Lippertsreute

Lippertsreute

War im Linzgau gewesen am Raketentag und demjenigen danach, einer überaus unverschämten Gegend. Unverschämt, da sich dort einfach zu viele Landschaftsschönheiten in Gleichzeitigkeit versammeln. Es existiert offenbar eine gottgeschaffene Ungerechtigkeit in Bezug auf die Galanterie von Gegenden. Wahrscheinlich war das Linzgau ein grundschuliges Streberlein, als sich der zweite Tag (Genesis 1,9 sowie 1,10) dem Ende neigte und hatte mit dem Zeigefinger in der soeben erst geschaffenen Luft hektisch „Hier, hier – Ich ich“ gerufen. In der allgemeinen Hektik des Schöpfungsgewusels hatte dann Gott einen goldenen Wurf an geologischer Profildiversität, lichten Höhen, goldenen Schnitten im Dreidimensional, Ausblicken und gelegentlichem Wasser dorthin plaziert. Vielleicht war das Linzgau ja auch eine langhaarige Schöne mit frühlingshaftem Dekolleté und rot lackierten Fußnägeln gewesen, wer weiß. Oder, sollte es sich beim obersten Wesen um eine Göttin handeln, waren es ggf. ein schöner Bizeps mit ebensolch regenbogengleichen Gesäß in Schlagjeans mit Aufnähern „I Love Goddess“ oberhalb der Knie. Wie sich alles nach Süden hin im Panorama von Orient nach Okzident vor einem ausbreitet, steht man in Heiligenberg oder nächstliegenden Ortschaften. Unten dann die spiegelnden Bodenseeflächen hie und da, teils verdeckt von tieferliegenden Klein- oder Mittelanhöhen, eine Vielzahl von hüpfenden und verschieden gefärbten kecken Horizontlinien, soweit man sehen kann. Das alles orchestral hinterfangen, mutmaßlich dann doch eher wohlüberlegt, mit den sich gigantisch aufbauenden Alpenbrocken in bläulich schimmernden Luftperspektiven, aus der Mitte etwas rechts „Eiger, Mönch und Jungfrau“ und die ganzen anderen Achttausender. Die Krümmung der Erde ist von hier aus sehr wohl wahrzunehmen. Wer jemals darauf kam einst, die Welt sei eine Scheibe, hatte die Linzgauerin verpasst oder war besoffen gewesen auf dem Weg von Pfullendorf nach Überlingen, zum Übersetzen über den See, vorbei an bronzezeitlichen Pfahlbauten matriarchalischer Wohlmütter, hinüber in die Schweiz auf dem Weg nach Rom zum Papst. Um dann dort frech zu behaupten, man habe Indien ersegelt.

10 Gedanken zu „Lippertsreute“

  1. Herr Schneck, das ist ja mal ein Lobgesang! Sehr schön! Ich werde ab sofort immer wenn mich jemand fragt, worher ich komme, sagen: Aus dem Linzgau, der wo dem Schneck so gefallen hat. In Lippertsreute kann man zudem noch an zwei Stellen wahnsinnig gut essen. Ist ja auch nicht ganz unwichtig. Ich hoffe, Sie haben gelungen silvestiert, ich schon, mit Lieben, Wunderkerzen und drei Brummseln. Und ich hoffe, Sie haben neinausgelassenes Winken vom übernächsten gesehen.

    1. Frau Montez, klar habe ich Ihr Winken gesehen! Und wären da nicht vielpersonige Planungen gewesen, so wären wir noch bei Ihnen vorbeigerutscht! Und als Ergänzug: Wunderbar Wohnen und Essen – und Frühstücken! – kann man im Landgasthof Adler, offenbar übrigens anscheinend in Familienhand seit 10 Generationen (das muss man sich mal vorstellen!). Bei der nächsten Stippvisite jedenfalls machen wir ein Bloggertreffen, ja? Herzliche Grüße!

  2. Ein Ort, der Lippertsreute heisst – so seltsam, es ist, als gäbe es ihn auch hier, und hier hiesse er dann Lippenrüti, und man sähe – wegen der Erdkrümmung – nicht Eiger Mönch und Jungfrau, sondern vor allem den Pilatus. Ein verspäteter Neujahrswunsch sei das!

    1. Unbedingt kommt Lippenrüti auf die Liste derjenigen Orte, die ich unbedingt besuchen will! Verspäteter Neujahrswunsch dito und herzlich! (aus Pontius) :-)

      1. Melde Dich, wenn der Besuch in Lippenrüti näherrückt – dann geniessen wir hier zusammen lokale Spezialitäten wie einst in Tübingen. Vielleicht kommt dann acqua mit, wer weiss…

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