Archiv der Kategorie: Allgemein

Weißt Du noch?

(Natürlich wäre noch viel mehr zu berichten.)

Geschichten vom ehemaligen Schwager, der sich zwei „Bartlose“ hielt, neben seiner Frau, die das Haus nicht verlassen durfte und die nicht mehr lebt mit 22 seit einem Jahr, auch sie wurde offenbar fremdentleibt, die Gründe im Dunkeln. Dazu wurden vor 18 Monaten Dinge gesehen, die die Augen niemals vergessen würden. Mittlerweile fragen wir gar nicht mehr, was das gewesen sein könnte. Aufregung und Angst wegen der neuerlich staatlich verordneten Personalienaufnahme, nächtliches Rucksackpacken im Übersprung, beruhigen unsererseits. Angst wegen einer Kontrolle im Park, in Folge Schlaflosigkeit, beruhigen unsererseits. War ja nichts. Nicht im Traum daran denken, der Polizei Geld anzubieten, wie im Heimatland üblich. Erzählungen vom Hüten des Viehs und dem Bewachen der gedroschenen Ernte in der Nacht, alleine mit dreizehn Jahren irgendwo in den schönen Bergen eine Stunde vom Haus entfernt und Diebe und Häscher in der Nacht, alle wenig zimperlich im Totmachen und Anzünden.

Im Winter ist keine Schule. Dann haben die Kinder vier Monate Zeit zum Spielen. Die Augen leuchten bei solchen erinnernden Erzählungen. In beginnender Adoleszenz dann die Mädchen vormittags zur Schule, die Jungs nachmittags. Oder andersherum. Oder eben gar keine Schule, die ist schon fast Luxus, stattdessen Arbeit ab Kindheit, wie der kleine Bruder. Und aber auch lachend: „Ich war Chef von den Kindern im Dorf!“, das glauben wir sofort, alle grinsen. Und immer wieder diese Anschläge und Vertreibungen und Morde nachrichtlich, dann große Betrübtheit, Sorge und stille Trauer.

Inzwischen wurden Praktika absolviert, eines beim Friseur, eines im Bekleidungseinzelhandel, viel Schule und Hausaufgaben, es wird ein zusätzlicher Sprachkurs zweimal abends in der Woche besucht, es wird Handball gespielt im Verein, zwei Klapprechner wurden angeschafft und das WLAN erweitert, es wurde erstmals Skigefahren, Zukunftspläne werden konkretisiert formuliert, was sehr schön ist. Es wird gemeinsam oder nach Lust gekocht, säckeweise Reis im Regal, ebenso Gewürze, von denen ich noch nie hörte und schmeckte. Ein kleiner weiterer Job vielleicht, im Dorf, hoffentlich klappt es, Probe war schon. Ein paar Konfliktgespräche, bei denen auch ich mich dann mal patriarchalisch und lautstark meldete. Man lernt ja dazu als bisher in solchen Sachen eher ungeübter Tochtervater.

Es gibt eine Arbeitserlaubnis fürs Handwerk, die hiesigen Preise für Teppiche werden bestaunt und eine Kommunikationsgruppe jenseits der Erwachsenen mit dem schönen Namen „Mullahkinder“ wurde eingerichtet. Die Kirschkern lernt mittendrin aufs Abitur, ein Boxsack hängt im gewölbten Keller des schönen alten Hauses, welches allen und allem Raum gibt, dank der Köchin alias ‚Frau Mullah‘ und dank der Kirchengemeinde. Ein paar Termine und Gespräche mit den Ämtern und bei alledem immer, es ist eine schöne und nicht eben unaufregende „Big Family“. Stets mächtig in Bewegung. Mit allem drum und dran.

Kaum zu glauben: Ganz bald nun leben sie schon ein Jahr bei uns. Die ersten Flashbacks kommen bereits, „… weißt Du noch?“ – Das wird gefeiert werden!

(tbc)

Silberburg

Silberburg

Das Wichtigste immer, dass in einem hergestellten Bild wenigstens etwas stattfindet. Es darf auch gerne langweilig aussehen, Hauptsache, es findet irgendetwas statt. Und ich bin endlich dahintergekommen, dass man sogar am süddeutschen Waldrand Radio-eins vom rbb hören kann, insbesondere abends, nämlich über den Klapprechner. Plötzlich versetzt mich das sehr angenehm und vertraut zurück ins Schöneberger Atelier. Hier aber ist Fuchs und Hase und ich genieße es, über die Verkehrslage auf der A100 informiert zu werden oder über Blitzer auf dem Columbiadamm. Beim Pinseln so vor mich hin muss ich kopflachen, über diese letzten Jahre, und wie schön es ist, wie viel doch geschehen ist und wie viele Brüche seither ins Meer flossen. Alles vermutlich Mikroplastik. Die europäische Wasserscheide ist ja nicht weit weg. Die Kollegin meinte in dieser Woche auf der Baustelle in der Landeshauptstadt, was doch ein Mensch aushält. Sie dachte dabei an den ersten Punk in der universitären Kleinstadt, der immer noch lebt, sie habe ihn neulich gesehen, zwar arg beschädigt, aber lebendig. Und wie fröhlich ich bin, zur Zeit jeden Tag nach Hause fahren und ebenda sein zu können am Abend.

