16.11.2021

1964
2019
2021

(Abb.: 1964/2019/2021)

edit 17.11.2021: / Vor dem Umbau ja Planung und Rückbau. Derzeit Planung und diesbezüglicher Rückbau. Jede Stunde selbst getätigter Rückbau ist eine Regiestunde weniger von Anderen, also eine Menge, geldgemessen. Außerdem ist man abends gelöst, nach raushauen, Staub und krachen. Und das Haus wird immer leichter. Und wärmer, wenn man das ganze Holz in den CO2-neutralen Ofen schieben kann und den letzten Rest vom Erdöl im Gartentank unter der dunklen Erde für Wärme zwischen den Jahren erhofft. Der Heizungsbauer sagt professionell, „Januar kein Problem, zur Not stellen wir Ihnen ein Fass Öl in den Keller“.

Im ehem. Schlafzimmer der alten Dame – und zuvor, also vor langen Jahren, dem Schlafzimmer meiner Eltern – demontiere ich nach und nach die Einbauschränke. Das hat man 1964 noch so gemacht, Schränke eingebaut. Ein Schreiner-Meisterwerk. Was mich erstaunte: alles ist überwiegend genagelt, und zwar mit 6cm-Nägeln, die dann in Stirnseiten von 2,4cm gehauen wurden. Ohne, dass auch nur ein Nagel schief ging und ins Schrankfach barst.

Dass dieser Raum künftig Küche sein wird, das gefällt mir. Zudem ein neues Fenster nach Norden hin, zum Gartenweg, damit man sehen kann, wer da kommt und geht und vielleicht gleich an der Haustüre klingelt. Post? Ein Einschreiben-Übergabe? Und dazu eine künftig niedrigere Decke erhalten wird, die dann einen ganz neuen dachschrägen Raum – darüber – entstehen läßt.

Ich freu mich sehr auf diesen neuen Raum. Wir. Ihm ist bislang nichts zugewiesen, so wie etwa „Gästezimmer“ oder sonstiges. Einfach so, ein neuer Raum. Und südostwärts darin auch ein neues Fenster, im Blick hin zur schönen bläulichen Linie der Schwäbischen Alb mit ihrem Trauf.

Es ist viel Abbruch gerade. Man muss darauf achten, dass nichts kaputtgeht. Aber das ist ja auch eine erhellende, reflektierende Aufgabe. Ein paar lange Nägel mehr würde ich mir manchmal in meiner mir gewohnten Selbstaufgehobenheit wünschen, aber das Abenteuer überwiegt. Kontrollierte Abbrüche höchster Konzentration sind fein und intellektuell. Nägelziehen, bedacht, ohne Schaden anzurichten. Hellgelbe Fliesen aus den 1960ern bergen oder graue Kunststeinbodenplatten, ohne dass diese zerbrechen. Und dennoch wonnig an irgendein Werk gehen. Eine Weise schonender Behauptung. Mit Blumensträußchen zum Frühstück. Und ab dafür.

Im Garten raschelt jetzt immer etwas nachts, wenn ich seit vorgestern gelegentlich raustrete aus dem Atelier, dem hanggelegenen UG, in die Wildnis. Das ist kein Igel. Vielleicht sind es die Marder, die seit Jahren unterm Dach wohnen und die jetzt merken, es tut sich was. Sie müssen sich wohl ein neues Zuhause suchen, schon bald. Eine Wildkamera muss her, das meinte gestern auch Frau Mullah. Fast alle in der Strasse haben irgendwelche Hasengitter unter ihren Motoren liegen, ich hatte das nie. Mir hat hier niemals ein Marder etwas am Kraftwagen angefressen, sie haben immer nur an der Antenne gezuzelt und ihre Pfötchenabdrücke hinterlassen beim runterrutschen über die Windschutzscheibe danach. Gesehen hab ich sie aber oft, wenn sie dann wegrannten, wenn ich nachts hier zum Schlafen angefahren kam nach einem Bierchen mit dem Steuerberater in einer alten Studentenkneipe in der Stadt. Zum Beispiel. Ich klatsche dann gerne in die Hände und mache ein gefährliches „Tschhhhht!-Geräusch“. Ebenso bei den verwöhnten singvögel- und schmetterlingsfressenden Katzen der tierliebenden Nachbarn.

