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oval

die amseln pfeifen immer noch in der spätdämmerung, während ich hier sitze und notiere, der große knall mit gewitter blieb aus, ein paar tropfen, na gut. blaues licht von draussen, türe auf, die mücken kommen jetzt langsam rein, ich lass sie, denn sie spinnen und das ganze andere, was hier rumkreucht, brauchen ja auch futter. was sollen die spinnen sagen über die meldungen übers insektensterben. an der türe hat sich eine spinne ein sandhäufchen gebaut, ameisen krabbeln hoch und rutschen dann ins spinnenloch, hiessen die nicht irgendwas mit ‚wolf‘? ich habs einmal weggemacht morgens, abends wars wieder da. das fanggebilde. schon vor sechs wochen. nun lass ich sie halt machen.

gestern den rasen, besser nun „die wiese“ das erste mal mit dem elektro gemäht. salman meinte schon, afghanisch sensenerfahren, das ginge langsam gar nicht mehr mit so einem kurzhaarschneider. zuvor aber waren viel zu viele wunderbare pflanzen am tun und blühen und sich anstrengen. einen richtige wiese wars, mit allerlei seltenem mittenmang. lebensraum. „waldbaden“ sagen sie ja jetzt zum laufen durch den wald und das aufsaugen von dem, was der wald sagt. oder meint. therapeutisch seis. na, dann hatte ich wohl genug therapie in meiner jugend. im wald ist es einfach immer schön und aufregend. in einer wiese auch. finde ich immer noch. schult alles mögliche an wahrnehmungen. oder dann an herleitungen. und zuletzt an vorstellungen von einordnungen. vor und zurück, und dann vor.

sonnenbeschienene fleckchen, moos, landschaft, ecken und stille plätze, schäferstündchen. wiesenbaden.

adoleszente blindschleichen, die sich ein bisschen fürchten vor einem. ab und an ein frosch. im wald rennen, denken, trauern, schöpfen. vor allem aber lieben.

ideen.

wieviele ideen mir schon alleine im wald gekommen sind. beim gehen oder rennen. und auf hochsitzen, beim pausieren. beim pläneschmieden oder wiederfinden. oder geschichten zu kleidungsstücken, die ich dort fand. söckchen, hemden, hemdchen, frivole kleine unterhosen.

einmal mit der kirschkern, da war sie fünf, einen schatz vergraben, am ukleisee (toteisbecken). an einer buche. ich würde sie nicht wiederfinden, die buche. gut so.

heut südlich von balingen gewesen, südwestlich. ein barocker kleiner pavillion im garten eines renaissanceschlösschens, mit wassergraben. im pavillion niederländische fliesen, kacheln, fayence. das ganze ding voll davon. gepflegter garten, springbrünnelchen, deren betreiber nicht zu hohe wasserkosten beklagen offenbar. die kacheln teils desolat, durch statische probleme locker und verworfen. behutsames abnehmen und lösen, die kanten bereinigen, abwaschen, sodann wieder applizieren. stets mit kalkbasierten materialien. mal fett, mal dünn. immer alles schön nass. damit sich die dinge langsam biegen und setzen. und nicht zu schnell ihren neuen gegebenheiten erliegen.

unterbauten herstellen – man ist dann immer auch mal ‚Maurer‘ sozusagen – und dann alles geradebiegen und die fugen schön. heute nacht soll alles trocknen, oder zumindest „anziehen“, so dass morgen die letzte oberfläche gestaltet werden kann. geglättet. heute hinterfüllt, hinterspritzt mit spritze. und sanftem sämigen material. um von hinten stabilität zu schaffen. kleinteilig oft. hat man ja gelernt.

„Ich könnt‘ das nie!“ sagen die wohlwollenden besucher des unterstützerkreises PAVILLION. sinngemäß. „So viel Geduld braucht man da!“. wie oft hab ich das schon gehört. und immer freundlich. auch immer freundlich dann die antwort: „Na, deshalb sind wir ja da.“ auch heute.

in der nähe vom pavillion ein freibad mit kreischenden besuchern den ganzen tag. da ich kein freibadliebhaber bin, nie war, machts mir nichts aus. abends heute merk ich meine knie. den ganzen tag auf knien. obwohl die ja noch ok sind. aber heute abend muss ich füsse strecken. und zehen spielen lassen. morgen gehts weiter.