immer noch

Fragment:

„…da verwelken sie schon, diese ersten schneeglöckchen und die frühlingsvögel zwitschern bereits und jetzt rufen sie wieder „weg da, das ist eine fahrradstrasse!“, diese behelmten ebikefahrenden jackwolfskinrentner mit thiergartenkrankheit wegen zu dicker brieftaschen an den backen, marke entweder ich-hab-die-bundesrepublik-aufgebaut-als-du-noch-eingepullert-hast, oder, variante jackwolfskinfrührentner, ich-war-ITler-und-hab-abfindung-bekommen-ätsch und hochpreisige SUV-mamas marke ich-bin-mutter-ich-hab-meinen-volksauftrag-erfüllt versperren dir, weil sie immer noch nicht gelernt haben, mal bisschen zur seite zu treten oder einfach mal leiser zu reden über windeln anstatt laut, mit ihren SUV-kinderwägen ausgerechnet dann den gehweg, wenn du dem jackwolfskinwunsch zähneknirschend nachzugeben denkst, weil du (einfach) nicht mehr diskutieren willst und dir als kleine private dreingabe zur ablenkung überlegst, dass sie ja so weit gar nicht mehr weg ist, diese komische unverständliche rente, würde jetzt beispielsweise ein kind geboren, es wäre dann rechtzeitig zur arbeitsniederlegung zwölf jahre alt, du hättest also immer noch genug zeit, ihm ordentlich manieren und kinderstube beizubringen, bei den SUVmamas und den abfindungs-ITlern ists ja schon lang zu: spät.

die schwämmeln sich ihre wände ja immer noch lila.

und glauben immer noch, jeder mensch ist ein künstler.

und schmunzeln immer noch über seitens personal entfernte fettecken in museen und verschenken zu geburtstagen den originellen aufkleber „ist das kunst oder kann das weg?“, wahlweise das büchlein „kunst aufräumen“.

alles immer noch.

und fahren skoda (abfindung).

empören hat denken abgelöst, ist ja auch einfacher. auch ich werde mich ab jetzt aufs empören verlegen, denn nur, wenn ich mich empöre, bin ich nicht verlegen. die momentanen türken beispielsweise nerven. mehr noch, sie empören, ohne allerdings dabei verlegen zu werden.

wenn es aber nun diese abgehängten nicht hinbekommen, dann müssen es eben offenbar doch jene mysteriösen eliten richten, von denen alle munkeln. ich jedenfalls lasse mir mein europa und die welt nicht von ein paar blöden kaputtmachen, dafür sind einfach zu viele auch meiner vorfahren dafür gestorben.

das bin ich denen immer noch schuld.

was lernen wir daraus.

wen ich allerdings mag und bewundere, das sind die unermüdlich leisen, diejenigen, die eben immer noch einfach tun, auch die stillen sammler, die frauen (ein paar), ein paar männer (die leisen), oder bspw. sympathische hunde, wenn sie mich kurz ansehen und alles ist irgendwie klar. sachen: blitz-fix-schwämme, handcremes, die gleich einziehen, ölfarben, die sich nicht anbiedern, edle trockendampfgeräte aus italien mit akzentfrei weiblicher sprachsteuerung oder sachliche leute, die einem den vortritt lassen, selbst wenn man den gar nicht haben wollte.

und auch eine andere ära ging gestern gegen abend ohne vielklang zuende. überall gehen ja jetzt gerade ären zuende, immer noch, sogar am waldrand, wobei das internet an zwar vielem, aber nicht an allem schuld ist.“

16.2.

ICH würde ja über stühle und teller schreiben und nachdenken, über tische und oder aber auch über bäume, waldwege, birnen im kfz, oder ragout vom schönbuchreh ohne schrot zwischen den alten amalganblomben, wenn es immer so schön elektrik gab in der fresse. überhaupt ist das ja so eine fressezeit gerade voller gleichstrom aus dem nichts, wie schnell alles verroht und wegbrutzelt. wenn man dachte, die krume der zivilisiertheit könne nun nach siebzig jahren immerhin schon latschenkiefern großziehen, mit deren harz man dann die schultern nach dem bade einreiben hätte können. dann hat man sich getäuscht, ein paar güsse frechen regens genügen, und schon ist aller humus wieder ins blanke erodiert. als wäre das irgendeine bestimmung.

aber das wussten wir ja alles schon.

