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ich stellte mir nun vor, ich hörte krautrock seit stunden und schaute von oben aus einer preisgünstigen drohne auf mein und anderer leben.

dabei stellte ich mir vor, ich sei verfangen in einer altmodischen prägung, dass nämlich nicht stets andere voller schuld daran seien an den misslichkeiten meines lebens und verantwortlich meiner vorkommnisse. ebenso war ich verfangen darin, so stellte ich mir vor, dass ich nicht ebensostets empört, beleidigt, zutiefst betroffen oder gar erschüttert oder darüber verletzt sein müsste gegenüber all demjenigen, welches mir an ungemach entgegenwehte. stattdessen wären meine empörungskulturen, überall und zunehmend leichtfertig durch mich abgelegt und hingeworfen voller pathos, ein eid der offenbarung an die herausforderung selbstbestimmten denkens und gelegentlich weiser vernunft. ich stellte mir vor, ich würde an die indianer denken. jene rolle als zorniges opfer wäre meine letzte ausfahrt gewesen auf dem weg zu allseits vermeintlich beliebten gestalterischen schaffotten.

und ich sinnierte sodann darüber, wie mir all dies langsam auf den wecker ginge.

auch hätte ich gerne meine künstlerische anonymität wieder. stellte mir vor, wie locker ein leben aus einer drohne sich gestalten könnte und beobachtete andere voller bewunderung, wie sie verschwanden und nie wieder auftauchten. und dennoch hinterließen.

Ey, Katastrophe! ne?

Bahram sagt jetzt oft aus Spaß „Ey, Katastrophe!“ Und wie er das dann sagt… mit zentralasiatisch trocken kehlkopfrollendem „r“. Er ist ein sehr guter Sprachbeobachter. Fast schon ein Semantiker. Auch die Endung „…, ne?“ kommt neuerdings zur Anwendung. Und jedesmal müssen wir alle lachen, ne? Die Kirschkern übt mit ihm schriftliches Dividieren und so weiter. Die promovierende Tochter einer Freundin nun auch. Die wunderbaren stillen Helfer ohne Ehrenamtallüren. Danke! Mathematik und Englisch stehen nun ganz oben auf dem Plan. Er hält alles stets in Ordnung mit seinen Schuldingen, richtet sich abends seine Sachen für den nächsten Tag, damit er das nicht morgens tun muss vor dem Unterricht.

Anders Salman, er kokettiert gerne mit Verschlafen und Ordnung halten ist eher was für Weicheier. Ein bisschen unmännlich. Ein Tiger ist er immer noch, der hinaus geht zum Streunen und seine Runden durchs Revier zieht. Er hat dann einen speziellen Gang, Hüften und Arme federn. Chillen mit der Clique. Auch „Deutsche“ sind da dabei, er wird nicht müde, das immer wieder mit großer Freude zu betonen. Finden wir auch. Es ist nicht gut, wenn alle nur mit Ihresgleichen rumhängen. Spätestens um 24.00 Uhr schleicht er wieder ins Haus, man kann sich mittlerweile darauf verlassen. Und er ist ein Aufpasser. Wenn die jungen Frauen aus der Clique am Wochenende trinken, dann hat er ein Auge auf sie, damit ihnen nichts passiert.

Ein bisschen sind die Beiden jetzt wie Pat und Patachon. Salman ist cool, er braucht nichts zum Überleben, außer sich selbst. Das ist seine stolze paschtunische Meinung. Allerhöchstens vielleicht noch sein Cap, sein 187-T-Shirt und seine Kopfhörer. Taschen und Rucksäcke sind eher etwas für Mädchen, ausgenommen seine kleine Bauchtasche. Von Deuter. Und wenn die Kirschkern sagt, das sei aber etwas „assi“, dann lacht er. Und wenn er dann doch einmal seine Sachen sucht oder sich sein Hunger meldet, dann hat Bahram diese Dinge bereits liebevoll vorrausschauend, fast väterlich mittlerweile derzeit, alles in seinen Rucksack gepackt. Zum Beispiel Salmans Badehose und ein Handtuch für den Elbstrand. Oder das Vesper für die lange Zugreise. Oder Schulzeug, Stifte, Radiergummi. Die Hausaufgaben-Liste. Oder das Busticket. Für Salman scheint dieser Service mittlerweile selbstverständlich zu sein.

Oder jene neue nicht teure, gleichwohl schicke Armbanduhr, die Bahram sich gekauft hatte. Salman „lieh“ sie sich aus, befand die Uhr für gut und daher auch für sich selbst passend und geeignet. Nach zwei Tagen Entleihe forderte Bahram dann ungeduldig seine Uhr zurück. Oder eben Geld. Woraufhin Salman ihm jovial einen Zehner in die Hand drückte und sagte, „Hier hast Du Geld, kauf Dir eine Neue.“

Beide reden gern in der dritten Person übereinander, auch, wenn sie direkt nebeneinander sitzen. „Ja, DER hat kein Brot gekauft…“ und so weiter. „Ja, DER hat das Bad nicht geputzt…“ oder „DER hat keine Ahnung, Alter!“ Oder, meist Salman über Bahram: „DER lügt!“ Mit entsprechender Gestik der rechten Hand. Sie beschimpfen sich einfach gerne gegenseitig. Wie es scheint allerdings in gehörigem Meta. Derzeit, mittlerweile. Manchmal wie ein altes Ehepaar. Offenbar ein alter afghanischer Männerbrauch.

Vielleicht aber auch gar nichts an ländertypischem Initiationsbrauchtum, sondern nur der Weg zweier junger männlicher Wesen, die sehr extrem aus ihrer Spur geworfen wurden und die nun mit dieser gewürfelten Situation in fremden Ländern umgehen müssen. Beide sind ja, jenseits ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Volksgruppen, so verschieden, wie es verschiedener kaum geht. Oft fragen wir uns, wie sie wohl in zehn Jahren übereinander denken. Ob sich in dieser Zeit irgendetwas von jeweilig ihnen einst verbunden haben wird. Oder ob es eben ein letztlich nüchternes Arrangement auf Zeit ist – und bleiben wird.

Und ja, natürlich gibt es auch einen Alltag. Dieser kann auch anstrengen und einem manchmal an den wohlmeinenden Nerven ziehen. Die nicht reparierte Fahrradkette, der ewige Haushalt, Begleitung der Hausaufgaben zu Tag- und vor allem Nachtzeiten, das Putzen, nicht gelöschte Lichter, offen stehende Fenster bei gleichzeitig aufgedrehter Heizung, herumliegendes Zeug und Tand, das morgendliche Aufstehen, verlegte Ausweise. Der Mobilfunk im Allgemeinen, spätabends vorgetragene dringliche Anliegen, die einhundertste Nichteinhaltung von kleinen Vereinbarungen, die manchmal unabgesprochenen Übernachtungswünsche anderer minderjähriger Freunde, die ferienwochentags gegen 23 Uhr vor der Tür stehen und bekocht werden, ohne dass deren Wohngruppenbetreuer davon weiss. Dass der davon weiss, so ist die Regel. Und man selber wusste das auch nicht. Entscheidungen treffen, als „Eltern“ einerseits, aber immer ja auch als Gastgeber, als der ich mich fühle.

Jedoch diese Dinge sind eben nun mal normalfamiliär. Sie kommen ja in den besten Clans vor.

Hingegen dazu die stets begleitende Flüchtlingsbürokratie, Praktikumsplatzsuche, die Nebenjobsuche, die Sprachkurse jenseits der Schule, Konsulatskorrespondenz, Mathematik in Nachhilfe, hier ein Termin, dort ein Gespräch, die Schule und ihre Arbeit, da noch eine E-Mail, die Wohnungssuche und allerlei Anderes. Die zuständigen Ämter sind nach wie vor sehr engagiert. Allerdings gibt es ja auch gesellschaftlich auffrischende Gegenwinde in Flüchtlingsfragen. Diese lernt man dann nach und nach kennen. Oft auch unausgesprochen. Oder verdruckst. Und auch manches Mal ganz in der Nähe.

