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29.1.2019/Andor

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Allmählich wird eine möglicherweise gemeinte Innenarchitektur wieder sichtbar. Die Klärung der Räumlichkeiten der 1960er Jahre hat etwas Reinigendes. Sodann die Kritik der 1960er Jahre, ästhetisch, dazu subjektiv und angewandt. (…) Und aber auch der Bezug zum „Neufertschen Versuchshaus“ im kleinen Dorf Gelmeroda bei Weimar, in dem der Architekt des Waldrandhauses, mein Daddy, der sich leider allzufrüh weggemacht hat und mir nie mehr persönliche Auskunft geben konnte, einen Teil seiner Jugend verbrachte (hier: x).

Bevor er sich freiwillig meldete in den großen Krieg, sei es zur Erlangung der Hochschulreife und oder aus verklärt ideologischen Gründen. Habe Skizzen und Entwürfe gefunden über ein für heutige Verhältnisse eher kleines Waldrandhaus, das es so allerdings nicht gibt. Wahrscheinlich wäre die Realisierung vieler ursprünglicher Ideen zu teuer gewesen. Auffällig ist eine – seine – Vorliebe für wechselnd geschossübergreifende unterschiedliche Raumhöhen. Ein Kinderzimmer, kaum 3×3 Meter in der Grundfläche, aber mit Luftraum über zwei Stockwerke. Geplant, aber nicht gebaut. Direkt daneben ein kleines Zimmer für’s geplante dritte Kind, die Raumhöhe misst gerade mal 2,10m. Daneben wiederum ein noch kleineres Kämmerchen, in dem die Kinder irgendwie Nachtruhe finden sollten, im engen Doppelstockbett. Und vom 1. Stockwerk aus kann man ein Fensterchen öffnen hinunter in die Küche.

Und der jeweiligen Köchin/dem Koch ein Küsschen hinunterwerfen. Das hat was, bis heute.

Überhaupt, die unterschiedliche Größe der Räume. Ich erinnere mich an studentische Mieter in den späten 1960ern in Kleinräumen mit Waschbecken im Zimmer, oder ohne. Wo geduscht wurde, ich weiß es nicht. Damals wurde offenbar selten oder nicht zu Hause geduscht, man wusch sich am Waschbecken, zur Not über den Flur. Oder eben woanders. Alle Mieter waren meist nett zu mir und zogen irgendwann aus. Oder um oder weiter. Um zu heiraten, zu promovieren oder weil sie weg vom Waldrand wollten. Wohin, ich wusste das nie, weil es mich nicht interessierte, da ich zu klein war. Aber es war auch egal, weil zu Weihnachten stets Grüße an meine Mutter kamen, dazu den Hund und mich. Das war wichtig.

Einer der Mieter hieß „Herr Ohmeyer“, ein anderer „Herr Walker“. Herr Walker war auch Panzerfahrer, das beeindruckte mich. Mir war es aber vor allem gelegen, daß sie sich mit meinem liebsten Hund, einem Boxerrüden mit Namen ‚Andor‘ („…von Lampertsrück“, so der Stammbaum, der der alten Dame überaus wichtig war) gut verstanden. Andor, dem stolzen Boxerrüden, musste das Bellen erst mühsam beigebracht werden. „Andor“ stünde für „Andreas“ auf Ungarisch. Ich habe nie verifiziert, mir gefiel der Name, der Rest war mir egal. Es war Professor Schiwago, auch ein Mieter, der sich nicht zu schade war, sich mit dem noch jungen Hund vor die gläserne Flurtüre hinzuknien und auffordernd bellende Geräusche in Richtung der Eingangstüre zu knurren. Ich erinnere gut, wie Andor ihn belustigt von der Seite her anstarrte und ihm dann – ohne lautzugeben – freundschaftlich grinsend (Andor konnte grinsen) das Gesicht ableckte.

So ging das Wochen. Monate.

Irgendwann bellte Andor dann eben. Aber eigentlich nie wirklich böse. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, dass es die Menschen glücklich machte, wenn er bellte. Und dass es offenbar dazugehörte zum stolzen Rüdendasein, zumal mit Stammbaum. Am liebsten aber zerkaute er Gummistiefel, die irgendwo vor Haustüren in der Nachbarschaft abgestellt waren. Oder auf den Baustellen der Erweiterung des Neubaugebietes die Schuhe der Handwerker. Meine Mutter hatte rechtzeitig eine damals noch neue „Hunderversicherung“ abgeschlossen.

