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Der Alptraum von Ulm

Bahram kommt genau da her. Vor vier Jahren flüchteten er und seine Familie vor den Aufständischen in die Provinzhauptstadt. Sein Asylbegehren wurde im letzten Dezember mit dem Verweis abgelehnt, die Stadt Ghazni sei sicher. Seit Tagen versucht er vergeblich, irgendeinen Kontakt zu seiner dort verbliebenen Restfamilie herzustellen, die Kommunikationsverbindungen jedoch sind gekappt. Soviel zum Thema, immer wieder und ermüdend, Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland.

Man kann oder könnte ja auch einmal versuchen, so dachte ich gestern in meinem sicheren Herkunftsland unter Streuobstbäumen mit Strohhalm im Mundwinkel, das alles im Spiegel herumzudrehen. Zum Beispiel so wie folgt, etwas holprig vielleicht und sicherlich noch eines peniblen Lektorates nötig, über das ich aber gerade weder verfügen will, kann, noch wirkliche Lust darauf habe. Weil es so müde macht. Und das hier ist ja auch nur ein Weblog.

Das könnte gleichwohl dann in etwa so klingen, wie folgt, möglichst nah und regional, in meinem Fall beispeilsweise anhand der schönen Stadt Ulm. Oder gegenüber Zahlen und Bevölkerungsdaten. Im Oktober 2015 öffnete ja bekanntermaßen Afghanistan vorrübergehend seine Grenze zu Iran, um eine Vielzahl deutscher und österreichischer Flüchtlinge ins Land zu lassen. Aus humanitären Gründen, nämlich, weil sie sonst sich zerdrückt hätten oder ggf. verdurstet wären, die Deutschen und Österreicher an der persisch-afghanischen Grenze oder am Bahnhof in Teheran. So klar und einfach war das damals.

Ich schreibe heute also fiktiv und altschwäbisch nieder, bevor ich mich ausgerechnet nach Bayerisch-Schwaben, also in eben diese nun von den Aufständischen kontrollierte Gegend, absetze, um aus Jux und Tollerei meiner Abschiebung zuvorzukommen:

„Kabul/Ulm, 16.8.2018 / Die Sicherheitslage in Deutschland verschärft sich zusehends. Aufständische haben in der Nacht zum vergangenen Samstag gegen 2.00 Uhr Ortszeit die Stadt Ulm unter ihre Kontrolle gebracht. Dies legen Augenzeugenberichte und unabhängige Quellen nahe. Funk- und Telekommunikationsverbindungen wurden von den Angreifern zerstört. Durch Ulm läuft eine der wichtigsten Verbindungstraßen in den Südosten des Landes, sie verbindet die Finanzmetropole Frankfurt a.M. mit der strategisch wichtigen Stadt München. München war bereits vor 3 Jahren über mehrere Wochen in die Hand der Aufständischen gefallen, konnte aber nach schweren und verlustreichen Kämpfen der nationalen Streitkräfte (Bundewehr), die dabei von US-amerikanischen Besatzungstruppen auch aus der Luft unterstützt wurden, zurückerobert werden. Dabei wurde damals auch das Krankenhaus „Links der Isar“ als Kollateralschaden zerstört, es gab zahlreiche Opfer.

Mindestens 100 Polizisten und Angehörige der Bundeswehr gelten seit dem jüngsten Angriff auf Ulm als verschollen oder tot. Andere Quellen sprechen dazu von mindesten 90 getöteten Zivilisten. Die Bundesregierung sowie das amerikanische Militär erklärten am Morgen, die Lage in Ulm sei wieder unter Kontrolle. Der unabhängige TV-Sender BRD-NEWS hingegen, der seine Informationen von einer Vielzahl von Beobachtern im ganzen Land bezieht, berichtete, die Aufständischen hätten sich in Wohnhäusern verschanzt und würden die Zivilbevölkerung als „zivile Schutzschilde“ missbrauchen. Sämtliche Bundeswehr- und Polizeiposten seien nach wie vor von Aufständischen besetzt, diese würden schwer bewaffnet durch die Straßen Ulms patrouillieren.