Integration ist ja nun nicht nach der Erstaufnahme mit einem „Hurra!“ und Kaffee und halal Kuchen automatisch vollzogen. Auch nicht nach einem Jahr. Im Gegenteil, es geht dann erst so richtig los.

Nur dann mag’s keiner mehr hören, ne?

Frau Mullah bezeichnete es neulich kurz und knapp einmal so: Willkommenskultur kann jeder, aber Bleibekultur, darauf kommt’s an!

Nach dem letzten Verlegen des Wohnungsschlüssels haben wir pflegeelterlich eine strenge Regel aufgestellt: Derjenige, der den Schlüssel verliert, muss uns beim nächsten Mal 150,00 Euro bezahlen. Das muss richtig wehtun, so unser Plan. Nun aber ist seit ein paar Tagen der Schlüssel von Salman offenbar nicht verloren, sondern „kaputt“. „Ah…“, sage ich, „…kaputt.“ Und schaue ihn von der Seite an. Er grinst zurück. Ein Schelm. Ich hake nach mit einem „Kaputt? Wie geht ein Schlüssel kaputt?“ Und siehe da, ja, der Schlüssel sei vor ein paar Tagen sehr unglücklicherweise abgebrochen. Sagt er. „Aha, abgebrochen…“ sage ich. „Und wo ist das Stück, das steckengeblieben ist?“ und erahne bereits seine Antwort. Das habe er mit einem Draht herausgepopelt. Sagt er und kann sich das Lachen kaum verkneifen. „Und wo ist das herausgepopelte Stück? Kann ich das mal sehen?“ frage ich. „Oh, das habe ich weggeschmissen…“ grient er. „Aha, weggeschmissen…“ sage ich. Und griene auch.

1:0 also für Salman. „Herauspopeln“ ist übrigens ja ein sehr spezielles deutsches Wort. Schön, dass die Beiden nun schon wissen, was „herauspopeln“ heisst. Das Wort „entsorgen“ kennen beide ja schon lange, das Thema hatten sie schon in der Schule beim wichtigen europäischen Lerninhalt ‚Mülltrennung‘. Den abgebrochenen Schlüssel hat Salman mittlerweile natürlich ersetzt, selbstverständlich zu seinen finanziellen Lasten.

Dies neue Schuljahr jetzt ist sehr wichtig. Am Ende wird, so Gott und Allah wollen, ein offizieller Abschluss stehen. Dieser würde dann alles Weitere ermöglichen, wann auch immer. Die zweite Anhörung steht noch aus. Hoffentlich gibt es bald einen Termin. Bahram sucht seit einiger Zeit schon eine Wohnung für sich allein. In der Schule gibt es nun Praxistage in der Metallwerkstatt. Der Lehrer dort ist wohl sehr „streng“, aber auch sehr „gerecht“. So erfahren wir. Vor allem Salman ist davon beeindruckt. Überhaupt Strenge. Ich hörte, der Lehrer schlägt „Sit-Ups“ als kleine Sanktion für Ungereimtheiten der Schüler vor. Und war sich bereits nicht zu schade, auch selbst sportlich tätig zu werden, sollte er sich einmal geirrt haben. Sehr zur Freude der Schüler. Sowas überzeugt!

(…)

Aus der ursprünglich angedachten „Kurzzeitpflege“ im semidramatischen merkelschen Herbst 2015 ist also nun tatsächlich eine Verbundenheit auf Lebenszeit geworden. Jedenfalls von unserer Seite. Ob man das will oder nicht. Das hatten wir so nicht gedacht. So resümieren Frau Mullah und ich immer mal wieder die vergangenen eineinhalb Jahre beim Weinchen im Pfarrgarten oder in Maloja oder in der Nähe von Avignon oder in Neukölln. Wenn gerade mal keine Jugendlichen dabei sind. Und auch dem Fräulein Kirschkern, die da mittendrin ist, denke ich, wird es wohl so ergehen. Solange wir herumlaufen werden im Leben, werden wir uns sicherlich hie und da stets überlegen, wie es denn wohl gerade Bahram und Salman geht. Wo auch immer sie dann wohl sein und leben werden und was auch immer ihr Lebensweg dann sein wird. Fern oder nah. Und immer werden wir uns gewiss wohlmeinende Sorgen machen, klein und groß. Ganz elterlich oder wahlgeschwisterlich. Diese gemeinsame Zeit ist mittlerweile keine vorrübergehende Episode mehr, die verschwindet oder sich gar jemals vergessen ließe einfach so. Aber warum denn auch. Nein, das ist Lebenszeit, und eine schöne dazu. Dass das so ist, das liegt aber natürlich ganz wesentlich an Bahram und Salman, die eben so liebenswert sind, wie sie es eben sind, jeder für sich. Ein Zufall, ein Glück. Und es liegt an der Kirschkern. Und sowieso an Frau Mullah.

(…)

tbc.

schlitzwitz

Der Unterbauch bemängelt schweres Gewölle, sagt, den Habicht und seine Knochen musst du schon selber wieder da irgendwie rauskriegen. In den Magazinen schreiben sie sinngemäß: „Das erotische Bildthema wird derzeit wiederentdeckt.“ Was für eine bahnbrechend wegweisende Grandiosität. Erkenntniskuratorische Höchstleistung. Die neuen Langarme sind kurvenbetont und Bäuchlein erträgt Feinripp stoisch. Ein tiefer Ausschnitt lässt sich auch schwarz tragen. Ich sollte mal wieder alles zusammenklatschen, den Kaliningrader Klappspaten auspacken, Quark und Nüsschen rationieren, das Rouge wegwerfen (oder an Arme verschenken) und den Rasen/Busch mit intelligentem Wald japanischen Essiggewächses auf sechs Zentimeter stutzen. Oder Millimeter. Wie alles andere auch. Vor allem nicht immer freundlich grinsen am Schlitz für Überweisungen, sondern alles ablecken, was mir unter die Plunze kommt. Dass sich Finger verschränken lassen, das wussten wir ja nun schon. Anstatt dessen einfach mal wieder einen verbindlichen Hummer aus Helgoland zurückgehen lassen, sogleich danach sexy Familien gründen. Und die dann dem Staat großherzig überlassen. Auf dem Festland, sonstwo. Im Hintergrund kilometerweit Maisfelder fürs Biogas, dahinter irgendwelche Alpen.

tour

kocher
römö
phil

wenn man tour macht, dann biegt man entweder links ab, oder eben rechts. je nach laune. schlechtklingende ortsnamen, wie beispielsweise „arschhofen“, „killerspinnenweiler“ oder „kackmoos“ sind zu meiden. gegenteiliges zu bevorzugen. schlafplätze sollten sicher sein, aber nicht zu sehr an exponierten orten liegen. beispielsweise ein aldiparkplatz in der peripherie von tortursiedlungen unter der woche, hier ist eine abendliche ruhe schein, die jäh beendet wird am nächsten morgen in der früh. gebüsch für eine kleine notdurft wäre schön. aber mörder sollten nicht unterwegs sein in der nacht. man schläft ja im wagen hinten drin. das könnte begehrlichkeiten wecken.

Wir lernten also dann zunächst Alsfeld kennen. Dort übernachteten wir in der Nähe eines Freibades. Ein kurzer Weg durch die abendlich ausgestorbene Innenstadt zeigt schönes Fachwerk Waldhessens. Aber mehr dann auch nicht. Am nächsten Tag weiter nach Norden, ein Abstecher ans Grab von Wilhelm Busch im Vorharz. Und an jenes des Exschwiegervaters. Wir haben ein Zigarrettchen dortgelassen, in alter Manier. Mal sehen, was die Grabpflege dazu meint. Zwölf Jahre liegt er nun schon dort. Ein schöner Platz, wenn man das so sagen kann.

