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Emaille-Schild-Edition No. 15, „Cis“

Cis

Schilder-Edition Nr. 15, Titel: „Cis“, Jahr: 04/2022, Maße: 8x18cm, Technik: Email-Schild handgefertigt, unikatärer Charakter, grundemailliert, allseitig gewölbt, mit 4 Befestigungslöchern, Vorderseite Grund weiß, Schrift schwarz (leicht erhaben), Auflage: 20 Stück, Rückseite nummeriert, datiert, signiert

(*Cis/Wikipedia: „Cisgender oder als undeklinierbares Adjektiv cisgender, kurz cis, bezeichnet Personen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem im Geburtenregister eingetragenen Geschlecht übereinstimmt, das meist anhand der sichtbaren körperlichen Geschlechtsmerkmale des Neugeborenen beurteilt wird. (…)“ / Cis ist zudem auch eine Tonart.)

mehr: hier.

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Mit besten Grüßen, Ihr Schneck

25.4./ Trieb, Küps

Trieb

„Küps“ ist ein sehr schöner und beinahe schon lustiger Ortsname. Dort heut gewesen, es gibt mehrere Schlösschen da. Wenn man nach Küps fährt, kommt man durch einen Ort namens „Trieb“: Durch Trieb nach Küps. Zurückgefahren sind wir natürlich auch: Von Küps durch Trieb. Bestimmt war ich nicht der erste, der das Ortsschild fotografierte. Manche Trieber können es gewiss nicht mehr hören und sehen, diesen Witz und das innere billige Grinsen über den Namen ihres Ortes. Geboren in Trieb, gestorben in Trieb. „Und wo kommst Du her?“ „Aus Trieb.“ Zonenrandgebiet. Das waren andere Zeiten, lange her. „Geboren 1902 in Trieb, verstorben 1978 in Küps“.

Vielleicht gibt es in Trieb oder Küps ja auch Stolpersteine. Will nachsehen.

Vorm wiederaufgebauten Renaissancerathaus 130km südlich Küps sitzt auf einer Bank ein betrunkener und etwas verwahrloster älterer Herr und singt „Die Fahnen hoch, die Reihen dicht geschlossen“. Ist eigentlich ja verboten. Zuvor hatte er Ännchen von Tharau und die Internationale gesungen. Meine Bratwürste schmecken wie immer, der Weizenschnitt heute ist wohlwollend. Am Tisch neben mir zwei jüngere friedliche Männer, der eine mit bemalter Glatze, Kringel und Punkte in rot und grün, die sich über Spiritualität und Kapitalismuskritik unterhalten. Der andere lange zeitlose Haare, dazu unmögliche Schuhe. Bin froh, dass es solche Menschen noch immer gibt. Die ihre Triebe im Griff haben.

Morgen wieder nach Küps, durch Trieb. Die Störche in Küps klappern schon.

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Nachtrag, 23.4. / „Russenkorso“ heute in Reutlingen. Unerträglich. Eine freche Opfer-/Täterumkehrung. Und dann alles noch aus dem Auto heraus, sicherlich zentralverriegelt. „Hupen und Sirenen polizeilich verboten“, lachhaft. Ein Autokorso, gleich einer Militärparade oder eines Konvois. Nicht mal den Mut zu haben, sich leibhaftig zu äußern, wie feige. Dazu noch ein Riesenspaß, samstäglich. Wie nach einem siegreichen Länderspiel. Wo bleibt eine klare Stellungnahme, Eure Stellungnahme? Ich bin gespannt. Stattdessen Diskriminierungsspektakel. Welche Diskriminierung angesichts der Gräueltaten Eurer Landsleute? Ein schiefer Blick im Supermarkt? Ein „Stoppt Putin“-Aufkleber auf dem Briefkasten? „Für ein friedliches Zusammenleben in Deutschland“ heisst es. In Deutschland, aha. Wie wärs mit einem friedlichen Zusammenleben anderswo? Keine Auskunft. Ich sehe sie schon, die beflaggten Pickups oder tiefergelegten Performance-PKWs mit weiss-blau-rot. Ihr Memmen, mit eurem wehleidigen Aufsitzen auf dem unsäglichen derzeitigen Beklagungstrend. Es widert mich an. Und ihr verspielt damit einen gehörigen Teil des letzten Restes meiner einst umfangreichen, auch familiär begründeten, Russlandsympathie. Hässlich, dumm und unverschämt. / Treffpunkt sei heute um 15.30 Uhr an der Hochschule in Reutlingen, dann 2 Stunden Rundfahrt durch die Innenstadt und sodann wieder retour. Ich wollte zunächst hingehen und staunend schauen. Oder diskutieren, diskutieren geht ja aber nicht, ihr sitzt ja im Auto. Ich werde stattdessen fernbleiben, meine Nerven schonen und ich hoffe, diese Eure zynische „Demonstration“ versinkt in zutiefst kränkender Nichtbeachtung und ebensolcher Belanglosigkeit. Widerlich! Schämt Euch.

