The Abendrunde

Meine letzte Runde abends durchs Haus, hoch in den Wohnbereich, um die Haustüre abzuschließen, manchmal ist sie noch verschlossen vom Vortag, weil keiner tagsüber durch sie hindurchgegangen ist. Schon gar nicht mehr die alte Dame. Ich wohne, wenn ich hier bin, im unteren hangseits gelegenen Stockwerk mit Austritt in den Garten, zusammen mit fast allem, was meins ist, meine Bücher, mein Zeug, mein Archiv, mein Bett, mein Kiki, mein Büro, mein Atelier und meine Werkstatt.

Der Kirschkern eine gute Nacht wünschend, die Bettdecke einmal aufschütteln, das muss ich als Ritual, ihren Tieren, die sie unter ihrer Decke schon eingekuschelt hat, ebenfalls eine gute Nacht wünschen, sie hat ja nie mit Puppen gespielt, immer waren es die Tiere für die Rollenspiele aus Stoff und einige von diesen bringt sie jedesmal immer noch mit hierher. Mindestens den Eisbären und die kleine Leopardin, die ich ihr einmal von einer Araltankstelle im Fränkischen mitbrachte, vor bald zehn Jahren. Neuerdings ist auch „Maule“ wieder im Gepäck, ein kleiner immer kecker Maulwurf mit roter Schleife im Kopfhaar, einst ein Mitbringsel aus Bremen, wo ich meinen damals noch lebenden Bruder besucht hatte anlässlich einer Ausstellung dort. Maule war immer für die Rolle des ‚Frechen‘ vorgesehen und er ist das bis heute: Gestern an Heiligabend sollte er mir helfen, meine Geschenke auszupacken. Soweit kommts noch.

Und als Besonderheit hat sie diesmal einen kleinen Elefanten mitgebracht, „Ele“ sein Name, ihr erstes Stofftier überhaupt, welches gute und mit Kinderreichtum gesegnete Freunde noch vor der Kirschkern Geburt nach Berlin geschickt hatten, um die Vorfreude auf das nahende Kind zu teilen.

Eine Art beginnende Reflektion der eigenen Wahrnehmung von „Erinnerung“ scheint sich bei ihr, nun, da sie älter wird, einzurichten neuerdings, schon neulich sprach sie vom Terpentingeruch, der ihr im Kunstunterricht nichts ausmachen würde, im Gegensatz zu vielen anderen. Und sie glaube, das käme daher, weil sie eben schon immer an diesen Geruch gewöhnt gewesen sei, im Berliner Atelier damals vor zuletzt nun bald sechs Jahren.

Mich hat das natürlich gefreut. Und nebenbei auch ein wenig gerührt.

Sie zeigt mir Ele und findet es süß, wie verbogen sein Rüssel ist, dem man wohl ablesen könne, wie sie ihn – Ele – als Kleinkind offenbar immer gehalten habe beim Schlafen. Und beim Festessen gestern mit Broccolirahmsuppe und Rosmarinkartoffeln will sie vergnügt gleich zweimal die Geschichte erzählt bekommen, wie sie als kleines Kind immer „Bokkeli“ zum Broccoli gesagt hat.

Zwei Tiere, einen Teddy im Bademantel mit gleichnamigen Namen „Teddy“, der einen starken hanseatischen Akzent spricht, ähnlich dem von Helmut Schmidt, und der auf allen Weltmeeren heimisch zur See gefahren ist lange wichtige Jahre, der zudem gerne einen Schluck nimmt aus der Buddel von Rum. Sowie einen kleinen Eisbären mit Namen Rosinchen, den sie mir in der Zeit ihres Fortgehens vor vier Jahren schenkte, diese zwei also müssen sich dann in meinen Armen mit nach unten in meine Gemächer verabschieden, da sie bei mir schlafen sollen und mich stets – auch auf meinen vielen Reisen – auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin begleiten sollen.