Vorschreiben ließ er sich nichts. Wenn er beschloß, sich zwei Stunden lang im Wald herumzutreiben, dann machte er das eben. Meine Mutter konnte Kopfstehen, das war ihm egal. Das gefiel mir. Er lächelte das weg, schaute einen noch kurz entschieden und frech an und verschwand mit einem Sprung über den Zaun. Nach drei Stunden war er dann wieder da, freundlich, dreckig, offenbar voller Erlebnisse und froh. Wenn er einen Hasen sah auf den Wiesen frühmorgens bei der Hunderunde übers Streuobst, dann jagte er los und er hat mich oft meterweit hinter sich her geschleift. Die Leine wollte ich nicht loslassen. Meine Kleidung war grün und nass von der Wiese und ich musste immer so lachen. Er auch (er konnte ja lachen). Meine Mutter nicht, denn ich musste mich ja noch zur Schule umziehen, wie sie meinte.

Schon lange stehen auf diesen Wiesen Häuser, die jetzt auch schon alt sind und in denen die Leute reihenweise nun sterben, nachdem sie vorher verwirrt wurden.

Bis heute bin ich Andor für Vieles unsagbar dankbar. Er hat mir eine Menge beigebracht. Ich habe viel von ihm gelernt, wie man sich als Mann verhalten muss. Als stolzes Männchen. Er war auch sehr geduldig und verständnisvoll mit mir, wenn es um die Alphatierdinge und Rangfolgen ging. Wer Chef sei, das war ihm relativ egal. Fast würde ich daher sogar sagen, er war weise. Und einfach ein Geschenk des Himmels. Für mich. Kann gut sein, er hat mir etwas über wahre Liebe und Zuneigung beigebracht. Ich bin mir darüber sogar sicher.

Am 6.1.1969 wurde er geboren. An seinem Geburtstag bekam er immer eine große runde Wurst mit rotem Schleifchen. Er ist gestorben irgendwann im frühen oder mittleren Jahr 1981. Auf seinem Grab im Garten wächst stetig eine kleine Rose, die sich bis heute nicht unterkriegen läßt vom verwilderten Rasen, anderen Gräsern und Gewächsen und auch nicht von der Zeit.

parole EMIL

15.1.2019, Waldrand / Heute die halbhohen Schlupf-Timberlands von 2010 zur Neubesohlung gebracht. Teure Schuhe kaufen lohnt sich. Vorher im Baumarkt eine weitere Aluminiumkiste gekauft zur Archivierung. Jene soeben mit einer handgeschnittenen Zinkblechschablone aus alten DDR-Armeebeständen, erstanden billig vor 12 Jahren am Arkonaplatz, besprüht/beschriftet. Trocknet bis morgen. Alte Liebesbriefordner gestapelt, ebenso Scheidungsakten von 1959, alles nicht meins. Kommt alles in die Kiste, auch die Manuskripte zu „Die Pflege des gesunden Kindes“ von 1967. Eine Kiste wird nicht genügen. Nachmittags taute es, dann kam ein Gewitter und nun ist alles wieder verschneit und gefroren. Eben noch den öffentlichen Fußweg entlang des Grundstücks gestreut für die Zeitungsfrau, die morgen früh den Nachbarn die Zeitung bringt ans Haus.

Ein sehr schönes Wochenende in Schwäbisch-Hall haben wir verbracht. Zu zweit, in einem Hotel direkt am Marktplatz. Adelshof sein Name. Ich möchte das gerne empfehlen.

Sodann nach Berlin gefahren. Alles war grau dort, nass, dunkel, kalt und dreckig. Ich mag das. Viele gute Freunde getroffen und eine Menge aushäusig gewesen. Der Kohleofen im dortigen Atelier tut gute Dinge, ich hoffe, sie lassen ihn mir noch recht lange. Fünf mal ist mir der Bus direkt vor der Nase weg. Das war fast schon eine Serie, die ich aber annehmen konnte. Völlig gelassen. Ein schönes Geburtstagsfest in Moabit habe ich besucht, zwölf Jahre ist das Kennenlernen nun her. Schön, dass sich das alles schon lange verpuppt hat, diese Zeit. Sie nimmt mir niemand und ich kann alles in eine Kiste packen. Und klar wie Glas, Kloßbrühe und Klärchen.

Bin oft froh jetzt. Sowie erleichtert. Und habe viel vor. Das gefällt mir. Die neue Wohnung ist ein Nest, in dem ich gerne bin. Reutlingen ist eine äußerst verkannte Stadt, wie so viele halbgroße Städte. Das muss sich ändern. Außerdem werde ich nun Müll-Spezialist. Auf dem Wertstoffhof könnte ich gut arbeiten. Vielleicht sollte ich einen eigenen Wertstoffhof aufmachen. Ich liebe einfach: Die Dinge. Und ihre Aura. Und ihre Unschuld. Ganz gleich, welche. Fast alle.