Weiter in Richtung Hodenhagen. Natürlich musste das sein, der Safaripark. Dort kletterten uns einst die Affen aufs Dach. Die Kirschkern beharrte auf komplett geschlossene Fenster bei der Durchfahrt durchs Gehege der Löwen und weissen Tiger. Süss waren sich balgende junge Nashörner. Pubertierendes Anpöbeln seitens des Kleineren. Wie im echten Leben. Der nebenliegende Erlebnispark mit Schiffschaukel, Riesenrad und bewegungsorientierten Spaßdingen hatte seine Attraktivität verloren. Mit sieben Jahren geht man da anders rein, als mit siebzehn. Und überhaupt nennt sich alles nun im Update „Safari Ressort“. Wie in der edlen Serengeti. Da waren Kommunikationsdesigner drüber. Abends dann übernachten am Vogelpark Walsrode. Das schöne Toilettenareal mit Dusche haben sie ersatzlos abgerissen. Nachts 7 Grad, tags 17. Nicht wirklich sommerlich, aber nicht zu ändern.

Weiterfahrt nach Norden. Das schöne Eutin und sein schöner Marktplatz. Die Kirschkern duschte und parfumierte im Strandbad Malente, während ich im Kfz zu Mittag schlief. Ein kurzer Abstecher nach Sielbeck und den Ukleisee. Dort, im Försterhaus, hatten wir sehr schöne Zeiten und ebensolche Weihnachten erlebt. An der Eingangstüre haben sie nun das von mir einst liebevoll und mühsam freigelegte Jugendstilornament wieder in langweiligem Jägergrün überstrichen. Bestimmt eine der unzähligen herkömmlichen Malerfirmen, ohne Ahnung, Sachkenntnis oder Detailliebe. Ich hatte das untersucht, im Original war’s ein leuchtendes Hellgrün gewesen, zum altgrasgrünen Fachwerk. Nun ist wieder alles schön ordentlich, nämlich Jägergrün. Wahrscheinlich irgendein DIN-Lack, ganz sicher nicht Ölfarbe.

Umso schöner dann der kurzentschlossene Besuch auf Fehmarn. Bei lieben alten Freunden, so würde ich mit Fug und Recht das mittlerweile bezeichnend sagen. Sichten auf die Jetztzeit, Humor, Vorhaben und generell philosophische Einschätzungen, die Weltlage, die kleinen und großen Geschichten, Nachbarschaftserlebnisse hie und da, die sich sehr in den Tiefen ähneln. Und sogar in den Untiefen. Wo bitteschön gibts das noch. Dazu selbergemachten Fisch, herrlich! Es wäre wirklich schön, wäre man näher beisammen. Ich würde mir solche Herzensnachbarn auch am Waldrand wünschen. Vor allem aber ganz herzlichen Dank!

wir wären gerne dort noch länger geblieben, aber die regeln vom tourmachen besagen, dass man nicht länger als einen tag lang an einem ort bleibt. so steht es geschrieben seit zehn jahren im goldenen buch der tourregeln.

Zurück nach Europa, so sagen wohl die Fehmarner/innen, wenn sie über die schöne Brücke aufs Festland fahren. Sodann fahrerisches Plänkeln durch Ostholstein. Besuch in Kalifornien, Strandspaziergang ebendort. Ebenso in Brasilien. Und ein Besuch des Marine-Ehrenmales in Laboe. Durch ein U-Boot kriechen. Überraschenderweise interessierte sich die Kirschkern. In der eigentlichen Gedenkstätte dann Schiffsmodelle im Massstab 1:50. Auch das Schlachtschiff „Bismarck“. Dieses hatte das englische Schiff „Hood“ versenkt mit Mann und Maus in der Dänemarkstraße im Mai 1941, bevor es wenige Tage später ebenso zum Grund des Atlantik geschickt wurde von nachvollziehbar rachsüchtigen Briten. Ich hatte ja schon berichtet immer mal wieder über diese Ereignisse und wie sie mit der Familie verknüpft sind. Ich glaube, mehr als 3000 Menschen verloren ihre Leben bei diesen bescheuerten Manövern. Mich erstaunte jedenfalls das Interesse der Kirschkern. Vielleicht geschuldet ihrem Urgroßvater einerseits, der lediglich überlebte, weil er Urlaub hatte. Und den zufälligen Verbindungen zum Großvater eines guten Freundes, der offenbar maßgeblich am Versenken des englischen Schiffes beteiligt war. Allerdings dann ebenso versank mit der „Bismarck“ drei Tage später. Insofern gäbe es da Verknüpfungen, generationsübergreifend. Lasst die Toten in Ruhe ruhen.

Entlang der spätnachmittaglichen Küste Ostsee südlich Flensburg. Rehe, Hasen, Kaninchen. Dämmerung, also schnell und rechtzeitig galt es, einen Schlafplatz zu suchen. Gefunden in Königsgaard, oder so ähnlich. Direkt hinter dem Deich. Dann noch an den nächtlichen Strand, Kirschkern Cola, ich Weinchen, eine Menge Herbstwind schon Ende August und vertraute schöne Gespräche. Pläne hat sie, zu Fuß eine Insel zu umrunden. Island? Irland? Man wird sehen. Nachts abermals keine Mörder.

Frühe Weiterfahrt nach Flensburg, dazu Erinnerungen an die schöne Vorabendserie „Jetzt kommt Kalle“. Und dann diese endlosen Strassen geradeaus durchs schleswig-holsteinische Agrargebiet. Eine Ödnis nach der anderen. Ein Mann, ein großer Traktor, siebzehn Felder abmähen am Tag. Nicht wirklich schön. Genossen auf dem Wege: Genervte ältere Landstrassen-Audis mit Anhängerkupplung oder tiefschwarze Bauern-PickUp’s von Nissan. Oder neuerdings auch von VW. Breitreifengegend, quadratkilometerweit.

Emil Nolde besucht. Die Nordsee riecht. Man weiss ja jetzt mehr über ihn. Gut zu wissen. Ein bisschen tut es seinen Bildern Abbruch, bei mir. Aber nur ein bisschen. Ich weiss ja selbst, wie Bilder entstehen: Trotz oder weil. Man muss ja, gerade heute, aufpassen, wem und wie vorschnell man ggf. Unrecht tut. Auch hier denke ich: Lasst doch die Toten ruhen.

Auf Römö an und auf den Strand gefahren, bis nach ganz vorne, dann bisschen barfuß, Flut kommt, Päuschen mit Dösen an den Dünen. Die Drachensteigerlasser, oft Männer um die 45, alleine unterwegs, nerven. Ich habe keine Ahnung, welche Weibchen sie durch ihren vorgezeigten Kontrollvorgang bezüglich Drachen imponieren wollen. Allein dies flatternde Stressgeräusch. Es scheint irgendwie glücklich zu machen. Überhaupt diese heutigen Strandaktivitäten, gerne vermeintlich sportlich und stets mit speziellen Ausrüstungen, dazu gerne hochpreisig. Wenigstens dem Anschein nach. Man könnte doch auch einfach mal nur in Ruhe am weiten Strand herumsitzen und den Weltfrieden andenken. Mindestens aber ausruhen. Stattdessen muss immer irgendwas gemacht werden.

Später zurück nach Husum mit einem Spaziergang durch den Hafen. Viele Flüchtlinge dort. Wir erkennen und unterscheiden mittlerweile liebevoll Afghanen, Pakistani, Syrer oder Andere an ihrer Nasenspitze. Auf einhundert Meter. Da macht uns keiner mehr was vor. Das hat was Schönes. Wir denken viel an N und B, die zu Hause sturmfreie Bude haben. Und denken an Frau Mullah, die ihren gebrochenen Fuß im Süden heilt. Das Wetter immer noch wenig sommerlich. Später dann ein Schlafplatz auf Nordstrand, hinter einer angeblichen Kurklinik. Früh schlafen. Am nächsten Morgen Frühstück am Rand eines modernen Maisfeldes. Alles in Reih und Glied. Ich möchte heutzutage kein Maisfeld mehr sein.

