Alles nur geliehen.

Räumen, von einer Ecke in die andere, dazwischen immer irgendwo gedanklich und tätig hängenbleiben und „was wollt‘ ich jetzt eigentlich ursprünglich machen, welcher war mein Plan gerade eben noch?“, hunderte gelber Säcke, den Restmüll möglichst zerdeppert, pulverisiert, damit alles in die kleine Tonne passt, Kisten auf der Straße „zum Mitnehmen“, die sich leeren, so solls sein, Haufen bilden für die Abfuhren, Häufchen machen für dies und das, Korrespondenzen verschicken an diejenigen, die es noch interessieren könnte, auch eine Kiste für originelle Kleingeschenke (z.B. Dr. Oetker Tortenguss von 1968 zu neunzehn Pfennige). Oder Vanillestangen und Hirschhornsalz in Glasgebinden von 1972. Daneben Plastiktüten längst vergangener lokaler Einzelhandelsgrößen.

Die Kleidung ist nun abgegeben, bis auf ein paar Erinnerungsstücke. Ich bin froh, dass ich so viel Zeit habe für das alles, Verabschieden. Oder endgültig bewahren. Oder Schatzkisten vergraben im Wald. Dass mir Grabpflege irgendeinen Spaß machen könnte, hätte ich auch nie gedacht. Was heisst schon „Spaß“. Die Fuchsien, die sie immer so mochte, gedeien prächtig. Normalerweise kann ich mir Pflanzennamen nicht merken. Es ist alles in Schalen gepflanzt, da die Erde sich immer noch senkt und aber weitere Geschehnisse da tief unten mag ich mir nicht detailliert vorstellen. So ist das eben mit dem Vergehen, alles nur geliehen.

Die Brotarbeit ist interessant, aber staubig. Ein paar Tage ein sehr altes Haus, welches wir untersuchen auf die Baugeschichte hin. Abends sehe ich aus wie ein alter SPD-Kumpel nach der Arbeit unter Tage. Schwarz im Gesicht und unter der Nase. Die ältesten Stäube sind ca. 520 Jahre alt, ganz ordentlich also, und sie brechen von oben herab über mich herein beim Öffnen uralter Deckenabhängungen in den Kragen meiner Arbeitskombination – ein hellgrauer Overall übrigens – bis zur Unterhose und das Hosenbein weiter hinunter bis zu den Arbeitsschuhen und zuletzt in diese hinein. Gut, dass mir die Arbeit Spaß macht. Obwohl die Gaststätte, die sich im Erdgeschoß befand, um 1926 – also dem Geburtsjahr der alten Dame – umfangreich renoviert und ausgestattet wurde und dort sicherlich kurz später dann eine Vielzahl von Menschen bewirtet wurden, die es gut fanden, das man jüdische Mitbürger und sowjetrussische Kriegsgefangene ermordete, beispielsweise. Und auch nach 1945 tranken dort sicherlich Leute, die den Krieg überlebt hatten, ihr kühles Bier, die das immer noch gut fanden, es nur nicht mehr so laut sagten, oder wenn, dann nur nach dem vierten Schnaps. Im Grunde wie heute also.

Das Gebäude erhielt immerhin einen Bombentreffer, ein Stockwerk wurde ihm als Pfand oder als Preis oder als Strafe genommen. Gottlob nur eins, denn das Haus kann ja nichts dafür für Typen aller und jeder Coleur, die sich dort über die Zeit betranken. Wer weiß, vielleicht tranken dort auch sozialistische Weltrevolutionäre konspirativ. Zuletzt war eine Karaoke-Bar gepachtet. „Nazis raus!“-Aufkleber finden sich und alte SW-Fotos von Black-Music- und diversen Soulgrößen.

Zwei Holzöfen wurden um 1926 eingebaut, in der vorderen Gaststube eher traditionell mit grünen glasierten Speicherkacheln, im neu geschaffenen Nebenzimmer dagegen beinahe in Art Deco oder Volks-Bauhaus mit dunklen rohen Klinkern, formal überlegt gedacht und kühn gemauert. Sicher war es nach Fertigstellung ein modernes Lokal mit all den Tatsachen oder Geheimnissen der Gäste, die hier unwichtige oder wichtige Gespräche führten, die hier ein geheimes Techtelmechtel anbahnten, oder diejenigen, die nur diskutierten, ob die NSDAP wirklich eine Bedrohung für die Weimarer Republik darstellen könnte oder nicht, wobei die Mehrzahl seinerzeit sicherlich darüber lachte und den Kopf schüttelte über derlei absurde Annahmen. Im Grunde wie heute also.

