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4.6.2017

cismar1999_9

Übrigens: Gestern vor 19 Jahren. Schrecklich und sehr bewegend. Wie heute, wie gestern tagsüber und am späten Abend, wie die ganze letzte Woche und die ganzen letzten Monate und ein paar Jahre jetzt schon. Überall auf der Welt. Man kommt ja gar nicht mehr hinterher mit den Gedanken. Wie auch. Damals versuchte ich mich durch Hintertüren in Medien- und Bilderflutkritik, ich versuchte den Teufel herauszufordern durch ständiges Verwursten auch derjenigen Bilder, die so fürchterlich über uns kamen. Beelzebub im Postpop. Eine Art Beschwörung durch Aneignung war das, manchmal auch sarkastisch und über das Ziel hinaus. Nie aber feindlich dem Menschen, eher ein wenig grundverzweifelnd und um Abstand bemüht. Meine Jugend war ja schön gewesen und recht unbeschwert. Die Modestrecken in den Magazinen gleich neben den Toten auf der nächsten Seite. Bild zeigt holprige Rötelzeichnung, Tuschestift, Durchschlagtinte vom Januar 1999 auf Transparentpapier in 30x30cm, angefertigt im Künstlerhaus Kloster Cismar nahe der Ostsee. Es wäre gut, sollte künftig unsererseits in ggf. vollständiger Neo-Naivität (gerne auch meta) schlicht Sämtliches geschehen, auch weiterhin schöne Jugenden zu ermöglichen. Wozu sonst sind wir denn da. Der Zynismus der Überalterten ist ein übler Geselle und kein guter Ratgeber. Dazu hausgemacht. Ich wünsche leise frohe Pfingsten.

grünst

heut sonntag, glocken brüllen grad übers tal, frau mullah auf kanzel, sommerlich die ateliertüren offen, elstern vertreiben, die machen sich über die kleinpiepser her im großen uraltjasmin, pflegedienst war schon da, alte dame kaut nüsse ungesalzen, barfuß geht endlich, im garten geschnibbelt mit kettensäge (flieder von 1964, massakriert), mit den jungs alles kleingemacht, in nebelhöhle gewesen (N, ernst: „Tora-Bora“…), drei tage arbeit in fremde stehen bevor, portal von 1320, maria, feinpinsel und staubsauger, kliniktelefonate vom gerüst aus, alles warm, heizung endlich abgestellt, zwei dreier im lotto ohne superzahl, abends draußen und weissweinfrisch die welt betrachten incl. deuten mit den UMFs – ganz wichtig: die fähigkeit, über sich selber lachen zu können, sie schaffen das immer besser, ramasan fängt an, ferien nähern sich, kirschkern jobbt im ausflugslokal als bedienung, schön ist das, abitur bald claro, schön ist das, jetzt muss nur noch die eine sache geklärt werden, auch schön ein gespräch unter den jugendlichen (m/m/w) über „period“, die jungs verschämt, die junge frau ganz klar und offen, die jungen männer dann irgendwann auch mit ihren vorsichtigen fragen, das sind momente, in denen man als *pflegeeltern* daneben steht und glücklich ist (wieviel hat sich doch getan in diesem einen jahr!), geimpft worden zecken und dreierpack, nachher koffern, dann lasagne mit und ohne (fleisch, von kuh/cow) oder halt nix, die B hat schilddrüse, ist nett, aber immer bisschen arg druff, und bei alledem alles so wunderbar grün – grün hat mir früher nie gefallen, alterserscheinung: GRÜN (farbe) gefällt, muss mir mal eine hochpreisige grüne feinrippunterhose kaufen, ach nein besser doch nicht, nächste woche vespa anmelden, pfingsten und trallalah und heute nachmittag noch eine runde rollstuhlschieben alte dame in die natur, waldrand, ritual und orte, „komm, wir bleiben noch bisschen hier sitzen, ja?“, da ist sie immer so glücklich und wach und zehrt tage davon.

vatertag.