Das Hohenlohische ist eine wunderbare Gegend./(Ebenso die Schwäbische Alb sowie der Nordschwarzwald sowie generell der Schwarzwald. Dazu das Allgäu und sowieso Oberschwaben. Und die Weiten Brandenburgs natürlich ebenfalls.)

In der Diskussion um den Dieselmotor erstaunt mich am meisten, dass verschiedenste Argumentationen sich kaum auf geklärte oder eindeutig nachgewiesene Fakten und Erkenntnisse berufen. Das macht mir Sorge und Runzeln. Es scheint der Wiedereinzug vorschnell emotiononal gefühlter Scheintatsachen zu sein in konkrete politisch weitreichende Entscheidungen. Das war vor zwanzig oder dreißig Jahren noch anders. Ich kenne das so nicht und vieles kann ich nicht nachvollziehen. Umso weniger, je mehr ich mich hie und dort konkret informiere, wie ich das so gelernt habe in der Schule. Ähnlich bezüglich des derzeitigen Schneewetters: Die Klimawandelleugner fühlen sich bestätigt und melden sich sogleich verächtlich in Sozialmedien zu Wort. Ohne vorher gründlich zu recherchieren. Geschweige denn, erst einmal abzuwarten. Man hält da doch als halbwegs Denkender lieber kurz erstmal den Mund, oder nicht? Wenn man nichts Genaues weiß. Die Ratio ist ein wertvolles Teil. Altmodisch.

Las im Mainstream vom mainstreamendem „Hodenlifting“. Kann das unbesorgt abhaken. Dafür allerdings rauche ich noch, mein letztes Problem. Weiss aber, was gemeint ist, aus gesamtdeutscher Sauna. Bin demutsvoll dankbar, solidarisiere mich aber auch mit allen Betroffenen, da ich nichts Schlimmes an hängenden Hoden finden kann. Stets wird ja die Vulva immerneu entdeckt. Seit ich denken kann. Da habe ich auch überhaupt nichts dagegen. Aber wieso nicht endlich auch einmal das Skrotum mitsamt angrenzendem Restgenital des wohlwollend und liebevoll friedlich sinnlichen Mannes, egal wie alt?

Ich solidarisiere mich daher frech mit allerlei „alten weissen Männern“. Nicht mit allen natürlich. Es ist aber ja nun nicht alles nur Mist, was von denen so kommt. Und niemals würde ich so etwas umgekehrt zurkenntnisnehmend gutheißen. Auch nicht, als ich jung war: „Alte weiße Frauen“ – fürchterlich diese Verortungen. Was soll das. Mein Vokabular und mein Verständnis kennt das nicht und kannte das auch nie. Egal, wer sich nun hoden- oder busenhängend auf solcherlei einschwenkt. Das ist ein wenig wie beim DIESEL oder der Energiewende. Wieso ist derzeit immer alles so hässlich formuliert und Ausschließlichkeiten zugewiesen? Dazu in höchst abwertender Weise. Abgrenzung ist die allseitige Devise, anstatt Gemeinwesen. Wie im Straßenverkehr.

Empörtheit oder Schockiertheit erspare ich mir. Viel zu sehr wird es ja nicht erst neuerdings darauf angelegt, zu empören oder zu schockieren. Wenn man darüber das „Schockiert-sein“ endlich mal abstellen würde, dann wäre schon viel dafür getan, dass die provozierende Blödheit endlich aufhört, sich ewig neu zu erfinden. Ist wie auf dem Spielplatz: Das Dorf erzieht die Kinder, notfalls und sogar auch die AfD.

9.1.2019, Berlin / Salman ist offenbar gut aufgehoben in seiner Firma. So sagt er. Die Ausbildung macht ihm Spaß. Männerladen, Maschinen, mehr und mehr Verantwortung, die ihm gut tut. Und die er gerne annimmt. Er legt sich ins Zeug und bekommt Anerkennung. Das Alleinewohnen funktioniert. Auch das frühmorgentliche Aufstehen. Er kann jetzt sogar monatlich etwas Geld ansparen, worüber er sehr stolz ist. Frau Mullah hat ihm das vorgelebt und beigebracht. Und er zahlt nun regelmäßig in die Sozialsysteme ein. Zudem werden ihm – so ist die Regelung – jeden Monat vom Gehalt Beträge seitens des Amtes einbehalten. Das ist sein Beitrag zur Rückerstattung der Kosten, die für ihn in den ersten zwei Jahren nach seiner Ankunft in Deutschland angefallen sind.

