsee und im Rücken den Busen des Bussen mit schwäbischer Alb am erfahren geschnürten Korsett der sagenumwobenen Klifflinie. Den Abschluss bildete eine Forelle und eines der besten Biere der Welt. Das Retour sodann durch leere Gegenden und Ortschaften, da alle anderen Väter bereits betrunken im Bett lagen und traurig an diejenigen ihrer Kinder dachten, die ihnen einst abhanden gekommen waren.

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(würzig, herrlich!)

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(letztes Jahr)

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(dieses Jahr)

Bei Norma/Rodi passiergelaufen auf meinem Weg zu Mandy, Steiff und Calida im Schlafanzug an der Ecke. Und forsch im Vorbeigehen am Discounter die monumentalen hochauflösenden Werbefotos im Schaufenster mit 1. Fleisch, 2. Salat und 3. Brot betrachtet. Nächst handgemachten Bratwürsten. Irgendwo auf der Welt also sitzt ein Mensch, der von sich behaupten kann, er habe diese Fotos gemacht. Oder besser, weit feinfühlender: Da sitzt vielleicht ein Mensch, irgendwo auf der Welt und der kann sagen von sich: „Ach, das ist ja jetzt nett, es freut mich sehr, dass Sie nachfragen, wo Sie den langen Weg hierher zu mir sich nicht scheuten, um mich zu finden, jaja also, ich bin derjenige, ich bin DIEjenige, derdie die monumentalen hochauflösenden Werbefotos von Fleisch, Salat und Brot für Norma/Rodi gemacht hat, mit denen die seinerzeit Auftragenden ihre Schaufenster nun allwerblich zuklebend ausstatten.“

Alles, die ganze wunderbare Welt, trägt jetzt fast unvermittelt und wie auf ein Kommando aus dem Hinterhalt sehr farbige Turnschuhe zum Bauch. Oder den Beinen, durch die man hindurchpusten kann. Sogar diejenigen, die schon Rente beziehen. Überhaupt Grundfarben. Auch Unterwäsche jetzt in strengem Gelb. Oder lustigem Nurblau, ouvert. Ich verweigere das Thema. Auch meinen kürzlichen Halbwunsch nach silbernen Turnschuhen muss ich nun züchtigend überdenken.

Mir ist eine weitere erotische Geschäftsidee. Diesmal hochpreisig und ggf. paartherapeutisch mit Esprit. Ein sehr wertvolles Großmöbel wäre das, überaus speziell. Baltischer Ahorn, geölt von wissenden Händen. Einen Schreiner hätte ich schon, wenn jetzt noch der Vertrieb klappt, dann bin ich ein Gemachter.

Wie der Schreiner kanns keiner. Der Organist gestern in der Kirche war ein Spaßvogel. Ich mag keine Organisten, die Spaßvögel sind, wenn sie arbeiten, während ihr Instrument kaum fünf Meter neben mir hängt, nicht jedoch sie, weil sie zwanzig Meter unterhalb den Tisch bedienen und dabei an ihre Freundin oder an Pizza denken. Alles wurde angebissen und aber die Birnen nicht zu Ende gegessen bis zum Gehäuse.

Die Gesamtmaschine, ich muss sie herunterfahren. Dabei ist sie doch vergleichsweise ohnehin so klein. Das Zeug weg, Gebilde weg, das Auto weg, das Benzin, der Diesel, die Asche, das Sammeln, die Notizen. Die Bäusche der Infrastruktur abschmecken und die Zungen zergehen lassen. Und zwar mit allen Anhängseln.

DANN werde ich auf meiner Vespa 200 mit schmalem Lederrucksack, Stahlhelm und Skibrille auf die immer entlegeneren Baustellen fahren und im Zelt am Fleckenrand auf einer Gemeindewiese neben Streuobst schlafen, welches schon lange keiner mehr erntet. In evangelischen Gegenden würde ich abends gelegentlich in der Wirtschaft mit der womöglich alleinstehenden Pfarrerin flirten, nur, damit ich WOMÖGLICH alle drei Tage im Pfarrhause morgens duschen darf im Tausch gegen eine kleine Zeichnung auf dem Bierdeckel einer ländlichen Privatbrauerei des jeweiligen Vorabends mit sinnstiftenden Motiven und dazu vielleicht dem ein oder anderen Busen dargestellt darauf mit SPD-Kugelschreiber oder ein anderes liebevoll graphisch umgesetztes Geschlechtsteil, angedeutet oder konkret bei Gewitter (mit Fürbitte).

Diese bemalten Deckel werde ich dann später alle zurückkaufen.

Und würde dabei Schwierigkeiten haben, die jeweiligen Adressen, Namen und Provinienzen wiederzufinden, was mir allerdings zu guter Letzt sicherlich gelingen würde. Dank der Köchin.

