glandet

Die Sonne scheint, und die Kinder spielen im Garten. – Świeci słońce, a dzieci bawić się w ogrodzie.

[„DIE TOTEN KOMMEN“. Habe nun, ach, lieber Sokrates, die Nase ziemlich voll von hochantrabender Aktionskunst, im Besonderen der hochtrabend politischen. Wo bitte sind denn eigentlich die intellektdifferenziert und geistkleinteiligen künstlerischen Umsetzungen abgeblieben, jenseits von Monumentalismus, Plakatismus, vom ewigen Zitieren und Aufgreifen der mittlerweile mainstreamig unaufregend verhassten gesellschaftlichen und kapitalorientierten „Mechanismen“ unter der Flagge irgendeiner „Kritik“ und/oder irgendeiner „Kunst“? Reicht das? Kaum. Jedenfalls nicht mehr fürs Attribut „Kunst“, wie ich sie verstehe, nämlich als eine angenehm schwerwiegende Wissenschaft vor allem auch über das Feld der ziemlichen Unsichtbarkeiten und Sinnlichkeitsgrenzen (hinweg). Dazu: Ein Ding jenseits am Ego orientierter Künstlervitae. Ich kann es auch nicht erst seit heutzutage kaum mehr hören, dass Seh- und Denkgewohnheiten hinterfragt werden*. Wenn all dies bedeutet, dass solcherlei Aktionen, die sich kaum unterscheiden von mit Raffinesse zeitgeistigen Produkteinführungen beispielsweise hochpreisiger Automobile oder Partygetränke, kunstkritisch rezeptiv allenthalben nun breitgefächert positiv durchgewunken und gutgeheissen werden, dann möchte ich mich doch lieber sehr zurückziehen und (leise) Christoph Schlingensief eine Kerze anzünden.

Und v.a. ungezählten Ertrunkenen.

(* nebenbei, bereits 1995 schrieb DAS DEUTSCHE HANDWERK – Raschke, Schneck, Rusmann – u.a. in seinem Manifest: „DAS DEUTSCHE HANDWERK kritisiert, dass das Überprüfen von Sehgewohnheiten zur zeitgenössischen Sehgewohnheit geworden ist.“)

Eigentlich ist es so: Als Künstler musst Du immer davonrennen, vor allem vor den Deckmänteln.]

ich träumte, Fr. Dr. Frankenstein

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ICH TRÄUMTE, ich wäre ein alter Mann von 88 überstandenen Jahren des Lebens, der an irgendeinem zehnten April an einem kleinen und normalerweise unwesentlichen Husten erkrankte, wie wir ihn alle kennen, der sich jedoch zu einer Entzündung meiner Lungenflügel auswuchs, infolge dessen ich über dreier Wochen in einem Krankenhaus lag und nach schwerwiegender, gleichwohl glücklich überstandener, Genesung, die mich möglicherweise einige Male an die Ränder meines Sterbens führte (so meinten es die Anderen), für weitere vier Wochen in eine mir im Grunde von Anfang an ungeliebte Pflegeeinrichtung verbrachte, vorrübergehend, da ich fortan über umfangreichere häusliche Hilfe nun verfügen müsse, die es zu organisieren noch galt, da jene noch nicht gewährleistet war,

ich träumte also von diesem herbeigesehnten neunten Juni,

heute also, an dem meine Rückkehr ins von mir so geliebte Haus allerseits geplant und gewünscht war, und dabei war es beinahe unwesentlich, dass sich mein Herz und meine Nieren sonderbar kurzfristig entschlossen hatten, nunmehr Feuchtigkeit in meinen Beinen einzulagern, ein Problem, dass ich eigentlich nie hatte, wahrscheinlich eine Schwächung meiner Herzgegend durch diesen Husten ganz am Anfang, weshalb mein Hausarzt es beschloss zu meinem Wohl, mich nochmals vorrübergehend für die letzte meiner langen Wochen der Abwesenheit in jenes Krankenhaus zurück zu verlegen, währenddessen ich meinem Kind, einem erwachsenen Sohn oder einer erwachsener Tochter, den lange geplanten Jahresurlaub an einem sehr schönen südlichen Ort von Herzen gönnte,

