Herbe Stilfe!

Beim Rennen durch den tiefen Wald kommt mir ein greiser Elefant entgegen. Ich frage „Wohin des Wegs?“ und er antwortet „zum Sterben.“ Etwas später passiere ich eine uralte demente Eskimofrau, ich grüße freundlich und frage „Wohin des Wegs?“, sie antwortet „zum Sterben.“ Ich kann das akzeptieren und renne weiter. Stimmt, ich hatte das vor langer Zeit schon gehört, jungendlich und staunend: Elefanten, wenn sie alt sind und bemerken, dass sie durch ihr Verbleiben bei der Herde ebenjener gegebenenfalls schaden könnten, verdrücken sich irgendwann alleine in den Wald, um dort zu sterben. Weil sie, schutzlos wie sie dann sind, wahrscheinlich im Gebrechen alsbald von anderen hungrigen Tieren gefressen werden. Ähnlich bei den alten Eskimos, wenn sie zu langsam und bedürftig geworden sind und der Sippe allzu sehr zur Last fallen bei den extremen äußeren Verhältnissen des Eskimodaseins, sie gehen irgendwann in das große Weiß hinaus im Schneesturm, um dort zu erfrieren. Ein Akt der Aufopferung zugunsten des Überlebens der Gruppe.

Dann kommen die Eisbären und es ist wie bei den Elefanten. Und man muss ja auch wissen, wann irgendwann eben Schluss ist, zumal als reflektierter Mensch. Bevor also der Opa sämtliches Erbe mit seiner Pflegebedürftigkeit durchbringt, sollte er doch nochmals überlegen, ob es nicht Zeit wäre, jetzt endlich und bestens betreut friedlich einzuschlafen. Wie die Eskimos, die Elefanten. Zumal ja ohnehin keine wirkliche Lebensfreude mehr da ist, „nicht wahr, Opa?“ Schau, Dein Enkel Lilly möchte studieren, das ist teuer, und wir haben uns so verschuldet mit unserem Haus und unserer Wohnung und wollen doch nächstes Jahr nach Mauritius.

(Und außerdem, Opa, haben wir keine Lust, Deinem bescheuerten Verfall beizuwohnen. Der uns täglich daran erinnert, wie hilflos wir doch eigentlich sind.)

Ich renne von nun an also an lauter alten Menschen und Tieren vorbei, die im Wald wahllos herumstehen. Alle wollen sich, so wie ich ja irgendwann auch, in den großen Kreislauf des Materientransfers begeben. Man hat schließlich sein ganzes Leben lang irgendwelche chemischen Zusammensetzungen in sich hinein verdrückt (Schinken, Käse, Pizza, Rosenkohl, Döner, Salat), Dinge genossen also, die einen über ihre Kalorien am Leben erhielten. Diese ließen einen rumturnen, verlieben, Vespa fahren, Sex haben, Bilder malen, heulen und abspülen oder freuen. Oder nach Westen weiterreiten. Genau dieses wollen all die Elefanten und Eskimos (mitsamt mir) dann auch irgendwann einmal an das, was denn weiterlebt und fortexistiert, retourgeben.

(Ich schweife ab.) Also weiter:

Beim Einäschern hingegen muss ja sogar noch Energie zugesetzt werden. Da stimmt aber was inhaltlich nicht bezüglich des Kreislaufs. Theoretisch muss, sollte ich mich einäschern lassen, Braunkohle oder russisches Erdgas hergenommen werden. Braunkohle ist uralter Kohlenstoff von verwesten Dinosauriern und zum Beispiel Frühzeitpetersilie. Erdgas quasi ebenso, eventuell noch etwas mehr Grünzeug dabei im Verhältnis. Also müsste mir Großechsenenergie und Kompost zugesetzt werden, damit überhaupt meine über Jahre angehäuften wertvollen Aminosäuren – vorbei an hungrigen Würmern, Pilzen und Bakterien – verkohlen könnten, und dies nur, damit von mir im Ergebnis Abwärme, Treibhausgase und Asche übrigblieben.

Nun gut. Die Abwärme diente dann Urlaubern auf Mauritius oder im Allgäu für schönes Wetter und schöne Erinnerungen. Allerdings wäre diese Abwärme ja theoretisch vorher jenen Urlaubern bzw. ihren Altvorderen entzogen worden? Egal. Jedenfalls: Der Energieverbrauch schöner Erinnerungen hingegen verzehrt einen Zusatz an Meeresfrüchten (Mauritius) und Wildschwein oder Jungreh (Allgäu), weshalb man sagen könnte, dass schöne Erinnerungen möglicherweise genauso viel Energie verzehren, wie sie produzieren.