So also war heute Vatertag. Wird ja oft belächelt, meist von Frauen. Oder zudem Müttern. Das blöde Bild besoffener Samenspender, von weiblicher Seite her gerne auch „Erzeuger“ genannt, die rülpsend und pfurzend durch den Wald torkeln, einander lallend Busenwitze erzählend, hinter sich ein leeres Fass auf einem hölzernen Wägelchen, welches ggf. noch der Oheim des Gegenschwiegers gezimmert hat, gern ein frühes SPD-Mitglied. Wenig nutze zu Sonstigem. Und morgen schon werden sie, sollten sie nicht bald zum Himmel fahren, gottlob wieder in der Fabrik stehen und etwas Geld verdienen, während die heilige Mutter sich um die Erziehung und alle anderen Belange der Kinder kümmert. Wer sonst? Und sowieso alles am Laufen hält. Nein, mir brauchen Sie sowas wirklich nicht mehr erzählen. Bei diesem Thema werde selbst ich zum sezierenden Polarisierer mit diamantenen Sägelchen. Ein Marathon-Man, komplettsubjektiv und schmerzresistent. Dies Belächeln, und sogar sei es nett gemeint, stört mich. Empfindlich. Das liegt natürlich an meiner ganz persönlichen Geschichte. Wie alles, wie überall.

Jesse James

Es fällt mir wieder ein in diesen Wochen nicht grundlos mein vorrübergehend pubertärer Defekt, demzufolge nach einer Kopfdrehung von ganz heller Umgebung ins Dunkle ein Flimmern vor den Augen begann, welches ungefähr zwanzig Minuten anhielt und dann kam ein fürchterliches Kopfweh für etwa fünf Stunden. Mich befiel dies Phänomen circa vier mal, danach war es verschwunden. Damals war ich dreizehn oder vierzehn, ich erinnere mich noch gut an den Namen des Lateinlehrers, und meine Augen wurden ohne Befund untersucht. Auch heute noch, wenn die Sonne sehr scheint, kommt als Reflex diese unschöne Erinnerung und ich schliesse die Augen, bevor ich meinen Blick ins Dunkle wende, dann öffne ich sie dort ganz langsam und vorsichtig. Ich denke, es handelte sich um eine Spielart spätkindlicher Migräne. Nicht unüblich, sagen sie, sei sowas.

Beim Waschen der kunststoffhaltigen Transportdecken aus dem Auto in der Atelierbadewanne mit dem zur offen stehenden Türe hin gedrehten Rücken fällt mir zudem die bewegende Schlussszene eines alten Filmes über Jesse James ein, in der er am 3.4.1882, während er nach Besiegung des Bösen frisch gewaschene Vorhänge im Wohnzimmer aufhängt, von hinten liederlich erschossen wird. Drehe mich also während des Handwaschvorgangs immer wieder um, um Ähnliches zu vermeiden.

Im Traum tanzen die Nachbarn eine Polonaise durch ausgerechnet meinen Garten und grinsen mich dabei sogar ungeniert an.

Ich hörte unglaubliche Geschichten beim Spazierengehen, von Frauen, die vierzig Nächte lang ihr Unwesen treiben, indem sie sich von Menschenfleisch ernähren. Man erkenne sie auch daran, dass sie unglaublich stinken würden, da sie sich nicht waschen. Werden diese Wesen entdeckt, dann Gnade ihnen Gott.

Den Rasen könnte ich schon wieder mähen, die Triebe der Hecke stutzen, alles wächst und teilt sich jetzt wie blöde, kein Wunder, die Zeit drängt nach so langanhaltener Kälte. Alle Viecher beeilen sich, alle Pflanzen auch, sie müssen sich ja noch reproduzieren und den Nachwuchs ins Trockene bringen, bevor der erste rauhe Reif ja dann schon wieder naht.

Die Normalvespen sind hier sehr groß dies Jahr, man könnte denken, jede wäre Königin.

Das wahrscheinlich unstimmige Bild eines großfamiliären Energiespeichers habe ich vor Augen, die Entnahme scheint mir gerade etwas in Schieflage, zu Ungunsten geliebtester Protagonisten. Ich muss da dringend regulierend eingreifen, obwohl ich ja selbst im Becken schwimme.

Genre

Genre

(Abb.: *)

Und wieder schneits, wie schön. Die Äpfel Nummer 1 wohl blühend erfroren, die Äpfel Nummer 2 könnten es noch schaffen. Apfel Nummer 3 macht in diesem Jahr offenbar sowieso Pause, weil der erstaunt ist über das viele Licht, das wegen des Heckenmassakers nun wieder zu ihm hindrängt. Weiteres Wachstum vorerst auf Halde gelegt von den Protagonisten der Gartenflora. Wie es wohl den Bienen geht und den Hummeln, die schon flogen.

Die Reifeprüfung nimmt ihren Lauf. Eine lauthalse Erkältung wurde chemisch geblockt, ein geschwollenes Handgelenk wird distanziert betrachtet. Tut nicht weh, ist nur geschwollen, daher egal. Die Kirschkern ist hart im Nehmen. Nun noch Mathematik und Französisch stehen bevor, ersteres schwierig, zweiteres aus dem (geschwollenen?) Handgelenk.