Gepafft wurde ordentlich jedenfalls. Alle Bauteile im hohen Erdgeschoß sind ockrig patiniert und verklebt. Gut, dass mir die Arbeit Spaß macht. Oft muss ich dann dort mal raus gehen auf die Gasse vor dem Haus, um mich abzustauben und um ggf. kurz eine Zigarrette zu rauchen. Beim Rauchen denke ich dann oft auch an das „Neue Bauen“ der 1920er Jahre und frage mich dann immer wieder, wie es zu der Katastrophe ff. danach kommen konnte. Es ist mir ein Großrätsel. Im Grunde wie heute also. Von auch meinen Steuergeldern wird hier im Landtag von der Vogelschissfraktion ein Angestellter alimentiert, der „es kaum erwarten kann, auf Gräber zu pissen“. Das ist diese Sonderbarkeit, für mich, der Demokratie. Schwer auszuhalten. Dass der von meinem Geld sich Pizza bestellt.

Der Wald stürbe aufgrund der Trockenheit, nicht aufgrund der Hitze.

Traf neulich einen, der sich in breitem Dialekt ärgerte, dass er in Ehingen a.d.D. Diesel für unglaublich billige 1,17 Euro volltanken hätte können, jedoch nur ein paar Liter füllte, da er gerade im Begriff ist, seinen Wagen zu verkaufen. Er hätte „heulen können…“ darüber, dass er diese Sparchance verpasst habe. Das war lustig.

Das schöne Wort „Rudelbeten“ und den schönen Satz „Der betet wie Joe Cocker!“ gehört. Abends im Biergarten. Das war auch lustig, dabei liebevoll menschlich, ja fast schon zärtlich. Heute übrigens erstmals das Außenwasser angestellt und einigen im Garten zu trinken gegeben. Thermometer zeigte 40 Grad, das hätte die alte Dame gefreut, die konnte es nie warm genug haben im Sommer. Und wenn dann der Wald am Abend vom leichten warmen Wind rauschte, dann sagte sie oft „Klingt wie die Ostsee, hörst Du, gleich da hinten ist der Strand!“. Heute vor 5 Monaten ist sie gestorben.

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Mein Wagen, ein Diesel, (Abb. hinten rechts) ist nun 8 Jahre alt. In diesen acht Jahren bin ich damit 245.000km gefahren. Er läuft gut, aber ich habe doch zunehmend Angst, dass es vorbei sein könnte und ich irgendwo auf dem platten Land einfach so stehenbleibe. Das wäre nicht gut, denn ich nutze diesen Diesel nicht unerheblich auch beruflich, um entweder meine Bildwerke zu Ausstellungsorten zu schaffen oder um zu oft abgelegenen Baustellen zu gelangen. Alte Häuser, Hütten oder Kirchen. Mit dem Zug oder Bus ginge das nicht, auch deshalb schon nicht, weil ich für letzteres meine Ausrüstung mit mir führen muss. Zum Beispiel Leitern, einen großen Staubsauger, Beleuchtung oder Fässer voller Kalkmörtel. Mein Diesel ist daher ein Hochkombi, manche sagen auch „Mini-Van“. Früher sagte man einfach „Kastenwagen“ und mir gefiel schon immer dieses schöne Wort.

Es ist ein Auto, was von der Seite *scheiße aussieht, aber wirklich sehr praktisch ist. Auch für den Transport irgendwelcher anderer Dinge von Bekannten oder für Umzüge oder zum Entsorgen von Häckselabfällen aus einem verwilderten Garten. Auch kann man damit zu fünft in Urlaub fahren oder zu zweit auch darin schlafen, wenn man nicht zu großgewachsen ist. Man kann schöne Ferien ja auch verbringen, ohne dass man irgendwo hinfliegt. Zuletzt geflogen bin ich vor vier Jahren. Und habe sowieso eigentlich nie wirklich Lust auf’s Fliegen gehabt, außer damals in dieser sechssitzigen Piper-Seneca auf dem Weg von Lamu nach Mombasa/Kenia, als mich der indische Pilot vorne neben sich Platz nehmen ließ und ich die Mangrovensümpfe von oben sah, während derjenige am Steuer irgendeine Zeitung las.