Das gleiche gälte für schlechte.

Ich begrüßte also beim Weiterrennen die umherstehenden Untoten freundlich und gebe ein wenig Gas im Schritt, nicht ohne mich bei jenen Untoten dafür zu bedanken, da mein gasgebendes Rennen natürlich erhöht im energetischen Umsatz ist. Denn ohne all diese Untoten könnte ich nicht, niemals, rennen. Ich denke an „Soylent Green“.

Wollte ja eigentlich irgendwelche Gedanken zur Ablebeunterstützung ein wenig festhalten. Das ist sehr schwierig und verbraucht verdammt Chemie. Ich verfüge dabei über keinerlei Lösung. Allerdings:

Wie können welche nun behaupten „Mein Tod gehört mir!“? Was sollte dazu der im letzten Jahr auf der Autobahn 6 unschuldig verunfallte Vater sagen, beispielsweise, mitsamt seinen drei verbrannten Kleinkindern? Sowie der daran schuldige Lasterfahrer? Bestimmt wollte dieser niemals schuldig am Tod eines Vaters mitsamt seinen drei Kindern jemals gewesen sein. Geschweige irgendeinem oder gar seinem eigenen.

Und was sollen also dann die sogenannten Kranken sagen, die eben aus irgendeinem sich nicht erschließenden Grund an Krankheiten leiden, seis von Geburt, seis später? Sollten sie ebenso forsch behaupten sollen, gefälligst und aus Sicht der bis hierher Gesunden, „Meine Krankheit gehört mir!“?

„Meine Gesundheit gehört mir!“, das klänge noch am meisten plausibel im Mainstream. Jedenfalls im Mainstream sogenannter Gesunder. Jedenfalls, solange sie gesund sind. Ich kenne welche, die haben das Glück der ‚Gesundheit’, die leben auch gesund und sie sind felsenfest davon überzeugt, dass sie 95 Jahre alt werden. Ich erschrecke da jedesmal, wenn ich das höre. Ich wünsche es aber, wirklich, allen.

(Außer den Hitlers.)

Also das Zwei-Klassen-Leben. So nun auch das Sterben. Wie das Ding mit den Zähnen und dem Zahnersatz und überhaupt mit der Gesundheit und der Vorsorge. Nur eben in säuselnder Umkehr: Ein längeres Überleben im Sterben können sich irgendwann nur noch die Begüterten leisten. Die Ärmeren hingegen nehmen und nähmen dann die Sondertarife der Kranken- oder Pflegekassen zum wohligen Einschlafen wahr. Unter dem Deckmantel einer Humanität, in der es sich gut die Hände reiben und waschen lässt, vor allem dann, wenn man sich ohnehin schon längst von der Solidargemeinschaft verabschiedet hat.

Also doch keine Elefanten und Eskimos. Auch hier stimmt aber irgendetwas nicht, es fehlt eine stringente Argumentation im komplexen Sachverhalt. Es ist alles so verdröselt, wie ein Strang dementer Aminosäuren.

Ich las von einem üblen Kinderschänder aus Belgien, der – wenigstens am Körper gesund – Hilfe nun einklagt, um zu sterben. Vielleicht sollte man ihn zu den Eskimos oder den Elefanten in den Wald oder an den Nordpol bringen. Oder andererseits von einer alten Frau aus dem Niederländischen, die einst unbedingt und bedingungslos mitbekommen möchte, wie das ist, das Sterben, da sie ja nur einmal lebe und das Sterben ja zum Leben gehöre. Wie alle immer sagen. Vielleicht sollte sie einfach zu denjenigen Wesen sich begeben, die einmal Solidargemeinschaft waren.

Mir fehlt bei manchem einfach ein wenig der Blick auf Urknall, Lichtgeschwindigkeit und kosmisches Nichtwissen. Vor allem eine einigermaßen stille Sicht auf eine verdammt aus der Mode gekommene: Demut. Wenigstens ein bisschen. Ein Blick darauf, wie klein wir sind und wie sehr verfangen in uns.

Denn also: Ganz gewiss stimmt es nicht, dass mein Tod mir gehört. Ich behaupte auch gar nicht, zu wissen, wem er stattdessen gehört. Daher also auch nicht mein Leben. Auch nicht meine Krankheiten und auch nicht meine Gesundheit. Allenfalls mein Wunsch danach oder mein Nicht-Wunsch. Es kann stets nur ein Wunsch sein, der uns gehört.