ich träumte also, dass ich davon träumte, dass es nun nur noch sechs Tage wären – endlich – bis zur seit zwei Monaten ersehnten Rückkehr, so sicherlich auch an einem vierten Juni in den nächtlichen Stunden frühmorgens, als ich mich im Krankenhaus aus dem Bett irgendwie schwang, um auf die Toilette zu gehen mit meiner Gehhilfe (ich nenne jenes Gerät im Traum immer „Wägelchen“), obwohl sich ein Nachtstuhl neben meinem Bett befand und obwohl mich die Nachtwache bereits zweimal in jener Nacht ermahnt hatte, als ich mein Geschäft alleine erledigen wollte und das auch geschafft hatte, doch bitte für solche Gänge um Hilfe die Klingel zu betätigen,

und weiter träumte ich, ich sei dann gestürzt und hätte mir am Nachtkästchen oder anderswo die Stirn aufgeschlagen und das linke Auge, keiner wusste später, wie das genau geschah, ich träumte, ich sei da am Boden gelegen für vielleicht eine Stunde, ohne Klingel nach der Schwester oder dem Pfleger, mitten in der Nacht, und das Blut lief und lief und ich konnte nichts machen oder rufen, vielleicht habe ich ja gerufen, aber dann hat es niemand gehört, ich erinnere mich nur,

dass es mir komisch und sonderbar kalt wurde irgendwann,

und ich träumte, dass ich irgendwann gefunden wurde und ein Notarzt oder eine Notärztin ins Zimmer kamen und mir sogleich zwei Konserven gegeben wurden, fremdes Blut, um ausgerechnet mich zu retten gegen mein auslaufendes dünnes Blut, und dass alle ganz aufgeregt waren, ich träumte von einer Narbe von zwanzig Zentimetern und Stichen und dass ich in die Röhre einer anderen Klinik geschoben wurde als die Sonne aufging, ich träumte, es seien keine weiteren Brüche festgestellt worden immerhin und vor allem keine Blutung in meinem Kopfhirn, ich träumte das alles, ohne dass irgendeine Begleitung meine Hand gehalten hätte (meine Tochter oder mein Sohn waren ja doch gerade im Süden und wähnten mich sicher…)

und ich träumte, dass ich in eine weitere Klinik gefahren wurde, in der sich man dann meinem linken Auge annahm über zwei Stunden, einer linksseitigen Bulbusberstung (diese Bezeichnungen immer, keiner versteht das), währenddessen ich wieder in einer vollen Narkotisierung schlief und träumte wahrscheinlich (von meiner endlichen Rückkehr nach Hause und von meinem Leben und von Ostpreussen und von meiner lange verstorbenen Frau und wie schön diese Zweisamkeit gewesen war).

und ich träumte dann auch, dass man meine erwachsene Tochter oder meinen erwachsenen Sohn sicherlich um sechs Uhr in der Frühe im spanischen Süden benachrichtigt hatte nach deren gelöster Nacht nach Wochen der Anspannung über meine Dinge über diesen Unfall und ich träumte vielleicht auch, dass jene oder jener sich auf einem besorgten und überstürzten Rückflug befinden könnten, ich träumte ferner, dass sie oder er denken könnten, dieser Tag in meinem Leben könnte der schlimmste sein, den ich jemals trotz Krieges erlebte und ich träumte, dass ich ihnen unendlich leid täte und ich träumte, dass jene Nachgeborenen dann endlich abends des Verunfalltages an meinem Bett standen und mir die Hand hielten und weinten, so wie ich sie noch nie träumend weinend gesehen hatte.

Ich träumte weiterhin, dass es gut wäre im Traum, sich an die Einschätzungen von Beteiligten zu halten, wonach ich mich – entgegen aller sichtbaren und unsichtbaren Prognosen – nun abermals und schon wieder auf dem Weg einer vergleichsweisen Besserung befinden würde. Ganz wie es die Kirschkern im Traum vorgestern prophezeite. Ich träumte, eigentlich müsste ich jetzt schon gestorben sein seit sechs Tagen.

Auch wenn ich träumte heute, ich sei mit meinem Sohn oder meiner erwachsener Tochter (?) zum Konzil des linken Auges unterwegs gewesen beim Operateur und habe dabei erfahren, dass es wahrscheinlich ist, dass mein linkes Augenlicht wohl künftig weitgehend erloschen sein wird.

Wegen eines Hustens vor zwei Monaten (träumte ich).

