trippeln, dreisam

der vater hatte glück damals, weil er seine schirmmütze aufhatte, als er aus dem brennenden volltreffer vor die eingangstüre trat und die dachrinne auf sein haupt tropfte. sie hat ihm lange nicht verziehen, daß er es nicht geschafft hat, ihre puppenstube zu retten. sie hatten doch alles so schön verpackt für solche fälle und die kisten mit den wichtigsten sachen unter der treppe gelagert.

gestern also einen reisebus besorgen. er will einen reisebus haben, keinen stadtbus. beim reisebus besorgen fahre ich an der folgebebauung des ehemaligen volltreffers vorbei. ist schon ganz schön lange her, aber mich verbindet etwas mit diesem platz.

der reisebusladen hat noch nicht auf. ich sehe mich um, weit und breit kein anderer reisebusladen. schließlich schnapp´ ich mir einen „midi“-reisebus bei woolworth. woolworth ist sicherlich nicht der klassische reisebusladen. aber die öffnen schon eine viertel stunde früher.

die frau ist derweil gereist nach ffm. sie trifft sich dort mit dem alten recken albert, der derzeit einen sehr schönen immerwährenden päpstekalender veröffentlicht. danach geht’s mit ihr weiter nach freiburg, im BRSG. freiburg ist eine schöne stadt, aber das BRSG hat mich immer gestört. wieso nennen sie ihren flecken nicht einfach „freiburg an der DREISAM“?

ich habe jedenfalls den immenhof, teil dreisam, heute gesehen („ferien auf immenhof“). die tochter denkt, er läuft jetzt jeden samstag. muß ihr also wieder mal was erklären. und während die ponys TRIPPELN, packe ich leise eine kiste im geiste, um bei einem volltreffer wenigstens die wichtigsten puppenstuben retten zu können. um ein uhr dreißig kehren alle in ihre betten zurück und holen sich noch ordentlich einen runter.

mit pausen

friedrich, das fliegerchen, hat mir (mit pausen) notiert, auf einem blatt/fax, auf dessen rückseite schuhcreme und elektrischer weihnachtsschmuck angeboten wird:

„…könnte das ende einer schlechten serie sein. es ist ja jetzt, so aufs jahresende, auch zeit, das zu tun. die letzten eindreiviertel jahre waren, ja, was waren sie denn jetzt? wahrscheinlich over-fourty geschichten eben. zunächst ist der vater meiner frau gestorben. obwohl er eigentlich noch richtig wach war. er hätte noch so viel erzählen können. (pause). dann hat die mutter eine zehe amputiert bekommen. sie hatte eine blutvergiftung, einen eitrigen klumpen am ende des beines. und gleichzeitig eine allergie auf antibiotika. (pause). dann hat sich beim jugendfreund ein herpes-virus ins hirn verirrt. das macht der virus einmal bei zehntausend jugendfreunden. der eine hat glück gehabt. achzig prozent seiner kollegen überleben das nicht oder sind blöde danach. (pause). dann hat sein bruder einen krebs bekommen. habe ihn zum letzten mal besucht im november nullfünf, in bremen, da war er sehr zuversichtlich. er ist immerhin schütze. (pause). habe mich, während der schwiegervater starb, von der galerie in frankfurt getrennt. habe in der folge alles versucht, eine neue galerie zu finden, und jede menge wettbewerbe mitgemacht. nur schrott kam zurück, eine absage nach der anderen. umso mehr absagen, umso mehr habe ich angeleiert. es war: verhextes nichts! trotz daimler-chrysler. habe auf ein bild „abmelden“ geschrieben. zwei monate pause, letztes jahr um weihnachten, SCHNECK, du weißt, was das heisst?! im januar nullsechs hat sich dann der andré erhängt, in seinem atelier. er hatte immer gesagt: „ich mache lieber zugeständnisse an einen wochenmarkt, als zugeständnisse an den kunstmarkt“. er hat maroni verkauft, und ich habe mir hundertmal überlegt, wie man sich erhängen kann, ausgerechnet erhängen? (pause). im juni ist der bruder dann gestorben. die uneinigen eltern haben uns unser UNS geklaut, damals. seine lieben haben ihn in einem friedwald begraben. wieso hat er eigentlich keinen normalen grabstein bekommen? nicht einmal im tod haben sie ihn normal sein lassen. (pause). und über das alles ist mir sogar der sex verloren gegangen…“

ich steck den zettel weg und die rosenrote fällt mir ein, mit ihren theoretischen abhandlungen über offene beziehungen: die eigenen gefühle, sie sind doch wohl im leben letztlich VOR ALLEM eines, nämlich fremdbestimmt. denke ich unterm tisch nach diesem jahr. friedrich jedenfalls hat jetzt zwei galerien, das durchhalten hat gelohnt. und die wunden wird er sich dann an seiner flachware ablecken können. ich entlasse also friedrich, die rosenrote und mich, und bestelle noch einen SCHNAPS, den ich mit meiner frau und klaus, dem fotographen (denen ich das eben alles vorgelesen habe), zum wohle friedrichs kippe. wir sitzen in der jansenbar und wir werden noch viel zeit haben, behaupte ich mal. auch hin zu friedrich.