Dann Duschen und Schwimmen im Hallenbad zu Husum. Sodann Weiterfahrt nach Schleswig. Dort Dombesteigung. Wir suchten nach unseren Graffiti, vor sieben Jahren haben wir die Namen aller mitreisenden Kuscheltiere irgendwo exponiert schriftlich mit Bleistift verewigt. Wir finden diese Verewigung aber nicht mehr. Die muss aber noch irgendwo dort sein. Schade. Als Trost begehen wir die Fussgängerzone, um durch Übersprungskäufe inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Auch dies gelingt uns nicht. Gegen fünfzehn Uhr Weiterfahrt nach Itzehoe. Dort schön italienisch essen. Schlafplatz in Nähe Bahnhof ebendort. Kirschkern schläft, ich nicht. Nachts seltsame Gestalten. Lege mein Messer griffbereit und wache wie ein Luchs. Morgens Zähneputzen und Pipi am Bahndamm. Aufbruch nach Hamburg via Landstraßen.

Zuletzt vier Tage Hamburg mit der Familie. Alles hat geklappt, B und N bewältigen alleine die lange Zugfahrt mit Umsteigen und Zugnummer, Wagennummer und Sitzplatzreservierung. Und alle treffen wir uns am Hauptbahnhof, Frau Mullah nun ohne Fußbandage. Die Pension nahe dem Rathaus. Natürlich eine Hafenrundfahrt, Reeperbahn (tags), das G20-Stressviertel, afghanisches Essen, mit dem guten und lieben Freund und seiner ebensolchen Frau unterwegs, auch am Elbstrand gewesen, den Fan-Shop von 187 Strassenbande entdeckt, der B kauft T-Shirt und ist ganz glücklich, weitere Oberbekleidung erworben, in Hamburg kann man das ja, und gut geschlafen obendrein. Schöne Stadt, dieses Hamburg. Und endlich Bombenwetter. B und N übrigens gefällt Hamburg besser als Berlin.

Schließlich fahren die Kirschkern und ich mit dem Kfz heim nach Süden, die Anderen mit der Bahn gemeinsam, so der Plan jedenfalls. Aber N verpasste den vereinbarten Treffpunkt und damit den Zug. Er hat keine Fahrkarte dabei, diese behütet Frau Mullah. N gelingt es, ein neues Ticket zu kaufen und abends, mit drei Stunden Verspätung, trifft er endlich wohlbehalten im Dorf am Waldrand ein. Er hat es ganz alleine geschafft. Vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen. Willkommen in Europa. Er ist ganz stolz – mit Recht. Und wir, die Köchin, die Kirschkern und ich, sind es auch ein bisschen.

es ist ja nun ‚end of summer‘, die zuletzt ungeliebte schule vorbei, eine aufbruchseele liegt in der luft oder kriecht unter den türen hindurch oder dampft aus den ritzen von irgendwelchen bodenbrettern, die es schon gar nicht mehr gibt. die kirschkern übersiedelt schon bald in die große stadt und die UMFs sind nun angekommen. sie beide, der B und der N, müssen (und sollen) ja auch – parallel zu diesen ihren ganzen äusserlichen kulturneuigkeiten – eine ihnen zustehende „ablösung-vom-elternhaus“ durchleben dürfen. bla-bla? nein, wenigstens irgendwie. das gehört zur pflegeelternpflicht. der N sucht schon eifrig eine wohnung. alle werden bald achtzehn jahre alt. wahrscheinlich ja war es unsere letzte tour in dieser art, liebe kirschkern. und das ist auch vollkommen ok so. auf andere zukünftige arten freu ich mich, so gott will: dann schlafen wir im dreisterne hotel, gehen abends ins casino und dein freund erklärt mir (und frau mullah) die dann dementsprechend zeitgemäße welt. ich ziehe dann auch ein weisses hemd (slim fit) an, rasiere mir die haare aus den ohren, setze einen strohhut von raiffeisen auf und erzähle garantiert nichts von früher.

/*with love*

Aug.

Zwischenzeitlich in der sich seltsam verändernden Hauptstadt gewesen, mit dem Lieblingsfotografen und guten Freund endlich die neuen kleinformatigen Malereien professionell abgelichtet, vorher mit ihm über Diesel gestritten, es ist so schön, dass es noch Leute gibt, mit denen man streiten kann und gleich nachher trotzdem gemeinsam Essengehen, das fehlt mir schon sehr so ganz allgemein. Heutzutage. Wir saßen lange vor seinem Eckgewerbe auf der Grenze von Schöneberg nach Wilmersdorf, ich mag´s, dass sein Ding auf der Schöneberger Seite liegt, ist aber auch ja nun wirklich eigentlich völlig egal. Jetzt gibt es also Abbildungen aller meiner rezenten Flachware auch mit Farbkeil und in TIFF mit jeweils ungefähr 100 MB. Einen Katalog sollte ich mal wieder machen. Der hätte dann aber 200 Seiten. Kaum finanzierbar. Oder 300. Wenn man sich dem Lebenswerk nähert. Oder sogar unaufhaltsam dem Alterswerk. Um Himmels Willen.

Die Kirschkern hat ein 1a klasse Abitur hingelegt. Und nun entspannt sie. Das hat sie sich auch redlich verdient. Wir planen, ganz bald noch einmal eine TOUR in den Sommer zu legen. So wie früher. Werden dabei auch freudig noch mal allerlei Orte besuchen und begehen, an denen wir einst waren. Hodenhagen zum Beispiel. Da tanzten einst die Affen auf ausgerechnet unserer Karre und demontierten flink die Dachreling. Oder Walsrode, auf dem Stellplatz beim Vogelpark. Oder Römö und sogar vielleicht Skagen. Oder Büsum und Schleswig. Und allerlei anderes. Pennen im Wagen. Und uns spätestens alle drei Tage irgendwo zum Duschen einladen. Und wenn ich nachts im Wagen schnarche, dann klatscht sie mir eine oder hält mir die Nase zu. Das hat sie vor zehn Jahren noch nicht getan. Da war der Wagen noch grau und dann grün. Heute weiß. Wir haben eine Mobilitätsgarantie. Es ist ein Diesel. Den Kocher für meinen morgentlichen Kaffee muss ich noch mit Kartuschen bestücken. Bald schon zieht es sie nach der großen Stadt, in der sie geboren ist.

In mein Atelier-Nord/Ost. Die restliche Ferienjugend macht eifrig Sprachkurse und arbeitet. Mir fehlen in diesem Sommer die Baustellen, einiges hat sich zerschlagen oder verschoben. Dafür ist Zeit, endlich einmal alles mögliche Andere anzugehen. Sichten, Räumen, Planen, ein offenes Atelier mit vielen interessanten und gewogenen Besuchern, den Werksverkauf, die Malerei und immer wieder auch das Aufschreiben von Tatsächlichem oder halbwegs originell Erfundenem.

Und oben singt der morgendliche Pflegedienst mit der alten Dame „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Eine ziemlich dichte, aber auch sehr schöne Zeit gerade. Es fehlt allein der Lottogewinn.