Wer eigentlich und wieso hatte einem dieses ICH einst zugemutet? Unter einem Himmel, der mal weiter und breiter wurde und dann wieder sich zusammenzog, wie es doch versprochen ward am Beginn aller gedachten Anfänge. Kleiner und überschaubarer, im Wissen und in der Erkenntnis IMMER zunehmend, zunehmend. Wer war das. Der schon wusste: Die alte Dame, die geht. Die Kirschkern, die beginnt, zu leben.

Es ist so ein Hormonwetter. Und dazu auch noch so plötzlich.

agip

tgbch.; italiener und spanier mit nebenstehend einheimischem unterhalten sich in englisch, neben mir, neben mir ein bier, lauter kunstschaffende, eine eröffnung ist das, sie unterhalten sich über das berliner blau und den zeitpunkt der erfindung in berlin, ich schalte – was ich sonst nie tue – mich ein, grätsche freundlich mitteilsam dazwischen und erkläre, dass es ein wettlauf war zwischen berlin und paris meines wissens, ein künstliches blau erstmals herzustellen, irgendwann anfang des 18.jhs und dass beide chemiker beinahe zeitgleich es gefunden haben, das rezept (miloriblau), und dass es deshalb, dieses blau, auch pariser blau heisst, neben preußischblau und berlinerblau. dass es aber nur drinnen angewendet werden konnte, weil es nicht kalkecht ist, suche nach dem verdammten englischen wort für kalk, es fällt mir ums verrecken nicht ein und der typ neben mir – eher ein bildhauerisch arbeitender, wie er vorher auf die freundliche frage des einheimischen geantwortet hatte und dass er gerade nicht reden wolle über sein werk, maniriert etwas, er sei „so erschöpft“ – schaut mich genervt an, zumindest bilde ich mir das ein, genervt über meine besserwisserei, dabei war es doch nur auskunftsfreude in einem mir gut bekannten terrain. aber die anderen danken artig, wirklich eine nette episode, ich sage immer „chalk“, aber das heisst doch kreide, schließlich, schon auf dem weg hinab vom berg fällts mir ein – „lime“, das ist es, fand ich immer schon komisch, denn leim heisst doch „glue“, das ist ein sprachkreisverkehr, ein komischer. und so weiter. und erst mitte des 19.jhs erfindet BASF near of mannheim, also „in the south of frankfurt“ das synthetische ultramarin, woraufhin alle alles an der wand und im aussenbereich erstmal blau streichen, so toll war das. dass das plötzlich erschwinglich nicht nur für die könige und die kirche war. die einzige zeichnung, die ich hätte kaufen wollen bei dieser ausstellung, ist diejenige, die plötzlich verkauft ist. auch recht, geld gespart, welches ohnehin nicht anwesend.

immer wieder diese blau-geschichte.

heute eine jungsche gesehen auf der strasse, die sich die haare grau gefärbt hatte. mein erstes mal, sowas zu sehen. muss gefärbt gewesen sein. ein paar schritte später hauen mich zwei studentinnen an, sie würden kunst studieren und hätten jetzt so ein project, dass sie passanten ansprechen, um jene um etwas, einen mitgeführten gegenstand oder ähnliches mitsamt dessen geschichte zu bitten. ich gab ihnen meine notstreichhölzer, ein bedrucktes zündholzheftchen von AGIP aus dem jahr 1974, damals waren die alte dame und ich mit einer tante im alten peugeot durch italien gefahren bis hinunter in den golf von neapel. die beiden waren beeindruckt und bedankten sich sehr. mir hat das auch freude gemacht, man muss ja auch weiterreichen die dinge, die schöneren.

analog eben

tageb.; rübergelaufen nach nordosten, mit der grünen jacke seh ich aus wie bolle, wie ein zeitloser opa, über heinrichplatz (remember „rote harfe“!), später lieblingsköfte in der „hierlebtderkoran“-strasse und sanft geglitten in die dresdnerstrasse, wo sich einst die galerie broschwitz befand neben der mauer, die grad gefallen war, und wir jeden abend in den w.-engel am anderen ende der strasse rübersind um alles kleinzukauen (kunst, welt, frauen) mit unseren cowboystiefeletten, grüne jungs, die wir waren, dann den bus nach westen und noch ein wenig u-bahn tuckeln und dann verlaufen in moabit, wo wir vor 6 jahren beim perser mal waren, die kleine kirschkern usw., zusammen mit der kinderladenperle, und irgendwie schon abschied gefeiert haben und wo ich nun, hab ja kein smartphone, die ottostrasse nicht fand, wo einst der liebe ex-neffe wohnte, (immer diese „wo“-reihungen), nur, um eine querstrasse der ottostrasse zu finden, die ich dann aber irgendwann auch fand und wo wir dann wunderschön getrunken haben, die saoirses und ich, es geht eben nichts über langjährig analoge bekanntschaften. oh ja, denn das erst-analoge konnte ich auch schon nachmittags erleben bei einem ebenso sauschönen kaffee und kuchen im lieblichen kreuzberg-süd-ost, wo die stunden im fluge verflogen, mit erzählen, berichten, dem beschreiben von katastrophen, lachen und viel viel herze. dank, liebe chronistin – das machen wir wieder!

heute schnürsenkel kaufen und abends zum gasometer. schon wieder trinken. und eine quatschkarte an die kirschkern.