Wenn alle diese Dinge also stattgefunden haben – ein Gutenachtkuss wäre in ihrem jetzigen Alter, dessen hauptsächliches Anliegen ja vor allem das der Ablösung ist, natürlich undenkbar – wünsche ich ihr eine gute Nacht mit guten Träumen, nachdem ich anstatt ihrer (aus meiner Sicht) den Tieren einen Gutenachtkuss geben musste, schließe ihre Zimmertüre und bewege mich aufmerksam in den Wohnbereich der alten Dame.

Dort sind zunächst die überflüssigen Lichter zu löschen („mit Männern kann man nicht sparen!“), bevor die Notruftaste des Roten Kreuzes gedrückt wird. Die Erinnerung an diesen wichtigen Vorgang wird unterstützt durch ein von der alten Dame selbst einst sehr ausgeklügeltes Zeichensystem: Wenn die alte Kuchenabdeckhaube, die früher wie ein Regenschirm ein- und ausgeklappt werden konnte, neben dem Telefon auf dem Rattantischchen beim Ofen liegt, dann wurde die Taste bereits gedrückt. Sollte sie jedoch noch neben dem Rot-Kreuz-Gerät liegen beim Brennholz, so ist das noch nicht geschehen. Für diesen Fall melden sich dann irgendwann die freundlichen Nachtwachen gut gelaunt per Funk und fragen, ob alles in Ordnung ist. Im übrigen ist die gelbe Taste zu drücken, nicht etwa die rote oder blaue.

Danach drehe ich, jetzt im Winter, den Knopf des Thermostaten gegen den Uhrzeigersinn, um die Ölheizung auszuschalten. Im Schlafzimmer der alten Dame soll die kleine Lampe, ein Hochzeitsgeschenk von 1959, am Schminktischchen die ganze Nacht über brennen, der Vorhang am Fenster in Richtung des Himmels soll immer ein Stück weit geöffnet sein, „damit man den Mond sehen kann“, ihr Bademantel – wie alle Kleidungsstücke mittlerweile – sie dürfen nicht zu weit oben hängen oder liegen, da ihre Arme nicht mehr so hoch reichen in ihrer Bewegungsmöglichkeit. Die von Tag zu Tag abnimmt. Im Sommer wird das Fenster geklappt, im Winter bleibt es geschlossen. Wichtig sind auch immer die zwei Flaschen Wasser am Bett, deren Verschluß bereits einmal geöffnet werden musste, da sie diese alleine nicht mehr öffnen könnte. Im angrenzenden Wohn- und Fernsehzimmer mussten bis vor zwei Wochen noch die Fernbedienungen des TV in Reichweite liegen, dazu Salzstangen und die Nimm2-Bonbons sowie ein paar „Schokolädchen“, wie sie immer sagt. Bis dorthin wagt sie sich aber nun nicht mehr alleine, schon gar nicht nachts.

Zuletzt setze ich mich jetzt in diesen Wochen immer noch einmal auf ihre Bettkante, greife an ihre Hand und wir schwätzen noch ein paar Dinge über den vergangenen Tag und die schmaler werdenden Pläne für den nächsten.

Das schlimmste am Witwesein und Altwerden sei, sagt sie, dass einen niemand mehr anfasst. Witwe ist sie seit bald fünfzig Jahren. Ich weiss aber, dass da gottlob schon nochmal einer gewesen war, der sie angefasst hat und den sie gerne anfasste, wobei auch das wahrscheinlich vierzig Jahre zurückliegt.

In der letzten Woche habe ich zum ersten mal seit fünf Jahren wieder das ursprünglich kirschkernsche Babyphon in Betrieb genommen. Richtig sinnvoll ist es nicht, da sie nachts oft das Radio einschaltet, welches dann spielt und ihre Träume unterhält, während sie schläft. Ich höre dann im Untergeschoss leises Radio über die ganze Nacht. Mag sein, sie macht das zur Beruhigung oder vielleicht auch zur Beschwörung, auf dass der Schlaf ein weiteres mal nur Schlaf sein mag. Ich kann das nachvollziehen.