FB

Dieses ewig einen anlachende US-amerikanische „Was machst Du gerade?“. Auf FB. Na gut heute. Warum auch nicht. Ich sitze abends hier jetzt an der Maschine und schreibe in Stichworten das Leben eines unbegleiteten minderjährigen Menschen auf. Und die Umstände, die Dauer, die Stationen seiner ungewollten, aber für sein Überleben wohl alternativlosen Flucht. Und die diversen Familienstände, die Zusammenhänge in seiner Familie, seinem Clan, mitsamt des geografischen und „psychosozialen“ Umfeldes (so würde man ggf. europäisch es formulieren). Und natürlich auch die Daten vom Versterben direkter Angehöriger, gewaltsam oder natürlich, recherchiert und julianisch kalenderbereinigt. Und auch einige weitere, kaum vorstellbare, Vorkommnisse. Über zwei Tage haben wir nun geredet, immer nur ein paar Stunden. Ich habe gefragt, wir haben gefragt. Und er hat nochmals alles erzählt. Am Stück, und verdichtet. Nach zwei Stunden hat er Kopfweh und braucht eine Pause. Angesichts der Dinge kein Wunder. Er, der mit fünfzehn Jahren Dinge erlebt und geleistet hat, wie man sie niemandem wünscht. Schon gar nicht in der Pubertät. Nein, er erzählt keine Märchen. Es gäbe da auch wenig zum Schmücken. Seit eineinhalb Jahren lebt er nun in unserer Familie. Zu lange, um den anderen noch Bären aufbinden zu können. Oder vielmehr – dies überhaupt je gewollt zu haben. Man lernt sich da ja sehr genau kennen in solch einem Zeitraum. Einige Erlebnisse kannten wir schon, mal nebenbei erzählt beim schönen Spaziergang durch den weihnachtlichen Winterwald oder beim lapidaren Müllwegbringen zur Deponie mit dem Auto. Oder beim sommerlichen Einkaufen von Grillware, halal oder haram, Eis und Senf, entlang von Schafherden. Oder angesichts von Kühen und Kälbern auf nächtlich ungesicherten europäischen Weiden. Oft ganz nebenbei. Man kennt dann Launen, Lieben, Defizite, Gerüche, Zorn, Gefühle, Freude und auch – gottlob – ab und an sogar endlich wieder einen gelassenen Schalk. In diesen Momenten ohne Bedenken. Ohne Schalk ist schließlich niemand ein Mensch, weltweit. Zum Schalk braucht man Mut und ein schönes Selbst, was auch einfach einmal da sein darf. Als wir uns das erste Mal sahen, da gab es noch keinerlei Schalk. Im Gegenteil. Da war Pilotenbrille, mehr nicht. Übermorgen ist seine Anhörung. Und alle archaische Angst ist wieder da. Ich bin sehr froh, als Teil von uns „Pflegeeltern“ dabei sein zu können.

summer tiefnachts

tritt man tiefnachts raus in den trockenen garten, alles ist ruhig, blumen ok genug wasser, blick hinunter auf die strasse, da blinken die kleinen roten pünktchen in den schlafenden autos, alles ist ruhig, grillen zirpen, igel mümmeln, marder rammeln oder fressen gerade benzinleitungen, falter haben hochzeit, flattern im liebesrausch aufs frisch gemalte bild, fuchs flaniert lässig durchs verbrannte gras und wundert sich beim schlendern, dass noch jemand wach ist ohne hühner, afrikanische mückenweibchen machen hüfte und sound und wackeln mit beinchen, alles ist ruhig, oben vergeht die alte dame, tag um tag mehr, nacht um nacht mehr, malste jetzt noch den grünen strich ins blumenbild oder nicht, mit einer kante weiss plastisch oder einfach nur so, eher grünschwarz, oder gar nicht. wenn kein grüner strich, dann würds so surreal, willste das? immer diese großen kosmischen kleinen scheißentscheidungen, keiner weiss das, was für eine arbeit das ist, selbst ein so kleines rechteck gut und fertig zu malen, eine so schöne arbeit, sicherlich, aber schwer und wiegend. wie schöpfung. man siehts später oder man siehts eben nicht, aber es muss sein. alles nachts ist endlich ruhig. und keiner hat problem mit sofa für tausend, oder mit kleid, aber fast jeder mit einem grünen strich in plastisch oder nicht. ui, wieso kostet das so viel? kannst du mir das vielleicht zum geburtstag schenken? das sofa war so teuer, über dem dein ding dann hängen würde. immer beim nachts raustreten in den zirpenden sommergarten frag ich mich dann auch, wer denn nun deine freunde wären, wenn die sonne oder der mond beispielsweise blau oder grün wären oder von unten schienen oder von schräg links. was denn nun eigentlich wichtig ist oder wenigstens wäre. oft dann weiß ich es, da nachts so barfuß im sommer. aber scheinbar ebensooft hab ichs dann am nächsten morgen wieder vergessen. absichtlich. das ist schön, weil ich mich dann stets auf die nächste nacht im atelier freue und aufs hinaustreten in den warmen trockenen garten, um die wertvollen gedanken des vorabends ein ums andere mal zu reproduzieren.

Maloja

Villa

In den Augusten 1971, 1973, 1975 war ich 9, 11, 13 Jahre alt. Damals verlebte ich jeweils sehr schöne und abenteuerreiche Sommerferien in einer wahnsinnigen Villa im Alpenflecken Maloja am Rande des Oberengadins, jeweils drei Wochen lang. Ich war Gast einer Kinderarztfamilie mit 5 Kindern, die aufgrund familiärer Verwebungen die Gelegenheiten hatte, in ebendiesem schönen Haus, erbaut von einem in den 1960ern verstorbenen Onkel um 1929, zu logieren. Man fuhr los im Opel Rekord (oder war es ein Kapitän?) um 3.50 Uhr im oberschwäbischen Ehingen an der Donau, frühstückte gegen 8.00 Uhr in Chur und der Ferienort wurde in ungefähr um 10.30 Uhr erreicht. Nach einer damals noch auch autotechnisch spannenden Überquerung des wunderschönen Julierpasses. Der jüngste Sohn der Familie ist bis heute mein liebster Jugendfreund. Für den Falle des Todes meiner mich nach dem Ableben meines Vaters und dem Wegzug meines Bruders alleinerziehenden Mutter hatte jene verfügt und besprochen, dass ich in dieser Familie hätte fortan aufwachsen sollen.

Damals noch waren die Telefone schwarz und hatten runde Wählscheiben. Wenn man gesund eingetroffen war am Zielort, rief man kurz per Ferngespräch-International daheim an, man fasste sich kurz und berichtete das Wesentliche bzw. nur, dass man gut angekommen war. In Notfällen schickte man ein Telegramm. Man trug einen Brustbeutel mit der Fremdwährung zwischen Feinrippunterhemd und Oberbekleidung, wobei darauf zu achten war, dass die Knöpfe der Oberbekleidung zur Vermeidung von Diebstählen hoch geschlossen sein sollten während der Reise. Im Falle der Schweiz hatte man sein blaues Postsparbuch dabei, auch als Minderjähriger, um auch dort notfalls in jeder Postdienststelle Geld abheben zu können. Vor jeder Kurve einer Passfahrt hupte man, damit eventuell entgegenkommende Fahrzeuge wussten, dass ihnen sogleich ein Fahrzeug entgegenkommt. In den Sedimenten des Silser Sees waren wohl bereits Caesiumreste mannigfacher Atombombentests der sechziger Jahre nachweisbar, noch nicht jedoch gleichartige Rückstände tschernobylesker Vorkommnisse.

In jenem Haus gab es eine Haushälterin, die kochte und wusch und gebürtig aus dem nahem Bergell stammte. Sie war offenbar schon die Haushälterin des verstorbenen Oheims gewesen. Sie war herzensgut von Grund auf, ihre Haut war stets gebräunt und verfurcht von der Bergsonne und sie wurde mit „Fräulein“ angesprochen. Das Geschirr, von dem gegessen wurde, ist auch heute noch in Verwendung. Ebenso das Besteck. Die Villa hatte eine Bibliothek, die auch heute noch als solche geehrt wird. Auch die Armaturen in Bädern und WC sind bis heute diejenigen von 1929. Es gibt einen schmalen Treppenaufgang unters Dach, dort befinden sich zwei kleine holzvertäferte Kammern, in denen die Kinder und Jugendlichen schliefen. Aus einer dieser Kammern kann man auf einen kleinen Dacheinschnitt als Terrasse hinaustreten. Überall sind kleine oder große Fensteröffnungen mit schönen Ausblicken auf die Berge eingelassen. Es wird erzählt, dass es bereits einen Vorgängerbau aus den Jahren um 1885 gab, den jener Onkel dann erweiterte: Zu diesem Zweck hatte er vom Architekten die Fassaden des geplanten Neubaus zunächst in Schnee anfertigen lassen, um sich ein genaues und zu optimierendes Bild der Sichten, Blicke und Sonnenstände auf Berge, Täler und Seen zu machen.