Ich habe gehört, man müsse 150.000km fahren, um die energetischen Herstellungskosten eines Kfz zu amortisieren. Also wieder „‚reinzuholen“. Ich finde es daher gut, wenn jedes hergestellte Kfz möglichst lange gefahren wird. Und ich glaube, mit meinen 245.000km bin ich da ganz gut dabei.

Nun habe ich mich in den vergangenen Wochen, auch im Internet, nach gebrauchtem Ersatz umgesehen. Daneben habe ich viel gelesen, nochmals, mehrfach und auch Neues. Über dieses ganze Thema. Und wieder bin ich entgeistert darüber, wie – teils völlig ohne Vernunft – oft an diese Dinge herangegangen wird, ohne dass oft auch nur Wenige der Wahrheiten überhaupt bislang bekannt sind (oder berücksichtigt) werden. Es ist oft eine völlig aus dem Ruder laufende höchst emotionalisierte Debatte.

Beim Diesel mag ich den geringen Verbrauch vom Kraftstoff. Auch natürlich, dass es sich in Deutschland lohnt, einen Diesel zu fahren, wenn man relativ viel unterwegs ist. Bei längeren Fahrten wird der Diesel zudem ja immer sauberer. Wenn er schön warm ist. Nicht so in den Städten.

In der Schweiz beispielsweise, jüngst gesehen, ist Diesel der teuerste Kraftstoff. Bei uns stets am günstigsten. Warum eigentlich gibt es dieses offenbar verkehrspolitische national geregelte Gefälle?

Die Stickoxide machen den Diesel zum Problem. Manche sagen, das Stickoxid sei verantwortlich für 100.000 mehr Tote in Europa pro Jahr. Oder In Deutschland. So richtig letztlich bewiesen scheint das aber nicht zu sein. Sagen die einen. Die anderen sagen, doch, das stimme. Beweise werden von jeder Seite geliefert. Ich möchte niemanden umbringen. Es gibt ein System, welches die Stickoxide binden kann. Mit Harnstoff, also Pipi. Aber unter minus sieben Grad ließe die Leistung des Kfz dann nach. Ich frage mich, wo das ein Problem ist. Wieso werden nicht endlich übermotorisierte und ausnehmende SUV und diese Angeber-Monsterpritschen mit polierten Aluminiumfelgen gesondert besteuert?

(Eigenes Thema wäre: ‚Die Psychologie hormoneller Mobilitätsauswüchse – Weibliches Sicherheitsempfinden und männliche Verkehrspotenz‘ – oder auch: ‚Wieso stimmt es, dass kleine reiche Frauen mit einem riesigen Auto zur Post fahren, um dort ihre im Internet bestellten Klamottenremittenten abzugeben und wieso stimmt es, weit häufiger, dass sexualtherapiebedürftige Jung- oder Mittelalter- oder schlicht alte Männer mit übergroßen Killermaschinen im Allgemeinverkehr terziäre Geschlechtsorgane simulieren‘. Man könnte das auch edler formulieren, ganz gewiss, aber mir liegt nicht daran.)

Beim klimaschädlichen CO2-Ausstoß allerdings scheint der Diesel immer noch unter demjenigen der Benziner zu liegen. Jedenfalls bei Nicht-Diesel-Neuwagen. Wir erinnern uns: „…erst ab 150.000km Laufleistung…“ etc.

Feinstaub scheint ein generelles Problem für Menschen zu sein. Manche haben nun herausgefunden, dass Benziner mit höheren PS-Zahlen die wahren Feinstaubproduzenten seien. „Echt übel!“ weiss Freund H.