Ich träumte, dem von im Grunde dringenden und kurzfristig weiteren Operationen zur komplizierten Wiederherstellung eines Auges abratenden Oberarzt der Augendinge zuzustimmen. Im Traum sagte ich ihm, ich müsse ja auch nicht mehr Autofahren und hätte ja noch ein weiteres, nämlich rechtes Auge. Wozu hat man zwei Augen. Träumte auch, ich sagte ihm und meiner Tochter oder meinem erwachsenen Sohn, dass ich in meinem Alter nur noch nach Hause will, jetzt. Träumte, meine Tochter sagt nur immer „Wir kriegen das schon, Mutter!“.

Träumte, das hat sie von mir und von der Kurischen Nehrung.

Oder dem Frischen Haff, der schwäbischen Alb oder einer glücklichen Jugend.

Mein Sohn nennt mich nun „Frau Dr. Frankenstein“, in meinem Traum. Er muss ja immer Witze machen bei allem. Wegen der künftigen Narbe auf meiner Stirn. In guten Momenten sagt mir nun mein erwachsener Sohn, ich sähe aus wie nach einer schweren Schlägerei, alles grün und blau, auch mein Kinn. Träumte auch zudem, meine Tochter (erwachsen) verpasste mir eine schwarze Augenklappe. Mein Vater, der Haudegen vom Schlachtschiff Bismarck, der würde lächeln im Traum (träumte ich). Er wäre sicherlich stolz auf mich:

Vor drei Nächten noch hatte ich nach ihm „Papa, Papa!“ gerufen, unter Morphin im Krankenhaus. Während ich träumte, mein Sohn säße neben mir und würde dabei meine Hand halten.

ich träumte auch, meine Tochter habe zwei Nächte neben mir im Krankenhaus verbracht, um mich voller Sorge zu überwachen, damit ich nicht mehr alleine aussteigen will nachts aus dem Bett zum Strand von nächtlicher Ostsee. Aber das habe ich ja schon geschrieben und geträumt, oder nein, ich glaube nicht.

Und meine Tochter – so träumte ich – meinte, sie kann nun nicht mehr weiterschreiben, so dass es noch irgendwie gut klänge und reflektiert und wenigstens ein bisschen nach ‚Schreiben‘. Träumte, es sei ihr egal. Träumte, auch mein Sohn habe geträumt, das sei jetzt und ohnehin unwesentlich. Beide, dazu auch der Koch, meinen immer liebevoll, sie seien jetzt zu erschöpft. Sie sind ja auch nicht mehr die Jüngsten. Das haben sie sich verdient. Ich träumte, es sei fortan die Hauptsache, dass es mit meiner Rückkehr endlich nach Hause mit Narbe und Augenklappe noch etwas werden wird.

mein sohn oder meine tochter haben mir schwüre abgenommen, dass ich nun nicht mehr alleine aufs klo gehe ohne hilfe oder aufstehe überhaupt. solange, bis ich das wieder kann.

Träumte zuletzt, übermorgen kehrte meine Enkelin aus Frankreich heim, die ist ein bisschen wie ich, und in weniger als zwei Wochen sähe ich sie endlich wieder, das wird ein schönes Wiedersehen, ich werde durchhalten bis dahin (das träume ich, immer noch).

das träumte ich alles bitte. war nicht so, es ist so. heute wäre der neunte juni gewesen. scheisse scheisse. aber dann warten wir eben noch zwei wochen, darauf kommts dann auch nicht mehr an. die köchin sagt, alle kanäle seine offen und das sei gut so. sie hat recht, es ist gut so.

schtrünzel Hirsch

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EINen antrag hier, einen dort, einen bei der krankenkasse, noch einen mit toilettenerhöhung, ich wollte da schon einfach selber kaufen, aber für so ein teil aus hartplastik legst du (mit deckel) ja locker 100 hin, also doch lieber über antrag und dann ist das ding eben geliehen. AUCH OK. krankenbett mit elektro und galgen kommt morgen noch, sie haben das dringlich reingeschoben, vielen dank. und rasenmähen.

früher hatte die alte dame einen FLY-MO, also ein luftkissending mit 1:25 gemisch 2 takter, ohne lästiges kabel und man konnte in alle richtungen und sich austoben und im kreis mähen, das hat richtig spaß gemacht. ich war (mit 17) in 13 minuten fertig mit böschung und 1200 qm. NA GUT, in 23.

im hause bereits ein badewannenlift, ein toilettenstuhl und ein rollstuhl. der rollator ist privat, ein gutes ding. da gibt es himmelweite unterschiede. wie bei rasenmähern und toilettenerhöhungen. und bei pflegeheimen. nebenbei: gottlob gibt es diese pflegeversicherung, auch wenn natürlich auch alles immer noch mehr sein könnte und sozialer und wer weiss was. aber immerhin.