Korso/Torso

schiefe Bahn, 2. Apr.

Schiefe Bahn

Schnee, wie überall. Dabei waren doch schon 20 Grad. Muss das sein? Offenbar ja.

Nicht mal ein solidarisches Tempolimit bekommen die Deutschen hin. Noch nicht einmal temporär, wenigstens. Nein, da hört der Spaß auf. Alt-Kleider und muffige Schlafsäcke als Kriegsopfer gerne, aber doch bitte kein Tempolimit.

Impfung, Diesel, Speiseöl. Pfründe, überall Pfründe. Und rote Privatlinien, wohin man schaut.

Ein junger Mann hätte mit einem Gabelstapler nachts um 3 einen freistehenden Geldautomaten aus der Verankerung gerissen und sei dann damit zurück zur Firma gefahren, bei der er beschäftigt ist. Beim Aufflexen sei er von einem Polizeihubschrauber erwischt worden, was zu erwarten gewesen war. Wie im James-Bond-Film. Es ist nun alles schlimm. Weniger kriminell als psychologisch, eher eine fast zwanghafte Selbstdemontage. Auch dies ist – zuletzt – eine traurige Kriegsgeschichte.

Frau Schicksal habe kurz geweint, ich auch. Kurz.

Kaum jemand, der/die/div. gendert, scheint es komisch zu finden, dass ukrainische cis-Männer im Alter von 18 bis 60 Lebensjahren derzeit aus ihrer Heimat nicht ausreisen dürfen, sondern stattdessen zum Kriegsdienst verpflichtet werden. Es geht ja nebenbei nicht nur ums ggf. Sterbenmüssen, sondern auch ggf. ums Tötenmüssen. Wie schnell doch verschwinden moderne Fragestellungen, wenn es ernst und altertümlich wird.

Ich habe dazu keine Meinung mehr.

Die neue Heizung funktioniert. Einige der neuen Heizkörper müssen noch installiert werden. Raumveränderungen sind in Arbeit und schon sichtbar. Die neuen Fenster sind beauftragt und werden derzeit hergestellt. Die Dacherneuerung ist für Mai oder Juni geplant. Angebote für Fotovoltaik und Außenverschalung stehen noch aus. Weitere Rückbauten sind in Arbeit, Generationen von Mäusen, Wespen, Mardern und Hornissen hatten in den Zwischenräumen von Dach, diversen Isolierungen und Innenverschalung eine Kinderstube und Geborgenheit gefunden. Ich glaube, es wird wirklich sehr schön werden.

Blöd wäre es halt nur, wenn jetzt Atomkrieg wäre. Dann wäre alles kaputt und wertlos und wir müssten ggf. nach Afghanistan flüchten und wären dann Wirtschaftsflüchtlinge. Oder nach Gambia, Eritrea oder sonstwo hin, jedenfalls übers Mittelmeer und durch Libyen südlich.

Dort, wo wir dann landen, würden wir versuchen, durch den Verkauf von handgemachten Spätzle mit Soße und Brezeln und kleinen Portraits unseres Wachpersonals in Tusche, Graphit oder Aquarell oder als Trauerrednerin irgendwie zu überleben.

Vielleicht würde ich aber auch irgendwann auf die schiefe Bahn geraten.