Es gibt also das Weltklima (die *Menschheit mit CO2). Und es gibt die Stickoxide (die *Menschen). Und dann gibt es auch noch den Feinstaub (die *Menschen). Auch medial ja immer wechselweise Meldungen, mal CO2, mal Stickoxide, mal Feinstaub. Beim Feinstaub gehen die Meinungen ebenfalls weit auseinander. Die Fraunhofer sagen, Feinstaub gab es immer, er ist abhängig vom Regionalklima und ein möglicher Hauptverursacher sei möglicherweise nicht zu knapp die Großflächenlandwirtschaft. Und die Windrichtung, beispielsweise während der Erntezeit. Und der Reifen- und Bremsenabrieb. Und die Gülle vom Bauern. Und, ganz wichtig, ob es zwischenrein mal regnet. Das hat auch viel mit Zufall zu tun. Aber Zufall ist, auch wenn chaotisch, Realität.

Den Fraunhofern traue ich übrigens seit jeher generell recht hohe und unabhängige Rationalität zu. Aber wer weiss.

Also Feinstaub, Stickoxide und CO2. Und jeder von uns mittendrin, mit den täglichen Zwangsläufigkeiten, Erfordernissen und vor allem vielen unterschiedlichen Arbeitswelten zum Einkommenserwerb bezüglich Leben und Überleben, wobei hierorts das generelle Überleben ja noch nicht unbedingt infrage gestellt ist. Was die Stickoxid-Kenner bezweifeln. Zu Recht. Wenn es denn nun alles stimmt. Was die CO2-Spezialisten bezweifeln. Zu Recht. Wenn denn alles so stimmen sollte. Was die Feinstaub-Kenner bezweifeln. Zu Recht. Wenn denn alles so stimmen sollte.

Welche Qualitäten und Lebensqualitäten postulieren wir, von denen ja letztlich auch keiner weiß, welche diese nun sind oder sein sollen. In diesem großen Rad Leben und Gesellschaft. Wie alt wollen wir individuell noch werden, oder uns verjüngen sogar, oder saubere Luft ohne jegliche Emissionen und dabei Landwirtsschaftsfeinstaub schlucken, weil wir uns freuen, die Gräser der frischen Ernte zu riechen? Dabei einen halben Liter Zucker täglich zu uns nehmen. Um dies dann aus Lanzarote zu berichten oder aus Ost-Indien. Oder Grillabende genießen mit halal-Rindfleisch auf dem Rost, dessen Her- und Bereitstellung wiederum Wälder abholzt, Methan produziert, Leben vernichtet, eben anderes Leben halt, als das unsere.

Wer will das alles noch ausrechnen? Butter und Käse als Klimakiller. Schlimmer im Grunde als Diesel.

Jede Inspektion habe ich übrigens veranlasst und jeden Abgastest und viel Geld dafür bezahlt. Mit nunmehr 245.000 geleisteten km. Ich habe in dieser Zeit, die mir das Kfz beruflich unterstützte und ermöglichte, stets meine Umsatzsteuer und Einkommensteuer bezahlt. Für allgemeingewichtige Dinge im besten Fall. Der Nutzen von Steuergeldern für die Allgemeinheit obliegt politischen Entscheidungen. Ich finde das wichtig, dass das so geregelt ist. Will sagen, ich bin ein Steuerzahlerfürsprecher. Schön blöd, nicht?

Dennoch würde ich von einem politischen Komplettversagen sprechen, was die Mobilitätswegweiser der vergangenen 20 Jahre angeht. Allzu kurz die Wahlperioden und allzu groß die Interessensvertretungen manch mächtiger Verbände. Und manch mächtiger Verbrecher (wie sollte man sie anders nennen?), die manchen Konzernen vorstehen und lügen und betrügen, was das Zeug hält. Jedenfalls was es hielt. Zuletzt nehmen sie ggf. „ihren Hut“. Mit Abfindungen, von denen ich mir eine Flotte von mindestens einhundert neuen Ad-Blue-Dieseln zulegen könnte.