Die Arbeitssituation gänzlich anders als in diversen Vorjahren. Wichtig dabei auch die unverhofften Bilderverkäufe. Dank an alle Sammler. Und hierbei auch einmal wieder an die arbeitsanfragenden Kollegen und Kolleginnen. Es ist mir völlig ungewohnt, so viel Zeit für das Atelier zu haben und zudem jeden Abend daheim zu sein. Ich muss mich daran immer noch gewöhnen, tagtäglich, im glücklichen Glück.

Ein südfranzösisches vermeintlich antikes Fakemöbelchen steht in der Werkstatt, die Wurmlöcher von Menschenhand eingeschlagen, der Kenner erkennt natürlich sofort. Es ist solide gebaut, hat zwei Schubladen, es ist eine Art Flurtischchen für Hüte oder Lederhandschuhe oder eine kleine Anrichte fürs landlustige Wirtschaften aus einer anderen Zeit. Es ist ein schönes Stück und wird nun von gespritztem Orange und Ocker auf gebrochenes Weiss mit „provencegrauen“ Elementen getrimmt. Der erste Anstrich trocknet bereits, natürlich in selbstgemischtem Öl mit Zinkweiss, etwas Ocker und grünlichem Umbra.

Das läuft so nebenher.

Weiterhin werden nun zusätzliche Mathematikstunden wahrgenommen, diejenigen für geflüchtete Jugendliche, es wurde ein schönes und wichtiges Fussballspiel besucht, dort wurde über die massive Präsenz von schwerbewaffneter Sicherheit bei 60000 Zuschauern gestaunt, es wurde die Erde als mögliche Scheibe besprochen, und auch das Hasenfest wurde gemeinsam begangen und sogar ein umfangreiches Eiersuchen im Garten wurde gewünscht und durchgeführt auf ausdrücklichen Wunsch der Kirschkern. Täglich die aufregende und manchmal ja auch holprige Schwelle vom Kindsein zum Erwachsenensein, das ist schon schön, das mitzuerleben und begleiten zu dürfen. Und oft auch witzig. Wären da nicht immer wieder diese zwei bevorstehenden amtlichen Befragungen, die nach wie vor auf sich warten lassen und die doch so wichtig und entscheidend sind fürs zukünftige Weiterverfahren.

Am Arbeitstisch betreibe ich derweil Farbfeldmalerei in bedeckten mischverwandten Tönen. Oder ich kopiere hie und da ansatzweise Gabriele Münter und widme mich einem meiner heimlichen Lieblinge, nämlich der klischeeverwöhnten metasexistischen Genremalerei aus komplett unkomplizierten Zeiten.


* „Genre“, 2017, 21x21cm, Öl auf Pappe, ©VG Bild-Kunst Bonn

Harald Alexander Rogler

Harald Alexander Rogler

Mein Vater hatte es wirklich blöd erwischt im letzten Jahrhundert. Das kann man so sagen. Geboren 1920 in Stuttgart, kurze Zeit nach der Flucht seiner elterlichen Familie aus Südrussland, aufgewachsen in Berlin und Weimar, war er gerade neunzehn Jahre alt, als er sich freiwillig meldete zur Wehrmacht. Manche sagen, er und seine Freunde hätten das Abitur geschenkt bekommen für diese Entscheidung zu Kriegsbeginn. Es folgten fünf Jahre Kriegsdienst, zunächst in Frankreich und dann in Russland. Dann fünf Jahre Kriegsgefangenschaft ebenda in Russland. Er bekam Typhus und allerlei Anderes, aber überlebte und kehrte 1949 zurück. Das waren also zehn wichtige Lebensjahre, die normalerweise zu anderen Identitätsfindungen benötigt werden.

Er heiratete schnell, wurde schnell geschieden und in den fünfziger Jahren dann studierte er Architektur am Weissenhof in Stuttgart. Seine Passion war die Malerei – oft großformatige Aquarelle, sehr expressive Landschaften und Blumenbilder. Er bekam eine Anstellung im Architekturbüro seines Vaters. Er heiratete erneut, mein Bruder wurde geboren, und er wurde erneut geschieden. Wobei er – damals ungewöhnlich – das Sorgerecht für meinen Bruder zugesprochen bekam.