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Tageb. 11.3.22

Dom zu Königsberg / Kaliningrad, 1993

(Abb.: Dom zu Königsberg/Kaliningrad, 1993 / Handabzug SW auf PE-Papier)

ES geht ja immer um orientierung, das ist das, was wichtig ist. und um phantasie, um damit orientierungslosigkeiten vorzubeugen. dabei schlagen pendel mal heute nach dort, schon morgen hauen sie nach da. eigentlich liebe ich solche dynamischen situationen, in denen nicht alles immer so furchtbar lange dauert, sondern sich die sachen innerhalb von kurzer oder kürzester zeit grundlegend ändern können. das ist natürlich oft gefährlich, ebensooft schmerzhaft, immer aber spannend. im künstlerischen herangehen an dinge und geschehnisse kennt man sich dabei ja irgendwann aus – beispielsweise im plötzlichen (unwirsch oder lustvollen) übermalen, ändern, zerreissen, verwischen und zerstören oder verwerfen von zuvor geformten und als ewig gewerteten gedankenbildern. oder darin, falsche fährten zu legen. oder solche zu lesen. eine künstlerische ausbildung und eine jahrelange beschäftigung mit diesen subversiven umsturztechniken ist daher sicherlich hilfreich in kriegszeiten.

in friedenszeiten natürlich auch.

auf der autobahn von osten nach westen vorgestern am nachmittag eine anwachsende menge von meist vollbesetzten kleinwagen mit ukrainischen kennzeichen und tempo 90, die hinter lastwagen im windschatten herfahren. die ereignisse mitsamt folgen werden sichtbarer. beim langsamen überholen winke ich jedesmal freundlich, um solidarität zu vermitteln. etwas besseres fällt mir gerade nicht ein. später dann sogar auch, zu meinem erstaunen, zwei ukrainische sportwagen mit breitreifen und röhrendem moto-sound-system, die lichthupend langsamere verkehrsteilnehmer wegdrängeln und sodann auf der linken spur mit hundertsiebzig sachen am tempolimit von 120 vorbeiziehen. „ah, die mafia flüchtet also auch…“ ertappe ich mich beim bewegtbildlichen denken an tätowierte frauenhändler oder sportliche inkassospezialisten und diesbezüglich weiterführende klischees.

und entwickelte sogleich dann auch die befürchtung, dass die große derzeitige hilfsbereitschaft vielleicht irgendwann auch ein jähes ende finden könnte, wenn denn alles angekommen ist, sich spreu von weizen, ideal von real und innerlich wie äußerlich getrennt haben und sich das ewige GUTE, BÖSE und UNGUTE sowie HALBBÖSE abermals in sich jeweils verheddern. danach kommt bekanntlich oft der sozialneid daher.

es ist doch immer das gleiche, erst gibt es herzen, heissen tee und decken an überfüllten bahnhöfen. und dann, nach einer gewissen zeit und nachlassender empathie, werden wieder empört altersverarmte einheimische rentnerinnen bemüht, die trotz flaschensammeln ihre miete nicht mehr bezahlen können und tür an tür leben müssen neben von irgendwoher eingewanderten fremden. zum beispiel sozialbetrugserprobten „osteuropäern“ – man denke da (nicht) nur an die bis heute sehr verbreitet herabwürdigenden zuweisungen gegenüber bspw. rumänischen staatsbürgern, „den RUMÄNEN“. immigrierten neunachbarn also, welche hier bei UNS natürlich ausnahmslos in saus und braus sowieso niemals arbeiten, den ganzen tag lang vodka trinken, ein vielfaches an diversen sozialstützen beziehen und somit aufgrund tagesfreizeit auch noch tausende verwahrloste alkoholkinder mangelnder intelligenz rülpsend in die welt setzen, die dann später mal sowieso nur am bahnhof rumhängen und handtaschen klauen.

vor diesen hässlich wiederkehrenden reaktionsmustern grauts mir. die zuletzt ja nach 2015 mitzuerleben waren im wahrscheinlich ewiglich dramaturgisch festgelegten musterablauf ggf. äußerer veränderungen altmoderner welt.

die rechten werden sich dieses thema abermals nicht entgehen lassen, ich wette darauf. / andererseits: auch die rechten werden sich gewiss gerne ihre badezimmer von profis aus der ukraine schnell und v.a. günstig neu fliesen lassen wollen. bezüglich des fachkräftemangels generiert dieser krieg mit seinen fluchtbewegungen ja fast schon einen hoffnungsschimmer für die deutsche wirtschaft, denn endlich kommen welche, die noch zupacken können in berufen, die schon lange kein biodeutscher mehr ausüben möchte.