allerlei neuigkeiten im privaten. und Bahram braucht noch einen ausbildungsplatz. oder eine zusage, dass er die schule weitermachen kann. alles in den nächsten 4 wochen. im november habe ich eine ausstellung in großen räumen und ich weiss noch nicht, ob ich großformate oder kleine werke zeige. ich hätte große lust auf grossformate. aber die gibts neu noch nicht. dazu: ich habe die alte dame in einem pflegeheim angemeldet. nach monatelangem verschieben. herz so schwer, dass ich es kaum tragen kann. wieso wird ausgerechnet MIR diese entscheidung zugemutet? wieso kommen nicht tod oder leben vorbei von alleine? wie sonst ja auch.

na, egal. ist eben so.

zeit, in den wald zu gehen und schäferstündchen. und wie gerne würde ich wieder anonym schreiben. aber alles ist eine große aufgabe, die sich zu verschmelzen im walde und auf heide lohnt. muss wohl. neben dem plätschern der quelle aus erinnerung, lenden, krimskrams, arbeit, geld und vorstellung von idee. mit farbe und material. so werd ich das schon hinkriegen. wir hier alle. das weitere jahr wird voll werden. immer an der wand lang.

in meiner vorstellung ein großes warmes orangenes irgendwie sinnliches OVAL, händisch gewollt unvollkommen, mit wässrigem bindemittel auf mit erwärmtem knochenleim stabilisiertem baumwollstoff-NATUR im quadrat 140×140, darüber allerlei ölige subjektive zitterlinien mit fettem breitpinsel (links schwarz, rechts weiss, dazwischen ocker, beispielsweise). als anfang, wenigstens. anfang von monumental, drunter könnte kontrolliert stehen „fresse“ oder „Wald“. oder nichts. monumental hat mich nie wirklich interessiert, Sinn im Bildwerk dagegen immer.

so gehts mir gerade. und morgen noch die barocken goldleisten einfummeln. retuschieren. danach auf sonnigen lichtungen irgendwo, im moos den bauch und alles in die halbsonne und dann würstchen grillen am waldrand, nichthalal und halal. immerhin ist ja ramasan jetzt und senf passt immer.

grosses Wort: SENF.

gespiegelt

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Gleich mehrere Dinge spiegelten sich, würden sich spiegeln, sollten sich also spiegeln. Zum einen das Linksfahren, per se. Eigentlich kein Thema, so für sich allein. Ich war ja schon ein paar Mal im Angelsächsischen mit dem Auto gefahren, einmal sogar mit einem orangefarbenen Kleinbus. Allerdings mit einem Kontinentalen.

Dann aber, dazu, das rechts sitzen und steuern. Die rechte Hand hier so, wie sonst die linke: Wertlos, arbeitslos. Und daher also noch eins drauf: Links schalten. Mit der linken Hand. Und zwar nicht etwa gespiegelt, sondern doppelt gespiegelt. Mit einem Arm, der gewohnt nichts tut, ausser seinen Ellenbogen auf die Fensterschwelle zu legen. Lässig. Und dann der gewohnte Blick in den Innenrückspiegel, rechts oben, mittig? Pfeifendeckel, Fehlanzeige. Hier natürlich links oben, mittig. Und alles immer gleichzeitig. Mit der linken Hand die Gänge schalten, und zwar links vorne der erste Gang, links unten der zweite. Und so weiter. Gelernt und im Kleinhirn verinnerlicht ja Gleiches mit der rechten Hand. Also nicht etwa tatsächlich gespiegelt: Konsequent wäre gewesen, mit der linken Hand den ersten Gang rechts oben einzulegen, den Zweiten rechts unten und so weiter. Nichts von alledem.

Dazu noch ein französischer Beinahe-SUV mit einem komischen Namen. Und nicht etwa ein Kleinwagen, den inselüblichen Straßenbreiten angemessen. Dazu eine fehlende Kaskominderung. Sie hätten wollen für eine Reduzierung von 2000 auf 500 geseifte 234,00 für 8 Tage. Im Internet klang das noch anders. Auf 300 geschlagene 350,00. Für 8 Tage, zur inneren Beruhigung. Also vertrauten wir Gott und ließen es bleiben, den teuren Schnickschnack.