Das wars auch schon. Wie wollt ich mehr dazu sagen. Als ich schließlich aus dem Wald kam, stand da der Lasterfahrer von der A6. Wir schlenderten ein wenig gemeinsam des Wegs und er erzählte.

….

Und immer noch brummt es da irgendwo hinter den verstaubten Vorhängen, alle möglichen Flieger haben es wohl noch nicht kapiert, dass es doch bitte gleich schon Winter werden wird. Alle Creaturen wollen sich noch flink reproduzieren in der Sünde der Herbstsonne, die zu ungeahnten Temperaturen sich heraufpumpt hinterglas und die Spinnen freuen sich gewiss über noch lebendiges Futter mit Flügeln, alles ja besser als diese halbtockenen Staubmilben (so denke ich), seit Generationen übrigens Notnahrung im Kleinformat (so denke ich), Studentenfutter, nicht mehr als ein kleiner Matratzensnack bis Maerz, der wohl gerade so reicht, um die Beine und alles andere Vegetative beweglich zu halten. Wie ein Bounty, oder noch besser, ein Milkyway. So denke ich. Und noch besser gerne gleich zwo davon.

Aber wer weiss schon, wie die das sehen. Gestern war eine kleine transparente Sonntagsraupe aus dem Salat gekippt, die unerschrocken sogleich fleissig zwischen den Marmeladenresten des Pflegedienstes graste. Auf Zuruf erschrak sie und stellte ihren Hinterleib gefährlich auf. Sehr. Das gefällt mir. Ganz egal, ob David oder Goliath. Schließlich konnte sie auf einer der gerade erst importierten neuen tempelhofschen Blümchenservietten in Rosa umgesetzt werden, hin zum Ofenholz, noch handgespalten. Ich weiss nicht, was kleine durchsichtige Salatraupen brauchen fürs Leben, vielleicht eine versehentlich nicht vollständig verschlossene Packung von Basmatireis oder möglicherweise ja auch hie und da nur eine fette Staubmilbe, die so wurde, wie sie geworden war, manchmal durch Schuppen von geriebener Haut und Resten von Körperflüssigkeiten größerer Tiere oder der nächtlichen Transpiration ebenjener beim Träumen guter oder schlechter Geschichten, währenddessen deren Gliedmassen komisch wackeln bei verschlossenen Augen.

Ungleich schwerer mein derzeitiges Leben in Luxus. Zwei Neunachrichten erleichternd, zum einen ein ungeahnt schlanker Tarif über betriebliche Pflichten in der Haft, zum anderen die Information, dass jene blinkerlosen Vesparoller vom Typ PK 50 durchaus bekannt sind als eine spezielle Art, oder auch als „Einfach-Edition“, diese dazu sogar offenbar besonders gesucht und als Rarität beworben, daher vielfach gelebt, geliebt, gepriesen und im Preise demzufolge nach oben getrieben. „Getrieben“, was für ein schönes Wort.

Hatte ich es doch gestern erst schwer getrieben und es hatte mich getrieben deshalb und manchen Umtrieb mir, den einen erleichtert, den anderen hingegen beschwert, ohne dass ich mich einer Vorahnung darüber jemals hätte beschweren wollen.

Mich interessieren hierbei aber wirklich weder Preise noch Poesie, noch Doppelwörter (wie die Kirschkern sagen würde), sondern allein das Wissen darum, dass die Betriebserlaubnis offenbar ungefälscht ist. Und schon ganz bald werde ich deshalb jene herbeigesehnte Fahrt im blauen Dunst zum Kaffee mit Käsekuchen in das saubere zweitaktlose Städtchen betreiben, mit komplementärer Hochlust, ohne Bremslicht, ohne Hupe, serienmäßig. Am liebsten mit zwei Hörnern vom hinter dem Waldrand selbsterlegten Einhorn auf dem autonomen Halbhelm, diese sollten blau fluoreszieren und während jener Fahrt kosmisch korrespondieren, ohne dass ich aber davon weitere Ahnung haben müsste. Weil es mich nicht interessiert.