1959 lernte er meine Mutter kennen und kurze Zeit später folgte die dritte und letzte Vermählung. 1961 wurde ich geboren, da hatte er bereits eine Anstellung am Universitätsbauamt der Stadt Tübingen bekommen. Im Malen war er manisch und versunken, so erzählte meine Mutter oft. Er wollte nur noch farbige und „schöne“ Dinge in Bilder fassen, Schlimmes habe er genug gesehen. Die Badewanne im Atelierbereich des Hauses am Waldrand zeugt noch heute davon, diese war nicht zur Hygiene, sondern allein zum Vorwässern der großen Aquarellpapiere eingebaut worden. Neben seinem Broterwerb beim Amt bekam er Kontakt zu einer großen und solventen Kölner Galerie, die ihn förderte und seine Bilder sehr gut verkaufte. Dies – so meine Mutter in Auskunft – war um 1963 der schöne Anlaß, im Geldsegen einen Hausbau zu wagen.

Bereits 1964 zog die vierköpfige Familie – die Eltern sowie mein Halbbruder und ich – ins schnell fertiggestellte neue Haus am Waldrand ein. Dort blieben ihm nur noch zwei weitere Jahre, bis er bereits 1966 im Januar an einem Krebs, von dem die Ärzte später sagten, er sei auf die Mangelernährung während seiner Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion zurückzuführen, mit sechsundvierzig Jahren verstarb.

Ich denke, er war ein Getriebener. Ein Gehetzter. Zuletzt ein Herausgerissener. In Windeseile musste er verlorene Zeiten nachholen, und sicherlich hat er das gewusst oder geahnt. Man spürt das in seinen Bildern. Auch ihn hat das letzte Jahrhundert letztlich um ein wenigstens halbes Leben gebracht. Im Haus, seinem Architektenhaus, entdecke ich auch heute immer noch Zeichen dieser Hast. Diese verweisen, ganz nebenbei, immer wieder auf diese seine Geschichte. Seien es seltsam verlegte Elektroleitungen oder die Wandstellungen in Holzbauweise, die manchmal wenig durchdacht scheinen in bestaunenswerter Machart. In der Nachschau.

Vieles im Hause ist zügig. Und die alte Dame hat später wenig dafür getan, dies zu ändern, wer will es ihr verdenken, sie war ja eine frühe Witwe, die zusehen musste, wie alles überhaupt zu bewahren war.

Sein bildnerischer Nachlass ist einigermaßen wohlgeordnet. Aber er war, aus heutiger Sicht, eben noch nicht genügend im Kunstmarkt etabliert, um seinem allzu frühen persönlichen Sterben seine Bilder hinterherzuwerfen. „Wenigstens“ möchte man dann sagen. Jedenfalls bis heute nicht. Jedenfalls kommt mir das so vor. Auch sein Oeuvre wurde ja jäh abgebrochen. Ich frage mich oft, wieviele solcher Schicksale es geben mag – auch künstlerischer Schicksale. Unentdeckt und irgendwann im besten Fall auf Dachböden und irgendwann vergehend. Wie viele Zufälle irgendwann dann sich hinzugesellen, ob nachgeborene Menschen gefundene Kisten wegwerfen oder öffnen. Wieviele Launen oder Tageszeiten oder Umstände. All diese, wenn überhaupt aufgefunden, zwischen den Seilen hängend von echter Wertschätzung, Auktionshaus oder Altpapier.

Ich will zusehen, dass sein Nachlass nicht verstreut wird irgendwann in alle Winde. Aber es ist eben so, er ist einfach zu früh gestorben. Wegen Hitler, diesem Arschloch.

Ich habe ja schon öfter mal über diese oder jene unwegsamen Familiensachen berichtet. Heute ist Karsamstag, gestern war Karfreitag. Und morgen ist Ostern. Ich glaube, der Karsamstag wird zunehmend mein Liebling dieser Kirchenjahre, wegen des „Dazwischen“. Wegen diesem einen Tag an größtmöglich ernster Bedenkzeit im Jahr. Die Passionsgeschichte mitsamt Ostern und ihre Bilder scheinen mir ohnehin vor vielen Jahren von sehr weisen Menschen so entworfen und niedergeschrieben. Das waren Menschenkenner und Schicksalskenner, die etwas Neues wagen und sagen wollten, um dem immerwährenden ewigen Meucheln der Blutrache endlich einmal etwas entgegen zu setzen. Im Grunde ganz einfach. Bis heute. Schaut man sich die Welt an. So interpretierte ich schon immer. Auch vor vielen Jahren gab es gewiss Kisten auf Dachböden, das beziehen wir sicherlich oft zu wenig ein in unsere Einschätzungen der unsrigen Istzeit. Und unserer Istschlauheit. Auferstehung? Unsere Bilder sind so knapp geworden. Und so angstvoll und unkünstlerisch.