Er hat Anzeige erstattet gegen zwei albanische Jungs, die ihm im Regionalzug nachts sein Telefon abnehmen wollten, was denen natürlich nicht gelungen ist. Ein bisschen Blaues Auge. Einer ist vorbestraft und nun untergetaucht. Seither häufen sich Besuche bei ihm, von Gestalten, die ihn dazu bewegen wollen, die Anzeige zurückzuziehen. Jemand hat den Besuchern verraten, wo er wohnt. Mal wird ihm eine junge minderjährige Frau als Besänftigung angeboten, mal reden die Besucher von muslimischer Brüderlichkeit. Der Untergetauchte würde natürlich bestraft, aber doch bitte nicht von der Polizei. „Die waren sehr freundlich“ sagt er. „Natürlich sind die freundlich, erstmal“ sagen wir ihm. Hoffentlich geht das alles gut und ihm stößt nichts zu. Denn eigentlich will er einfach nur seine Ruhe.

Irgendwann will er nach Hamburg gehen. Dort gäbe es ja Arbeit genug für Leute mit seinem Beruf. Hamburg ist „meine Stadt!“, sagt er mit leuchtenden Augen. Die Firma beteiligt sich vielleicht demnächst an den Kosten seines Führerscheins, denn sie brauchen Leute mit Führerschein. Vielleicht ja sogar dann irgendwann für den LKW. Von seinen Kollegen mit Migrationshintergrund sei er derjenige, der fast am besten Deutsch sprechen würde, sagt er, nicht ohne Stolz. Und das, obwohl die Anderen ja schon viel länger da seien.

Das macht natürlich auch uns ein wenig stolz. Als Ex-Pflegeeltern. Nun ist er bald seit drei Jahren hier. Schon drei Jahre. Oder vielleicht sollte man besser sagen: Erst drei Jahre? Alles war neu für ihn. Eine ungeheure Leistung seinerseits, was er in dieser Zeit gelernt und vollbracht hat.

Sein kleiner Bruder hat ihn im Internet entdeckt und sich gemeldet. Große Freude! Er ist nun wohl in der Türkei. Geflüchtet aus dem Heimatort in Afghanistan mit irgendeiner von dort ebenfalls flüchtenden Familie. Die eigene Familie gibt es ja nicht mehr nach dem gewaltsamen Tod des Vaters. Sein Bruder ist jetzt ungefähr elf Jahre alt und fragt ihn, Salman, seinen größeren Bruder, ob der Geld brauche. Er arbeitete wohl zunächst in einer türkischen Fabrik, nun aber in einer Landwirtschaft. So berichtet jedenfalls Salman, der nun alsbald unbedingt irgendwie in die Türkei reisen will, um dort seinen kleinen Bruder endlich wiederzutreffen. Was derzeit für ihn natürlich kaum möglich sein sollte.

/Was sind das alles für Geschichten? Und Lebensläufe? Und wer schreibt das alles irgendwann auf?

Heute (18.1.2019) wurde im Bundestag über die Einordnung einiger Mahgreb-Länder als „sichere Herkunfts-Staaten“ debattiert. Daher, um es einmal wieder anzumerken: Wann endlich wird das im Chaos versinkende Afghanistan als „unsicheres Herkunftsland“ eingestuft?

Und immer noch verbirgt er, Salman, oft schamhaft sein Lachen hinter seiner vorgehaltenen Hand. Wie ganz am Anfang. Das ist sehr schön, anrührend und sympathisch, das mitzubekommen. Ein geschlagener Charmeur, und oft noch ein kleiner Junge, mitten drin im Großwerden. Der sich garantiert nicht jünger gemacht hat bei seiner Ankunft in Bayern, sondern eher schon älter sein wollte und cool. Der nach wie vor hanseatischen Hip-Hop hört, weil er offenbar irgendetwas von sich darin gefunden hat. Und der immer wieder grinsend sagt: „Ey Bro, ab 20/20 ist Schwein halal!“

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wie leben denn so funktioniert. die alte dame ist nun im pflegeheim. sie hat das haus angefüllt über jahre mit größtmöglicher geschichte. und ich bin größtmöglich, dummerweise, auch immer wieder empfänglich dafür. nicht nur, aber auch. eine zeitaufreibende und fressende liaison, denn nun muss ich sichten und räumen, um diese ganzen jahre größtmöglich schnell und fair zu ordnen. die eine parole EMIL jagt die nächste, auch wenn diese bereits vorhergehende jahre zurückliegen mag. gern bin ich EMIL, aber ich heiße halt nicht so.