Dazu: Keine Handbremsen gibt es mehr. Schlimm. Ich wusste das noch nicht. Stattdessen einen schön beschrifteten Knopf. Die Jungen nennen das jetzt wohl „Anfahrhilfe“? Einen eigenwilligen Knopf. Mal löste er die Bremse, mal nicht. Beim Anfahren oder beim Rückwärtsfahren. Den Gang herausnehmen oder mit dem Fuß die Fußbremse antippen. Mal funktionierte das, mal nicht. Lieber nicht am Berg anfahren, die Devise. Und auch die Getriebe scheinen jetzt sich selbst schützend: Mit Gewalt geht gar nichts. Man musste zum Stillstand gekommen sein, um den ersten Gang einzulegen. Oder schnell einmal den Rückwärtsgang. Der Wagen schrieb einem Ruhe und Lässigkeit vor in unruhigen Zeiten.

Beim Öffnen der Türen ein Geräusch, als würde James Bond einen Großrechner aus Atom hochfahren.

Und dazu die schmalen Sträßchen und die linken Bordsteine. Als aufmerksam engagierter Beifahrer oft der Hinweis, etwas mehr mittig zu fahren und nicht zu weit links. Oder die entgegengesetzte Beobachtung, dass „das mit dem strassenmittigen Aussenspiegel und dem Kotflügel des soeben passierten LKW“ doch recht knapp war. So ein Aussenspiegel käme bestimmt auf 800,00 in seiner Erneuerung. Dachte ich öfters und schaute dann lieber weg im Übersprung in die schöne Landschaft, mich in die Schweißhände des heiligen Patrick begebend.

Für das Kleinhirn und fürs Jungbleiben und flexibel war das bestimmt alles gut. Man soll ja auch zu Hause ab und an die Dinge seitenverkehrt angehen, zum Beispiel Zähneputzen mit der linken Hand. Ich kann übrigens auch minutenlang auf einem Bein stehen, ohne umzukippen, alles kein Problem. Aber ich mag keine Scheibenwischer, die von alleine angehen. Und sogar schneller wischen von alleine, wenn es stärker regnet. Das alles macht mich kirre. Ich will das selbermachen, wenigstens diese letzten selbstbestimmten Dinge, die es überhaupt noch gibt.

Die Köchin meinte mehrfach, ich würde nun wohl alt werden. Obwohl auch sie weiss, dass ich minutenlang auf einem Bein stehen kann. Kann schon sein. Alt und trotzig. In meiner Verachtung für Ingenieurskunst, die die sich selbst findenden Pfade vorgibt. So also fuhr überwiegend sie, die Köchin, den ausgeborgten Wagen und hat sich gleich mehrere Orden verdient. Alles ist gut gegangen. Ich war so froh, als wir dieses fahrende Ding endlich wohlbehalten am Flugplatz abgeben konnten.

Um danach am Flugschalter SELBER das Gepäck aufzugeben. Na geht doch, dachte ich. Nur eben spiegelverkehrt.

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Dublin, Galway, Lisdoonvarna, Kilrush, Killarney, Cashel, Cahir und Greystones. Und noch viele andere wunderbare Orte. Bei schönstem Wetter. Aber die Reise an sich, das wäre eine andere Geschichte.

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Stattdessen, noch im Urlaubsland, Nachrichten der Muckenschissfraktion. Nun ja, der Muckenschiss hat Millionen Menschen jüdischen Glaubens in den Tod vergast, der Muckenschiss hat 60 Mio. weitere Leute umgebracht, der Muckenschiss hat übrigens auch meinen Vater umgebracht, weiterhin hat der Muckenschiss mir MEIN Ostpreussen genommen und der heutige Muckenschiss lebt mittlerweile wieder von Steuergeldern (wie kann das sein?), auch sogar wenn er (der heutige Muckenschiss) ungestraft sagen darf, er „will auf Gräbern tanzen und auf Leichen pissen“ und er könne es kaum erwarten, dies zu tun, wieso bitte sollte ich da noch mit solchen Muckenschissleuten reden, nur weil diesen Muckenschiss 5 Mio. Leute wählen und es immer heisst, man müsse mit denen reden, weil sie ja demokratisch legitimiert seien? Ach geh mir weg. Geht mir weg, ihr 5 Millionen und hängt euer geheucheltes Kreuz tiefer, sollte irgendwas in euren Hosen vorhanden sein neben den eurigen Taschen voller beim Discounter gespartem Geld. Und eure angebliche Bildung, mit der Ihr ja mehr als gelegentlich kokkettiert, hätte der Muckenschissmörder euch ohnehin niemals finanziert. Eure Späßchen sind vorbei, vor allem die gespiegelten.