Dann, zuletzt, wünsche ich auch ihr eine gute Nacht und sie mir ebenso, nicht ohne mir für alles zu danken. Diesen Dank erwidere ich dann mit Zwinkern im Auge.

Es ist ja nicht so, dass es nicht zu anderen Zeiten sehr heftige Kämpfe einer Loslösung meinerseits mit ihr auszufechten gegeben hätte. Hätte ich, hätten wir das nicht getan, und wären diese deutlichen Sachen, Dinge und Dialoge nicht geschehen vor langer Zeit, ich könnte mich heute nicht so verhalten ihr gegenüber. Das wird mir jetzt klar und darüber freue ich mich. In ihren schlimmen Zeiten in diesem Jahr, im Sommer im Krankenhaus bei 38° Grad, die für sie sicherlich randvoll von überstürzter Angst waren vor dem, was da kommen könnte, da war es mir möglich, ihr zu sagen, dass wir „das alles“, nämlich eben unsere kleine gemeinsame Geschichte, in unserem Sinne weiterführen werden. Und auch bis zuletzt. So etwas geht nur, wenn es denn selbstgewählt ist, und ich weiss für mich, dass es das ist. Ich hoffe, dass dieser Weg mir auch möglich sein wird.

Auch an den Elvis am Baum erinnert sich die Kirschkern, „Hey, der hing ja schon in Schöneberg!“. Und die alte Dame erzählt dann zum einhundertsten Mal die Geschichte der Weihnachtsbastelei mit knurrendem Magen vom Nachkriegswinter in Cuxhaven 1945 oder diejenige des Weihnachten in Neuhäuser in Opr., vor Kriegsende, wenn die plastenen Salzstreuer, die zum Glöckchen gedreht, rot bemalt und damit weihnachtlich umfunktioniert wurden, nun neben dem Wackelelvis aufgehängt werden sollen. Die schweren Glaskugeln, die mein Vater noch bemalte mit schönen Mustern im Glauben an irgendetwas Gutes, was seinen Lebensplan nicht geschändet, sondern bereichert hätte haben können.

Die Treppe hinunter, Zwischentüren schließen, auf dass es nicht allzu sehr durchs Haus zieht. Nachschauen, dass keine Katze in den Keller ist durch die offene Tür. Kein Marder. Und nichts wimmert und keine unlauteren Geräusche kratzen. Früher bin ich jetzt in die Kneipe gegangen, an Weihnachtsabenden. Muttern hatte geweint und ich konnte endlich weg.

Draußen geht seit heute der Wind, der könnte vielleicht Schnee bringen, damit die Zecken endlich erfrieren. Erdbeben war keines. Einen Igel haben wir gestern im warmen Garten noch herumlaufen sehen auf unserem Rückweg von der Kirche. Die Igel scheinen ganz durcheinander wegen der Wärme um diese Jahreszeit. Und die Kirschkern ist jetzt schon so alt, dass sie sogar schnarcht. Die Mücken fliegen auch wieder, mangels des Winters, aber die Kirschkern will nicht, dass man sie erschlägt, nur weil sie sie stechen könnten.

Die Köchin hat jetzt natürlich Hauptsaison. Vier mal ein Geheimnis vermitteln in drei Tagen, von der Kanzel aus, und eine Beerdigung noch dazu. Ich bin mir ja sicher, es gibt eine Weihnachtsbotschaft, nur interessiert sich kaum einer dafür, solange alles gut läuft. So kommt mir das oft vor. Ich nehme mich da nicht aus.

Zuletzt versteige und lege ich mich dann in meine Koje in Nord-Südrichtung, bereite den Wecker vor auf einen nächsten Tag, lösche das Mobil, das Babyphon, das Licht und komplizierte Problemgedanken. Rolle mich überwiegend nach links, ohne die Gross- und Kleinschreibung im Leben aller meiner echten und erfundenen Protagonisten jemals weiter berücksichtigt zu haben. „Wie klein von Dir!“ rufen mir die Schäfchen zu. Ein paar Sachen kann ich nicht vergeben. Aber vielleicht klappt auch das noch.