Das gesparte Reparaturgeld werde ich dann sehr gerne anlegen fürs Schönmachen des Heiligen Abends, vor allem für all diejenigen, bei denen es erneut in dieser Saison nicht so sicher ist, ob sie jenen abermals überhaupt noch erleben dürfen. Ich hätte nie gedacht, dass das Lebendige und Unlebendige einem mit zunehmenden Jahren so sehr nahe rückt und sich auf Rücken und Bauch oder Brust in vielen kleinen Zwirbeln verschmelzt, die man dann gelegentlich abpulen kann, und manche aber nicht.

einwampfrei

Muskeltiere
Reperatur
Continiental
einwampfrei
Knöchelverzeichnis
Hackersche Höfe
Paradontose
Gorgòn-zolà
(…)

kribbeln im linken zeh hört auf auf dem heimweg, mit dem B., der sein fahrrad schiebt, bis zum platz vor, er dann rechts, ich geradeaus, erneut wurde ich angesprochen „ob ich was suchen würde“, das ist ganz lange nicht mehr passiert, bin dann immer freundlich, wie in einem fachgeschäft mit umsorgender beratung. beim gentrifizierungsgucken stete veränderungen festgestellt, es gibt keinen kohlen/holz-laden mehr in der strasse, vormals drei. stattdessen drei kleine modeläden da drinne. und auch auf der insel jetzt „prenzlauerbergisierung“, so sagen die freunde. eine wohnung, vor kaum zehn jahren dort gekauft, kostet nunmehr das 2,5fache. und das schöne gewerbe/wohnen, 96qm, 4 zimmer/parterre VH am gustav-müller-platz No.1 war dann auf telefonische nachfrage natürlich auch schon verkauft, wahrscheinlich ungesehen und nur mit fotos per mail nach kanada aus der portokasse. aber ich wollte mich ja damit nicht mehr herumkauen und mir auf mein wertschöpfungsdrama hacken.

in der wohnung unter mir bohrhammer, bohrhämmer in wohnungen unter einem haben etwas fundamentalbedrohliches, ich wollte mich ja eigentlich bewaffnen, aber in ganz NKN habe ich kein einziges waffenfachgeschäft gefunden, nur einen raucherbedarf mit dem zusatz „selbstverteidigungsbedarf“, aber mehr suche ich ja gar nicht und sowieso ist das alles gelogen und erstunken, ich hatte bisher immer ein gutes näschen im strassenseite wechseln, wahrscheinlich ist das meine waldjugend (wölfe und füchse). es gäbe so viel aufzuschreiben, vor allem über die kirschkern, aber irgendwas ist, dass das gerade gar nicht sein muss. außer vielleicht, das ich mich über den gestrigen abend im KÄSECLUB wirklich sehr gefreut habe, schön war das, auch wenn zweie leider gefehlt haben. hier alles gut und einwandfrei, aber mich ziehts nun in unbestimmter form und verdecktnervös an den waldrand ins atelier. zum MODEfotografieren und malen, weniger zeichnen.

wir machten tests

St. Maure de Tourraine, das wird es nun wohl werden. Es kneift sich mit der Reife. Dort aber allerdings kommt Luft in die Reifen und der Regen wird – endlich – zum Segen. /(kursiv) und glauben Nicht, ich hätte mich und sich seither nicht noch weiterentwickelt. Gesetzt, gelegt und voll linder west-östlicher Drohung.

Es wäre also in Oberschwaben gewesen, Busen hätte an Bussen, die obere Donau mit all ihrem Lustschlängeln, gefüllt mit roher Milch und Lochkäse am Ufer bei Rechtenstein und ähnlich der Loire. Und ich, ich kann kein Französisch. Aha, wenn alle Dinge im Irgendwo landen würden, da wäre kein Gelbes vom Ei mehr, was doch so vonnöten war. Laß es laufen, und dies bitte gnädig – ich beiss‘ nicht in Dein Croissant, niemals werd‘ ich da reinbeissen. Im Beisein, im Dasein, im Dabeisein. Und schon gar nicht: Gleich. Oder vielleicht doch.

Der Himmel über Greding, ich fuhr LADA, sie war lackiert. Ich als Lehrkraft, schwer vermittelbar.

Wir probierten. Wir machten Tests. Nichts geht über.

Von „die Mädels vom Immenhof“ über „Jetzt kommt Kalle“ bis zu „Türkisch für Anfänger“. Die Ferien sind vorbei. Das Einrad steht schon lange in der Ecke, in irgendeiner. St. Maure de Tourraine. Wir googelten vor allem Käse und mussten lachen. Und dann kriminalisierten wir und hatten Ergebnisse um tausend Ecken. Den Ort, die Provinienz, die vermuteten Austauschgeschwister. Alles anhand einer belanglosen Mailadresse der Mdme Mama. Offiziell werden einem Ort und Familie erst mitgeteilt, wenn alles bezahlt ist, in Vorkasse. Im Dezember, dann, nach der letzten Rate, im Patchwork vierzehnhundert pro Nase.