Damals war für mich noch kein Thema gewesen, so rekonstruierte ich nun beim hochalpinen Bergwandern, als mittlerweile alter Mann, zum Beispiel das Rasieren. Auch nicht das Alkoholtrinken oder das Rauchen. Auch mein Schweiss war vorpubertär gewesen, vermutlich also ohne Geruch. Es gab noch kein Thema des Beischlaf, des Sexes oder der erwachsenen Liebe, geschweige der Masturbation, allein eine Ahnung vielleicht, wenn im nahen Ferienheim (heute „Maloja-Palace“) zweihundert schuluniformierte belgische Mädchen im Ferienlager den Sommer verbrachten. Das Thema Brille war noch keines, meine Augen waren die Besten und Schärfsten gewesen unter allen. Auch das weiterführend einordnende Nachdenken, Reflektieren und Bewerten der Dinge an und für sich lag sicherlich noch brach oder entwickelte sich erst.

Es gab seinerzeit auch noch nicht jene unsäglichen buddhistischen Steinhaufen, wie man sie jetzt wenig originell überall und auch die Bergwelt verunstaltend findet. Ich finde ja, die Leute sollen einfach in die Kirche gehen, anstatt sich in spiritueller Land-Art zu versuchen, deren Anblick dann anderen aufgezwungen wird. Man darf und will diese Türmchen ja auch nicht einfach so kaputtmachen.

Anstatt dessen gab es Balsaholz-Flugmodelle, die wir – der Kinderfreund und ich – in einer nahen unbebauten Senke im Ort nachmittagelang fliegen liessen. Und um 1975 dann, als die älteren Brüder des Freundes bereits Kajaks selber bauten, da paddelten wir mit diesen auf dem Inn bei Sils Maria und schwärmten von der noch unbeherrschten Eskimorolle. Wir kletterten im „Garten“, einem ungezügelten Bergwaldstück mit Kiefern und Lärchen, in dem sich bis heute eine Hirschpopulation vermehrt, mit einem alten Hanfseil so lange, bis wir zuletzt die Felsen so gut kannten, dass wir aufs Seil verzichteten. Nicht ungefährlich. Das war lange, bevor der Begriff der Freikletterei erfunden war. Und lange Haare waren Zeichen des Protestes, der Freund begann bereits damals, sich schon welche wachsen zu lassen. Einmal wanderten wir beide zum Fuße des Inn-Wasserfalles und kletterten hinauf, rechts des Wasserlaufes. Dort ist es sehr steil und der letzte Fall ist sicherlich an die siebzig Meter hoch. Wir kletterten immer weiter nach oben, irgendwann wie im Rausch, und hielten uns zuletzt nur noch am Gras fest. Oben angekommen schworen wir uns, dies niemals den Eltern zu erzählen. Viel später haben wir das dann doch getan. Wir hatten sicherlich die geneigtesten Schutzengel – davon konnte ich mich nun einmal wieder, nach Jahren, dankbar überzeugen. Abends spielten wir 66 oder Mau-Mau oder aquarellierten die Abendstimmungen mit Bergblick, wie wir es auch getan hatten während unzählig hochalpiner Bergtouren.

Beim letzten Aufenthalt dort musizierten die älteren Brüder bereits im Free-Jazz. Auch zusammen mit einem Vibraphonisten, der gebürtig aus derselben Stadt, später sogar einmal mit Chet Baker konzertierte. Einer der Brüder schlug das Zeug, heute ist er Geigenbauer in München. Mir hat das in meiner musikalischen Prägephase sehr imponiert, ein Jahr später hörte ich dann aber erstmal Beatles oder kurz darauf KRAAN. Es war auch die Zeit der Emaillieröfen im Hobbykeller. Viele kleine bunte kupferne Aschenbecher als Geburtstagsgeschenk für irgendwelche Tanten hat diese Dekade hervorgebracht. Zwei solche finden sich auch heute noch in der Villa auf dem Balkon im Obergeschoß, so vermutete ich es jedenfalls, als ich abends oft meinen kleinen imaginären Mary-Long-Film hervorkrame.

Und nun, beim jüngsten Aufenthalt im Hause, in einer Jahreszeit, da die Bergblüten wegen der Wärme aufbrechen auf 1800 Metern, da kommen und kamen diese unzähligen Gerüche wieder, mein Kleinhirn sendete fast pausenlos kleine oder überwältigende Deja-Vu. Geschirr, Geruch, Anblicke. Die alte Dame hatte einen reichen professoralen Freund und Geliebten damals, wie froh ich für sie war. Sie beide kamen einmal zu Besuch nach dort auf dem Weg nach Italien, im weißen Porsche des Professor Schiwago. Auch das fällt mir wieder ein. Das ganze Leben einem zu vorsichtigen Füßen. Die Füße dieselben wie heute. Grenzenlose Vorfreude damals überall. Besser: Ahnungen, dessen, was alles Wunderbares im Leben geschehen könnte. Es gab keinen Missbrauch an mir, keine großen Wunden, unheilbar, aus dieser Zeit. Ich hatte viel Glück, trotz totem Vater.

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Es ist ein halbes ganzes Leben seither vergangen. Ich habe dort das alte Gästebuch gefunden und die damaligen Einträge des lieben Kinderarztes entdeckt. Es ist ein so gutes Haus. Magischer Ort zudem. Dazu ein Spiegel ureigenen Lebens, für mich jedenfalls, in undramatischer Weise. Keinerlei psychologische Küchentischdinge. Kein Drama, nein, das Gegenteil. Und dieses Erleben, an einem so schwangeren Ort, das macht mich froh und ziemlich dankbar. Der Aufenthalt jetzt, er war eine große Freude, ermöglicht durch die Recherchen des Freundes und vor allem vom jetzig zuständigen Betreuer des Anwesens. Nach 42 Jahren einmal wieder dort sein zu können. Ein Spiegel auch meiner selbst: Ich hatte bis hierhin ein wirklich gutes Leben. Andere gibt es schon nicht mehr. Im schlimmsten Fall schon lange.

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In den 1980ern und ff. waren wir oft im Engadin zum Fahren der Ski. Wir wohnten meist im Nietzsche-Haus in Sils/Maria, damals „Unterkunft für geistig und künstlerisch Tätige 12 CHF die Nacht“. Da wusste noch kaum jemand darüber, es war tatsächlich Gehimtipp, ein echter, kein gespielter. Ich glaube sogar, wir waren dort, bevor Gerhard Richter begann, dort zu malen und zu urlauben. Wir wedelten den Corvatsch und Furtschellas, dazu Piz Lagalb und Diavolezza. Mit Morteratschgletscher. Oder Piz Nair in St. Moritz. Heute kostet es dort bei Nietzsche CHF 70 die Nacht. Ab und an einmal Abendessen im Hotel Schweizerhof zu Maloja. Immer beim Weg dorthin hatte ich in der großen Linkskurve im Ort die Villa mit Sehnsucht im Blick. Mitte der 1980er Jahre wohnten wir einmal im Bergell in Cassacia in einem Hotel. Jeden Morgen legten wir die Schneeketten an den miamiblauen VW Derby und fuhren den Maloja-Pass hinauf. Dann war es die Rechtskurve im Ort, während der ich nach links schaute zum Haus. Zur Villa. Den miamiblauen VW Derby könnte man heute teuer verkaufen.

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Zuletzt war ich im Ort vor neun Jahren mit der Kirschkern. Ihr zu zeigen die „wirklich hohen Berge“. Wir schliefen verbotenerweise im Auto am See, fuhren Seilbahn, wanderten ein wenig, tranken Ovomaltine im Hotel Schweizerhof und bemerkten, wie kühl es selbst im August auf 1800 Metern Höhe werden kann, wenn die Sonne nach dem Westen reitet. Dann abends rauschten wir hinab ins schwüle Chiavenna, schliefen im Wagen am Fluss und dort zählte die Kirschkern in einer einzigen Nacht vierundzwanzig Mückenstiche. Am nächsten Morgen dann zählte sie erneut, nämlich sämtliche Kurven des Splügenpass, es war ja auch diese ihre Lebenszeit, in der die Kinder immer alles gerne überall zählen, ich meine mich zu erinnern, es waren zuletzt ca. 230 Stück Kurven gewesen, laut Auskunft Kirschkern.