Odessa

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(Fotographie, 23x29cm, Fundstück Flohmarkt 1997, Bildseite)

Mein Urgroßvater Johann Schneck, Kolonist, Landwirt und Lehrer, war es, der in Odessa ein stattliches Mietshaus für 26 Parteien erbaute, mit erstmals (so wird es stolz erzählt) fliessend Warmwasser und einer Zentralheizung. Das muss um 1910 gewesen sein. 1918 flohen er und seine Familie vor den Bolschewisten, zunächst nach Istanbul und dann zwei Jahre später nach Stuttgart, die Stadt der „Auslandsdeutschen“. Mein Grossvater Rudolf Schneck wurde 1898 in „Südrussland“, also der Ukraine, geboren. Auch er floh nach Stuttgart und heiratete dort meine Großmutter Johanna Schneck, die von der schwäbischen Alb stammte. 1920 wurde mein Vater Harald Alexander Schneck geboren. Den zweiten Namen „Alexander“ gaben seine Eltern ihm für den sehr ersehnten Fall, einst in die gegend um Odessa zurückzukehren. Russisch sprachen sie alle, außer meiner Großmutter, die schwäbisch sprach.

Gerüchte besagten, dass beim Einmarsch der Bolschwisten in Odessa der Hausmeister des Gebäudes liquidiert wurde mitsamt seiner Familie, weil er für den Besitzer des erwähnten Anwesens gehalten wurde.

Urgrossvater übersiedelte ein paar Jahre später nach Pommern und bewirtschaftete fortan dort ein landwirtschaftliches Gut (ich glaube, es hieß Eschenwalde), zusammen mit seiner Frau Katharina, einer geborenen Levi. Mannigfache spätere Ariernachweise seitens meines Großvaters (also ihres Sohnes) belegen seinen Wunsch, diese Herkunft in schwieriger Zeit möglichst unsichtbar zu gestalten. Das Grabmal meiner Urgrossmutter entwarf ihr Witwer selbst, es wurde später offenbar geschändet von der SS wegen des gravierten Namens „Levi“ (so wie es eine Großtante, die in Berlin, Hauptstadt der DDR, ihr Leben verbrachte, mir noch direktmündlich überlieferte nach der Wende, irgendwo in Treptow im Herbst 1999, VH 2. Stock).

Durch den Hinweis eines neuköllnischen Nachnamensvetters bekam ich, ebenfalls 2003, brieflichen Kontakt zu einem sehr alten Herrn, Viktor S., wohnhaft mittlerweile in Dormagen in Westdeutschland und spät übersiedelt aus Kasachstan. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn der Schwester meiner Urgroßmutter war. Er bestätigte die Existenz jenes Mietshauses in Odessa bis heute und sandte Fotos, die Bekannte in seinem Auftrag auf meine Anfrage hin davon angefertigt hatten. Diese Fotos würde ich nun gerne hier teilen, aus einer Laune heraus, mitsamt anderen familiären Lichtbildern aus jener Zeit. Jedoch befinden sich diese in Süddeutschland, wo ich mich gerade nicht befinde. Ich werde das ggf. nachholen oder auch nicht.

Ich wollte mir immer schon mal diese ganze väterliche Herkunftsgegend in der südlichen Ukraine ansehen. Auch deshalb. Und in Odessa, der Hafenstadt mit diesem so wohlklingenden Namen, das alte Mietshaus suchen. Danach vielleicht einen Badeurlaub auf der Krim anhängen. Das wird nun aber wohl bis auf weiteres nicht möglich sein. Und ich dachte und hoffte, diese unvernünftigen Zeiten seien vorbei.

Das alles ist Europa. Nicht das alte und nicht das neue, sondern das, was es ist. In seiner ganzen Verwobenheit. Es scheint kaum, dass die Verantwortlichen aus Übersee darüber irgendeine Empathie haben. Insbesondere nicht diejenigen, die sich nun weltpolitisch forsch, konfliktorientiert und kriegsbereit geben. Ich würde ja auch nie auf die Idee kommen, Kalifornien den Spaniern zurückzugeben oder den Irokesen Waffen liefern.

Genausowenig allerdings auch, wie ich derzeit eine Militärparade ausgerechnet auf der Krim abzuhalten planen wollen würde.

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(Fotographie, 23x29cm, Fundstück Flohmarkt 1997, Rückseite)