frau mullah ermahnt mich für diese herumspazierenden gedanken. es kämen doch vor allem frauen und kinder. und wenig männer, noch weniger junge männer. und ausserdem wollten diese menschen doch alle so schnell wie möglich zurück in ihre heimat. nein, so würde das nicht werden diesmal, das mit der fluchtrezeption. wahrscheinlich hat sie recht. hoffentlich hat sie recht. ich glaube, sie hat recht. und sie berichtete dann auch noch von einem in berlin lebenden freund, welcher dort in diesen tagen vor einem lokal ein schild sah mit der aufschrift: „Hunde und Russen müssen draußen bleiben!“.

es ist ekelhaft.

man sollte wohl einfach in diesen tagen nicht so viel in der gegend herumdenken, schon gar nicht zweckungebunden phantasievoll. man sollte stattdessen seiner täglichen arbeit nachgehen, den dieselpreis beobachten, für die ukrainischen menschen hoffen und beten und ebenso für die russischen. sich etwas brennholz vor die hütte lagern und um 22.00 uhr zu bett gehen, für alle fälle.

Tageb. 7.3.22

ascona

(…) Habe ja nun doch den VHS-Schnellkurs „Das Maschinengewehr – Gebrauch, Wartung und Pflege, 3-tägiger Praxiskurs für reuige Ex-Kriegsdienstverweigerer im herrlichen Schönbuch. Wir treffen uns an der Friedenslinde im Gewann Wolfenlöchle, Beginn jew. 5.45 Uhr“ abgesagt. / Auf dem Autobahnweg zur Zweitberufsbaustelle gestern Abend fiel mir deutlich eine allgemein verringerte Durchschnittsgeschwindigkeit auf, auch im Mittelklassesegment. Im Vergleich zur Vorkriegszeit. Ein Tempolimit durch die Hintertür, auch recht. Auch wenn es meinen Beutel natürlich schmerzt, dieser Liter Diesel 2 Euro. Langsam fahren als ein Beitrag gegen die Kriegskasse des Verbrechers. Solidarität durch Tempo 110, schön. Viele Fliegen, eine Patsche. Jetzt müssen wir nur noch überlegen, wie wir das russische Gasheizungsgas und das russische Ölheizungsöl, angeblich ja rund 50% des bundesdeutschen Lieferbezuges, wie ich erstaunt neuerdings vernahm, ersetzen. Auf die Schnelle. Bevor er’s uns abdreht. / Das kann ja was werden. / Spinnweben – meine Güte Spinnweben. Wenn man sie wegmacht, dann sind sie sechs Wochen später wieder da. Ähnlich ist es mit dem Staub und der Asche. Und Totgeglaubten. Und leeren Kühlschränken und Tankfüllungen. / Frau Mullah hat jetzt Corona. Und obwohl wir – noch unwissend – gemeinsam und schön unterwegs waren, habe ich es nicht. Bisher. Meine Tests wollen auch nach sieben Tagen einfach keine zwei Strichlein bekommen. Ich bin nicht stolz darauf, sondern einfach nur froh. Auch das PCR für 75 Euro erteilt Absage. Eine Isolierung innerhalb einer Innigkeit ist schlimm. Das merkt man dann ganz schnell. Ich schlafe auf der Waldrandbaustelle und wir telefonieren. Übrigens – mich hat allein die Testorganisation und die dadurch nicht wahrgenommene geldwerte Arbeitszeit an einem Tag mal eben 350 Euro gekostet. Verdienstausfall bei Selbstständigen. Wenn Du nicht arbeiten kannst, dann verdienst Du eben kein Geld, ganz einfach. Dies an die Adresse von selbstverliebten C-Spezialisten im Angestelltenverhältnis. / Mir geht die derzeitige Tageskälte und der sonst so geliebte Ostwind langsam auf den Zeiger. Er kitzelt meine Schimpfbereitschaft. Klartext, oder wie früher, Titten auf den Tisch! Wir können auch anders, die Zeiten sind rauh und sie werden hart. / Zwischendrin im Atelier temperierende Übersprungsbilder in weichem Öl auf altzarter Pappe, zum Beispiel „Abend in Ascona“ oder nochmals sicherlich demnächst eine „Große Düne in Nidden“, „Winterliches Odessa“ oder ähnliches. Was hat man denn noch sonst, außer den samtenen Subjektivitäten, landregengleich, als kleine private Temporärflüchtchen ganz verinnerlich inmitten von Stahlwettern jeglicher Art. Von überall her. Im Wind sich wiegende Kornähren, der ganze Mist eben. / Dies, während andere bereits jetzt alles verloren haben und in entblößter Flucht. / Abb. zeigt: „4.3.2022Abend in Ascona“, 2022, 21x21cm, Öl/Lack/Schreibmaschine auf Pappe / © div.