9. Mai 2018

Heute kam, nach neun Monaten, die Ablehnung des Asylantrages per Post. Schon die zweite nun in unserem Haushalt. Danke, Politik, Danke Afghanistan-Deal, Danke allen, die Willkommenskultur predigten, aber nicht für Bleibekultur sorgen. Und Danke auch allen anderen Entscheidungsträgern, die zwar zum Urlaub ins unsichere Herkunftsland Mahgreb fliegen, ihre freien Tage jedoch merkwürdigerweise niemals am schönen Hindukusch verbringen würden wollten. Der junge Mann ist trotz baldigem Hauptschulabschluss, hervorragendsten Integrationsleistungen und einem bereits unterschriebenen Ausbildungsvertrag am Boden zerstört. Nein, so etwas macht man nicht mit Menschen. Wir hoffen sehr, dass es uns gelingt, ihn innerlich wieder aufzubauen.

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Kompost

Seltsame Blüten, da gratulieren bei Zuckerberg Leute Leuten zum Geburtstag, obgleich die beglückwünschte Person vor bereits einem halben Jahr verstorben ist. Sogar „herzlich“. Oder sie wünschen schlicht „Best!“. Mit Ausrufezeichen, gar aufpoppenden Herzchen. Es sind ja oft diese kleinen Erledigungsfallen, gerne im Prominentenzusammenhang. Zeigen, wen man kennt. Auch wenn man nicht beachtet. Die Info übers Ableben ist eben durchgerutscht. Und noch schlimmer: Diese Peinlichkeit interessiert niemanden. Schön finde ich das nicht. Nicht nur, weil es sich nicht gehört.

Dazu: Alle geben ja jetzt ihre Auszeichnungen zurück, die Musiker ihre Echos und die Giftgasdiktatoren die Medaillen der Fremdenlegion. Auch ich gebe nun meine sämtlichen Preise und Medaillen hiermit alle vorbeugend zurück. Bevor sie mir noch aus irgendeinem Grund aberkannt werden. Das wäre ja noch schöner. Gegen moralische Zweitverwertung lässt sich ja nichts einwenden.

(Und wer lässt sich heute schon noch verprügeln für seine Überzeugungen.)

Am vergangenen Sonntag, nach einer langen Zugfahrt auf Gangplatz ab Südkreuz, gewollt und selbstentscheiden ohne weitere Beschäftigung über sieben Stunden, als dem reinen Nachdenken und endlich einmal ziellosem Dösen, dachte ich in mein kleines Kopftagebuch hinein:

„Imgrunde habe ich mein ganzes Leben lang meinen Bauch eingezogen.“

Egal, ob ich gerade einen kleinen hatte, oder ob ich, in anderen Jahren, aussah, als wäre ich irgendeiner Kriegsgefangenschaft frisch und mit erheblichen Mängeln entlassen.

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Der Satz mit dem Baucheinziehen gefällt mir. Weil er so schön nach Kulturtheater klingt und nach inszeniertem Lebenswerk. Wie ein Selfie voll mindestens doppelt gebrochener Weisheit. Und weil er so blöde ist. Am Ende und durchgedacht, genudelt, im Pansen. Haarscharf an einem Horizont vorbei, den ich nicht will. Und den ich nicht mag. Und andererseits, weil es stimmt. Das mit dem Bauch. Eine Art Anzug, vielleicht meinem Alter entsprechend. Kein weisses Hemd, eher vielleicht ein schlichtes Langärmchen mit V-Ausschnitt, ohne Allüre oder Linkswaschen allerdings, bitte.

Ich bin nicht reif, höchstens vielleicht gereift. Aber ein Apfel bin ich auch nicht oder eine Birne. Wenn man gereift ist, dann gehts nicht weiter, dann fällt man irgendwo runter. Im besten Fall wird man dann von Irgendjemandem eingesammelt. Zu einem Zweck, bei dem man nicht mitreden konnte. Immer, wenn ich eine Birne werden sollte, dann habe ich die kurz vorher in eine Hecke geworfen, halbgegessen. Das Kernhäuschen der kleinen Äpfel ebenso. Gematscht, gespuckt. Auch die grüne Mitte von Karotten. Ich mochte mich so ungern auflesen lassen.