(„Ich konnte einst Griechisch“, sagte ein ungelogener Kreter.)

Wir fuhren Vespa, die Kirschkern zum ersten Mal hinten drauf auf sowas, und als wir dann irgendwann wieder vor der alten Garage standen in der gleißenden Herbstsonne, die ihr Licht im Kegel über die frisch aufgezogenen Weisswandreifen auf den gegenüberliegenden neodekonstruktivistischen Carport warf, sagte sie mit ihrem speziellen Ausrufungszeichen im Wortlaut, der keine Fragezeichen mehr zuläßt: „SO WAS MUSS ICH IRGENDWANN AUCH HABEN!“ Das hatte sie schon im Kinderladen so gemacht, nicht oft, aber wenn, dann gesalzen. Wenn ihr etwas ganz besonders wichtig war. Oder auf den Senkel ging. In ihrem Gehör und in ihrem Gesamtsein. Sie wurde auch nie gebissen. Alle anderen bissen sich kreuz und quer, ein Massaker. Sie aber – wurde nie gebissen. Schön und seltsam. Das ist offenbar ihre Spezial-Aura, die sie entweder hat, mindestens aber herauskramen oder aktivieren kann. Ich bewundere das. Das ist auch nicht etwa eine niedere Taktik ihrerseits zur alltäglichen o.a. Vorteilsnahme*. Das ist eben einfach so bei ihr, für besondere Vorgänge und vielleicht, wer weiss, weiss sie sogar nicht einmal darum.

Der Himmel über Greding. Am Turm stand geschrieben weit oben: „VIDET OMNIA“. Das haben wir dann restauriert. Darunter haben wir ein dazugehörendes Gottesauge relativ neu aufgemalt, das alte war recht verbraucht gewesen**.

*Beim Einsteigen in den Bus und der vorgehenden Fahrgastkontrolle liess sie sich wieder und wie so oft abdrängeln von dicken älteren Damen oder verwöhnten Studenten, dass es mir das Herz bricht in meinen drei beobachtenden Metern parentaler Lebewohlentfernung. Es scheint ihr nicht wichtig zu sein, diese Situation von Gerechtigkeit oder Empörung über (fehlende) Fairness und Kinderstube. Oder sie weiss, dass ich das genau beobachte – und opponiert gegen meine Gedanken. Und dass ich die Drängler in solchen Momenten mit unedlen Parasitenwünschen versehe im Intimbereich, still und leise nur, ganz pädagogisch. Wie schwer mir das immer noch fällt, mich da angesichts ruhig zu verhalten.

**Wir haben sogar feststellen können anhand der Malereireste und Ritzungen, dass sich der barocke Maler verhauen hatte in seinem ursprünglichen Aufriss. Aus einem gleichschenkligen Dreieck hatte er – zugunsten der formalen Gesamtsituation im Hinblick auf die Turmarchitektur – ein nach Westen hin übel verzogenes Dreieck korrigiert. Diese Korrektur übernahmen wir jedoch schlussendlich, da sie technisch, gedanklich und damit auch mikrochronologisch nachvollziehbar gewesen war, vor allem aber: So charmant.

Man muss ja heutzutage immer alles begründen***: Wir haben den Garten gerichtet, die Schläuche abmontiert und das Wasser abgelassen, die Tonnen umgedreht, den Rasen ein letztes Mal gemäht, die restlichen Strünzel versägt und kleingemacht und die vielen schönen Äpfel alle ins Gebüsch geworfen, ein paar allerdings liegengelassen für die Vögel. Wie immer. Und wir haben eine Salamanderin gerettet. Sie saß mitten auf der kleinen Strasse in Waldrandrichtung, die normalerweise nur die Betrunkenen befahren, nachts, vorbei am Blasen. Direkt hinter der Waldpassage, dort, wo die Bahn knickt. Hielten eilig an und beschlossen, sie schnell hinüber in die Wiese zu tragen, da wir bereits am Stadtrand bemerkt und gesehen hatten, dass die doofe Gabi hier gleich vorbeikommen würde. Die doofe Gabi, die dann wahrscheinlich in ihrer Blödheit und aufgrund der ihr seit Geburt anhaftend fehlenden Allgemeinaufmerksamkeit die Salamanderfrau garantiert überfahren würde. Schon näherten sich gefährlich die doofen Lichtkegel, wir sprangen beherzt in den Wagen und siehe da: An uns vorbei fuhr die strunzdumme Gabi. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass wir es gewesen waren, die da am linken Rand des Weges angehalten hatten.