erster maerz ukr

mir fällt nichts mehr ein, alle sprache ist mir perdu seit fünf tagen, die geschichte der letzten jahrzehnte, die auch die meine ist, mitsamt meiner träume besserer welten hat sich in noch nicht einmal einer woche vollständig zurückgedehnt. ein älterer mann einer anderen epoche mit problemen an den sexualhormonen hat sich zu diesem verpuffenden theater entschlossen. er will es wohl noch einmal, ein letztes mal, wissen und sollte es nicht klappen mit seinen wahnhaften vorstellungen, dann wird er eben die halbe welt tosend mit hinab in sein grab nehmen. vor 40 jahren traf ich in sehr ähnlicher situation einige für mich grundlegende entscheidungen. das ist auch der grund dafür, weshalb ich bis heute nicht weiss, wie man ein maschinengewehr bedient. wie gerne würde ich es nun wissen, nach langen jahren schmerzhafter erkenntnisse über die ewigen wiederkünfte, die nun derzeit eine endsumme formulieren. aber vielleicht ist es besser, dass ich es nicht weiss. ich wollte es erst gar nicht können. ich sollte mich besinnen. denn was ich seit damals hingegen weiss, ist, wie man querschnittgelähmte junge und alte männer kathetert, wie man ihnen ein kondom mitsamt schlauch zum ablauf der flüssigen ausscheidungen an den penis klebt, wie man ihnen tatkräftig beim abführen hilft und wie man bei all dem die schmerzhaften peinlichkeiten von gefühlen und gerüchen überspielt, wie man ihnen, egal ob mann oder frau, ihr gebiss einsetzt, weil sie es selbst nicht mehr können, wie man sie am besten füttert, egal ob sehr jung oder alt, und wie man vor allem ihr leid mitträgt, wenn sie nachts weinen, meist leise, wenn sie sich noch nicht einmal mehr alleine das leben nehmen könnten, sollten sie es wollen. und wie man sie in einen rollstuhl setzt, natürlich. aber was nützt mir das alles nunmehr, in dieser jetzigen weltsituation. vielleicht hätte ich damals, vor vierzig jahren, eben doch einfach schießen lernen sollen.

Rückbau ’22

schlacke 1
schlacke 2
schlacke 3

Abb.: Selbst als Kumpel (*Glück auf!), 16.2.2022, nach Rückbau/Bergung div. radioaktiver Schlackeverfüllungen der Zwischenböden OG/EG während Gesichtsreinigung mit Neutralseife im UG/Atelier. Draußen weht Sturm, dort auch die Ost-Süd-Ecke ist nun gerodet und die Eibe gefällt, sie wurde ca. 38 Jahre alt, vgl. Jahresringe. Man kann das Haus nun auch von außen wieder erkennen, nur der Efeu muss noch, der klammert immer so. Das fossile Zeitalter der Gebäudewarmhaltung in Öl ist seit bereits drei Wochen endgültig demontiert und damit eine Epoche beendet, der alte Erdtank ist stillgelegt und gereinigt, man könnte da jetzt wer weiß was lagern. Und wenn nicht das Virus zur unvorhergesehenen Baupause der Heizung/Sanitär seinen Beitrag geleistet hätte, dann könnte man. Denken und Hoffen. Dass es bald mal wieder warm werden würde im Gebäude, so auch v.a. im Atelier. Bevor zu Bett dort stets eine randvolle Wärmflasche derzeit, den Püster (elektro) noch so lange wie möglich in Richtung Bürotisch. Ölmalen und sonstiges unmöglich, zu kalt ist es einfach, sieben Grad, eher sechs. Später einen Termin mit Zimmermann und Architekt wegen baldiger Änderungen von Raumhöhen und damit Neuschaffung eines wunderschön bewohnbaren Dachraumes. Mit dann herrlicher Aussicht auf blaue Mauer. Mir gefallen die Fotos, endlich mal wieder lustig. Renovierung ist Skulptur, WIR ja ohnehin meist auch. Es gibt wenig, was sich nicht lohnt oder gelohnt hätte, mindestens skulptural oder wenigstens gedanklich verinnert, nachschaulich.

