kur

Am tresen stand eine ungefähre mittfünfzigerin, dabei war sie wahrscheinlich erst mittvierzig (irgendetwas an ihr lässt sich gehen) und bei der terminabsprache für die nächste durchsicht ihrer pupillen sagte sie bezüglich september sehr selbstbezogen „Nein, da bin ich in Kur!“. Das selbstverständlichste ihrer welt. Eine Kur. Vor vier jahren hatte ich einmal meinen doktor witzelnd befragt, ob ich nicht eigentlich einmal eine kur beantragen könnte. Ob ich da chancenreich wäre. Er lachte, wie ich erwartet hatte, milde, betrachtete meine sorgsam gepflegten fingernägel, tastete meinen magen, der damals wehtat, und erkundigte sich nach der kirschkern. Die alte dame hat eine für ihr alter immer noch erstaunliche sehfähigkeit und das parkhaus im ärztehaus verlangt für fünfzig minuten zwei euro vierzig. Ohne diese parkmöglichkeit wäre ein arztbesuch mit sehr alten menschen nicht mehr möglich. Werte gilt es zu schützen, daher geht der preis vollkommen ok.

Segelnde ärzte in zivil im sommer erkennt man an ihren weichen schuhen als „Ärzte, die auch segeln“, auch wenn sie es kokett verheimlichen wollen und lieber als bspw. Juristen oder Geisteswissenschaftler angesehen werden würden. Kindheitsträume, pubertärer Abschnitt. Kurzärmelige Polohemden. Kaufmänner tragen spitze schuhe.

Was IST eigentlich aus diesen röntgenbrillen geworden, (so fiel es mir ein), mit denen man im Sommer alle frauen nackt hätte hindurchsehen können sollen durch ihre kleidung? Jene Versprechen mit 15. Das hat ja auch nie funktioniert.

Und sollte ich mal ausversehen aus zehntausend höhenmetern abgeschossen werden, dann möchte ich nicht, dass irgendein camouflagierter separatist, weder besoffen noch nüchtern, mit meinem ebenfalls abgeschossenen stofftier auf dem arm in die weltpresse hineinposiert, während meine EC-karte bereits in seiner backentasche verschwunden ist. Rauchend, ohne Geheimzahl.

Schön zu bemerken die heimlich immer noch verliebten blicke eines alten mannes mit kassenrollator, der seine feingliedrige und um eleganz auch in hohem alter bemühte frau zum augenarzt begleitet hatte. Das blitzen in seinen augen und das blitzen in den ihrigen, wenn ihre blicke sich trafen, kurz bevor jene sich – selbst ebenfalls unsicher im Gehen – ins behandlungszimmer begab. Vielleicht war sie ja auch seine geliebte, oder beides.

10 Gedanken zu „kur“

  1. also ich war vor zwei jahren das erste mal auf kur und der nächste antrag ist so gut wie gestellt. ich glaub, in deutschland ist das ein bisschen strenger, aber hierzulande gilt ja eine kur nicht zur behandlung von krankheiten, sonder zur erhaltung der arbeitsfähigkeit.
    und ich sag ihnen, mir haben diese drei wochen abseits des alltags mit den moorbädern, ultraschallbehandlungen, massagen und viel sport und viel natur sagenhaft gut getan. überraschenderweise waren da auch ganz viele leute in meinem alter, viele auch jünger, zum teil topfit.

    außerdem wollen die vielen kuranstalten ja gefüllt und die vielen kurärzte ja beschäftigt werden.

  2. Na ja. Ich und Kur. Zumal das für Selbstständige ja Verdienstausfall bedeutet. Es täte sicher mal well, allein das Leibliche zu pflegen. Zumal vor ein paar Jahren. Wahrscheinlich aber würde mir nach 4 Tagen langweilig werden, ich bin eben so. Wahrscheinlich ist das falsch.

  3. ja ja…. kuren gibt’s hier ja gar nicht mehr. nur reha. zur wiederherstellung der arbeitsfähgikeit. und nicht für selbständige :-)
    zum glück!
    jetzt mal ehrlich herr schneck: sie in einer kuranstalt, in einer rehaklinik?????? inmitten von ärzten, die gerade vom segeln zurück sind, inmitten von leidensmienen und dem geruch schweissgetränkter jogginganzüge????
    nicht mal drüber nachdenken bitte.

  4. Super! So werd‘ ich’s wohl auch weiter halten. Und durch den tiefen Wald rennen. Und die Alltagsbewegungen! Und ab und an in die Sauna. Orte, Getränke, Betreuerinnen!

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