Auch ist es der Armee derzeit nicht möglich, Nachschub nach Ulm zu transportieren, da die Autobahn im Osten bei Elchingen, im Westen nahe Blaubeuren von den Aufständischen zerstört wurde oder in diesen Abschnitten überlegen kontrolliert wird. Auch ist das Gebiet bereits vermint worden. Zudem wurden ebenfalls die Ortschaften Biberach und Ehingen an der Donau angegriffen. Die Stadt Günzburg befindet sich ohnehin bereits seit zwei Monaten in der Hand der Rebellen.

Die Aufständischen setzen sich für eine radikale Rückkehr zum Glauben ein. Sie wollen deutsche Schulen schließen, Bildung verhindern und deutschen Frauen und Mädchen den Zugang zur Gesellschaft verweigern. Sie praktizieren eine archaische Lebensweise und lehnen demokratische Errungenschaften, wie beispielsweise das in Deutschland offiziell noch geltende „Grundgesetz“ sowie die allgemeinen Menschenrechte ab. Seit 2012 wurden in Deutschland knapp 14 Millionen Binnenflüchtlinge auf der Flucht vor den innerstaatlichen Konflikten registriert , so das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen im Mai diesen Jahres.

Deutsche Flüchtlinge, die vermehrt seit 3 Jahren Aufnahme in Afghanistan gefunden haben, berichteten, sie hätten vergeblich versucht, Angehörige in Ulm zu erreichen. So auch der achtzehnjährige Matthias Bäumler, der in Hundersingen im Lautertal auf der schwäbischen Alb aufwuchs, dessen Famile aber schon 2014 von den Aufständischen von dort vertrieben wurde. Die Famile flüchtete nach Ulm und kam im Haus eines Onkels aus Illertissen unter. „Wahrscheinlich“, so sagt er, „lebt meine Familie noch heute in Ulm. Wenn sie überhaupt noch lebt.“ Er kam 2015 als unbegleiteter noch minderjähriger Flüchtling (UMF) über das Mittelmeer, die Türkei und den Iran nach Kabul und war später in Ghazni von einer afghanischen Familie als Pflegekind aufgenommen worden. Er macht sich nicht erst seit vergangenen Samstag große Sorgen: „Ich erreiche niemanden. Auch meine Schwester, die vor sieben Jahren schon ins Nachbarland Frankreich geflüchtet ist und dort mit deutschem Mann und zwei Kindern illegal geduldet lebt, weiss nichts. Alle Telefonleitungen und das Internet sind tot.“

Ungeachtet der sich immer weiter verschärfenden Sicherheitslage in Deutschland plant das afghanische Innenministerium eine erneute Sammelabschiebung von Deutschen in ihre Heimat. Dabei sollen vor allem Deutsche abgeschoben werden, die sich in Afghanistan strafbar gemacht haben. Als strafbar gilt in Teilen Afghanistans schon heute derjenige deutsche Flüchtling, der auf seiner Flucht aus Europa nach Asien seinen Pass verloren hat oder einmalig kein gültiges Nahverkehrsbillet vorweisen konnte. Von Menschenrechtsorganisationen wird in diesem Zusammenhang auch oft das „Rückführungsabkommen“ mit der Bundesrepublik Deutschland kritisiert, wonach die Regierung in Berlin, die vielfach als korrupt eingeschätzt wird, eine gewisse Summe Afghani für jeden abgeschobenen deutschen Flüchtling von Seiten des afghanischen Staates erhält. Wo dieses Geld wirklich landet, gedacht eigentlich zur Reintegration zurückkehrender Deutscher in Deutschland, bleibt fraglich.

Unlängst war der afghanische Innenminister in die Kritik geraten, als er anlässlich seines 69. Geburtstages mit bescheidenem Stolz erwähnte, dass genau an diesem Tag „69 deutsche Flüchtlinge nach Deutschland abgeschoben wurden“. Er habe „das nicht so bestellt“, so fügte er ironisch hinzu. Die Opposition im afghanischen Parlament hatte ihm daraufhin ungeeigneten Zynismus im Amt vorgeworfen und ihn zum Rücktritt aufgefordert.“

Und so weiter. Nein, lustig ist das alles schon lange nicht mehr. Gleichwohl ist Sommer und Pfiff.


Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/taliban-in-afghanistan-der-alptraum-von-ghazni-a-1223106.html

Kratzi-Kratzi.