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Nun aber also waren es zehn auch bzgl. des Meta angenehm befreite Tage dort. Sollten es sein. Wir fuhren bei schlechtem und kalten Wetter in die Schweiz hinein, das Thermometer sank ständig und zuletzt, auf der Passhöhe des Julierpasses, zeigte es 2 Grad. Wir waren kurz davor, zu bereuen. Wollten Sommer, zu zweit. Diese 10 Tage einmal nur für uns. Zu Hause die Kirschkern und die der B und der N. Schön war, dass man nun, nach einem Jahr der Beiden in unserem Haushalt, sehen kann, dass ihr Bewusstsein für Verantwortung groß geworden ist. Eine Art Identifikation mit der Gastfamilie und dem Platz. Der Wunsch, dass alles läuft und funktioniert, auch wenn die Köchin und ich nicht zugegen sind. Aufpassen auf die Kirschkern, wenn sie vom Ausflugslokal im Wald nächtens heimkehrt. Kochen, Putzen, Aufräumen, Einkaufen. Wie Frau Mullah es gelehrt hat. Und achten aufs Haus. Die Kirschkern als stramme Organisatorin und „Schwester“. Am Telefon sagte sie irgendwann: „Es läuft alles 1000 mal besser, als wenn Ihr da seid!“. So muss das sein.

Nach der ersten noch kalten Nacht begann sich das Wetter zu bessern. Ein Erkundungsgang durchs Dorf, Einkauf im kleinen Laden, Rundgang an den See und zurück zur Villa. Am Nachmittag dann ein erster Spaziergang zum Cavloc-See, entlang des Weges, den auch Fahrzeuge notfalls nutzen können. Umrundung des Sees und Rückweg über einen anderen kleinen Pfad, leicht alpin. Wären wir doch nur den Hinweg gelaufen. Denn auf diesem Seitenstieg rutschte die Köchin aus und brach sich das Fussgelenk. Das wussten wir da aber noch nicht. Nur, dass etwas anders war, als wenn man sich den Fuss verknackst. Ich hatte aus Tollerei beim Hinweg ein paar Hundekottüten aus diesen Hundekottütenspendern, die jetzt ja überall herumstehen, sogar in den Hochalpen, eingesteckt, diese konnten wir nun notdürftig als Kühlbeutel verwenden, gefüllt mit kristallklarem Bergbächleinwasser. Irgendwie im nahen Horizont des Geschehens gelang uns gleichwohl der Abstieg auch ohne Helikopter. Wir verzichteten in Folge auf eine spannende Nacht voller medizinischer Eigenspekulationen und fuhren einfach gleich ins Spital, gelegen im dreissig Kilometer entfernten Samedan. Dort wurde dann nach einer Röntgenaufnahme der Bruch auch fotografisch bewiesen.

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Es blieb mir offenbar noch die Chuzpe, den Vorgang zu fotographieren. Beschwörend. Und dies alles am ersten Tage. Jene Gedanken, ach hätte man doch, ach wäre nur, ach hätte ich, Schneck, doch besser aufgepasst, ach. Aber so kommt man nicht weiter, das merkt man schnell. Bleibt allein die Frage, wieso uns diese zehn Tage in Gemeinsamkeit nicht in wohlfeiler Ruhe gegönnt wurden. Mag sein, wegen meiner schlechten Gedanken zu den buddhistischen Steinhaufen. Die Ärzte sagten, sie, die Köchin, sowie ihre Bettnachbarin, die am gleichen Abend eingeliefert worden war, seien die ersten Wanderkunden in diesem Jahr. Immerhin ist gerade noch Nebensaison. Richtig los ginge es dann spätestens Anfang Juli. Internationales Publikum.

Tags drauf sodann die Operation. Mit Schraube, Metallplatte und Vollnarkose. Mit der Aussicht auf fünf Tage stationärem Aufenthalt. Blues und, ja, schon auch Trauer. Jeden Tag fuhr ich nun ein oder zwei Mal ins Spital. Abends saß ich ohne Internet und leider einsam auf dem wunderschönen Balkönchen, rauchte Mary Long, während ich meinen Wein alleine trank und die schönen hohen Berge anstarrte. Ich weinte mehrfach leise. Das Wetter war wunderschön, sommerlich, warm. Es wurde Tag um Tag immer besser. Mein mobiles Telefon war aus seltsamen Gründen für Internationales gesperrt. Ich wollte zunächst Zürnen, verzichtete dann aber gänzlich auf Groll. Ich beschloss, keine Lebenszeit für Gedanken an Mobilcom-Debitel zu verschwenden. Angesichts ergreifender Bilder überbordender Natur kann man sich fügen in eine Kommunikation, wie sie früher normal war. Das kann ja auch gut tun. Endlich gelassen, Demut vor den Sternen und dem Firmament.

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Zwei alpine Bergtouren unternahm ich dann in diesen Tagen, nun notgedrungen alleine. Das war ja gar nicht mein Plan gewesen, alleine. Man will doch dann auch diese ganzen Anstrengungen, das Glück und die Bilder eigentlich teilen. So muss es jedenfalls auch wohl sein, wenn einst der Partner gestorben ist.

Zum einen also den steilen Aufstieg zum Lunghin-See. Dort oben entspringt der Inn, der sich dann den Berg herabfallend hinter der Villa zu einem Flüsschen formt. Ich hatte schon damals ja gelernt: Engadin hiesse „Garten des Inn“. Ich wollte eigentlich von dort den Weg über den Lunghin-Pass nehmen, dann hinüber zum bereits antiken Septimer-Pass, um danach über Stunden hinab nach Cassacia ins Bergell zu laufen und dort den Bus, den spektakulären Maloja-Pass hinauf, nach Hause zu nehmen. Oben aber, am See, der noch fast vollständig zugefroren war, lagen noch weit verstreute Schneefelder auf den Geröllmatten und man konnte nie wissen, ob sie, schon nass und versulzt, einen noch trugen. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Es ist anders, alleine da oben. Man darf dann wirklich nicht stolpern und sich den Fuss brechen oder Ähnliches, schon gar nicht ohne Mobiltelefon. Es gab auch kaum andere Wanderer.

So also lief ich teils kletternd, teils sanft und stets aufmerksam auf meine Knochen nach Osten, irgendwann erreichte ich das „Heidi-Dorf“ Crevasalvas, wo ebenjener Film offenbar gedreht worden war in irgendeiner Version. Ein paar Häuser, vermeintlich unverändert seit 100 Jahren, nicht mehr bewohnt, eher verwaltet, im Sommer jedenfalls. Dann wieder nach Westen, immer auf halber Höhe und wieder hinansteigend, bis ich schließlich nach fünfeinhalb Stunden, ca. zwölf Kilometern und siebenhundert Metern hinauf, fünfhundert Metern hinunter, dann wieder zweihundert Metern hinauf und vierhundert hinab nach Adam Riese erschöpft und überglücklich über diesen Ausflug den Ausgangsort erreichte.

Was soll ich sagen, es war wunderbar, die besten Gedanken und Pläne im kreativ bewegungshormonellen Ausschüttungsrausch vom Gehirn. Sämtlich künftige bildnerische und textliche Großvorhaben lagen ausgebreitet und geordnet vor mir. Das hatte ich so nicht erwartet. Abends fuhr ich wieder ins Spital zur Köchin und berichtete. Auch sie berichtete von ersten Erfolgen im Aufstehen und Laufen an Stöcken, die Wunde ordentlich verheilend. Sie klagte über die zu erwartende schlimme Narbe an ihren Füßen, ich beruhigte, da noch viel Zeit zur Heilung da wäre und ich ihre Füße ohnehin, wie unter Verliebten üblich, für die Schönsten hielte auf der Welt.