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk: Ein kleiner Flachmann mit selbstgemachtem Blutwurz. Und die Tube UHU vom Kirschkern. Dazu der weise Satz der Köchin „Da kannst du ein Leben lang dran arbeiten, an einem wirklich guten Kartoffelsalat!“

Jetzt wünsch auch ich Ihnen allen Frohe Weihnachten, gerade noch rechtzeitig, herzlich Schneck.

27 Gedanken zu „The Abendrunde“

  1. Oh. Herr Schneck. Ist das schön. Und traurig. Und mir so wohlbekannt. Ich stupse sie jeden Morgen, um zu prüfen, ob sie noch lebt. Dann brummt sie und darf weiterschlafen, während ich meine Morgenrunde drehe.

    Wie gute, dass Sie Ihren Kirschkern haben.

    Kartoffelsalat mit UHU?

    Ihnen auch!

  2. Ich kommentiere ja nur selten bei dir, auch wenn ich die Texte lesen. Aber beim Lesen dieses Textes fühle ich mich veranlasst, dir nachträglich noch wunderbare Tage zu wünschen. Hattest Du nicht geschrieben, dass Du nach Wien kommen wolltest. Irgendwie habe ich das nicht weiter verfolgt.
    Auf alle Fälle musst Du es mich wissen lassen. Ich kann nur leider nicht versprechen, dass ich jederzeit in Wien bin. Meine Reisen sind schon bis einschließlich April minutiös vorgeplant.
    Lass es dir gut gehen!

  3. Lieber Schneck, wissen Sie: einen schöneren, besseren Text zur Weihnacht, mit Freude und Sorge, Erinnerung und Herzenswärme, könnte ich mir nicht denken. Ich danke Ihnen sehr dafür. Schlafen Sie gut und träumen Sie gute Dinge. Und haben Sie noch eine schöne Weihnachtszeit mit den Lieben.

  4. Ja, ein schöner Text, der das Leben und auch die Vergänglichkeit ausdrückt. So empfand ich mein Weihnachten bei der Familie auch, das Glück des Zusammenseins geniessend, und mich gleichzeitig fragend, ob es in der Form vielleicht das Letzte gewesen ist.

  5. Lieber Schneck,

    aus ganzem Herzen beneide ich Sie um Ihre Familie und freue mich sehr an Ihrem Blick auf sie.
    Der Neid: nicht missgünstig, sondern voller Wärme…

    Herzlich,
    die Piratin

  6. herzlich an-be-rührend
    und geschmunzelt habe ich – alldiweil des frommen Wunsches „erfrierender Zecken“ ;-)
    und hatte noch mehr geschrieben… bereits heute Mittag… doch bevor mir`s die überlasteten Internetleitungen wieder deleten… noch schnell… eine schöne weitere weihnachtliche Abendrunde wünschend

  7. „Dann brummt sie und darf weiterschlafen“ – genau so, herrlich! Ein Hoch auf die Morgenrunde! Und UHU, weil ich den immer brauchen kann, und zwar den ganz normalen, mit Lösemittel und ohne Tropffrei-Schnickschnack.

  8. Nein, überbewerten ist natürlich nicht gut. Aber bewusster damit umgehen, das finde ich schön, denn so ist man mehr auf die Liebe konzentriert. Ich hab das Thema ja auch mit dem kleinen Hund. Jeder weitere gute Tag ist ein Geschenk. Viele, liebe Grüße zurück!

  9. Erst jetzt gelesen, weil ja im Krankenhaus bei der Piratenköniginmutter und ach, Herr Schneck, sie berühren – wie so oft – meine Seeleund ich danke Ihnen so sehr und alles so vertraut und überhaupt….(Heute ist sie nur vom Stock – den mit dem Schnapsversteck – gestützt den Karnkenhausgang entlang geschritten und sie hat ihren Humor wieder! Sie ist phänomenal!)

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