Ich habe mich nun entschlossen, gemäß meiner finanziellen Möglichkeiten sowie meiner Ratio, den Feinstaub und das CO2 für die wesentlichen Dinge zu halten, die Schaden anrichten. Ich werde also weiter Diesel fahren. Ich fühlte und fühle mich gleichwohl sehr alleingelassen in dieser Entscheidung. Und während und vor dieser Entscheidung. Überall Achselzucken. Oder dumpfe Posaunen, oft seitens vielfliegenden Bürohockern, denen es kein Problem bereitet, die eintausend Meter mit dem Fahrrad zur 36-Wochenstunden-Arbeit zu fahren. Kein Pardon. Der Chef meiner Werkstatt meinte auf Nachfrage nur lakonisch „Abwarten und Tee trinken.“ Klingt fast so schön wie „Kastenwagen“.

Freund H. riet mir übrigens, keinen Euro-5-Diesel mehr zu kaufen. Freund K. dagegen meinte „Ach, egal.“. Beide sind erfahrene Schrauber. Beide wussten auch, dass Euro-4-Diesel sauberer seien als Fünfer. Das hat mich dann schon erstaunt. „Und die ersten Euro-6-Diesel sind noch schlimmer, abgastechnisch!“.

Was bitte soll das alles? Hören Sie mir auf mit Arbeitsplätzen. Oder mit „Wir produzieren doch nur das, was der Kunde will!“ (…) Ich will zukünfig einfach in meinen Tank pinkeln, um dem Stickstoff mit Harnstoff auf eigene Faust den Garaus zu machen. Und ich freue mich trotz alledem auf einen neuen Gebrauchten, ich werde den vielleicht schlicht „Stadler“ nennen. Oder edler: „Winterkorn“. Dabei denkt man dann an wehende Kornfelder im Winter. Schön blöd, nicht? Noch elf Tage bis dahin. Und wenn irgendwo in der Nähe mal eine Biedermeierkommode von A nach B zu transportieren ist oder eine Ladung schweren Münzgeldes, ob weiß ob schwarz, dann einfach bei mir durchklingeln. Ich helfe immer gerne mit meinem bescheidenen Kastenwagen.

ansonsten ist es sommer und wie schön und auch freizügig das mal wieder sich gestaltet mit gelegentlich dichten schauern zwischendurch, welche ja aber so wichtig sind fürs nässen, benetzen und die gänsehaut. und die frauen tragen ihre schönsten kleider.

