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Tigris und Breg bringen den Euphrat zuweg. Euphrat und Breg bringen die Donau zuweg. Donau und Breg bringen den Tigris zuweg. / Eier werden bei uns im Dorf nicht knapp. Bei uns gibts genug Eier. Bei uns gibts auch Diesel aus der Strasse von Hormuz und aus Gibraltar. Und Schweine. Bei uns gibts auch Arbeit. / Als vom Insektensterben betroffene Stechmücke würde ich mich vor allem darüber beschweren, dass alle Menschen uns Mücken v.a. immer als Nahrung für Singvögel wertschätzen. Das sei angeblich der alleinige Zweck unserer Existenz und gottgewollt. Vor allem, wenn wir in der Sonne tanzen und feiern und dann natürlich leichte Beute sind. Daher verehren wir seit jeher verwöhnte Gartenkatzen, für die die mückenfressenden Singvögel am Futterplatz ja ebenfalls leichte Beute sind. Und wir behaupten sogar, auch dies sei schließlich gottgewollt und der alleinige Zweck von Singvögeln. / Der spezielle Schokohase, ein Geschenk von Frau Mullah zu Ostern, fällt immer um, ganz von alleine. Mit dem Blutspende-Kugelschreiber vom DRK unterstütze ich ihn dann am Gefälle der südöstlichen Schreibtischecke. Der Tisch, ein leicht zerlegbarer Zeichentisch für Architekten, ist aus Lindenholz gefertigt und war schon im Kriegsgepäck auf der Krim 1943 oder 1944, als mein Großvater dort in geheimer Mission zu geheimen Einsätzen weilte. Keiner weiss bis heute, warum. Er sprach ja noch Russisch. In jener Zeit, auch, dort auf der Krim, hätten sich mein Großvater und mein Vater „mitten im Krieg“ getroffen und sich „versöhnt“. Keiner weiss bis heute, warum. Demzufolge ist die Krim für mich bis heute eine große „Warum?-Gegend“. / Frau Mullah überlegt, einen R5 zu kaufen. Ich fände das schon auch irgendwie sehr spannend, auch wenn ich vom Diesel überzeugt bin. Warum? / Beim Abendessen am Waldrand zu Dritt mit Bahram stellen wir uns oft vor, wie es wäre, wenn jetzt die N dabeiwäre. Dann machen wir herzliche Pläne bezüglich Kochen, ggf. künftiger Kinderbetreuung und Lottogewinnen, die endlich dies und das ermöglichen könnten. Bahram stellt dann oft sein Mobiles auf Video-Call, filmt das Essen, pimpt spaßeshalber mit KI und erklärt Rezepte und die Weltlage nach Mittelost. Und dann ist das alles noch herzlicher. Einfach so ist die N live zugeschaltet, aus ausgerechnet Kabul. Als wäre das völlig normal. Was es ja auch ist. Schade, dass das die alte Dame um ein Haar nicht mehr miterleben konnte. Ich stelle mir vor, sie würde übers Video der N in Kabul vom Krieg und von Königsberg in Ostpreussen erzählen und dabei den von Bahram zubereiteten persischen Spezialreis kosten. Das würde ihr bestimmt gefallen, das HÄTTE ihr bestimmt gefallen, diese Brücke an Weltgeschehen über einhundert Jahre. Und natürlich von Frau zu Frau. / Eine Fassade in Stuttgart-West, Nordseite. Beim Retuschieren heute begann es zu regnen und die wässrig aufgebrachte Farbe begann, nach unten hin sich zu verlaufen. Zeit für Feierabend also, dachten wir gegen Mittag und fuhren Diesel Tempo 100 retour. / Die derzeitige Mondmission geht mir am Arsch vorbei. Nicht wegen Mond oder Arsch, sondern wegen dem: Warum. Weil: Ich hatte bereits mein Monderlebnis, Apollo 11, nächtlich im Schlafanzug und Bademantel auf einem der Vintage-Gemla-Schaukelstühle im Obergeschoß, die nun keiner mehr haben will trotz Mid-Century-Superpreis, tiefnachts in 1969 vor einem Telefunken SW-Fernsehgerät. Die alte Dame hatte es erlaubt, eine große Ausnahme, denn am nächsten Tag war ja Grund-Schule mit Mengenlehre und dergleichen. Und Andor, der geliebte junge Boxerrüde, lag auch dabei oben auf dem Teppich vor dem Fernseher und pupste wie immer im Schlaf. / Brigach und Breg bringen den Missisippi zuweg. Brigach und Breg bringen den Ganges zuweg. Brigach und Breg bringen den Amazonas zuweg. Und zuletzt: Brigach und Breg bringen die Wolga zuweg. / Und ja, es hat tatsächlich wieder einmal funktioniert. Keiner, kaum mehr, redet noch über die Epstein-Akten oder dreißigtausend Tote im Januar in Iran oder ähnlichviele in Ukraine zweimonatlich seit 2022. Stattdessen Mond, Diesel-Preis und Triumphbögenpläne. Immerhin, Eier werden bei uns im Dorf nicht knapp. Bei uns gibts noch genug Eier, regional. Bei uns gibts auch Diesel aus Gibraltar. Und sowieso Schweine oder Lämmer. Bei uns gibts sogar auch Arbeit. Es ist hier niemand unten.