1a-Verrohung

Rich Car, Rich Tits

(Jetzt noch einmal, gruen.) /Es ist alles so kantenlos hier und jetzt, in der zunehmenden Welt mit ihren abnehmenden Äußerungen. Immer eckenloser, ein ganz und gar verblassender Siegeszug dumpfer Geschliffenheit halbseiden intelligenter Korrektheiten und runden Samtpolstern, dabei sind doch Kanten so aufregend am Lebendigen und allein sie weisen Wege, Gebrechen, Deppen und kitzelnde Weise. Die errungenen Freiheiten mangeln geraum die weißen Westen und stapeln jene mehr und mehr in dunklen blödsinnigen Schränken, spaßfrei innenlackiert. Und dann, infolgedessen, entsteht die große abendländische Verrohung des Verborgenen, im Innenleben der geschmeidigen Kurven und der darübergeworfenen altweißen Mäntel und eierschalenen Westchen mit abgründigem Tüll und Einstecktuch. Aber vornerum ist alles bifi und Strahlemann. /Schiefe Zähne fand ich schon immer sexy, manchen Bauch ziemlich oft auch und breite oder verquere Gesäße oder Schulterlinien; ebenso halbseitig kürzere Beine, auch ein leichtes Hinken oder große Nüstern. Oder etwa stimmhaftes Lispeln. Segelohren, blaue Zungen oder Muttermale, egal ob weiblich, männlich oder div. /desgleichen dicke Oberarme oder dünne Handgelenke oder sogar komische Narben, die man sich nicht erklären kann. Nie konnte.

Wieso sagt keiner mal Nein!, oder Ja! Oder irgendetwas Unlogisches – einfach, weil es gut ist oder gerade passt. Warum gibt es keinen Humor mehr um mehr als höchstens zwei dumme Kreuzungen und warum wird es danach schon inhaltsgefährlich. Biegung der Flüsse, Drainage von Peinlichkeiten, kein guter Ort mehr für Klischee, Beobachtung, Spiegel oder Schärfe.

Stattdessen heißt es nun „Auflösung“. „Schärfe“ sieht einfach scheisse aus, wegen der Pixel.

Ich kenne auch Leute, die finden das toll, wenn sich ein hochpreisiges Kunstwerk selbst zerschreddert als Teil seiner selbst, in dem Moment, wenn es für zwei Millionen versteigert wird. Ich hingegen finde das langweilig, doof und sowieso nicht neu. Ich finde es toll und künstlerisch gelungen, wenn ein Kunstwerk im Wald mit Straßenlaternen wirft. Und ebenso gut und noch besser gefällt mir manche nicht lautstarke Malerei oder Zeichnung. Denn gute Ideen gibt es viele, aber nicht alle heissen Kunst. Die blöden guten Ideen aber nehmen überhand. In der Folge drohen die guten Ideen zu verrohen.

Ähnlich der allgemeine Opferkult. Die Leute haben entdeckt, dass es derzeit sehr clever und ein Standortvorteil ist, wenn man Opfer ist. Es gibt ja jetzt Opfer bis zum Horizont. Wo früher Wälder standen, stehen heute Opfer. Ich arbeite daher nun auch an meinem Opfer, und ich habe viele: Meine Körpergröße, meine Kinderstube, meine Hybridimpfung, mein Geschlecht, meine Hautfarbe, mein Alter, meine Religion, mein Beruf, meine Nettigkeit, mein Diesel, meine Zigarretten und jetzt auch noch meine 1a-Verrohung. Wie gerne wäre ich eine superhübsche 22-jährige ungarische Influencerin* mit irgendeinem unsichtbaren Großheulproblem. Bin ich aber nicht, und zwar gerne.

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(Abb.: „1a-Verrohung“, 2021, 27x18cm, div. Edding a. alter kaschierter Pappe, Fundstück Papiercontainer Paris 2001 © / *und herzlichen Dank an Frau Wiesel für die „22-jährige ungarische Influencerin“.)

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