Gespuckt in irgendeinen Winkel, seis Natur, seis Bolzplatzgrün oder auf Hänge von Gleisen. Wahrscheinlich lebe ich deshalb noch. Wegen der fehlenden Wertschätzung von Sinn. Meiner gesteuerten Gesamtverweigerung von Erkenntnis. Und so soll es auch bleiben. Nur so funktioniere ich. Krieg ich Luft. Im Baucheinziehen oder Rausstrecken. So einfach scheine ich geschaffen worden zu sein. Oder eben offenbar gedacht, geplant, angelegt: Irgendwas mit Kompost.

Ich verneige mich und meinen Bauch vor diesem Mulch, woher auch immer dieser rührt, für den ich nichts kann. Ich habe keine Ahnung. Selbst mutzumaßen weigere ich mich aus Demut. Zuletzt denkt man dann ja an Spirituelles. Schwamm drüber, Glück gehabt. Einfach weitermachen. Aber wenns mich mal erwischt, dann soll keiner mir mehr zum Geburtstag unter die Krume gratulieren. Und schon gleich gar nicht im Gottesacker Internet.

würd ich twittern

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(…)

Würd ich twittern, würd ich twittern: „Ist ja schon eine Hübsche, die Tochter von diesem russischen Doppelspion.“

Ich twitter aber nicht. Über Ostern pflege ich die alte Dame nun eine Woche lang. Sie wird immer schwächer. Manchmal bin ich jetzt ihr Mann, manchmal ihr Vater. Und manchmal ist meine Frau nun ihre Schwiegermutter. Aber nur manchmal. Meistens ist ihr Geist klar wie Glas und Kloßbrühe.

Sie kaut den ganzen Tag lang ungesalzene Erdnüsse, Butterkekse oder Weintrauben, die sie aus den kleinen Schälchen an ihrem Wohnzimmerplatz ertastet. Sie hat die Augen meist geschlossen, das Kauen ist eine Art Mantra für sie. Sie kaut auch, wenn sie eigentlich gar nichts im Mund hat. Und schaut dann ab und an mit ihrem verbliebenen einen Auge über die Terrasse hinüber zur blauen Mauer, den dunstig schimmernden schönen Linien der schwäbischen Alb in der Ferne. Vorbei an dem alten Vogelhäuschen, einst für sie gebaut vom Wagnermeister Gustav, der sich sogar noch erinnern konnte, dass die Leute im Dorf anfangs meinten, die Milch würde sauer und die Kälber missgebildet, wenn man die Kühe mit der neuartigen Eisenbahn transportieren würde. Das muss sehr lange her sein.

Denkt an Cuxhaven, ans Heidelberg nach dem großen Kriege, an Hamburg und an Pillau in Ostpreußen. Und an Kiel und an Berlin, dort vor allem an Lankwitz. Und wie ihr Papa, der Haudegen von der Marine, es nicht schaffte, ihre Lieblingspuppe aus dem zweiten Stock vor den Flammen zu retten nach einem vermutlich englischen Luftangriff auf die S-Bahngleise, bei dem auch das nahestehende Mietshaus abbrannte. Und wie ihm dann das Metall der vor Hitze schmelzenden Dachrinne auf die Marineschirmmütze tropfte und er nur deshalb davon kam, weil er eben diese Schirmmütze trug.

Viel später war ich oft mit der Kirschkern im Stadtbad Lankwitz, kaum zwei Steinwürfe vom damals abgebrannten Areal entfernt. Es heisst heute „Bernkastler Platz“ und ist ein Pärkchen. Früher hieß es „Im Rosengarten“. Dahinter die Bruchwitzstrasse. Man sieht noch vom Satellit aus, wo das Gebäude einst stand. Heute vielleicht ein kleiner Fussballplatz, wo einmal ein Kleinkind am Rattengift tragisch verstarb. Immer diese Orte.

Und denkt an ihren Mann, der schon seit zweiunffünfzig Jahren nicht mehr da ist. Sechs Jahre lang waren sie verheiratet gewesen. Richtige Mahlzeiten gibt es für sie nicht mehr. Höchstens, die Kirschkern und die Familie kommen hinauf zum Waldrand mit dem Essen aus dem Pfarrhaus, auf Rädern und aus Kisten. Schnell ist dann der Tisch gedeckt, damit nichts kalt wird. Sie isst auch dann kaum etwas, genießt aber die vielen Stimmen. Das ist das schönste, sagt sie, die Stimmen und das Palavern, gerne auch durcheinander.