WIR gingen durch den schwarzen nachtwald und sahen, wie hänsel und gretel, irgendwo ein lichtlein brennen. ich dachte, besser – meine augen und mein zuordnender verstand dachten, es könne bereits der letzte rest abendhimmels am ende des ansteigenden weges sein, die köchin dagegen meinte, da wäre noch licht in dieser einen nicht fernen jagdhütte. aber nein, wie einem doch die wahrnehmungen der bildlichen informationen im dreivierteldunkel schabernack spielen können, plötzlich stand da ein kfz (ich denke mal, es war ein toyota) linkerhand ganz nah, wir erschraken beide, zehn meter, eine limousine, schwach beleuchtet innen und mit bereits kondensbeschlagenen scheiben, man konnte nicht sehen, wer oder was oder wieviele personen sich darin befanden bei was für einer tätigkeit, leichte musik drang zu uns her, wir waren umgehend ganz leise, ich flüsterte noch zur köchin „he, da machen welche liebe!“, mitten im tiefen wald, beleuchtet, mit musik, im verbotenen bereich, aber sogleich bekamen wir es auch etwas mit der angst, was wäre, wenn dort nicht etwa zuneigung stattfände, sondern skrupellose wandereinbrecher die abendlich erwirtschaftete beute zählten und uns beim aufteilen entdecken würden, ach, bestimmt würden sie uns meucheln mit diesen schönen kleinen altmodischen ostblockpistolen mit aufgesetztem schalldämpfer, dort hätte das auch niemand gehört oder es hätte niemanden interessiert, denn da war niemand sonst, ausser den käuzchen und den ganzen anderen in diesem moment unentdeckten tieren, die ja gewöhnt waren ans leben und sterben.

nichts jedenfalls klang nach erforderlicher nothilfe, also schlichen wir uns vorsichtig am wagen vorbei, feste hand in fester hand, und erst nach ein paar metern, sicherlich waren es schon an die fünfzig, überdachten wir dann die soeben an uns vorbeigezogene szenenfolge auch einmal andersherum: wir hätten ja auch einfach mal anklopfen können ans blech des autos, dann hätten die da drin, wer auch immer, bestimmt einen ordentlichen schreck bekommen! dies als „lustige“ gedankliche möglichkeitsverordnung, wobei der standort und die präsentation des kraftfahrzeuges, innenbeleuchtet und mit musik, eher auf angstfreie insassen schließen lässt, nun, im sezierenden nachgang dieses ereignisses. insofern hatten wir wohl eher doch richtig gehandelt und uns überlebensrelevant vorbildlich verhalten.

man soll ja auch nie anderen leuten einen zu großen schrecken einjagen, da stehen späßchen gegen angst und blödsinn gegen menschenliebe. aber das wussten wir ja alles schon.

später, beim jubiläumswilliams dann, erzählungen und vorstellungen dessen. wenn man irgendwo mitten in der natur nachts im kfz sitz oder schläft, und plötzlich klopft es an die scheibe. ich hatte diese angst oft gehabt bei den touren mit der jugendlichen kirschkern und daher hatten wir immer sehr sorgfältig unseren übernachtungsstandplatz ausgesucht. und mir fiel aber auch wieder ein, wie ich einmal vor sehr langer zeit mit einer bekannten nachts durch einsame gegenden fuhr, es war ein renault mit kastenaufsatz gewesen, draußen war winter mit schnee und kälte, und wir passierten den großen gänzlich verlassenen besucherparkplatz eines berühmten bayrischen großdenkmals, drehten aus spaß ein paar runden im schnee und zuletzt bemerkten wir, dass dort ein einziger anderer wagen noch stand, ganz am ende des platzes und fast versteckt, ich denke mal, es war ein K70 von volkswagen gewesen, in dem sich, so bemerkten wir, ein pärchen unzweideutig und offenbar liebte auf dem zurückgeklappten fahrersitz. ich weiss noch, wie ich rot wurde, es war ja genau jene lebenszeit, in der man über dieselben dinge noch rot wird oder dann eben nicht mehr rot wird. wir jedenfalls machten uns zuletzt einen gemeinsamen jugendlichen spaß daraus, fuhren kurz ganz nah an den liebenden vorbei und hupten lauthals, aber freundlich, um danach mächtig gas zu geben und schnell zu verschwinden.

aber das wussten wir ja alles schon.

ob ich sowas heute immer noch machen würde? ich weiss es nicht. und wenn, dann am liebsten mit der köchin. ganz sicher würde ich rot werden. wie froh ich bin um die köchin.