teilzentralrepubliken / 2002

fundstück, vor dem frühstück:

„3./4.4.2002
mein lieber bomberthomas.doc,
dank dir für deine zeilen vom vortag. sitze kindsaufpassend und rauchend in einer schöneberger küche, die anno 44/45 oder früher nicht zerstört wurde. habe mein drittes bier, und höre die sirenen draußen, den anflug der sonoren motoren, und habe mich heute, aus unerschütterlichem kriegstrotz, nicht in die keller begeben, die ohnehin wir gemietet haben, und die nun gerade, wenigstens teilweise, schutz bieten sollen für 26 parteien von mietern oder besitzern, die jetzt schon schreien oder beten, dabei sollten diese, wenn schon, nur den kindern gelten. wobei ich hier auch denke, auch männer hätten in vielen zeiten ein recht auf schutz zugesprochen bekommen sollen. wieso muß ein kapitän eigentlich absaufen mit seinem schiff und all die maate sind von der seelenlast des überlebens befreit, alle zeit? da liegen, und sie stehen noch, die helden. ohne die es keine kriege gäbe, wie eine frau schreibt. wieso schreibt dies eine frau? na klar, hätte es ein mann geschrieben, er wäre feigling. und welche frau sehnt sich nach der kapitänsstärke eines nicht abgesoffenen havarieschiffbefehlshabers? welche frau schätzt den charme eines zu früh mit dem fallschirm abgesprungenen luftkapitäns, der sein noch fliegendes zuhause allzufrüh, um seine haut zu retten, im stich ließ. dann doch lieber die trauer und erinnerung am grab, damals wie heute, ein archetyp. eine menge haben die alten, wir und die jungen zu lernen. eben höre ich, daß ein banküberfall nahe hamburg, mit dreifacher geiselnahme und flucht im pkw, glimpflich endete, in der ukraine: also doch, ein europa ohne grenzen, welches zusammenwächst. noch zu der frau, welche die helden beklagt, daß es sie gibt: sie sollte schreiben, daß es kriege gibt, solange es ERINNERUNG gibt. die helden verwesen derweilst, oder tanken in der ukraine, oder sie haben geiseln befreit, was nicht zwangsläufig zu einem krieg führen müsste.
hierbei zum bild der „mangelnden initiation“, welches meines wissens unsere julia f. in bezug auf die sogenannte „spaßgesellschaft“ in die gedanken warf, damals, 1993. auch frauen, und auch solche großmütter, italienische dazu, wie ORIANA FALACI, sollten sich fragen, ob sie, jenseits vom kinderkriegen, heutzutage rechtens initiiert werden. der ewige verweis auf das weltgedächtnis, welches frauen per se innehalten, widerspricht auch koedukativ aufgeklärten gedankengütern. dies jedenfalls würde ich als aufgeklärter held fordern, von aufgeklärten frauen. ob diese dann noch strumpfhalter vorweisen können, das, mein lieber bomberthomas, ist die frage, aber eine gänzlich andere… nun ein erneuter anflug alliierter verbände, unten schreien die kinder, die frauen wimmern oder schaffen durch leise befehle ruhe, die tatsächlich beruhigt, aber den feind dort oben in der luft nicht betrifft, den politischen feind. ohne ein politischer feind zu sein, ist man kein feind. nichts neues auch dies.
ja, alle bomberharrisse landen final im ewigen revanchismus. so auch wir. sharon fordert den TOTALEN KRIEG und redet von einer ENDLÖSUNG. das ist postmodern in künstlerisch extremster form, oder es ist revanche. ich glaube, es ist blödheit. auf eine art, die uns deutsche nachgeborene betreffen könnte, würde ich, auch hier, bei dieser wortwahl, sagen: endlich, wir sind entlastet! leider aufkosten der palästinenser, aber versailles liegt ja auch nicht in deutschland oder palästina. und sollten wir, in forma joschka fischer, diesen konflikt bereinigen, ja zum frieden hin lösen, wären wir endgültig reinegewaschen! manchmal denke ich, diese historischen verflechtungen sind auch etwas gutes. angst bekomme ich dann, oder rationellpolitisches verständnis, wenn ich mir überlege, inwieweit oder inwiewenig die zeitgenössischen AMERICANER verflochten sind. abgesehen von vietnam vielleicht.
du schreibst, die schuldigen für die geisteshaltung, daß andere verantwortlich sind fürs eigene dasein oder sterben, seien die 68er. das glaube ich nicht – siehe versailles. es war und ist immer eine persönliche entscheidung. die ausschlachtung dieses phänomens ist immer politischer, gesellschaftlicher oder persönlicher natur. was wahr ist, und was unwahr ist, bestimmen die geister. das, in aller größe, macht mir zu schaffen. ich denke, ausstellungen des DEUTSCHEN HANDWERKS beschäftigen sich letztlich immer exakt damit, zumindest waren dies die grundsätzlichen gedanken. nicht umsonst die geliebten DREIFACHBRECHUNGEN, die für mich nichts anderes bedeuten, als die suche nach der aufrechtesten aller wahrheiten innerhalb von teilwahrheiten innerhalb von wahrheiten.
warum wurde beuys abgeschossen? dies ist die zentrale frage, innerhalb von TEILZENTRALREPUBLIKEN. nun wollte ich noch schreiben über den opferschutz und v.a. den täterschutz in der jetzigen republik. ein weites feld, deshalb lass ich’s jetzt doch lieber bleiben. heute würde ich jura studieren, im ernst, und nicht die freie kunst. dies, weil z.b. auch du sagst: hätten wir freien sex mit dreizehn gehabt, gäbe es heute keine päderasten. das ist falsch. genau dies. und dies ist der fehler der 68er, der sich in seinem weltverstehen einreiht, letztlich, in die anderen fehler des 20.jahrhunderts. egal ob HITLER, DDR oder SUMMEROFLOVE, zugrunde liegt die sehnsucht, verständlich, nach einem menschenbild, welches endlich wahr sein möge, um gottes willen, endlich. was jedoch fehlt, ist schlicht ein WELT-bild. ### eben wurden mir wesentliche gedanken gelöscht, die schon hier standen, vor dem kläglichen neustart, von diesem mir unsymphatischen rechnergerät. ich hatte noch einen neuen gedanken, diesbezüglich verknüpft mit dem POSTMODERNEN, an sich, versteht sich! der mir entgegengebrachte aussetzer, ungespeichert(!), hätte mich in anderen unkontrollierteren zeiten ohne zweifel zur waffe greifen lassen können, konjunktivisch, versteht sich. noch ein buchtip: robert coover, geisterstadt, roman, rowohlt. ### heute kein treffer, lieber bomber. alle gehen um 2.09uhr schlafen, zurück in ihre betten. möge der krieg doch endlich enden! beste grüße, dein harris.“

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