nachbarschaft

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„Bett, Tisch, Waschbecken in H.s Zimmer“, 2022, 19x31cm, Öl auf Buchkarton, ©

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Heute wäre die alte Dame, geboren 1926 in Berlin-Tempelhof, aufgewachsen in Kiel und Pillau/Opr., ausgebombt in Berlin-Lankwitz, geflüchtet aus Ostpreussen, alles verloren einquartiert in Eisleben und dann in Cuxhaven das Kriegsende miterlebend, 96 Jahre alt geworden. Sie hat mir viel erzählt von damals, immer, mein ganzes Leben lang. Und mich stets ermahnt, dass sich alles ändern könne von heute auf morgen. Und ob ich wisse, wie man zur Not zu Fuß von hier in die Schweiz käme. Oder ein Feuerchen anmache, zum wärmen, irgendwie und irgendwo. Wo auch immer. Ich war an ihrem Grab heute auf dem Friedhof am Waldrand, vor schon dreieinhalb Jahren ist sie gestorben. Sie hat mich vieles gelehrt, über das ich einst oft meinen Kopf schüttelte. Heute tu ich das nicht mehr. Heute habe ich ihr die aktuelle Weltlage geplaudert, unter der Birke am Grab, welches sich immer tiefer von selbst einebnet mit dieser schwarzen Graberde, mit Blick auf die Schwäbische Alb. Sie konnte kaum glauben, sie habe aber auch schon darüber gelesen in der Totenzeitung. Und berichtete abermals, dass, als ich kaum ein Jahr alt war, alle dachten, nun gibt es schon den nächsten großen Krieg, diesmal eben Atom und Cuba. Und wie sie gefroren hatte seinerzeit im heutigen Oblast Kaliningrad unter zwei dicken Daunendecken, der Magen zu leer für Teenies, bei den Großeltern an der Ostsee beim frischen Haff. Ihre geliebte Oma Mika, es gibt noch eine alte jugendstilgewebte Decke im Hause, die ist von Mika, mit allerlei Randfraß. Und daß es gut sei, immer viel Zucker im Hause zu haben, der wäre viel wert auf dem Schwarzmarkt. Und dass man stets einen Holzofen planen solle in Räumlichkeiten. Und einen Rucksack dabeihaben mit Landkarte. Ihr Abitur bekam sie 1944 in Königsberg zuerkannt, nach dem Minenputzen und vor dem Flüchten und Allesverlieren mit 17. Über das derzeitig allseitige Beklagen von Versorgungsengpässen oder das Verweigern von luxuriösem Autobahntempo würde sie nur den Kopf schütteln können. Diese ewige Beklagerei, angesichts von Kleinigkeiten und andererseits Tod. Viel wichtiger wäre es, genügend schwarzen Stoff in der Wohnung für die Verdunklung zu haben, notfalls auch für die Nachbarschaft. /Das ist wohl der Unterschied, sage ich heute: die Nachbarschaft.

2 Gedanken zu „nachbarschaft“

  1. Heute früh musste ich an ihre Erzählungen über die alte Dame denken, bin sogleich dem Impuls gefolgt, dieses Blog zu besuchen, und da treffe ich sie gleich wieder! Wie schön Sie von Ihr erzählen!

    1. Vielen Dank, Frau Tikerscherk! Das Kriegsenkeldasein bekommt man eben nicht mehr los, jedenfalls ich. Finde ich auch gar nicht so schlimm, es ist auch oft sehr lustig und trockenrelativierend! :-)

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