stuttgarter säureblocker

abends in stuttgart gewesen, über die stadt geblickt, ganz oben sterne, hinten oben der beleuchtete fernsehturm, unten rechts heslach und links der marienplatz. da unten war mal das CASINO und immer, wenn die nationalhymnen gespielt wurden auf der großleinwand, dann ließen sie stattdessen hells-bells von ACDC laufen. alles seltsam lange her, jetzt bin ich schon länger weg, als ich da war. und der kirschkern ist jetzt irgendwo, ich weiß nicht einmal wo, ein dummes spiel ist das, irgendwo am mittelmeer bei den haien. in stuttgart hat mein vater studiert, in stuttgart habe ich studiert, in stuttgart kam mein urgroßvater an nach einer mithin abenteuerlichen flucht von der krim 1918, sie wohnten in der hasenbergsteige, wo auch ich anfangs wohnte ein paar häuser weiter unterm dach und wo mein vater laufen lernte. ich glaube, sogar mein großvater hat in stuttgart studiert, dabei kamen doch alle gar nicht von hier, es waren alle gar keine schwaben und auch die großmütter, urgroßmütter und mütter sind und waren keine, nicht mal ich, alles ein zusammengewürfelter haufen von hugenotten, franken, andersgläubigen und russen und alle konnten russisch. russisch lernen will ich, jetzt, wo ja zeit ist, das habe ich mir fest vorgenommen. und selbst der kirschkern ist kein schwabe, aber immerhin mal dort für anderthalb jahre zur schule gegangen, im vorort von stuttgart. und dann stehe ich da auf dem balkon von ihm, der mir seit jahren mehr als ein guter freund, und glotze über die blinzelnde stadt und denke an die neunziger, die ganz schön weit weg sind, ich weiß ja auch nicht, wieso ich so langsam bin mit ZEIT, mir scheint, ich bin immer hinterher und sollte eigentlich gerade jetzt doch schon so weit vorraus sein. habe eben nur überhaupt keine ahnung, was jetzt kommt. das war noch nie so, ich bin nicht so! und hier am waldrand ruft das käuzchen, vor dem ich mich als kind immer so gefürchtet habe, heute ist es mir dabei sehr heimisch. „der magen, wen wunderts…“ meinte der doc in kirchentellinsfurt. der urgroßvater hatte die wohlwollende wahl zwischen einer fabrik auf der schwäbischen alb oder einem gut in pommern. er hat sich damals für das gut in pommern entschieden, dumm gelaufen, könnte man sagen im nachhinein. weltgeschichtlich wenig später betrieb er dann eine gärtnerei nahe potsdam, denn immerhin konnte er russisch, als die russen dann kamen und immerhin war er es gewesen, jahre zuvor, der das erste mietsgebäude für sechsundzwanzig parteien mit fließend warmwasser und zentralheizung in odessa erstellt hatte. gestorben ist er hoch an tagen in frankfurt am main. ZEIT interessiert mich eben, mitsamt und jeweilig. die liebsten stuttgarter sperrmüllfunde, mitten in der nacht, wenn dann die polen die waschmaschinen abgeräumt hatten, das waren mir alte korrespondenzen oder photographien. in berlin hoffe ich bis heute auf containerfunde, schade, dass die meisten behälter dort zur nacht verriegelt werden. ich bin eben so. ich habe keine ahnung und ich will keine ahnung. ich lese nicht, weil ich sehen will. ich bin eigentlich ein witziger zeitgenosse und glaube zunächst an fast jedes/jenes gute. die tränen beim lachen interessieren mich. möchte mir das auch nach den vergangenen zweieinhalb jahren weiterhin bewahren, immerhin hatte ich eine schöne jugend. und der kirschkern träumt jetzt wahrscheinlich irgendwo in frankreich von haien in stuttgart.

7 Gedanken zu „stuttgarter säureblocker“

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