wie doch Zeit so vergeht

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Die alte Dame in Palmnicken zu Besuch bei Trude Swillus (einer Freundin von Tante Grete) im August 1932.
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Alte Dame 2

Die alte Dame (ganz links) mit ihren Geschwistern in fotografischer Orgelpfeife in Berlin/Lankwitz, heute „Im Rosengarten“, vor der Ausbombung 1944, bei der alles verbrannte, auch all‘ ihre geliebten Puppen.
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Alte Dame 3

Die alte Dame im 911er von Prof. George Schiwago um 1969 am Waldrand mit Blick auf’s Dorf.
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Alte Dame 4

Die alte Dame in der Presse, Schwäbisches Tagblatt Tübingen, Donnerstag, den 30. August 1984: „Hoch her… / … geht es derzeit im Garten von Ingeborg Rogler in Hagellochs Panoramastraße. Eine der Nachwüchse einer aus dem Südschwarzwald stammenden, unbotanisch ausgedrückt, Königskerzen-„Urmutter“, hat es heuer auf die stattliche Höhe von 3,90 Meter gebracht. So sehr, versichert es Frau Rogler, hat es bisher noch keine ihrer Königskerzen (botanisch: Verbascum thapsiforme) himmelwärts getrieben, auch habe sie bislang in der näheren Umgebung noch kein derartiges Prachtexemplar gesichtet. Gleichwohl ist sie wie wir in der Redaktion auch gespannt auf die Resonanz in der Leserschaft. Vor allem darauf, ob es vielleicht jemanden gibt, der uns mitteilt: „Das ist doch noch gar nichts…!“ (Bild: Gööck)
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(Fortsetzung folgt ggf. gelegentlich. Mit Pfiff.)

Schatz#

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Ab und an im Leben ist es an der Zeit, etwas zu begraben. Einen Schatz zum Beispiel. Mit Dingen, die man selber gerne auch mal finden würde. Oder von denen man denkt, sie könnten irgendwann einmal interessant sein, viel später. Oder uninteressant und banal. Ein bisschen erzählerisch vor allem, etwas dokumentatorisch, aber auch wertvoll natürlich. Immer gedacht aus einer Perspektive, die keine Zeit als Horizont kennt. Mit viel gnädiger Dimension also. Die Vorstellung, etwas solches in einigen Jahrzehnten zu finden, selbst. Oder in zweihundert Jahren, mit – sagen wir – 25 Jahren an eigenem besten Alter.

Oder die Vorstellung, man fünde etwas solches in der jetzigen Zeit, welches um 1800 vergraben wurde. Oder ein wenig später oder bereits viel früher. Nicht allein Münzen und Silberdinge, wobei diese ja auch zu einem Schatz zwingend gehören, sondern erläuternde Kleinigkeiten des Lebens, der Freuden, der Leiden und der Lüste des jeweiligen Jetzt. Einer Jetztzeit, die so oft und immer schon maßlos überbewertet wird und wurde. Die wahren Schätze und Dinge also, die Leben und Denken, Sterben und Hoffen, Lieben und gelegentlich auch das Gegenteil ausmachen. Ein Entwurf gespielten Schicksals.

Mit all meinem konservatorischen Wissen also verpackte und verhüllte ich säurefrei und dergleichen. Und verschnürte mit Hanf. Auch mit Baumwachs. Klebeband, dessen Halbwertszeit ich nur erahnen kann, ich nahm das Gute und Teure. Die Münzen, nun gut. Auch italienische Telefonmünzen, ein paar. Und eine Handvoll Dollar sowie alte britische Pfund, schwer vom Sterling. Dazu Goldschmuck aztekisch. Warum nicht? Allemal besser, als einzuschmelzen zusammen mit Zahngold.

Viel wichtiger jedoch all die anderen Dinge.

In der Dämmerung platzierte ich bereits am Vortag den schweren alten Spaten unter Zweigen im nahen Wald, damit niemand auf die Idee käme, mich zu beobachten und sich zu fragen, was ich denn um Himmels Willen da planen würde mit einem Spaten in der Hand im Unterholz. Am nächsten Nachmittag trug ich einen schweren Sack über meiner Schulter, darin der Schatz, und den kalten Spaten in meiner warmen Hand. Immer tiefer hinein in den Wald, abseits von Wegen und an alten bekannten Orten, Stellen und Plätzen vorbei.

