drecksbude

Innerhalb der letzten dunklen tage gewesen wieder mal in einer drecksbude. Beim duschen abends pfeift man durch die nase und schwarz pfeift heraus. Jahrhunderte alter dreck. In den spitzen winkeln des dachbodens, dort, wo die verrotteten sparren auf den müden traufen aufliegen, dort lag auch eine leere packung leichter marlboro für noch 4 Mark. Datierungshinweise sind das, wertvolle spuren vergangener baumaßnahmen. Ein gebrauchtes condom auch, undatiert leider, der weichmacher hat schon gefressen, daneben ein damenstrumpf bis knie in beige und ein kleines kinderspielzeug, ein rostiges kännchen für den kaufmannsladen, vielleicht hundert jahre alt. Vielleicht auch hundertundzwanzig. In diesen schwer zugänglichen ecken findet man oft interessante hinterlassungen. Von kindern, erwachsenen oder den dachdeckern und anderern gewerken vergangener zeiten. Uralte bierflaschen, darin tote mäuse, metallene zigarettenetuis, beschläge barocker fenster. Oder eben zurückgelassene liebesmühe. Vorvorgestern lag dort auch eine skelettierte ratte, ganz nah bei ihren zwei knöchernen kleinen babyratten in embryonaler anmut. Der chef der steinleute, neben seiner vorliebe fürs doppelaxtwerfen auch ein geprüfter jäger, meinte tags darauf, es könne auch eine verhängnisvolle geburtssituation vorgelegen haben, bei welcher mutter und kinder verstarben. Und der rest eines plakates mit einer sexistischen sexy bikiniblondine aus 1975, die blond und blauäugig allen wehrpflichtigen einen staatlichen zuschuß von 50 Mark im monat verspricht. 1975, da wäre ich eigentlich am blinddarm gestorben, hätte ich zu zeiten des kleinen kaufmannsladenkännchens gelebt. Denke ich mir. Diese zufälle immer. In einen kehlbalken mit wucht hineingerammt ein brieföffner in form eines schwertes mit ziselierter klinge und überall schwarzer staub und dreck, auch auf dem märchenbuch von 1904 im spitzboden. Die toten ratten ließen mich eine atemmaske überziehen, was eigentlich selten vorkommt, wegen möglicher giftstäube, über deren halbwertszeiten ich keine information habe. Ich musste dort, in diese abseite, hineinkriechen, um mit dem spezialbohrer einen holzkern für die bestimmung des alters herauszusezieren. Was diesmal leider nicht gelang. Die jahresringe mitsamt der schädlinge aus vermuteten vierhundert jahren flogen uns um die ohren mitsamt den auf ihre auferstehung lauernden getrockneten bakterien der PEST. Und den hungrig schlummernden viren der pocken.

Und doch: Ich mag diese orte. Immer wieder aufs neue und vor allem bei düsterem Dauerregen im siebten Tage. Mein gemüt ist dehnbar und stabil.

Auf einem werblichen schild vor einem lokal während der rückfahrt von der drecksbude stand mit kreide geschrieben: „Bier, so kalt wie das Herz deiner EX!“. Früher hätte ich angehalten und fotographiert.

Gottlob ist diese woche vorrüber. Endlich wieder die sonne heute.

4 Gedanken zu „drecksbude“

  1. Das haben Sie toll erzählt, und ich mag dieses Gefühl. An die Preiserhöhung auf 4.- DM erinnere ich mich gut. Und wenn ich heute eine Schachtel Welthölzer sehe, bin ich angerührt. Will in keinem Museum leben, aber diese kleinen Spuren und Rückblicke sind mir viel wert.

  2. Wunderbare Zeilen dies.
    Man ist geneigt, die Dinge zu achten, den Zirkel von 18irgendwas und die lang nicht mehr gerauchte Pfeife eines Großvaters der vor annähernd hundert Jahren in Galizien einen Splitter zuviel abbekommen hat. Ein Bravoheft mit Mick Jagger vorn drauf und Dr. Sommer im Inhalt, das bunte Hemd meines vergangenen Bruders, genau 68 im Sommer in London gekauft, ein Perry Rodan Heft mit Gucky den Mausbiber, geschlichtet zwischen zwei Landserhefterln, halt Schundliteratur, Zeitkapsel.
    Zeit ist ein Wimpernschlag.

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