IMMERHIN.

ins neu gerichtete zimmer möchte die alte dame am liebsten SELBST einziehen, so schön fand sie das, als wir sie am pfingstsonntag aus der kurzzeitblabla entführten in ihr eigenes heim, in dem sie nun schon sechs wochen nicht mehr war. alles ist dort jetzt startklar. und es ist, wenn denn alles klappt, so ideal, wie es hätte nicht idealer sein können. dorf eben.

DORF.

noch zwei wochen. die rosen blühen, gelb und rot, fangen an damit, die pfingstrosen in voller pracht, ebenso die Akeleien, hoffentlich ist nicht alles verblüht dann, wenn sie wieder auf ihrer geliebten terrasse sitzt. und die kirschkern im schlafanzug gemütlich daneben. BLABLA.

mitsamt sonne, köchin und mir und rhabarberkuchen.

der nette flaschner, der heute die reparaturbedürftigen armaturen im bad inspiziert hat, spricht von legionellen. ALARM. da gäbe es jetzt neue verordnungen.

(bei verordnungen stelle ich mir immer mindestens 800 familien vor im gesamten bundesgebiet, die allein von diesen neuen verordnungen leben können. existieren. ich will dann immer endlich auch einmal verordnungen machen und davon leben können. wahrscheinlich wäre ich sogar ganz gut in verordnungen. und wäre sicherlich alsbald für die ausnahmen von verordnungen zuständig. und könnte davon trefflich leben.)

natürlich hat er recht, aber ein wenig erinnert es mich an die dämmvorschriften und die erneuerbare-energien-vorschriften. ETC. dann regen sich bei mir immer die grünehölle-bilder, fast schon reflexartig. meine nägel an füssen und händen fahren aus und entgrenzen meine kinderstube.

der hiesige bürgermeister ist ein grüner und ein dämmliebhaber und ein fahrradfahrer ohne blick hinweg über seine fahrradlichen befindlichkeiten, er ist ein wenig bärtig über die vierzig, voll im saft gesegnet, wohnt im zentrum dieser kleinstadt und sein lindgrüner supermarché liegt 5 gehminuten von seiner (bauverdichteten) eigentumswohnung entfernt. an die gebrechlichen alten und die dörfer auf den umliegenden hügeln und deren großeinkauf denkt er nicht, auch nicht bei den parkgebühren und einigem anderen. er kennt auch keine Armen und mofas und zweitakt-Vespas. aber das ist ein fuckinghell ANDERES THEMA.

legionellen können lungenentzündungen verursachen. die alte dame hatte eine lungenentzündung. LEGIONELLEN fühlen sich in boilern pudelwohl. in ihrem hause sind boiler installiert, die im regelbetrieb 50 grad energiesparend bereitstellen. WASSER. bei 50 grad sterben noch keine legionellen. erst bei SECHZIG. das zieht jedoch mehr strom, logisch, und ist damit gegen die umwelt und den weg aus dem kohlenstoffzeitalter.

gestern sah ich ein hirschkäferMÄNNCHEN, riesengroß, ich habe so eins ewig nicht gesehen, immer nur weibchen in den letzten jahren, wenn überhaupt. er tastete sich an einer uralten romanischen hauswand nach oben und war wundersam anzusehen, riesengroß, voll von seiner schweren kopflast aus anderer welt und dabei friedlich undrohend, wie es ihm gemäß sein müsste. irgendein schtrünzel grünzeug hing an seinem rücken, woher egal.

ich würde mir ja sehr wünschen, einigen verschwörungstheorien ENDLICH aufsitzen zu können. am besten auch solchen, die das mittlerweile grüne DEUTSCHE dämm-, installateur- und schornsteinfegerhandwerk unterstützen und die umwelt gleichzeitig kaputtschonen.