Hier hatten wir, der Jugendfreund und ich, oft den Bach aufgestaut. Ein Bach, in dem Salamanderlarven sich unter Steinen versteckten und kleine Krebse zu entdecken waren. Auch alte Blechdosen oder hie und da ein verrostetes Projektil oder noch metallene Radkappen mit dem guten Stern. Dort gab es früher immer viel Moos, welches wir vor Ostern sammelten für die zu verschenkenden Osternester mit den Schokoladeneiern. Unsere ganze Jugend hatten wir im Grunde im Wald verlebt. Nach der Schule gab es noch eine Stunde lang Hausaufgaben zu erledigen, danach ging es ab in den Wald. Bis die Kirchenglocke aus der Ferne vom Dorf her um Sieben abends zum Essen rief.

Hier träumte ich nachts, der Bach würde von unserem Staudamm überlaufen, das ganz Tal überschwemmen und das Dorf wegreissen. Dort, vom Moos her, verfolgte mich oft ein Fuchs bis zur Haustüre, um mich dann immer zu erwischen und zu beissen, kurz bevor ich die Türe schließen konnte. Ich träumte das so oft, dass ich schließlich im Schlaf gelassen mit dem Fuchs sprach und ihm mitteilte, ich würde ohnehin aufwachen, wenn er mich auffressen würde. Es wäre ja alles nur ein Traum. Das Auffressen hat er fortan gelassen, auch das Verfolgen, ich hatte gewonnen und träumte nicht mehr vom Fuchs, sondern irgendwann von Mädchen und Frauen.

Hier hatte ich einmal, vor sehr langer Zeit, ein initiatorisches Schäferstündchen erlebt, mein viel zu großes schwarzes Jackett vom Flohmarkt als Unterlage gegen die Ameisen und piekende Nadeln, dort saß ich auf dem Hochsitz mit Professor Schiwago und beobachtete durch das Nachtglas die Rehböcke, wie sie auf die Lichtung traten unter die Bäume mit den Misteln. Er hatte die Büchse dabei, ersparte mir aber das Schießen.

Hier schoben wir adoleszent mit unseren Stimmen und unserer Seele glucksend auf den achzig Jahre alten Holzskiern aus dem Keller durch den winterlich verschneiten Wald zum entfernten einsamen Lokal, um dort reichlich Apfelmost zu trinken und kaum mehr den Heimweg zu finden vor Lachen. Dort sammelte ich Jahre später mit der Kirschkern Bierflaschen auf, die aus den Autos der städtischen Ausflügler achtlos in den Wald geworfen waren und in denen, wie wir erst später beim Reinigen feststellen mussten, Mäuse verhungert oder ertrunken waren, weil sie zwar hinein, aber nicht mehr hinaus gefunden hatten. Der Biergeruch hatte sie wohl angelockt. Dabei hatten wir nur unsere Ferienkasse aufbessern wollen über das Flaschenpfand, für unsere allsommerlichen Touren.

Hier waren die Bäume damals klein gewesen. Heute sind sie passabel stattlich. Dort waren sie damals groß gewesen, nun fehlen sie, die geschlagenen Alten, und es ist gelegentlich frisch aufgeforstet. Was es damals noch nicht gab, zumindest nicht in meiner kindlichen Wahrnehmung, das war ein Bannwald. Also ein Terrain, in dem alles den Bäumen selbst überlassen wird. Wenn sie fallen, dann bleiben sie liegen und werden nicht herausgezogen und verwertet. Einzig diejenigen wegen eines Sturmes, wegen ihres Alters oder wegen des hohen Geländegefälles über den tiefen Bach gefallenen Stämme sind mir in schöner Erinnerung. Man konnte auf ihnen von hie nach dort auf rutschigem Bewuchs über den Abgrund balancieren, dazu in einer gewissen sehr reizvollen Gefährlichkeit. Und niemand wusste davon, schon gar nicht die Eltern. In meinem Fall die alte Dame und der Boxerrüde Andor, der sich immer so sehr freute, wenn ich nach Hause kam. Und ich mich so sehr über ihn, wenn ich nach Hause kam.

Schon einmal hatten wir – die Kirschkern und ich – eine gemeinsame Schatzkiste vergraben. Vor ungefähr zehn Jahren an einem mystischen Toteisbecken mit schönem Namen in Ostholstein. Was wohl aus den damaligen Dingen inzwischen geworden ist? Damals konnten wir tief graben.