Nachtragsgebirge

„Anreise ab dreizehn Uhr, hundertzwanzig auf Schweizer Autobahnen, ab Tiefencastel (was für ein schöner Ortsname) hinaufwärts überholen Münchener getunte Cabriowagen mit seltsamen Geräuschen vom After her, die wohl dunkelblubbernd von null auf hundert in 6 Sekunden können. Auf der Rückfahrt obenda mal wieder 2 Grad. (…) Auf dem Fußweg nach Sils zwei SM-Wanderer im Ärmellosen mit Dildo-Rucksack, wie eine Silberdistel expressiv abstrahiert in Schwarz, die sehr nett aussahen, mit freundlichen Hunden dabei und man weiß nicht, was die Hunde schon alles gesehen haben. Ist auch egal, so gehen eben meine Gedanken manchmal, es sind alles Geschichten um die Menschen und was diese so tun und lassen unter Gottes weiten Firmamenten. (…) Abends Stechmücken, Gletschertöpfe und Krüppelkiefern (was für ein Wort für einen klugen Baum). Mobilität? Wer hat diese Bäume gefragt, wo sie leben wollen. Hier Baumgrenze, fast. Lerchen und Hochmoore. (…) Überall liegen noch sterbende Schneebretter herum. (…) Herr E., der mich mitsamt seiner Familie mitnahm seinerzeit, war damals, 1971, jünger, als ich es jetzt bin. (…) Gott so nah, denkt man in den hohen Bergen, wieso dankt und misst der Mensch denn immer nach oben? Und wenn es sich ganz anders verhielte. Morgen ist Vollmond. Die Gartenschläfer wissen das sicher auch. Lac du Cavloc schönster See, wo ich kenne. (…) Wie schön – 8 Tage kein Internet! (…) Beim Aufstieg zum Lunghinsee von einem waschechten Bayern aus Wasserburg am Inn überholt worden, der erzählte, er wolle endlich einmal wissen, auch als passionierter Angler, wo denn der Fluss seiner Heimatstadt eigentlich entspringt. Oben überall noch tauende Schneefelder, man weiß nicht, wo man da einbrechen würde und wie tief. Keine regulären Wege mehr, eher klettern hie und da, steil. Wir kehren also schweren Herzens um, vespern reichlich, genießen die Sonne und ärgern uns über offenkundig städtische over50 Bio-Kraxler, die steil oberhalb von uns über allerlei recht loses Geröll aufsteigen. Die Frau meint auf zugerufene Nachfrage „Na klar ach wo, da kommt nichts runter.“ Oben eine Herde Steinböcke. Habe ich auch noch nie so gesehen. (…) Der Fuchs latscht wieder vorbei, sie sieht genervt aus, hat aber immerhin einen großen schwarzen toten Vogel dabei für die Kinder. Abendbrot. (…) Die Köchin liest in der Abendsonne vor dem Haus, später wird sie eine Sonnenkante auf der Haut nahe Sonnengeflecht feststellen. Erhaltende Arbeiten an der oberen kleine Dachterrasse. Die Bergsonne verbrennt regelrecht das Holz, das noch gar nicht so alt ist, an der Türe. Mische noch vorhandenen Rest-Leinölfirnis mit zugekauftem Speise-Walnussöl. Kochen und Maltechniken als Weltgedächtnis. (…) An die alte Dame gedacht, das mitgeführte kleine Sargkreuz von ihr in der Hand geschmeichelt. Vor zwei Jahren hatte sie noch regen Anteil genommen an unserer Reise. Vor 48 Jahren, während meines ersten Kinderurlaubes hier, hatte sie vorbeigeschaut an diesem Ort, im Porsche mit dem geliebten Dr. Schiwago, auf dem Weg an irgendeinen Lago und gewiss mit Träumen einer allzu jungen Witwe. (…) Forno. Fünf Stunden Geröll machen schöne Beine. Wir sind mutterseelenallein. Was den Leuten alles entgeht. (…) Habe mir dort ungefähr eineinhalb Kilogramm bachgemahlenen Feinsandes, selbstgeschürft, in einem Beutel aus 2200 münN. eingepackt und im Rucksack nach Hause getragen. Später getrocknet und gesiebt. Ich muss etwas besonderes daraus machen. (…) Murmeltiere, Gartenschläfer, alles Wesen der Seelenwanderung. Auch die Preise hier haben Seele und wandern. Früher war hier Schmugglergegend. (…) Heute wird in moderner Alpenarchitektur gebaut. Viel Stein, oft Burgcharakter. Schießschartenfassaden, daneben große Rosettenfenster. Manchmal etwas zu psychologisch, auch ggf. psychopolitisch. Nicht ganz schlecht ästhetisch bzgl. „Modernes Bauen“. Gleichwohl stets sicherlich sehr hochpreisig. Und dadurch auch komisch maniriert. Beinahe lustig in Rezeption, oft wohl Architektur für Architekturmagazine. Gezeigter Reichtum und Ferienwohnungen, die Vorhänge sind geschlossen und sie zeigen sich auch so. (…) Ins Bergell hinab, kaum zu glauben immer wieder, wie man Meter um Meter die klimatischen Zonen sich verändern spürt. Nach Soglio von unten hinaufgefahren. Dort könnte man eigentlich auch einmal urlauben. Eigentlich. Aber doch lieber von oben ausflugen. Oder über den römischen Septimerpass von oben hinunterlaufen, acht Stunden lang von Maloja aus, über den Lunghin-See. 800 Meter tiefer liegt das, als die Villa. Und dann noch weiter nach Chiavenna, Italia. Es macht *pling pling*, willkommen in der EU. „Roaming“ etc. Dort war mal kurz E-Mails lesen und sehr warmes Italiengefühl mit Caffè. Später retour hinauf in endlosen Serpentinen, wo es bereits gewittert und später abends alpin empfindlich kühlt. (…) Die Rückfahrt im strömenden Regen. Seit letztem Jahr wissen wir ja, dass Regen gutes Wetter ist, allgemein und für uns alle. Früher war Regen blödes Wetter. (…) Es ist ein wunderbarer Ort, gerne würde ich dort einmal in Ruhe Berge, Barrieren und Brüste malen. Und mehr noch – alles, was für mich jemals WAR, in kleinere Pappen packen, im Bild. Expressiv, dabei überlegt und sowieso stets auratisch. Oder, wer weiß, dann eben doch, dort, ganz anderst. (…)“

25. Juni 2019

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es ist warm und mir war nur so: „Woman with SUV und sichtbarer Sliplinie“ (Serie „Stuttgart“), Öl/Graphit on Cardboard, ©divers & Studio Waldrand, jedoch genau so wichtig, die Rotschwänzchen brüten zum zweiten Mal in diesem Jahr über der verwaisten oberen Eingangstüre zum Haus, schön und kaum zu glauben.

