urige weisen

Salman war beim Oberbürgermeister geladen. Offizieller Empfang für eine ausgewählte Gruppe Geflüchteter, die eine Ausbildung in der Stadt absolvieren. Die Ausbildungskosten des ersten halben Jahres übernimmt die Stadt, um den Betrieben das Risiko zu erleichtern und zu animieren. Schön. In Big-Family witzeln wir darüber: Salman als neuer Personenschützer von OB Palmer. Das wär‘ ja noch was. Schon immer haben wir gesagt, Salman wäre der geborene Bodyguard!

Den vom Oberbürgermeister angedachten „doppelten Spurwechsel“ (x) bejaht Salman vehement. Er ist schließlich Betroffener. Man kann sich natürlich innerlich winden dabei, aber auch mir erscheinen diese Vorschläge mittlerweile plausibel, zumindest deren Richtung, auch, weil ich die Jungs und die ganzen Flüchtlingsdinge ja nun seit 3 Jahren recht nah erlebe. Vor allem auch aus der Sicht von Bahram und Salman. Von Anfang an wundern sie sich, dass bei Vergehen im Grunde wenig relevante „Sanktionen“ folgen. Das schadet dann vor allem denjenigen, die sich anstrengen, die etwas wollen und sich ausserdem an die Regeln halten – sie, Salman und Bahram, wurden oft belächelt dafür von denjenigen Kumpels, die sich nicht um hiesige Gesetze und kollektives Miteinander scheren.

Oder, noch eher harmlos, das Gebot des vorgeschriebenen Schulbesuchs. Spürbare Konsequenzen in schlimmen und kriminellen Fällen (Verlegung zurück in Sammelunterkünfte und Sachleistungen anstatt Geld etc.) scheinen brauchbare Mittel zu sein. Nicht schön, aber eher und leider realistisch. Das hat nichts mit aufgeklärtem Geist zu tun, aber was und wer hat das schon noch derzeit überhaupt. Wo schwebt das? Aufklärung muss man ja auch wollen. Oder man lässt es bleiben.

Einfach, aber schade. Schade, aber einfach.

Und andererseits wäre es schön, wenn diese ganzen Anstrengungen derjenigen jungen Leute, die sich die größten Mühen geben, endlich auch einmal honoriert würden, zum Beispiel durch einen sichereren Aufenthaltsstatus. Was fair wäre, menschlich wohlwollend und auch ermutigend, weitere Schritte hierher zu gehen und anzukommen.

Bahram wird seine im September begonnene Ausbildung zum Industriekaufmann wohl leider erst einmal nicht erfolgreich weiterführen können. Wegen Sprachproblemen und schulischem Spezialwissen. Denn eigentlich spricht er hervorragend Deutsch und klug ist er auch. Es gab einen Termin, bei dem sich alle Beteiligten zusammensetzten, um zu beraten, wie es denn nun weiterginge. Jugendamt, Betreuer, die ausbildende (und nach wie vor sehr wohlwollende) Firma, eine sehr kompetente und hilfsbereite Vertreterin der IHK sowie Frau Mullah als Ex-Pflegemutter.

Schön ist, dass er den Mut nicht verliert. So scheint es jedenfalls / hoffentlich! Im Gegenteil. Auch wenn das alles so viel an Zeit braucht. Er möchte nun zwei weitere Jahre zur Schule gehen und dann seinen Realschulabschluß erlangen. Und nebenher weitere Intensivsprachkurse besuchen. Um dann, in zwei Jahren, vielleicht diese Ausbildung fortzusetzen. Es gibt nach wie vor einen guten Kontakt zu den Jungs. Ganz normal eben. Die „Kinder“ sind aus dem Haus und machen ihr Leben. Im besten Fall hat man weiter Fäden, Farben und Austauschendes. Und steht bereit, wenn es etwas zu helfen gibt. Bei der Kirschkern ist’s ja nicht anders. Und wieviele große Kinder ändern nicht nach einer ersten Zeit ihren beruflichen Fortgang? Hat man selber ja vielleicht auch getan. Eigentlich nichts ungewöhnliches. Wenn nur nicht immer noch so etwas wie „Abschiebung“ drohen würde. Wie will ein Mensch denn da sein Leben planen?