Der Waldboden jetzt hingegen war sehr trocken von diesem regenarmen Sommer. Tatsächlich war er unter dreißig Zentimetern Tiefe komplett ausgetrocknet. Da kann man nicht mehr viel weiter nach unten schaufeln, zu hart die Erde. Gut war, dass ich mir sicher bin, niemand hat mich in dieser abgelegenen Gegend beobachtet. Das ist ja das Wichtigste beim Vergraben irgendeiner Kiste. Kaum jemand geht ja heute mehr rechts und links vom Weg durch den Wald. Wegen der Wölfe, der Sturmschäden oder der später lehmigen Schuhe. Ich habe Lehm nie als „Dreck“ empfunden, so wie das andere Menschen tun. Und wichtigtuerisch verunklärte Schatzkarten gefielen mir noch nie.

Ich vergrub also die Kiste, die mir zuletzt schien wie ein schönes Adventspaket. Und beseitigte danach die Spuren auf diese und jene Art. Für Wild und Mensch. Möge das Päckchen möglichst lange an diesem so schönen und magischen Ort liegen, vielleicht ja sogar für immer, bis zum jüngsten Tag.

Herbst, Gans, Birne.

Oben ruft sie „Hallo“, im Schlaf, die ganze Nacht lang. Nach einem Sturz ein paar Tage Krankenhaus, das war im September. Wunden aufkratzen, immer nachts. Verwirrtheit, man wolle sie „ins Zuchthaus bringen“. Das ging zwei Wochen so. Jeden Morgen ein Blutbad, wegen der Wunden.

Im Fränkischen, ein paar Wochen später, erreichte mich die telefonische Nachricht der Kirschkern: „Du, ich glaube, Du solltest jetzt herkommen, Oma stirbt gerade.“ Nach drei Stunden traf ich sie friedlich im Bett liegend an. Die Pflegerin im Hause hatte schon einen Rosenkranz an ihre Füße gelegt gehabt. Der Pflegedienst hatte sie auf den Rücken gedreht und ihre Hände über der Brust gekreuzt. Sie lebte und atmete ruhig, als ich ankam. Die Mitarbeiterin vom Pflegedienst meinte am nächsten Tag, sie habe das in 25 Jahren noch nie erlebt. Der Herr Jesus habe zwei Tage gebraucht zum Auferstehen, die alte Dame schaffe das in 35 Minuten.

Es folgten Tage der Beruhigung und ihren 92. Geburtstag feierte sie sehr klar und schön in der Herbstwärme auf der Terrasse. Auch ihr trockener Humor war wieder aufgetaucht, dazu Appetitt auf Suppe und Saft. Achterbahn.

Abermals ein paar Wochen später hatte sie eine kleine Hautoperation an der Stirn. Bereits in der ersten Nacht zog sie sich fünf Fäden. Ärztliche Notdienste nächtens. Schließlich wurde das Blut knapp und sie war nun 3 Wochen im Krankenhaus. Genesene Rückkehr, an der Stirn nur noch ein Kratzer, an dem man auch notfalls knibbeln kann, ohne das alles rot ist. Wieso kann sie sich nicht mal einen Finger brechen einfach? Nein, es muss viel Blut fleißen. Soldatentochter eben.

Dazu der Abschied der Köchin aus der vertrauten und liebgewonnenen Gemeinde, eine neue Arbeit in der Nachbarstadt. Ein gemeinsamer Umzug dorthin. Vorangegengene Renovierung einer Wohnung. Vor allem aber der Auszug aus dem so geliebten Pfarrhaus.

Mein Atelier ist noch dort, am Waldrand, aber ich will ein neues suchen, am neuen Ort. Alles ist im Strom ohne Regen. Die Afghanen sind nun auch beide auf eigenen Wegen an eigenen Orten. Salman schon im Sommer, Bahram zu Anfang November. Auch diese schöne Zeit der „Big Family“ ist jetzt, in dieser Form jedenfalls, vorbei. Die Kirschkern studiert seit diesem Semester in altehrwürdiger Universitätsstadt am Neckar. Alles ist ausgeflogen. Geblieben ist das verbindende „Fau Mullah“. Das ist sehr schön so.

Vielleicht ist das alles schon etwas viel, derzeitig, gleichzeitig. Von vielem wussten wir ja, dass es kommen würde. Bei den Emotionen aber haben wir uns vielleicht einen Tick übernommen.