aber das klappt nicht mit dem aufsitzen. stattdessen freu ich mich auf den juli und auf übermorgen und hoffe, dass suizidale sinkflüge im gebirge seitens etwas allzu emotionaler piloten nicht zur neuen jugendmode wird. wie etwa das schrottlegen von weltkulturebe allenthalben. weil sich dann ja die erwachsenen weltweit immer so schön aufregen, so bestürzt sind und so wunderbar entsetzt.

das haben wir jetzt davon, von der philanthropen entgrenzung. funktioniert nicht. je weniger grenzen, desto extremere grenzen. scheint so, es braucht eben auch der mensch der moderne immer und in alle ewigkeit unbedingt neue grenzen, zumindest der jugendlich männliche. Anderes Thema.

und sowieso ungeeignet für mediterrane dachterrassen bei abendlichen 26 grad mit weinchen und saftschmock im unterluftigen Häs. außerdem war das ja schon immer so.

mock.

mock. / Einladungsmotiv / Foto: Klaus Mellenthin

(Abb.: Gemeinschaftsarbeit, Foto: Klaus Mellenthin)

mock.

Klaus Mellenthin und Schneck zeigen Photographie zum Thema Mode / 15.5.2015 – 28.6.2015 / Raum für Photographie / Bürgerstiftung Neukölln / Neuköllner Leuchtturm / Emser Straße 117, 12051 Berlin / geöffnet Di-Fr 14.00 – 18.00 Uhr und während 48-Stunden-Neukölln (26.6. – 28.6.2015) / kuratiert von Leo de Munk / mehr hier.

Zur Eröffnung am Freitag, den 15.5.2015 um 19.00 Uhr sind Sie und Ihre Freunde sehr herzlich eingeladen.

/extromock muttertage

Nach einer Woche häuslicher schwerer Hustenkrankheit trat beinahe schon Besserung ein, die sich jedoch jäh wieder in Unbesserung verwandelte. In eine Lungenentzündung mündend, jene in Richtung Grundpflege der Umstände tendierend. Einen alten Menschen wirft so etwas auf den Boden, im besten Fall mit Teppich. Heutzutage allerdings nicht mehr, so die gut gemeint freundlich fachlichen Anmerkungen, zwingend ein Todesurteil, ähnlich einem Oberschenkelhalsbruch (als Kind hatte ich mich immer gefragt, wie denn ein Oberschenkel einen Hals haben könnte). Es könne theoretisch auch gut ausgehen, und wenn, dann nur aber eben langwierig.

Morgens öfters Bangen über einen Abschied für immer, abends schreitet wieder Hoffnung in den Raum. Oder umgekehrte Tageszeiten. Bühnenreife Auftritte allesamt der Darsteller namens Leben und Gegenteil dessen, und immer die Fragezeichen, hinter jeder Besserung wie jedem Abfall.

Sie selbst, die alte Dame, wenigstens immer noch klaren Kopfes, ärgert sich in Momenten, in denen überhaupt an so etwas wie Ärger zu reflektieren ist, darüber, dass es sie nun doch noch erwischt hat zum Ende des Winters. Eigentlich war sie ja schon überstanden, diese Krankwelle draußen in der Welt. Und sucht hilflos nach den Schuldigen, die ihr dies ins Haus trugen.

Und währenddessen immer wieder photographieren für eine Ausstellung mit dem Namen „mock.“, müssen und wollen, vor allem wollen.

Vor drei Wochen dann in jenes Klinikkrankenhaus, liegend und voller Sorge nach nochmals durchwachter Nacht. Kein Aufwärts und kein Abwärts. Und nun zur „Kurzzeitpflege“ in einem Heim, in solches sie nie wollte, für Wochen, und bis zu ihrer hoffentlichen Rückkehr ins Hause muss dort alles vorbereitet sein. Eine 24-Stunden-Kraft vielleicht.

Währendalldessen gestaltete ich das Gebäude um, der Kirschkerns Zimmer nach oben, dort unterm Dach wurde vier Jahrzehnte lang nicht gestrichen, und dann die sich angesammelt habenden Sachen und Dinge eines alten Menschen verlagern, verstauen. Oben wohnte ich als kleineres Kind, hatte nachts Angst vor dem Käuzchen und kroch dann zur Mutter unter die Bettdecke im Parterre. Oben war sie schon seit zwanzig Monaten nicht mehr, die Steilheit der Treppe zu arg. Unten ausmisten im Tochterzimmer, es war ja immer noch ein bisschen ein Kinderzimmer, in dem vieles bis in diese Tage an den großen vaterländischen Umzug und jene Zeit mitsamt deren Dramatiken von vor nunmehr acht Jahren erinnerte.