2. Junei

Mit einer schönen alten Sense des Schwiegervaters erstmals in meinem Leben gesenst. Ein kleines Teilstück der Atelierwiese. Dabei an mittelalterliche Schnitter-Darstellungen gedacht, graphische Pestblätter. / Der Postler ist es, der immer den gesamten Inhalt meiner Bücherkisten „Zu Verschenken“ mitnimmt. Ich ahnte das schon. Ich mag ihn. Dann stellt er die leere Kiste wieder ordentlich an die Parkplatzwand. Dort hängt seit Jahrzehnten ein einst gefundenes Verkehrsschild mit durchgestrichenem „P“, also Parkverbot. Sowas gibt es ja schon lange gar nicht mehr. Ich warte drauf, dass es irgendwann weg ist und im Antikmarkt hängt. / Ein paar schöne neue kleine Bilder sind produziert. Meist abendlich nächtens, wie ich das so liebe. Dazu wunderbare Musik der Dire Straits. Darf man heute ja kaum sagen, ist doch so unsagbar altmodisch. / Und warum Andere erfundene und grausame Geschichten um ihre familiäre Vergangenheit legen, um diese dann um ihre eigene reale Existenz zu spinnen, das weiß ich nicht. Sowas gab es ja schon ein paar Mal, seit ich ein Weblog betreibe. Nur eben nicht so grausam. Wenn man so etwas macht, sollte man stets darauf achten, dass man niemandes Herz wirklich hinters analoge Licht führt. Sicherlich benötigt die betreffende Person nun Kraft und Hilfe, beides wünsche ich ihr ehrlich. / Die B-Sehnsucht wächst gerade wieder. Immerhin wollte ich „da ja nie weg“ (so sage ich immer zu pflegen). Kann gut sein, das hängt auch mit dem Tod der alten Dame zusammen. Oder dem schönen Wetter. Oder dem schönen Telefonat mit der Kirschkern heute am Nachmittag. Irgendwas ist abgeschlossen, nun muss ich’s nur noch aufschließen.

SIL.

Die düstere Baustelle zieht sich hin. Eine falsche Formulierung eigentlich, denn nicht die Baustelle ‚zieht sich‘, sondern die Arbeit auf ebenjener. Wobei sie sich durchaus zieht, die Baustelle, jedoch ich werde nun bald und mit Gottes Hilfe das Erdgeschoß erreichen. Ich fing ja ganz oben an in Richtung unten. Meter um Meter reinige ich mich nunmehr seit Monaten in Richtung des Erdmittelpunkts, kämpfe, dränge und biege mich durch das enge verwinkelte Gerüst und wühle und taste mich entlang Wandschmutz und gebundenem Feinstaub aus über 50 Jahren hin zu unser aller Magnetkern, Stufe um Stufe dem Hades entgegen. Vor fünfzig Jahren war noch Wirtschaftswunder. Die Gerätschaften dampfen und nebeln, man sieht oft weder Hand noch Tand vor Augen, durch den enormen Druck fliegen einem kleine scharfe Fetzen von Splittern um die Ohren, Schollen wölben sich zischend auf ob der plötzlichen Hitze und Blasen kommen und vergehen in Sekunden wie im Hollywood der Nahaufnahme in Breitband und mit einem willkürlich verzerrten Zeitraffer. Es knistert und ziept und es riecht gefährlich, feuchte warme Materie platzt wie bei kleinen in Miniatur entworfenen Urknallen im Makro für die Puppenstube. Archaische Höllengeräusche einer als „Technik“ bezeichneten Vorgehensweise, die menschliche Überlegenheit gegenüber dem Material suggeriert, ohne dabei zu beachten, dass Materie immer dauernder sein wird als irgendein aus ebendieser zusammengesetzter Mensch. Selbst das Treppenhaus rät zu mehr Demut, ist aber geduldig mit mir.