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und sonst: WAR auf loge, sah paar opern, schöne musiken im öhrchen über tiefen tälern, die nicht meine sind, jedoch ich verstehe. gut angezogen war ich längst lange zeit. immer noch nehmen besucher ganze hände nach kleinfingern. ich muss da, ebensogleich, noch weiterüben. im rückbau, mit meinen kleinen händen. dies verärgert alter ego mitsamt mir sowie meinen naiven restkörper. schön aber, dieser neuartige gruß: handknöchel gegen handknöchel mit blick in augen. sehr männlich. am besten die augen über glänzender schwarzmaske FFPzwo. wie zorro. fehlender schnee verhindert Z-pinkeln, aber es gibt ja alternativen, kunstschnee, gute mienen und böse spiele. mir sind echter schnee lieber, ebenso echte böse mienen und gleichschöne spiele. die zweite hälfte meines neunten jahrsiebtes stellt sich überfällig ein, ich sollte daher nicht mehr alles mitkaspern vielleicht, geschweige muss, auch wenn gut angezogen, oft aus tiefer überzeugung freundlich und allem möglichen unfug durchaus empathisch grundsätzlich und von herzgegend her mitfühlend zunächst zugewandt und sogar humorbereit veröffnet ich sein mag. in meinen vorstellungen vom an-, un- und schlichtem erzogensein. die maskierungen könnte man meinetwegen gerne beibehalten künftig, auch wenn diese spezielle grippewelle vorrüber ist und alle medizinischen problemgruppen vom tisch.

manchmal dauert schpontan längger.

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ich war noch nie in lissabon, in rijeka, in glasgow, in madrid, auf sizilien, in warschau, bratislava oder prag, auch noch nie in brüssel, brügge oder gent, geschweige antwerpen, nicht in oslo oder helsinki, noch nie in der camargue, nicht in marseille oder nizza oder monaco, auch nicht in der arena von verona, nie in montenegro oder dem kosovo (obwohl: vielleicht mal nachts jugoslawisch durchgefahren autoput 1979 mit VW bus „bully“?), in slowenien nur mal ganz kurz, nie aber in graz oder in budapest, auch nicht bukarest oder sofia, auch nie in istanbul oder ankara, weder auf zypern noch ibiza, auf jersey auch nicht, nicht in bordeaux oder lille, weder in der bretagne noch auf mt. saint michel oder am D-day-strand, durch genf nur durchgefahren, auch noch nie in turin oder odessa oder kiew, nicht in st. petersburg und nicht in moskau, weder in süd- noch mittelamerika, auf kuba nicht, auf teneriffa nicht, nie auf malta oder in marokko, auch in ägypten oder kanada war ich nie nicht, ebensowenig hawaii, kiribati, neuseeland oder australien, auch kein indien oder thailand, in schottland auch noch nicht und auch nicht in japan oder china oder südafrika.

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stattdessen diese inneren reisen. seit ich denken kann. / die kirschkern sagte als kleines kind oft vor ihrem einschlafen, wenn man noch gemütlich neben ihr gelegen war und ein wenig vorgelesen oder erzählt hatte, „…und jetzt, JETZT mach‘ ich mir noch eine geschichte…“. dann drehte sie sich zur wand und zu sich selbst, man kroch leise aus dem bett, löschte das licht und dann schlief sie irgendwann ein. für mich waren dies momente voll schwergewichtigem glück, stillständig beinahe spiritueller ruhe, beruhigtheit und allumfassenden geborgensein, wie ich es bis dahin oder auch später danach fast niemals jemals nochmals oder vormals erlebt hatte und habe.