In zehn Tagen wird die alte Dame ins Pflegeheim ziehen. Zunächst in ein Doppelzimmer. Wie sehr ich ihr wünschte, den ganzen Sommer lang, sie möge endlich gehen können und sich diesen Schritt ersparen. Daher hatte ich einen bereits im Juni möglichen Umzug in ein angebotenes Zimmer seinerzeit nochmals abgesagt. Aber irgendeine Neugier schlummert wohl noch in ihr. Das ist eben so und das ist dann auch gut so.

Ihre Zimmernachbarin demnächst also wird eine alte böse vergrätzte Frau sein, die ich schon kennenlernen konnte. Noch recht mobil. Die nicht will, dass sich jemand „ihr“ Zimmer mit ihr teilt. Im Heim meinten sie aber, es würde wahrscheinlich nicht so lange dauern, bis ein Einzelzimmer verfügbar werden würde. Schließlich sei nun Winter und die Grippe ginge um. „Wir denken, spätestens im Januar oder Februar wird was frei.“

Eine herbstliche Einzelausstellung hatte ich auch noch gerne aus- und einzurichten. Sie gefällt mir gut und entspricht mir und meinen Vorstellungen von einer „interessanten“ Ausstellung, ganz egal, was man an den Wänden und auf dem Boden sieht und davon halten mag. Es gesellen sich zudem schon einige rote Punkte dazu. Die Eröffnung war sinnlich und schön, das hat mir überall gut getan, auch im Schritt.

Und auch die Brotarbeit lässt nicht nach und erfüllt mich nach wie vor. Bin dankbar. Eine Kirche, eine andere weitere Kirche, eine Untersuchung in den Weiten Mittelfrankens und eine solche hinter der schwäbischen Alb. Und demnächst noch Arbeiten auf einem Friedhof, wenn das Klima nicht zu sehr sinkt unter Null. Der reinigende Dampf soll in seinem Eindringen ins Steinmaterial nicht zu schnell zu Eis gefrieren, und damit, durch das einhergehende Vergrössern seines Volumens, Schäden verursachen. Dann noch die Aussicht auf die Bearbeitung eines einhundert Jahre alten Treppenhauses, bereits ab Mitte Januar des nächsten Jahres.

Ich bin wohl Soldatenenkel, aber blute eher selten. Sobald die alte Dame also ausgezogen sein wird, werde ich mich dringend der Herstellung der partiellen Vermietbarkeit des Waldrandhauses widmen müssen. Damit der Pflegeplatz auch überhaupt finanzierbar sein wird. Manchmal denke ich aber auch, alles sollte endlich weg sein. Oder verkauft. Gerne mit Schaden und möglichst schnell. Ohnehin ein Privileg. Alle Geschichten und alles Bewahrende der Altvorderen, bitte lasst mich endlich in Ruhe. Lange genug habe ich mich gesorgt, aufgesogen und gekümmert. Ich will diesen Haufen bald irgendwo liebevoll vergraben. Ich kenne alle Geschichten und habe sie schon mannigfach bewahrt, festgehalten und weitergegeben. Auch in beschrifteten wasserdichten Aluminiumkisten. Ich aber möchte nun gerne endlich frei sein davon.

00.56 Uhr: Oben schreit die alte Dame im Schlaf, während ich das hier hinschreibe. Nun ist sie aufgewacht. Wir setzen uns abermals zu ihr, reden und legen argumentativ trocken. Sie ist nicht dement. Vielleicht ist es besser, in solch einem Alter dement zu sein. Sie bemängelt und beschimpft uns ein bisschen, aber eigentlich ist sie unglücklich. Es gibt keine Argumente mehr. Für nichts und Niemanden. Ihr Nachthemd ist nass.

Ich mag nicht mehr.

Die Kirschkern hat ein Buch geschrieben. Ich freu mich sehr darauf.

Heute Abend traditionelles Gans-Essen in der Wirtschaft im Dorf. Zuletzt einen regionalen wundervollen Schnaps von Birne.

immer neu nie mehr wieder

immer neu nie mehr wieder

Sebastian Rogler, „immer neu nie mehr wieder“/ Malerei, Collage / 10.11.2018 – 30.12.2018 / zur Eröffnung der Ausstellung in der Galerie peripherie im Sudhaus Tübingen am Freitag, den 9.11.2018 um 19.00 Uhr sind Sie und Ihre Freunde sehr herzlich eingeladen. / Begrüßung: Adalbert Sedlmeier, Geschäftsführer Sudhaus Tübingen e.V. / Lesung: Sebastian Rogler rezitiert „Schwere Schlägerei im Atelier“ / Öffnungszeiten: Do bis So 17 – 20 Uhr / Galerie peripherie, Hechinger Straße 203, 72072 Tübingen