Nur die Fensterbilder mit „Papa“, „Mama“ und „Kirschkern“ habe ich noch nicht entfernt, aber ich glaube, es ist jetzt vielleicht die Zeit dafür. Ich wollte vorher noch einmal die Kirschkern befragen. Aber also auch hier neu gestrichen, entrümpelt, die wegzuwerfenden Dinge stehen nun im Garten, werden dort nassgeregnet und warten auf Abfuhr. Geputzt, entstaubt. Den selbstgebauten Kaufmannsladen in den Keller, mein Gott, was für ein Glück, dass es wenigstens dieses kleine Häuschen am Waldrand gibt, zum variieren, zum umgestalten, zum stapeln nach Bedarf.

Zwei mal täglich war ich im Krankenhaus, ein armseliges Häuflein dort im Bett, angefüllt vor allem mit Angst und ausgestreckter Hand nach der Bettkante und dem Besuch, die Augen meist geschlossen und den zwar nicht herz-, jedoch fast würdelosen Sauerstoff in der Nase. Ganz klein, kleiner geht nicht.

Wie sehr habe ich mir immer ein Geschwister gewünscht und nicht nur einen leider aus rechtlichen Erwachsenengründen abwesenden Halbbruder, der für seine Abwesenheit ja auch nichts konnte. Auch jetzt wieder. Und wie froh bin ich um die Köchin an Seite, auch wenn ich vieles aus ihrer Hilfe manchmal nur schwer annehmen kann – zu groß ist meine vaterlose Geschichte und die vor Jahren errungene Abgrenzung zu ebendieser. Worauf ich ziemlich stolz bin, ein großer Kampf war das gewesen. Niemals hatte mich jemand „Muttersöhnchen“ genannt, mein oberstes Ziel schon mit sieben Jahren oder jünger mit Pfeil und Bogen.

Aber ich hatte ja irgendwann dann doch beschlossen, vor bereits vieler Zeit, dass das, liebes Mutterchen, eben alles >unsere< Geschichte ist. In der Du mich wohlwollend begleitet hast, so gut es Dir eben möglich war, lange Jahre, und ich eben nun Dich. Eine Erkenntnis aus gewiss alternder Reifung, jenseits der ganzen Kämpferei, und dem Wissen, dass man immer Kind ist, solange die Eltern leben, auch wenn man denn 90 wäre. Wir kriegen das schon irgendwie hin, diesen ganz großen Bogen. Das ist mein ganzer Wunsch. Also ein äußerst metasubjektiver Abschnitt von Teilen von Zeit derzeit. Die vergangenen Wochen waren nicht unbedingt unanstrengend, vor allem innen drin. Ein paar untertriebene Restängste gemischt mit Ungeduld, Wunsch, Tatsächlichkeiten, Rasenmähen, Semierschöpfung, viel Übersprung und viel Gefühl. Beim Bewegen durchs plötzlich so leere Haus, in dem alles knackt und knarzt, verweist und verwaist. Aber nicht allein unangenehm, im Gegenteil. Die Käuzchen sind schon seit ein paar Jahren zurückgekehrt, sie rufen mittlerweile ganz ungeniert und frech sogar aus der Dorfmitte beim Pfarrhaus, was mir gefällt. Kein Rückblick allerdings ohne Ausblick: In vier Wochen kehrt die Kirschkern zurück aus F., worauf ich mich schon jetzt sehr freue. Und die dringenden Fotoarbeiten sind heute in Charlottenburg erfolgreich und schön ausgedruckt worden, schon morgen werde ich diese in Neukölln hinter viele Gläser bringen wollen, die vom besten Rahmer Deutschlands in Stuttgart vorauseilend anbereitet und geschnitten wurden und sich jetzt gerade immer noch im Kofferraum unten an der Strasse befinden, welcher hoffentlich nicht heute in der Nacht wertlosbefindend und damit harsch und splitternd ausgeräumt werden wird. Es steht an zudem ein familiäres Fest im Sommer, genauer zwei, und vielerlei schöne Sachen überhaupt, weshalb ich hoffe, dass sich alles nochmals zum Guten, wenigstens zum Wahren und unvermeidlich Unvermeidlichen wenden wird. Und sollte ich jetzt, mitten in der Nacht, noch zu unvorhersehbaren Ereignissen, zum Beispiel zum Sterben, gerufen werden, dann müsste ich ein Taxi nach Süddeutschland nehmen oder diese Nachrichten in den Schlaf hinein ignorieren. Weil die Flasche vom Rotwein nun halbgeleert ist. Was für eine weisheitslose Zeit. --- Und wenn Sie gerade (oder innerhalb der nächsten sechs Wochen) in B sein sollten oder ohnehin hier permanentwohnen, so kommen Sie doch gerne am kommenden Freitag, den 15. Mai gegen 19.00 Uhr hier vorbei, Sie und Ihre Freunde sind sehr herzlich eingeladen.