taxischikanöschen

das taxispiel ist eigentlich sehr einfach. man setzt sich ins auto, und los geht’s. wer ein taxi sieht, der ruft „tacksi!“ und hat einen punkt. wir rechnen jetzt durch, das heißt, es geht weiter beim punktestand vom vortag. derzeit steht´s 122 zu 120 für die tochter, nachdem ich gestern auf den letzten metern meinen rückstand noch prächtig verkürzen konnte. taxistände zählen übrigens nicht, das ist unfair, ebenso taxis, die im rückspiegel fahren, oder hinter einem. linus nimmt´s da manchmal nicht so genau, er sieht öfter mal taxis, wo gar keine sind, oder er zählt doppelt. tochter ermahnt ihn dann wie eine alte patentante. schummeln gilt nicht. außer vielleicht beim schikanöschen, wenn’s nicht aufgeht. dann machen wir einen offiziellen schummler und drehen schon auch mal eine karte um, obwohl wir´s eigentlich nicht dürften. natürlich nur, damit das spiel weitergeht! nur für´s spiel, nicht für uns. gewinnen kann dann aber keiner mehr, das wäre ja wieder unfair. und wenn’s dann aufgeht, bekommt jeder einen halben erwachsenenkaugummi.

7185

„Leidringen, 6.12.1948
Sehr geehrte Frau R.!
Für Ihre freundlichen Grüße und Wünsche danke ich recht herzlich. Mit Jubel und Freuden bin ich von meiner Frau und meinen 4 Kindern aufgenommen worden und das ganze Dorf hat seinen früheren Lehrer mit Liebe und Anteilnahme und Unterstützung jeglicher Art empfangen, so dass mir das Einleben und Erholen nicht schwer fallen wird. Es ist schon wie ein Gottesgeschenk, wenn man nach der langen Zeit wieder daheim sein darf.
Gerne beantworte ich Ihre Fragen. Leider war ich mit H. nur kurze Wochen zusammen und da auch nur in manchen Abendstunden nach Feierabend, so dass ich ihn nicht in allen Lebenslagen kennen lernte. Aber er hatte immer fröhliche, heitere Stimmung und ist sicher eine glückliche Natur, die sich in allen, auch schweren Situationen zurechtfindet. Gesundheitlich hat er nie geklagt. Er ist zwar kein Athlet und gehört schon längere Zeit der Arbeitsgruppe III (also nicht voll arbeitsfähig) an. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die schlanken Menschen, die meist auch zäher sind, alle Entbehrungen und Strapazen viel leichter überwinden. Ich gehörte auch die längste Zeit der Gefangenschaft der Gruppe III an und habe mich trotz schwerer Arbeit immer ganz gut über Wasser gehalten.
Das Lager 7185 liegt zwischen Iwanowo und Kineschma (Wolga) etwa 350 km nordostwärts von Moskau und gehört zu einer großen Textilfabrik. Es wurde dort in erster Linie eine neue Stichbahn gebaut zur Erschließung eines Torflagers. Nebenbei gab es Arbeiten bei Hausneubauten, im Kolchos und auf den Kohlenhalden der Fabrik.
H. war bei einer Malerbrigade und musste dann vor der Revolutionsfeier Transparente malen. Das Lager sollte vor dem Winter geräumt werden, es ist also möglich, dass er sich jetzt im Hauptlager 7185 befindet. Dieses liegt bei dem Dörfchen Michailowo 8 km von der Wolga entfernt, etwa 40 km unterhalb Kineschma. Man sprach davon, dass nach uns (wir waren 300 Mann) noch 600 Gefangene in kürzester Zeit aus dem Lager abtransportiert werden sollten, und da H. ja nicht der SS oder SA angehört hatte, ist anzunehmen, dass er auch dabei ist.
Ich würde mich mit Ihnen freuen, wenn er noch zu Weihnachten ankommen würde. Wir waren 3 Wochen unterwegs und mussten in Deutschland noch 6 Lager durchlaufen. (…) Ich wünsche, dass Ihre Hoffnungen auf die Heimkehr recht bald in Erfüllung gehen und dass Sie mit Ihrem Sohn zusammen eine recht gesegnete Weihnachtszeit verleben dürfen. Die herzlichsten Grüße, Ihr K.W.“

weihnachtsfeier

gericht

der rest ist schon heim. ein schälchen meerrettich steht noch da. die kollegin ritzt mit den unlackierten fingernägeln jahreszahlen ins furnier, während ihr karl-heinz immer noch wild fuchtelnd die stadt erklärt. nach häusschen setze ich mich noch einen moment unten bei USCHI an die bar. heffeweizen und B5-aktuell. was machts? „gibst mer ´nen zehner“ rollt sie mir zärtlich einen, „dann is´ scho ok“. beim einschlafen reicht´s dann auch mir, mit dem weltgericht. werde künftig den honig und die phosphat-puffer weglassen.

splatter/liberace

renne an der stelle vorbei, wo ich vorgestern ausgerutscht bin. da liegen sie, die matschigen blätter über den kleinen splittsteinchen. die splittsteinchen rufen mir zu „he, wo sind unsere brüderchen und schwesterchen?“, ich puste ihnen zurück „…na was glaubt ihr? in meinen handballen stecken sie jetzt, ihr deppen!“.
„weltgericht“ heisst´s ab morgen. gespielter LIBERACE vom piano, aber der schorf wird´s schon rauswachsen.