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Kratzi-Kratzi. Sehr spannend. Untersuchung der bauzeitlichen Farbgebungen in einem großen ehemaligen Krankenhauskomplex, Fertigstellung 1959. Die Tatsache, dass überwiegend kunststoffgebundene Materialien verwendet wurden, erfordert eine Vielzahl von scharfen Skalpellklingen. Und Großhirnrinde. Zur Klärung und nachvollziehbaren Darstellung der Gegebenheiten. Dazu den ganzen Tag die Stirnlupe auf dem Kopf. Makrointerpretationen, ständig.

Und natürlich die Geschichte der BRD im Hinterkopf, die auch die eigene ist. Und auch diejenige der Patienten, die Glück hatten oder eben nicht. Das Gebäude genutzt seit 2015 als Flüchtlingsunterkunft. Da kommt eine Menge an Geschichten und Schicksal zusammen, eher gar schon Berge.

Das war eine ziemlich bunte Zeit damals. Beispielsweise im Flur, irgendwo, die eine Seite Hellblau, die andere im warmen Mittelgrau. Die jeweilig gegenüberliegenden Türlaibungen gestrichen in der jeweils gegenüberliegenden Wandfarbe. Und schöne Farben: Altrosa-hell, Mittelgrau-Grün, warm/kalt gebrochenes Weiß oder auch „Erbswurst-Grüngelb“. Eine Wortschöpfung der Kollegin. Die Worte gehen einem irgendwann aus. Die treffenden Buntstifte auch. Und dann noch die Vorstellung, wieviel Keime dort hinter Öffnungen, die wir öffnen, lauern könnten seit Jahrzenten, resistente Killerkeime, die nur darauf warten, endlich einmal wieder jemanden anstecken zu dürfen. Nämlich uns, jetzt. Vor allem in der Hitze der vergangenen Tage.

Gottlob gibt es fließend Wasser und man kann immer mal zwischendrin die Hände waschen. Oder sogar duschen, wenn man wollte. Drei Stockwerke sind noch von Flüchtlingen bewohnt. Viele Menschen auf wenig Raum. Alles soll geräumt sein bis Ende August, dann können wir auch diese Räume einsehen. Morgen nun noch einmal in das ehemalige Verwaltungsgebäude. In den letzten Jahren ist es als Kindergarten genutzt worden. Fröhliches Kratzi-Kratzi also, mit Kindern neben einem, die einem zuschauen und fragen: „Was machst Du da?“

Na, Kratzi-Kratzi, sag ich. Sagen wir.

Das gesamte Gelände ist mit Versorgungswegen untertunnelt, die mit einer gespenstischen Neonbeleuchtung ständig belichtet sind. Die Kollegin meint, dort geht sie nur mit Bindfaden hinein. Sie hat recht. Wir waren dann zu zweit ein bisschen unterwegs, ein sehr spukvolles Terrain und bestens geeignet für einen modernen Blutmeuchel-Tatort oder die SOKO-Stuttgart.

Heute ein ganz anderer Ort, einen Tag zu Besuch auf Schloß Solitude im Grünen. Natürlich wieder zur Klärung von Farbigkeiten an Gebäudeteilen. Kratzi-Kratzi. Die Handwerker haben bei der grundlegenden Sanierung im Jahr 1989 wenig barocke Oberflächen übriggelassen. Besser gesagt, eigentlich gar nichts. Alles wurde abgeräumt.

Im Schloss ist seit 1990 auch die sogenannte Akademie Schloss Solitude ansässig, es wohnen Stipendiaten dort aus allen möglichen künstlerischen Bereichen. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als diese Institution ins Leben gerufen wurde. Ein üppiges Stipendiatensalär und eine gute Sache mit Residenzpflicht vor den Toren Stuttgarts. Ich habe mich allerdings nie dort beworben, denn ich wohnte ja bereits in Stuttgart. Und alles war mir dort immer etwas zu avantgardistisch. Zu abgehoben, auch in Bezug auf den seinerzeit vielfach verwursteten „neuen Kunstbegriff“, der manch Halbbegabte nach oben zu spülen vermochte. Zu cool für mich und meine künstlerischen Vorhaben und Visionen. Vielleicht aber war ich auch einfach nicht klug genug.