***Gott schütze die Salamanderin. Hoffentlich war es die richtige Richtung, in die wir sie getragen hatten, und hoffentlich drehte sie sich später nicht etwa um und verfluchte uns als vorauseilende Gutmenschen mit Vorurteilen gegenüber Gabi, um dann kurz danach ggf. vom überaus sympathischen Winfried überfahren zu werden, ohne, dass der je etwas davon bemerkt hätte, überhaupt.

Wir probierten. Wir machten Tests. Nichts geht über.

PK 50

Vespa PK 50

(…)

Heute abgeholt. Getauscht gegen ein Bild. Bin noch völlig vernebelt im Glück. Es ist das erste hobbyistische Eigenevent seit langer Zeit. Der erste Luxus gewissermaßen, herrlich überflüssig im Grunde, jenseits von Familiensachen, Kunstsachen und Erwerbssachen. Weitab und fern von Notwendigkeiten. Getauscht gegen ein Bild, eine Zeichnung, vielleicht zwei Zeichnungen, die es wahrscheinlich schon gibt, aber die noch nichts wissen von ihrem italienischen Glück. Gute Freunde machen möglich. Ich freu’ mich riesig über so ein Salz.

Die stand lange in einem überdachten Schuppen, der jetzt ein wenig entrümpelt werden soll. Ist einwandfrei angesprungen nach Jahren und hat heute schon ein paar illegale Runden hinter sich, aber immerhin mit einem geliehenen Helm. Modell und Baujahr sind mir schleierhaft, ich glaube, das ist ein zusammengeschustertes Exemplar. Vielleicht ein modifizierter Import. Ich hatte mir damals, mit sechszehn, von der über Jahre aufgelaufenen Halbwaisenrente eine Vespa 50 Spezial gekauft, das war 1977, die hatte aber schon einen rechteckigen Tachometer und Blinker an den Enden der Lenkstange. Dafür waren die Kotflügel noch weichförmiger, wie in den 1960er Jahren. Das jetzige Exemplar scheint eher um 1980 produziert zu sein, einige Teile sind schon aus Plaste, dennoch hat sie aber einen runden, also älter anmutenden Tacho. Aber jegliche Blinker fehlen, trotzdem ein Blinkgeber vorhanden ist.

Als erstes müssen die Reifen mitsamt Schläuchen erneuert werden. Dann muss das mit den Blinkern geklärt werden, das braucht einen Spezialisten, der sich auskennt mit Baujahren und Bestimmungen. Ich denke, ich möchte wieder welche haben. Dazu Helmkauf, ich habe schon lange keinen mehr, für mich und die Kirschkern. Die Köchin hat noch einen, sagt sie, die Köchin ist sowieso ein echter Vespa-Typ. Ich freu mich schon auf die erste Fahrt mit ihr in die gepflegte Umweltzone der naheliegenden grün regierten Fahrradstadt. Zum Cafetrinken, mit Zweitaktstinker, mitten rein.

Dann gibt es ein Problem im mittleren Drehbereich, irgendwie säuft sie kurz ab bergan, man muss die Kupplung feinfühlig betätigen, sehr hochtourig, dann zieht sie aber wieder. Der Tank zeigt innen etwas Rost, aber bisher läuft noch alles. Mittelfristig muss wohl über einen neuen Tank nachgedacht werden, der dann aber auch nicht die Welt kosten würde. Das Schloss der Rückbank mitsamt Verriegelung ist malade, aber das gäbe es alles im Ersatzteilhandel. Sagt der Freund. Und so weiter. Vieles sind Nebensächlichkeiten.

Das nächste ist demnächst dann die Anmeldung. Kein TÜV, nur Versicherung. Die Papiere sind rührend, abgegriffen von mannigfachen Besitzerwechseln, unvollständig und weisen mit Fahrgestellnummer ins Baujahr „1985“, was ich aber (dito) nicht ganz glaube.

Die Kirschkern schielt natürlich auf die Farbe. Ich denke, Ihr wäre es am liebsten, das Ding erstmal umzulackieren oder bunt anzumalen. Vielleicht schielt sie auch auf das Ding an sich. Sie ist 14, wird bald 15 und dann natürlich auch irgendwann ein Jahr nochälter. Mit sechzehn dürfte sie sowas fahren. Aber nur mit Führerschein, welche „Klasse“ das heute ist, das weiss ich nicht. Damals wars die Klasse 4. Mit Rotkreuz-Kurs und Prüfung, an die ich mich keineswegs erinnere, nur daran, wie mit auf der Strasse gezogenen Handkarren umzugehen sei, oder mit Kutschen oder Pferden, vorfahrtstechnisch, und mit Rentnern ohne Rollator.