Ich hörte in der vergangenen Woche von einer Studie, wonach künftig pro Jahr ca. 250.000 Arbeitskräfte in’s Land geholt werden müssten. Kaum zu glauben, ganz schön viele. Auf jeden Fall doch bitteschön sollten unbedingt Bahram und Salman dazugehören, auch jenseits ihres derzeitigen Aufenthaltstitels: Beide sind mittlerweile so dermaßen integriert, davon können andere nur träumen. Und es wurde ja auch, mal ganz nüchtern, viel Geld erfolgreich investiert dafür bisher. Auch jenseits des Persönlichen, nämlich als Steuerzahler, werde ich mich also vehement für ein Bleiben der beiden Jungs einsetzen.

(…und dafür, dass Afghanistan endlich als ein nicht-sicheres Herkunftsland eingestuft wird. /ceterum censeo, sagte ich ja schon öfter.)

„denke schon länger, ich würde mich schnell und bald irgendwie in die – jene – wälder zurückziehen, wenn ich denn nur wüsste , wo diese wälder wären. selbst dann sogar, wenn ich das nicht wüsste, wo sie wären, würde ich mich in jene wälder zurückziehen. #“

„okay ist das, na logisch klar, so wie die jungfrau kind gebahr. doch schöner noch als unbefleckt (…)“

/auf Zetteln urige Weisen.

ich selbst habe in diesen tagen gouache-farbe angemischt zum retuschieren an den wandflächen eines treppenhauses des ausgehenden 19. jahrhunderts. da diese jedoch immer wieder unregelmäßig und unkontrollierbar in ihrer endgültigen farblichen erscheinungsform auftrocknete aufgrund der mannigfach unterschiedlichen untergründe, habe ich dann farbe auf der basis von alpinaweiß, also dispersionsfarbe, angemischt. zumal, da der ist-zustand der gefassten stuckoberflächen dispersionsfarbe der letzten maßnahme aus den 1960er-jahren zeigt. (das ist ja das problem.) in reversibel relevanten bereichen wird nun wasserlösliche temperafarbe angewandt, auf neueinputzungen und in beanspruchten partien (treppenhaus), zum beispiel direkt oberhalb des handlaufes am geländer, wird fortan farblich abgetönte dispersionsfarbe aufgebracht. normale und übliche kittungen und verspachtelungen erfolgen mittels gips/kalkglätte im verhältnis 1:1, für feine haarrisse wurde eine getönte kittmischung eigens entworfen und hergestellt, hierfür konnte das pigment TITANWEISS-NATUR der fa. kremer pigmente der gips/kalk-mischung im verhältnis 1:8 zugegeben werden. die mit H2O angemischte Melange wird händisch mit daumen oder zeigefinger in die haarrisse gewischt, nach ca. 10min werden mit einem schwamm und stets klarem wasser die ränder sorgsam versäubert. (…).

heute haben wir im garten einen jasim und zwei äpfelbäume gestutzt und geschnitten. die jungs und einer ihrer sehr netten freunde haben tatkräftig geholfen. afghanen sind weltmeister im bündel-schnüren, so dass ich mit drei fahrten zum nahen kommunalen häckselplatz alles schnittgut habe sofort entsorgen können. ein großes dankeschön für die mithilfe!

am montag ist restmüll. die tonne ist mal wieder voll vom haus. am dienstag abermals gelber sack, diesmal sind es 12 säcke voll mit haus, ein paar tetrapacks und urige weisen sind auch dabei. und heute vor acht jahren schaute ich mit frau mullah den film „Soul Kitchen“ an, was mich bis heute ganz besonders glücklich macht.

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