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MAN muss sich ja jetzt stemmen gegen diese pandemische vereinzelung und die rückzüge allerorten. ich bin nicht frei davon. der spiegelsaal des vorhergehenden masken- und testlosen lebens kommt nieder mit blitzen. diese anstrengungen, damals bis vor zwei jahren, immer, diese aufwände, diese geselligen haftigkeiten, oft halbzwang. ich könnte derzeit jederzeit im wald verschwinden mit einem kleinen köcher voll von strohhalmen, mir wär‘ so danach. keine unsäglichen ausstellungen mehr, weder machen noch ansehen, keine schwierigen dialoge, oft angestrengt, berechtigt, kompliziert, bemüht, schwer und fällig. natürlich auch schön, aber stattdessen nun die füße hoch im gras, schnee oder wald oder am bergtal. und einfach die wand oder ein regal oder einen haufen von zeug und komischen dingen ansehen. es könnten auch blödsinnige dinge sein, sehr gerne. oder den wald, oder die bilder an einer wand, von bergen, tälern, schnee oder obstwiesen oder sonstigem inhalt. alles ist immer so inhalt. es gibt einfach zuviel inhalt. dazu noch überall. das überfordert mich. viel lieber wollte ich eine kleine sexy wolke sein, auf dem rücken liegend, ein weisses nackidei kleinwölkchen mit halm im mundwinkel, und um die inhalte dann sollen sich die anderen kümmern und scheren. und diese dann aufgeregt abregnen, wo auch immer.

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die kaiserburg zu nürnberg wurde im letzten großen krieg zu siebzig prozent zerstört. also gibt es auch in der kemenate, den beheizbaren frauenzimmern, oberhalb des EG, nichts mehr zu finden, was älter als siebzig, eher fünfzig jahre alt sein könnte. / und viktor, der ungefähr dreiundsechzigjährige russlanddeutsche mesner der orthodoxen kirche, er mit den tätowierungen auf den fingerrücken und dem silbermetallic tiefergelegten coupé „BMW-performance“, erklärte offenbar mit einer körpersprache seines zeitlos entspannten bedauerns immer dann, wenn sich das ende des gottesdienstes mitsamt der möglichkeit der bewahrenden arbeiten einmal wieder verzögernd nach hinten verschiebt: „Manchmal dauert schpontan längger…“ / kollege F. hat mir das eingehend und dankenswert beschrieben. ein sehr schönes und zeitbezifferndes zitat und äußerungsfragment, passend irgendwie zur gegenwart. und geeignet nebenbei auch zur allübertragenen und durchaus auch völlig profanen generalanwendung von gelassenheit per se. /(probieren Sie’s aus.)

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als erstes will ich, so glaub‘ ich, nach scottland. danach buenos-aires. aber manchmal dauert spontan länger.

vaccine pussy

vaccine pussy

Die zweite Mulde steht nun unten an der Straße. Neulich wurden bereits 1,06 Tonnen mit Altholz A I-III abgefahren. Jetzt sogenannter „Baumischabfall, schwer“. Ich frage mich, was geschieht, wenn es regnet oder schneit. Würde eine Durchnässung dann mitgewogen und abgerechnet? Das Altholz hatte ich alleine vom Zwischenlager im Vordergarten – auf dem damals eigens für die wasserfeste Tischtennisplatte aus Eternit mit Betonplatten geschaffenen Podest – in den Container geschafft. Es macht Spaß und befriedet sehr, wenn man die Sachen über die Brüstung der Gartenmauer in den tiefer unten auf dem Parkplatz an der Straße stehenden Behälter schmeißen kann. Oder auch werfen. Manchmal auch Pfeffern, mit Schwung und Zielübungen. Bestimmt haben die Menschen auch schon vor 10.000 Jahren gerne Sachen in der Gegend herum geworfen und sich dabei einfach so gefreut.

Die schweren Wannen mit Schutt und zerbrochenen Fliesen allerdings musste ich heute mit Sack- und Schubkarre den Gartenweg hinunter schaffen und dann über den Rand in die Mulde wuchten. Das ist recht anstrengend, aber ich sage mir immer, es hält mich dann vielleicht ja wenigstens fit und gesund. Im Baumischcontainer sind auch Kabel und Metall erlaubt. Seltsam. Und Kaffeebecher und Pizzaschachteln, ich kenne das vom Zweitberuf. Irgendjemand freut sich immer, auch Passanten, wenn sie ihren Müll in ein solches Behältnis entsorgen können, gerne auch nachts und notfalls mit Transporter. Ich bin gespannt.