Einmal bin ich mit meiner blauen Vespa, die ich schon sehr bald „Bardulf“ getauft hatte, über Landstraßen nach Zürich gefahren. Einen ganzen Tag lang, via Schwarzwald. Um einen Freund mit Scheidungshintergrund der Eltern zu besuchen anlässlich irgendeines „Sommerkongresses für Psychotherapie“, das war ca. 1980. Man badete teils halbnackt im See zu Bob Marley und schaute v.a. nach den freizügigen Psychotherapeutentöchtern.

(und) Einmal war ich nach Grundremmingen gefahren zum dort naheliegenden Kernkraftwerk, um nach den Freundinnen der Betreibertöchter zu schauen, die mittlerweile komplettnackt in den Altwässern der vom Kraftwerk schön erwärmten Donau badeten.

/Und einmal noch war ich nach Deggendorf im Bayerischen gefahren. Auch dort waren es wieder die Baggerseen, jene Baggerseen. Aber der Berührungen waren zuviel, für mich in dieser Zeit, mit den Freundinnen der Töchter des Bürgermeisters oder Oberlehrers. Die sich rücklings von weither mit Mokick angereisten vermeintlichen Verehrern in wunderbar schamlosem Hautkontakt an Land tragen liessen, nächtens im Mondlicht im warmen Baggerwasser. Zur Empfängnis bereit, denke ich heute. Alles war da im Saft. Alles war so ungeheuer fruchtbar.

Ich hingegen wollte erstmal Vespa und vor allem Zeit, vielleicht auch hatte ich das alles noch nicht ganz verstanden, und auch wenn überwiegend ich mich für blöde hielt ob der ggf. unterlassenen sexy Gelegenheiten im nachhinein, es stimmte und war stimmig und ich vergaß nicht, mir meine Teile zu denken, zu legen und zu stellen. Für später. In München war dann Straßenmusik mit Blockflöte, die immerhin 34 Mark abwarf, genug fürs Gemisch 1:50 und die Rückfahrt.

Gemisch gäbe es immer noch an Tankstellen, sagt der Freund, und seine Frau betont, dass es EINE Zeichung sei als Preis fürs Gefährt und aber auch EINE, andersherum, für meine noch zu erledigenden Reparaturarbeiten als Folge ihrer Übereignung, sie demzufolge mir noch eine weitere, nämlich die zweite, abkaufen bzw. demzufolge erstatten/ankaufen müsse. Drauflegen. Und dann lacht sie dazu.

Sagte ja schon, gute Freunde. Mir fällt das vor allem jetzt ein, weil einen die Kinder ja immer am Kleinhirn kitzeln. Und die Kirschkern sich nun erheblich und unaufhaltsam jenem Alter nähert, aus dem die beschriebenen Dinge sich nähren.

Vespa also. Ehrlich in der Funktionsweise, klar in der Kommunikation. Dazu in der Formgebung heutesichtig genderneutral. Politisch noch aus Zeiten der geliebten Solidargemeinschaften. Persönlich subjektivistisch Teil meiner Prägung während der Hochzeiten des Beginns des Versuches von Meinungsvorgaben des Pillepalle-Mainstream. Irgendetwas ist wunderbar polarisierend an so einer Maschine. Und versöhnend gleichermaßen.

/Zunächst nun erstmal ein Reifenwechsel, das alles macht froh und schön aufgeregt. Und immer Schleifpapier in der Tasche wegen Zündkerze.

Obstmarkt in Bozen

P1100799

(…#1)

Dann kriegen die schon irgendwann raus, was wahrer Efeu ist, jeder zahlt selber.

Frage: „Warum zahlt jeder selber?“

Antwort: „Das hat zunächst einen privatbefindlichen Neuköllner Hintergrund, teils prekär in der Grundaussage, sodann transformiert nach Metaliebling und angesichts der derzeitigen Sachen für mich nicht stirnfaltenarm aktualisiert. Im Ursprung allerdings sehr banal und weltlich, da ich unter einer solchen Prämisse „neuköllnisch“ meinen vorletzten rundlichen Geburtstag in der Eckkneipe unter einer Wohnung Ecke Braunschweiger/Karl-Marx feierte und diesbezüglichst kiezgemäß einlud. Futschi kostete gerade noch um die 1 Mark, Kirschkern war frisch gewickelt. (NATÜRLICH habe ich am Ende des Abends die ganze Gratulationsrunde eingeladen, aber selbstverständlich!)