Morgen früh fahre ich sie ins Krankenhaus, wo dann ihr Blut irgendwie aufgefrischt werden soll. Ihr Hämoglobin ließe zu wünschen übrig. Deshalb fällt mir das alles gerade wieder ein. Man weiss ja nie, was übermorgen ist. Und auch, weil es jetzt so oft so traurig ist alles. Dabei doch so reich.

Ich wiederhole mich mit diesen uralten Geschichten. Das ist nicht gut. Daher plane ich, bald auch einmal die Story dieses kleinen Glassplitters endlich aufzuschreiben, der mir seit bald einer Woche schmerzlos aus der rechten Hand wächst. Wie in fast jedem zweiten oder dritten Frühling.

Solche Vorgänge sind mir eher fremd und ungewöhnlich, weil ich ja schon als Kind, hinter der vorgehaltenen Hand einer Lieblingsnenntante ungeklärt halbadliger Herkunft, hörte, dass grausame Berichte über nach Jahren der Wanderungen im Körper wieder auftauchende Glassplitter schlicht Erfindungen von meist geheimen politischen, medizinischen oder religiösen Verschwörungen seien, die den klaren Fortgang der Welt mit solchen Erzählungen missbrauchend beeinflussen wollten.

Es war ein heisser Sommer im Ungarn von 1990, im kleinen roten Peugeot, als die Mineralwasserflaschen noch ausnahmslos aus Glas waren. Ich trug Sandalen und stolperte über eine Bordsteinkante am Donauknie mit zwei solcher Flaschen in den Händen. Würd ich twittern, ich würde jetzt also im Übersprung twittern: „Ist ja schon eine Hübsche, die Tochter von diesem russischen Doppelspion.“

nerv+

Woher kommt eigentlich diese nirgendwo hinterfragte Zwangsläufigkeit, dass der Mensch unbedingt selbstfahrende Autos erfinden müsste? Ich verstehe das nicht. Mehr noch, ich lehne diese Art von Automatismen menschlichen Möglichkeitsstrebens ab. Ich wurde nicht gefragt. Es dreht ja nicht um die bestaunten technischen Möglichkeiten. Sondern es geht darum, dass Leute endlich ihren Job verlieren. Denn auch die selbstfahrenden Autos werden irgendwann ja nur noch von selbstproduzierenden Robotern zusammengebaut, die ihrerseits dann von Robotern hergestellt werden, welche Roboter zur Produktion von selbstfahrenden Autos produzieren. Und so weiter.

Viel mehr drängt doch eigentlich die Frage, wie künftig mit dem allgemeinen Anspruch auf Mobilität umgegangen wird. Und vielleicht auch die Frage, was man denn mit der gewonnenen Zeit anfängt, wenn einen ein selbstfahrendes Auto von A nach B fährt. Vielleicht ließen sich die Stunden auf der Rückbank dann ja dazu nutzen, sich im mobilen Internet über lebensmittelliefernde Drohnen zu informieren, die alsbald Salat, mittelamerikanische Bananen, Wein, Käse und Zigaretten im Garten oder auf einem Balkon abwerfen, mitsamt Lieferschein, Rechnung, Vorteilskarte und Sammelpunkten. Die Frage ist ja nur, von welcherlei Einkünften ein selbstfahrendes Auto sich dann noch geleistet werden kann.

Der Mensch als ewig Neugieriger. Sitzt auf den Chromosomen, heisst es. Die werden schon noch staunen, diese Chromosomen.

Und weshalb eigentlich haben mittlerweile fast alle deutschsprachigen Medien die hässliche frühkapitalistische Wortwahl des derzeitigen amerikanischen Präsidenten übernommen, wonach derjenige, den man entlässt, neuerdings nur noch herabwürdigend als „gefeuert“ bezeichnet wird? Diese schleichend sprachlich unterwandernde Unterwerfung stört mich, mindestens.

Die mittlerweile inflationäre Verwendung des Wortes „Unterwerfung“ stört mich übrigens auch.

Und mich stört übrigens weiterhin auch die neuerliche Renaissance des Wortes „zerlegen“. Alle naslang „zerlegt“ irgendjemand irgendjemanden. Welch abscheuliches Vokabular.