Ich weiss auch immer nicht, wie ich mir das Trennen der verschiedenen Stoffe und Materialien dann vorstellen soll. In großen endzeitlichen Hallen werden wahrscheinlich diese Mulden rund um die Uhr angefahren und dann nachts unter Flutlicht von prekären vermummten Arbeitnehmern parallelweltlich handverlesen, die durch große blechern klingende Megaphone von einem in einem erhöhten Glaskarten sitzenden dicken unrasierten Vorarbeiter angetrieben werden, der sein Leben lang schon nach Bier stinkt und seine Feinripp-Unterhosen zweimal im Jahr wechselt. Und wenn eine der armen Seelen unten in der Halle einmal ein asbestbelastetes Stück übersieht und dem normalen Bauschutt zuordnet, dann wird gepeitscht, gekündigt oder abgeschoben.

Oder es wird überhaupt nicht getrennt. So, wie beim gelben Sack. Früher dachten wir ja, moderne Parkbänke würden aus Joghurtbechern und Milchtüten hergestellt. Stattdessen schwimmt alles im Meer vor Malaysia.

In der kommenden Woche fangen die Sanitär- und Heizungsbauer an. Dann geht es richtig los. Mit schwerem Gerät, Bohrhammer, Flex. Alle Heizkörper werden erneuert. Und die Leitungen für Wasser und Wärme auch, wenn sie alt und schwach sind oder nichts mehr hindurchlassen. Ich kann das verstehen, manche Sachen lasse ja auch ich nicht mehr durch mich hindurch. Frau Mullah und ich haben nun die künftigen Armaturen und das Weißzeug ausgewählt, endgültig, bei einem zweiten Termin beim Sanitärausstatter. Man glaubt es ja kaum, welche Fülle an Produkten sich zur Auswahl anbieten. Es ist fast schon beschämend, dieser übervolle Ressourcenluxus. Wie soll man diesen Möglichkeitsreichtum Leuten aus anderen Weltgegenden erklären, deren Rohstoffe hier jenen anhäufen? Ein Wasserhahn ist ein Wasserhahn, sollte man denken. Dachte ich immer. Oder ein Waschbecken ist ein Waschbecken.

Ein Wasserhahn sind heutzutage aber 150 Wasserhähne. Ebenso die Waschbecken.

Und Kloschüsseln auch.

Die Tage des gemauerten Klinkerofens im künftig ehemaligen Esszimmer, den die alte Dame vor vierzig Jahren aus Angst vor einem sowjetischen Einmarsch (wahlweise Atomkrieg etc.) einbauen hatte lassen, sind gezählt. Bis die neue Heizung installiert ist, kann man damit noch gegen ein Einfrieren heizen. Derzeit sehr praktisch: die rückgebauten Nut-und-Feder-Wandbekleidungen können sofort zersägt und umgehend verschürt werden. Ein wunderbarer Kreislauf, ganz nach meinem Geschmack.

Fast alle Angebote sind jetzt da, bis auf das der Trockenbauer. Eine noch ganz unbekannte Größe. Bei Dingen unbekannter Größen und sowieso in dieser Jahreszeit denke ich oft und aber recht süddeutsch-gelöst an den Lauf der Welt so im Gesamten. Vielleicht spielt auch die derzeitige Seuche ein Rolle, das mag sein. Ich finde es jedenfalls immer wieder ganz grundsätzlich erstaunlich, dass man selbst einmal irgendwann geboren wurde. Und damit die Zwangsläufigkeit einer Seele zugewiesen bekam. Sowohl Bürde wie Gelegenheit. Im Grunde jedoch eine Zumutung seitens derer, die einen einst ins Leben warfen, ohne groß zu fragen, in einem Moment ihrer Lust.

Bei den Fliesen sind wir uns sehr einig. Urlaub wäre schön.

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Abb.: Atelier/ o.T., sans titre („vaccine-pussy“), 04.01.2022, Lapislazuli, Gum. Arabicum / Oil on Cardboard, 19×25,5cm / ©