Mai 1

Aufstellen des Maibaumes

30. April, 19.30 Uhr ff., traditionell alljährliche Veranstaltung zum 1. Mai bei mäßigem Wetter auf dem zentralen Dorfplatz: Der Musikverein spielt eine Maiweise, während der CVJM tatkräftig den Maibaum aufstellt. Applaus nach Gelingen. Kurze Ansprache des parteilosen Ortsvorstehers und Begrüßung des ehrenamtlichen Redners vom DGB. Wo gibt’s das noch. Der Liederkranz e.V. singt zwei Mailieder. Applaus. Ansprache des ehrenamtlichen DGB-Redners (Verweis auf soziale Schieflagen, Weltkapital und Beschäftigungsverhältnisse, Solidarität mit den aktuell Streikenden des Öffentlichen Dienstes etc.). Applaus. Abmoderation des parteilosen Ortsvorstehers, Betonung der auch politischen Einzigartigkeit des Dorfes. Großer Applaus. Verweis auf die anschließende Bratwurstverköstigung und zuletzt, wie alljährlich, freundliche Ermahnung an die Jugendlichen, ihren Maispaß nicht zu übertreiben. Sehr großer Applaus. / Ich mag das ja sehr.

Abt. Nächstenliebe

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(Endlich! Erste Ausfahrt ins Grüne.)

Erheblicher Übersprung. Alle aufgeklärt Säkularisierten bemängeln ja stets christlich-weltanschauliches Alltagswirken, im Künstlerischen wird sich zudem ganz besonders gerne lustig gemacht vom intellektgeschwängertem Hochross including tätschelnd Buddah, Lacher und Applaus sind sowieso dann garantiert.

Jene künstlerischen Mainstreamreligionsschimpfer haben überwiegend meist auch keinerlei Problem damit, in Sakralräumen dann gelegentlich sowohl auszustellen, als auch Ankäufe spirituellerseits gerne zu akzeptieren und dem Priesterpersonal herzlich die Hände zu schütteln, spätestens bei Scheckübergabe.

Insgeheim werden dann oft die seit Geburt bezahlten Kirchensteuern durchgerechnet und ob sich das wohl gelohnt und gegengerechnet habe.

Gerne werden ja auch Seifen aus klösterlicher Herstellung gekauft, nicht ohne Betonung bei Verschenkung der eigenen Aufgeklärtheit und Bewunderung für Hildegard von Bingen.

Aber wenn es dann ans Eingemachte gehen sollte, zum Beispiel ans Sterben oder fürchterliche Gebrechen, speziell plötzlich und unerwartet, einem selbst wiederfahren oder einem angehörigen oder anbefreundeten Menschen, dann wird doch gerne bei der Bettenwahl auf ein „Christliches Haus“ zurückerinnert und gegriffen, natürlich nicht ohne den Elan und Einsatz der dort Beschäftigten voll Überschwang zu würdigen, auch wenn zu wissen man glaubt, dass man selbstverständlich erhaben darüber.

Das, liebe aufgeklärte und klug denkende Leute, kotzt* mich an Euch und eurem ewig kurznäsigen Kirchenbashing an.

*pardon

Ich bin sehr froh, dass es sowas, ein solches Krankenhaus, überhaupt noch gibt. Und die alte Dame auch.