Ein Treppenhaus kann natürlich keine Ratschläge geben.

Das alles allein unterbrochen hie und da von dieser ungemein lasziv gehauchten Automatenstimme, weiblich und offenbar entworfen für’s Baustellenklischee: „Schön, daß Sie mich starten, ich bin gleich für Sie bereit!“. Dann, nach etwas Brodeln und Aufköcheln im Tank jene wunderbar fast frühlingshafte Nachricht: „Gerät ist betriebsbereit!“. Und ab und an, leicht dominant: „Entkalken!“. Zuletzt, wenn weitere drei Liter hinausgestoben sind und den Atem der Welt benässt haben, die lapidare Feststellung: „Wassermangel!“. In Endlosschleife.

Im Dauerbetrieb werden die Kabel warm. So viel Energie fließt und wird umgesetzt bei diesen Vorgängen der Umwandlungen von Zuständen.

(Wahrscheinlich könnte eine ausgewachsene Person mit dieser Energiemenge nach Mittelfrankreich reisen, um dann dort ihrerseits zu wandern oder im Cafe zu sitzen.)

„Wassermangel“ bedeutet immer auch Pause. Eher ein ‚Päuschen‘. Mit einem großen Eimer zwei Stockwerke in den Tiefkeller, dort befindet sich die Wasserstelle, gleich neben der lange verwaisten Mausefalle mit ranzigem Käse. Hier saßen sie bestimmt auch damals vor 75 Jahren, als das Nachbarhaus getroffen wurde und sie die ganze Nacht lang die Fassade aus den Fenstern des vierten OGs heraus mit Wasser begossen, damit das Feuer nicht übergriff. Ich fülle dann den Eimer, begebe mich wieder hinauf und rauche manchmal noch kurz eine Zigarette vor dem Haus in der gleißenden Frühlingssonne, wahlweise im Regen. Und denke an die alte Dame. Als ich in KW 4 im dritten Stock anfing, da hat sie noch gelebt. Nun ist sie seit zehn Wochen schon unter der Erde. Wie es da unten wohl aussieht jetzt?

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Es gibt da seit ein paar Tagen ein Video, welches mich (und wohl nicht nur mich) beeindruckt. Man muss das ganz ansehen, auch wenn es fast eine Stunde lang dauert. Und auch die kurz erwähnte Tatsache, dass die Anzahl der Wähler zwischen einem Lebensalter von 18 bis 30 offenbar wesentlich geringer ist, als die Anzahl der Wähler über einem Lebensalter von 70 Jahren. Vielleicht sollte man die jüngeren Wählerstimmen, um deren zukünftiges Leben es ja geht, mit 1,5 multiplizieren? Es ist so ein Stillstand überall. So eine gesättigte Trägheit, fast schon eine Lähmung. Mit Prisen ältlicher Arroganz. Weil keiner mehr weiterweiss oder will. Oder weil zu viele ihr Geld retten wollen. Wo doch Klarheit überfällig wäre. Ich fühle mich ziemlich erinnert an’s eigene zornige Aufbegehren vor langen Zeiten.

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Erneut ein paar Päckchen und ein großes Paket nach Übersee mit längst vergangener Korrespondenz und liebevollen Hinterlassenschaften gepackt und zur Post gebracht. Man muss das alles anständig zu Ende bringen. Diese ganzen Auflösungen und Vergänglichkeiten von Geschichten, Dingen, Personen und einst Gedachtem. Aber ich kann beim besten Willen nicht beispielsweise eine kleine schöne Ledertasche fortwerfen, welche die alte Dame noch handschriftlich mit einem erläuternden Zettelchen datiert und verortet hat. Zu groß ist die Aura:

„Diese Tasche bekam ich zur Konfirmation 1941 in Königsberg von Oma Mika aus Pillau geschenkt, wo doch alle damals gar kein Geld für so etwas hatten!“

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Im Dorf gibt es jetzt eine Ampel, aber nur, weil gerade Baustelle ist. Ansonsten gibt es keine Ampel in diesem Ort und das gefällt mir an diesem Ort.