Der Fensterbauer ist beauftragt. Noch keine Bestätigung. Termin vor Ort mit dem Elektriker, er ist bereits beauftragt. Wohin kommen die Steckdosen und die Lichtschalter. Und das Licht. Er beginnt mit den Arbeiten in 3 Wochen, bis dahin sollte alles Mögliche demontiert sein, von mir, damit er loslegen kann. Das Dach neu im kommenden März. In der zweiten Januar-Woche fangen die Heizungsbauer an. Heute eine Zusage vom Fliesenleger, ein alter Mitkonfirmand. Dorf. Mai oder April. Ein- oder zweimal hatte ich ihm in der C-Jugend einen Steilpass von rechtsaußen gegeben, den er zum Tor verwandelte. Er war der Torjäger schlechthin seinerzeit.

Es war kalter Krieg, das Haus war da gerade elf Jahre alt, im Radio spielten sie Jazzrock und ELO, in der Glotze lief Klimbim und Kulenkampff und unten, das UG, das jetzige Atelier, war vermietet an eine junge promisk-libertine schweizerische Jungstudentin mit überaus reichen Eltern, die den eher armen reformiert theologischen Zimmerstundenten vom EG plus Waschbecken gnadenlos verführte, wenn sturmfreie Bude war. Und zwar: mehrfach.

So wusste es die alte Dame noch lange, bis ins hohe Sterbealter, mit wenig nachlassender Empörtheit.

***
„13.11. / immer dieser käse mit dem profilbild. überall käse, jedenfalls Ü45. vielleicht ja auch kein käse, na gut. / ich werde nörgelrentner werden, aber welche rente? demnächst wird es mich erwischen. das foto ist vom juni 2020, also bitteschön noch keine 1,5 jahre alt. / neben mir die weissweinflasche knarzt, während ich dies aufhacke, der schraubverschluss. wie thermoskannen. thermoskannen sind was für rentner, die knarzen auch immer. ich fühle mich konfirmand. irgendetwas in meinem reifeprozess ist schief gelaufen. natürlich hat sich etwas getan, in mir, an mir, über mir und unter mir, in den vergangenen 40+ jahren. neben mir. und an den gegenden, in denen ich mich bewege und bewegte. zum beispiel auch in meinen bildwerken. oder in meinen ansichten über welt, verbrecher und jugend. wobei ich genau erinnere, ach wo, dies und das. zum beispiel auch meine hände. schön und fein waren die mal. nunmehr sieht man die handarbeit und die kälte des zweitberufes. und den kalk, der das seinige tut, das mergeln. oder antlitz, meine rechte unterlippe. es wurde geschnitten im zweiten coronajahr. die narbe steht. oder meine fähigkeit, jeden wein, jedes bier und alle zigarretten der welt ganz locker wegzustecken. wie oft höre ich in der letzten zeit, „das schlimmste ist, ich kann mich nicht mehr betrinken!“. dies vor allem von meinerseits geschätzten reiferen frauen. ich spüre ähnliches, bereits beginnend, wie schade. / mein einer großvater starb mit 62 und das war in meiner prägephase, also vor langer zeit, völlig ok so. mein anderer mit 56. es war eben so, alte männer und menschen starben gelegentlich mit zweiundsechzig. ich bin jetzt 59. heute denk ich, logisch, anders darüber. (…) / sollten wir uns begegnen in dieser zeit, sie würden mich sicher erkennen. so muss ein profilbild sein. wobei ich oft wirklich viel freundlicher blicke. / ich mag den herbst dann, wenn es endlich ungemütlich wird. weniger den goldenen, der erinnert zu sehr an den sommer und heult ja nur rum hauptsächlich, ob dem, was da noch kommt. man muss da durch. man muss sowieso durch alles durch, wie sonst soll das gehen mit dem leben. neugier ist ein sehr göttliches geschenk. / Um 24 Uhr zu BeTt.“

2 Gedanken zu „16.11.2021“

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