Ihre Zimmernachbarin hatte nach ihrem Wanderunfall tatsächlich nur mit dem Helikopter und Seilwinde geborgen werden können. Eine sehr nette ältere, sehr gesunde und mobile, schweizerische Dame, die ihr Leben lang die Bergrettung mit dem Hubschrauber als Gönnerin unterstützt hatte. Nun war sie selbst in diesen „Genuss“ gekommen auf ihre „alten“ Tage, was natürlich Anlass zu manchem Scherz war. Sie war es auch, die zuletzt der Köchin eine Trainingshose borgen konnte, die über die plastene Schiene am linken Fuß anzuziehen möglich war. Zwischenzeitlich hatte ich in Sport- und Modegeschäften nach weiten und bequemen „Turnhosen“, so wie es sie früher gab, gesucht. Erfolglos. Alle Kleidung hat ja heute eine Funktion und zeigt Körper. Altmodische Turnhosen lassen sich nur noch selten sortimenten.

Meine zweite alleinige Tour führte dann zum Gletscher des Forno. Ein hohes Tal, welches immer mehr steinig wird, der Bach, der Fluß mit sehr hellblauem und türkisenem Wasser unten, überall die runden, vom Wasser geschliffenen Granitsteine des Bergells. Stundenlanges Laufen über Brocken, rechts und links einst vom Gletscher gefräste steile und hohe Berge, keine Bäume mehr, nur Flechten und allerlei, die Alpenrosen blühten gerade, alles wird immer steiniger auf dem Weg nach dem Oben. Man selbst ist so klein. Und überlegt auch manchmal, wieso diese ganze schwere Masse eigentlich nicht hinabstürzt. Was hält sie? Was hindert sie daran? Niemand kann dort irgendetwas garantieren. Das ist ein Zustand, den es wohl immer wieder zu erleben lohnt. Ich war sehr früh losgegangen, war bis zum Mittag ganz alleine. Erst nach meiner schönen privaten Jause im Angesicht der Gletscherzunge bei wolkenloser Höhensonne und nach einem langen Hinuntersteigen – erstmals übrigens mit einem Stock, das ist wirklich sehr hilfreich, ich hatte aus Stolz und Überheblichkeit diese Wanderstöcke bislang stets abgelehnt, offenbar aus reichlich unwissender Sturheit – kamen mir italienische Sonntägler entgegen. Denen ich freundlich mitteilen konnte, dass die Hütte derzeit geschlossen sei, wegen der noch Nebensaison.

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Im ausgelassenen Gerölltal dann mit irgendwo zwischendrin rauschendem Bergwasser bei gleißender Sonne und flimmernden Kleinhorizonten gönnte ich mir abgelegen ein weiteres Päuschen, dachte an die Köchin und wie schön es nun wäre, hier in gänzlich unbeobachteten Bergwelten im sandenen Flussbett gemeinsam zu pausieren und ein Vesperchen zu nehmen mit einem Halbstundenschlaf im Schatten der jetzt blühend duftenden Krüppelkiefern.

Viele Halbrentner waren unterwegs an diesem Sonntag. Ich überlegte kurz, ob mich Andere nun bereits auch schon als Halbrentner bezeichnen würden. Irgendwelche Leute, ein paar lumpige Jahre jünger als ich vielleicht. Verwarf diesen seltsamen und sezierenden Gedanken. Auch mit ein wenig Angst. Auch angesichts der pfeifenden mümmelnden Murmeltiere. Und beschloss im Bachbett dort, alleine, fortan wieder gnädiger mit Allem um mich herum zu sein, was mich umgäbe, wenn es denn nicht anders ginge, als dass es mich umgäbe. Ich lernte ja damals in diesen hochgebirglichen Jugendtagen erstmals auch, die eigene Verantwortlichkeit gegenüber den Schritten und Tritten des Selbst zu leben und zu schätzen. Es waren auch, damals in der Villa, erste Kontakte zum Schwindel bzw. dessen Freiheit. Ich bin froh, wenigstens schwindelfrei zu sein. Ein Urvertrauen.

Am fünften Tag nach ihrer Operation wurde die Köchin endlich entlassen. Eine große Freude! Wir fuhren erstmal nach Hause in die Villa. Fortan sollte alles gemütlich sein, wenigstens noch vier verbliebene Tage lang. Ausgelassene Gespräche und entspannendes Dasein. Gleich abends dann hinunter nach Italien, geschwind durchs Bergell, immer bergab. Mit jedem Höhenmeter, den man hinab fliegt, wird die Luft wärmer und nasser. Schliesslich in Chiavenna eine Bar am Strassenrand, kartenspielende Männer, Pizza, Weisswein. Dann wieder hinauf, mit jedem Meter wird die Luft abermals klarer und kühler. Zuletzt der Malojapass, dann zu Hause. Sie, die Villa, hat übrigens auch einen sehr schönen Namen. Allein die Diskretion verbietet. Ebenso schön und anmutend wie der Name des Ortes, wo sie nun einmal steht.

Ich habe dort noch ein Mäuerchen repariert in diesen ruhigen Tagen, Steine gesetzt, Platten verfugt, untermauert. Solche Dinge bereiten mir immer viel Freude. Dann noch eine alte Verandatüre von filmbildenden Ökoanstrichen entschichtet, mit zartem Leinölfirnis gestrichen, ein wenig gekittet. Bei immer noch schönstem Sonnenschein. Mit Blick auf Berge, morgens, mittags, abends. Im Café in Sils Maria, ausgelassen. Endlich Ferien. Und endlich die Abende am Balkon.

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Am neunten Tage fuhren wir nochmals in das Spital, Kontrolle, alles sei gut, sagen die Ärzte. Danach über den Berninapass hinunter nach Poschiavo. Und weiter am See bis ins schöne Miralago. Dort Forelle und Kuh. Und angesichts der ständigen Wunderwerke von immerwährend sich kringelnden Strassen die bewundernden Überlegungen, wie lange es wohl gedauert hat und was für eine nationale Anstrengung es wohl gewesen sein mag, diese ganzen Hochalpenregionen zu erschliessen. Und deren Erschliessung auch zu erhalten. Voller Hochachtung.

Zurück ein vorletztes Mal entlang der Seen nach Maloja. Am nächsten Tag dort Packen und Tun, den Wagen wieder beladen, die Vorhänge schließen, die weißen Überwürfe über die Möbel in der Bibliothek. Die elektrischen Anlagen ausschalten, das Wasser abdrehen. Den großen alten Schlüssel zurück. Adieu, ein letzter Blick zum so guten Ort mit Haus. Wir würden sehr gerne wieder kommen. Ein zweiter Anlauf sozusagen, dann ohne „Klotz am Bein“. So sagt die Köchin mittlerweile, seit sie auch beim Humpeln gottlob wieder lachen kann. / Und zuletzt: Großer Dank an Fritz-Henning und Sandro.


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4.6.2017

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Übrigens: Gestern vor 19 Jahren. Schrecklich und sehr bewegend. Wie heute, wie gestern tagsüber und am späten Abend, wie die ganze letzte Woche und die ganzen letzten Monate und ein paar Jahre jetzt schon. Überall auf der Welt. Man kommt ja gar nicht mehr hinterher mit den Gedanken. Wie auch. Damals versuchte ich mich durch Hintertüren in Medien- und Bilderflutkritik, ich versuchte den Teufel herauszufordern durch ständiges Verwursten auch derjenigen Bilder, die so fürchterlich über uns kamen. Beelzebub im Postpop. Eine Art Beschwörung durch Aneignung war das, manchmal auch sarkastisch und über das Ziel hinaus. Nie aber feindlich dem Menschen, eher ein wenig grundverzweifelnd und um Abstand bemüht. Meine Jugend war ja schön gewesen und recht unbeschwert. Die Modestrecken in den Magazinen gleich neben den Toten auf der nächsten Seite. Bild zeigt holprige Rötelzeichnung, Tuschestift, Durchschlagtinte vom Januar 1999 auf Transparentpapier in 30x30cm, angefertigt im Künstlerhaus Kloster Cismar nahe der Ostsee. Es wäre gut, sollte künftig unsererseits in ggf. vollständiger Neo-Naivität (gerne auch meta) schlicht Sämtliches geschehen, auch weiterhin schöne Jugenden zu ermöglichen. Wozu sonst sind wir denn da. Der Zynismus der Überalterten ist ein übler Geselle und kein guter Ratgeber. Dazu hausgemacht. Ich wünsche leise frohe Pfingsten.