Ich war heute an seinem Grab mit der Kirschkern, „Opa-Himmel“ hatten wir ihn früher immer genannt ihr gegenüber, wir haben die Winterabdeckung aus Nadelholz entfernt, es wachsen schon allerlei Blümchen, wir wollen das zusammen bald mal wieder richten und ein bisschen pflegen. Den Efeu schneiden, der den Grabstein überwächst und die in Granit gemeisselten Buchstaben wieder leserlicher gestalten, vielleicht sogar mit Farbe. Und da ich unter dem Namen meines Vaters in modernen Suchmaschinen noch nie etwas gefunden habe, so möchte ich also hier einmal seinen Namen kurz nennen, nur damit wenigstens ein einziges Mal ein kleiner Eintrag im Internet stattfindet und erinnert, sollte irgendjemand jemals nach ihm suchen. Harald Alexander Rogler war sein Name. Und wünsche herzlich frohe Ostern.

schläger

noch die fussleistchen gestrichen in ganz hellem grau im speißgang, dafür tönchen in öl gemischt und dem wandton angepasst, neuhoelzerne ockrige bodenbretter ebendort mit kaseinlasur nach altgrau gedreht farblich, im türmchen tapetenfehlstellen mit kreide gekittet, dann mit aquarelllasürchen getupft und mit buntstift und spucke sowie wangenfett retouchiert, im zweiten obergeschoß die eingangstüre mit altem leinölfirnis gestrichen, zuvor die dortigen neuhölzer, angebracht vom spezialschreiner zur dichtheit der alten türe gegen rauch aufgrund moderner bestimmungen den schutz vor feuerbrand betreffend, mannigfach auf ALT und dunkel gebeizt, in die jahre gekommene helle lackspritzer mit der kleinen mobilen ölpalette farblich angeglichen ebenda, ein neues türgewände dort aus eiche mit kaseinlasur matt nach eichumbragrüngrau getrimmt, kleine neuverputzte wandpartien ebenda mit kalkfarbe in hellgrau gemäß der barocken stuckdecke gestrichen, die einhundert jahre alten vergoldeten randleistchen der ofenumrahmung im tapetenzimmer wiederangebracht, zu diesem zweck andere vorhandene altleistchen gesägt und mit spitznadeln aus dem nachlass des kollegenvaters und hämmerchen ergänzt, im treppenhaus die kammertüre für besen, allerlei tand und bereits antike feuerlöscher gereinigt, retouchiert und gewachst sowie poliert, die füßeren neuhölzer um die eingangstüre des ersten obergeschoßes herum marmoriert wie ihre bereits im letzten frühsommer fertiggestellte umgebung, die schwere türe selbst, halbalt, halbneu, hat der kollege nun mit schläger und streicher maseriert in fettem öl grün-braunorientiert, habe also den dort noch sich befindenden altbestand vom glänzen her auf seine neuen tiefenlichtrelevanten brillianzvorgaben angeglichen, zuletzt die vierzig farbeimerchen mit kalkfärbchen, alle sorgsam den räumen zugehörig und über zwei jahre lang penibel beschriftet mit edding fürs archiv, in einen anderen keller hinunter getragen und zuletzt dort das licht gelöscht und die verbliebenen pinsel gereinigt, die terpentingetränkten küchenrollenblätter zum ausdampfen in den burghof gelegt, die leinölfirnislumpen tunlichst separiert wegen ihrer möglichen selbstentzündungen, der hof also, in dem vorgestern noch arien von opern herumschallten, große jagdhundähnliche hunde freundlich bellten und buddelten und teilmieter sich durch zufallende türen auf wehrgängen ausgeschlossen hatten, weshalb ich schlüsselmäßig aushalf, damit sie nicht an dachrinnen herunterklettern, junge leute eben, mussten, sie dankten mir sehr freundlich dafür.

kein ding, sag ich.

nun ist dieser bauliche abschnitt nach knapp zwei jahren abgeschlossen. solche restarbeiten, sie sind gewesen ein trepp auf und trepp-ab, hier auf wasserbasis grundieren, dann kann das schon mal trocknen, dann dort in öl vorlegen, morgen ist es angezogen, dann kann man das weiter bearbeiten, dann diese kittungen im schlafgemach und während diese härten, kann ich das wässrige bodenbrett andernorts bereits überarbeiten in öl. ich mag das ja, dies maltechnische glitschen an ungewohnten orten, diese materialorientierten pläne fürs vorhaben, die eigenschaften und trocknungszeiten von zeug einbeziehend. überhaupt: zeug und zeit. und geruch.