schiefe Bahn, 2. Apr.

Schiefe Bahn

Schnee, wie überall. Dabei waren doch schon 20 Grad. Muss das sein? Offenbar ja.

Nicht mal ein solidarisches Tempolimit bekommen die Deutschen hin. Noch nicht einmal temporär, wenigstens. Nein, da hört der Spaß auf. Alt-Kleider und muffige Schlafsäcke als Kriegsopfer gerne, aber doch bitte kein Tempolimit.

Impfung, Diesel, Speiseöl. Pfründe, überall Pfründe. Und rote Privatlinien, wohin man schaut.

Ein junger Mann hätte mit einem Gabelstapler nachts um 3 einen freistehenden Geldautomaten aus der Verankerung gerissen und sei dann damit zurück zur Firma gefahren, bei der er beschäftigt ist. Beim Aufflexen sei er von einem Polizeihubschrauber erwischt worden, was zu erwarten gewesen war. Wie im James-Bond-Film. Es ist nun alles schlimm. Weniger kriminell als psychologisch, eher eine fast zwanghafte Selbstdemontage. Auch dies ist – zuletzt – eine traurige Kriegsgeschichte.

Frau Schicksal habe kurz geweint, ich auch. Kurz.

Kaum jemand, der/die/div. gendert, scheint es komisch zu finden, dass ukrainische cis-Männer im Alter von 18 bis 60 Lebensjahren derzeit aus ihrer Heimat nicht ausreisen dürfen, sondern stattdessen zum Kriegsdienst verpflichtet werden. Es geht ja nebenbei nicht nur ums ggf. Sterbenmüssen, sondern auch ggf. ums Tötenmüssen. Wie schnell doch verschwinden moderne Fragestellungen, wenn es ernst und altertümlich wird.

Ich habe dazu keine Meinung mehr.

Die neue Heizung funktioniert. Einige der neuen Heizkörper müssen noch installiert werden. Raumveränderungen sind in Arbeit und schon sichtbar. Die neuen Fenster sind beauftragt und werden derzeit hergestellt. Die Dacherneuerung ist für Mai oder Juni geplant. Angebote für Fotovoltaik und Außenverschalung stehen noch aus. Weitere Rückbauten sind in Arbeit, Generationen von Mäusen, Wespen, Mardern und Hornissen hatten in den Zwischenräumen von Dach, diversen Isolierungen und Innenverschalung eine Kinderstube und Geborgenheit gefunden. Ich glaube, es wird wirklich sehr schön werden.

Blöd wäre es halt nur, wenn jetzt Atomkrieg wäre. Dann wäre alles kaputt und wertlos und wir müssten ggf. nach Afghanistan flüchten und wären dann Wirtschaftsflüchtlinge. Oder nach Gambia, Eritrea oder sonstwo hin, jedenfalls übers Mittelmeer und durch Libyen südlich.

Dort, wo wir dann landen, würden wir versuchen, durch den Verkauf von handgemachten Spätzle mit Soße und Brezeln und kleinen Portraits unseres Wachpersonals in Tusche, Graphit oder Aquarell oder als Trauerrednerin irgendwie zu überleben.

Vielleicht würde ich aber auch irgendwann auf die schiefe Bahn geraten.

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4 Gedanken zu „schiefe Bahn, 2. Apr.“

  1. Nein, mir ging es auch so. Als CIS-Mann, der sich fragt, ob er mit genau 60 Jahren jetzt drin in dem Krieg oder draußen aus dem Krieg wäre. Nur aufgrund des Geburtsdatums und des Pimmels. Frauen, Kinder und Senioren müssen draußen bleiben. Nur sterben dürfen sie, da sind wieder alle gleich.
    Auch die andere Frage stelle ich mir – selten genug: Wie wäre das als Flüchtling im globalen Süden? Würden wir uns diese Frage öfter stellen, wäre die Welt vielleicht anders. Aber wir stellen sie nicht. Wir haben ja Heizung. Auto. Aldi. Netflix-Abo.

  2. Manchmal bleibt einfach nur Dankbarkeit, dass ich die Brezel nebst Butter essen kann und die Spätzle sogar mit Eiern von glücklichen Hühnern gemacht sind und handgeschabt obendrein.
    Ob das Traumata sind, das Karma, Naivität oder Leichtsinn, die eine Bahn schief werden lassen, oder alles zusammen. Wer weiß das schon.
    Und wenn ich die Diskussion mit der jungen Generation führe, die genausowenig wie ich mit Krieg aufgewachsen ist, warum Menschen töten oder sich in den Krieg schicken lassen oder das vielleicht sogar gut und richtig finden, dann die Frage nach zivilem Ungehorsam und Werten und ob man dafür kämpfen muss und wenn ja mit welchen Waffen. Sog der Masse? Mensch will dazugehören.
    Lieber Rot als tot?
    Lieber kalt in der Stube statt Krieg finanzieren?
    Erst kommt das Fressen…
    Und wenn ein Algerienkrieg – Veteran mit Tränen in den Augen auf einmal erzählt, wie der andere das Gewehr auf ihn gerichtet hatte… und dann doch nicht abdrückt, sondern es wieder sinken lässt… wenn dieser Krieg heute also wenigstens das bisschen Gute hat, dass dieser betagte Mann sagt, auch ich bin traumatisiert und habe das noch nie erzählt… vielleicht kann er jetzt wenigstens besser schlafen.

    1. Ähnliches wurde mir über meinen früh verstorbenen Vater erzählt. Er erlag mit 46 Jahren einem Krebsleiden, das laut der Ärzte „auf die Mangelernährung in 5 Jahren russischer Kriegsgefangenschaft zurückzuführen sei“. Aber eben nur ähnlich: ganz am Anfang, als es gegen Frankreich ging und er 19 Jahre alt war, da habe er am Rand einer Lichtung gestanden und auf der anderen Seite stand plötzlich ein junger Franzose, wohl so alt wie er. Beide hatten erschrocken hastig aufeinander angelegt, und es ging um Leben oder Tod, er oder der andere, also darum, wer wohl schneller mit dem Schießen sein würde. Mein Vater hatte „Glück“, er war schneller und der Andere war tot. Nach seiner Rückkehr aus Russland, 10 Jahre später, malte er in langen Nächten bis zur Erschöpfung expressive große Aquarelle, große sehr farbig explodierende Blumen, zittrige Landschaften, dramatische Himmel. Eines seiner Hauptmotive war häufig ein dunkel getönter Vordergrund, laubloser Wald als Stand- und Blickpunkt des Betrachters, mit einem von weit hinten hindurchscheinenden Licht, als Verheißung oder wenigstens Hoffnung, so könnte man deuten.

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