Zu vorerst vorletzt stört mich, dass die bayerische Lokalpolitik einer Partei, die bundesweit ca. sechs Prozent an (bayrischen) Wählerstimmen sammeln konnte, nun zum gesamtbundesrepublikanischen Interesse sozialisiert wird. Verklärung erster Güte. Und wieso ein „Heimatminister“ seine urbayerischen Interessen, nämlich Wählerstimmen von ganz Rechts zurückzuholen, ungestraft auf Bundesebene zum Allgemeinwohl erklären darf. Mir ist das zu viel Bayern gerade in der BRD. Das ärgert mich sehr, mindestens.

Dabei fällt mir ein: Was ist eigentlich aus der Maut geworden? Das war doch auch so ein millionenversenkendes Männerding als reingrätschender Querschläger. Ungestraft. Auch beim Diesel. Und alles nach wie vor. Verklärung zweiter Güte. Und Bezüge, jedmonatlich, aus öffentlicher Hand. Mir wird sozialübel.

Wenn ich schon höre: „Landesgruppe“. Oder, noch schlimmer: „Landesgruppenchef“. Dann sehne ich mich nach schnellem Darwinismus. Oder einer vernünftigen Revolution.

Zuletzt hasse ich – vorerst – das Internet. Immer wieder mal. Zum Beispiel vorgestern. Ein wildfremder weiblicher Mensch, die sich erst jüngst mit mir „befreunden“ wollte und deren Wunsch ich nach kurzer Recherche ohne Bedenken nachgekommen war, kommentierte ungeahnt und unvermittelt übergriffig leichtfertig drei von mir in saftigen Farben veröffentlichte Fotos, welche die Sinnlichkeit der Beschäftigung mit Ölfarben und meine Begeisterung darüber dokumentieren sollten. Eigentlich ging es bei diesen Bildern um buntes Farbmaterial, ausgedrückt aus großen Tuben in runde Hohlgefäße, die Schönheit seiner Verwendung und den Beginn eines konzentriert händischen Mischvorganges mit Pinseln. Diese Arbeit übrigens in alten ausgemusterten Tupperware-Schälchen aus den 1960er-Jahren.

Im fraglichen Kommentar dann wurden „Assoziationen“ angesprochen, die – reichlich geschickt und ohne etwas konkret zu benennen – unschwer in Richtung Kot und Toilette zu deuten waren. Vielleicht war diese Achtlosigkeit im wohlwollendsten Fall ja harmlos gemeint und nur einfach so, launisch unbedacht, hineingetippt. Aber nun war er da, dieser hässliche Kommentar, er war in der Welt. Leider auch in meiner. Am Thema völlig vorbei und in eine bedenkliche Fäkalrichtung.

Damit war mein ursprüngliches Anliegen vom einen auf den anderen Moment gründlichst „zerlegt“.

Ich ärgere mich über solche Kommentare. Auch, wenn ich solche Durchkreuzungen anderswo mitbekomme. Und ich ärgere mich aber auch über mich, dass mich solche Kommentare ärgern. Und zuletzt ärgerte mich, dass ich überhaupt diese drei Fotos in’s Internet stellte, auch auf jene Sozialplattform, die gerade einmal wieder in aller Munde ist. Dort habe ich schließlich die Fotografien wieder gelöscht und mich ordentlich und mit Schwung „entfreundet“, auch gleich von allerlei anderen im Grunde Unbekannten, im Furor. Selbst schuld bin ich, ich weiss das. Ich hatte im persönlichen Überschwang nicht sämtlich mögliche Deutungsmöglichkeiten von Bildern vorher bedacht. Was man ja tun muss, auch wenn es einem dann gelegentlich einen Strich durch eine zuvor vielleicht hochgeliebte Herzensrechnung macht. Es ist mir also etwas – sträflich – durchgerutscht.

Wieder was gelernt, immer noch, immer wieder. Über diese Grenzen. Sogar nach so langen Jahren in der weiten elektrischen Welt.

Nun ist alles gelöscht. Vergällt. Gefeuert, zerlegt und unterworfen. Es wird Zeit, dass der Frühling kommt. Und der Strom ausfällt.

Sollten Sie zu Hause ausmisten und alte Tupperware-Schälchen finden, bitte diese nicht wegwerfen, sondern immer gerne her damit. Zu mir. Die sind nämlich – neben schöner Form und Farbe – auch weitgehend lösemittelbeständig und daher bestens geeignet für’s Ölfarbenmischen. Das kann man dann ja bald in selbstfahrenden Autos von C nach D erledigen, während man nebenbei Petitionen gegen Angriffskriege von Bündnispartnern unterzeichnet oder Waffenexporte ächtet.