/Später und kurz seinerzeit bat ich eine iranische Kinderladen-Mitmutter, mir diverse kulturwestliche Slogans (zum Bsp. auch „lieber Maler male mir“, „Generation Golf“, „Geiz ist geil!“ und eben auch „Jeder zahlt selber“ u.v.m.) handschriftlich ins Persische zu setzen. Diese Vorlagen übertrug ich ans Papier oder Holz in Cadmiumrot-Orange im Aquarell (oder Öl) auf charmantem Format. Es gibt ja viele Fahnen derzeit, eine wahre Renaissance, oft schwarz, in ähnlichem Schriftbild, diese wirken aktuell meist eher grundsätzlich zunächst semibedrohlich, was eigentlich schade ist. Jenes nun nehme und nahm ich als Anlass für eine rückgeworfene Koketterie, da mir Schriften ganz basisch gefallen und die Arabischen mithin ganz besonders, jedenfalls noch. Weil ich sie nicht verstehe, sondern sie nur – SAGEN WIR – erfühlen kann, am besten meistens am Abend eher und mit dem großen Herzen und Wurf.

Ich würde ja gerne ein solches Schriftbild auch einmal wieder positiv besetzen. Auch, weil ich an die Macht, die Wahrheit und den Trug von Bildern glaube, wenn man sie denn richtig liest. Von deren Freiheit ich selbstverständlich natürlich grundüberzeugt bin, mittlerweile sogar wehrhaft aggressionsethnologisch, und an Auratik bzw. deren übertragener Verständnisse keine Zweifel mehr verhege, nach gottermöglichten Lenzen des Sehens, Denkens, Hassens und Liebens. Und gleichermaßen, ebenso, von geburtsgegebener Ratio überzeugt bin, welche vorhandene oder gedachte Bilder menschlicherseits menschengedacht zu erklären und zu verharmlosen vermag.

Das alles wollte ich auch schon 2003 ff., da die Flugzeuge in den brennenden Hochhäusern noch präsenter waren, von „Bilderverbot“ kann übrigens also wenig Rede sein bei denen, die jene mit menschlichem Fluch belegen und bestreiten (vgl. hierzu auch Bildgruppe Steinigung/Enthauptung/Massaker etc.), warum auch. Und das ist auch gut so, weil es eben offenbar jetzt so ist, dass es so ist. Und dann ist wenigstens alles schon mal bewiesen für später, dann. Die Kehrseite des Selfie ist und bleibt sein Kopf. Alle Wetter und Kanonen befinden sich im unausweichlichen Postpopregen. Damals bestritten sich ja noch Imperialismus und Faschismus, mittlerweile hat der Faschismus klar gewonnen, immerhin offenbar eine Jugendbewegung.

/Ich hatte zu dieser Zeit dann auch ein paar Abbildungen umstrittener Kopien nordischer Zeichnungen gesehen, ich glaubte, es war auf dem Obstmarkt in Algier, die den meinigen bildnerischen Arbeiten äußerst nachempfunden waren in Tempo, Esprit und Couleur. Plagiate also, dazu unverschämt betitelt („Obstmarkt in Bozen“, „Obstmarkt in Algier“), was mich schon zur Genüge empörte. Einfach nur so blickte ich auf diese Obstmärkte, wie sie dort hingen, dazu zum halben Preis geboten, zur Betrachtung der cadmiumorangenen Orangen, und fotografierte. Ich zuzelte aus unbelehrbarem Reflex, wie es ja so schön ist, dieses an Brüsten und Spitzchen zu tun. Um zu erfahren NUR, wie es sich anfühlt, wenn soetwas, nämlich ein Bild, eine solch furchterregende Ohnmacht erhalten mag im Vakuum des Intellektes fehlender Grundbildung angesichts von Gestaden höherer Missdeutungshoheiten.

/Drehte mich also um, auf dem Weg über den Fluss, ich blickte zurück, obwohl es mir verboten worden war, um die Gründe dieser Bildrelevanzen zu ergründen, zu verstehen gar, sollten sie sich manifestieren. ./. Sie haben sich mittlerweile manifestiert, wir befinden uns im WK III und ich bin Stein. /Darum also „zahlt jeder selber“. Wollten Sie DAS jetzt wirklich wissen?“

arab

(…#2)