Zuletzt war ich dort gewesen, als eine Bekannte im akademieeigenen Aufführungsraum Theater spielte. Vielleicht vor 15 Jahren. Ich saß in der zweiten Reihe auf einem harten Stuhl, es waren nicht viele Zuschauer da, und als alles ganz still wurde kurz vor Beginn des Stückes, begann mein Magen laut zu knurren. Ausgerechnet. Es war ein leises Theaterstück. Alle Zuschauer konnten und mussten also meinen Magen hören. Mir lief der Schweiß, aber ich blieb sitzen. Was soll man machen. Ich war froh, als es vorbei war. Meine Bekannte aber ist eine gute Schauspielerin. An ihr hatte es nicht gelegen.

Als wir dann heute am späten Nachmittag und frühen Abend nach getaner Arbeit und nach einem mittelschweren Gewitter mit einem Koffer voller Informationen losfuhren nach Hause, da dachte ich erneut, wie schön doch eigentlich dieses Broterwerbs-Arbeitsleben nicht erst im jetzigen Jahr ist. Und ich danke der Kollegin herzlich für’s Einbinden. Dem Kollegen H. auch, ohnehin, seit schon so vielen Jahren.

Es ist eigentlich immer spannend. Das liegt, auch, an diesen völlig unterschiedlichen Orten. Aber eben auch an der Art der Arbeit, ganz grundsätzlich. Denn stets geht es um gemeinsame Neugier. Und um Zusammenarbeit. Und es ist ja alles auch immer Lebenszeit.

HA

Jetzt ist es amtlich, seit heute. Schule vorbei und Bahram und Salman haben den Hauptschulabschluss bestanden! Bahram hat sogar noch eine Belobigung bekommen. Himmel, ist das schön, dass die Beiden das geschafft haben! (Noch-)Pflegemutter Frau Mullah und (Noch-)Pflegevater Herr Schneck drücken ein paar heimliche Tränchen hinter Sonnenbrille – vor Freude und ganz großer Berührung. / Und jetzt bisschen feiern!

Völker höret!

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Mir war eben so.

./.

Abb. zeigt Objekt-Relikt aus vor-25-Jahren, banalkünstlerische Collage offenen Endes, unfinished, gleichwohl subjektiv erhaltenswert. Auch sowas muss ja sein.

Erst vor kurzem wiedergefunden.

Jedenfalls darauf „echter“ Kreidegrund, Bologneser- sowie Champagner Kreide 1:1, einen Wurf China-Claye dazu, auf achtlosem Tischlerplattenrest. Das Schwarz ist echtes Rußschwarz unter Zugabe von Ochsengalle zur Entspannung der Oberfläche, das Rot irgendein sehr giftiges und womöglich schwachradioaktives Pigment, dessen Namen ich vergessen habe, sinngemäß „Strontium-Rot“.

Die Pigmente gebunden in Kasein (Magerquark und Hirschhornsalz, wahlweise Salmiak), schwach emulgiert mit duftendem Leinöl, das Gold handgeschlagen in Glanzvergoldung und mit Achat poliert, soundsoviel Karat aus dem alten Schwabacher Büchlein, die Umrandung in echtem Lapislazuli (Herkunft Afghanistan oder Chile, mittlere Qualität), gebunden mit Gummi Arabicum und gelöst aus dem Damenstrumpf in Vinyl im Glas und H2O.

Die figürliche Zutat rechts collagiert aus einem Illustriertenfoto des sich nach Südamerika abgesetzt habenden ehem. Leader unter transparentem Klebeband mit Weichmachern, die sich noch ggf. chemisch verändern. So ist das. Alles verändert sich ja. Hängt jetzt neuerdings wieder über dem Festnetztelefon. Warum?

Weil. (so würde die Kirschkern sagen).

Eine kleine Ausfahrt mal eben, siebeneinhalb Stunden hoch und sieben Stunden wieder runter, in die große Stadt. Es war Eröffnung der Anonymen Zeichner in der Galerie im Körnerpark, dort also, wo im Spätherbst vor knapp 18 Jahren die Kirschkern ihre ersten winterlichen Schritte im Outdoor machte.

In ihrem knallroten Pinguinpullover. Schön.

Und dort auch, wo uns beim Kaffeetrinken vor 9 Jahren ein Joker auf den Tisch flog, einfach so aus dem Himmel. Auch sehr schön.

Den lieben Herrn Dilettanten habe ich leider verpasst, aber gratuliere herzlich zum verkauften Werk!

Später an der Karl-Marx-Strasse noch etwas Libanesisches zum Essen mit guten alten Freunden, tags drauf am Landwehrkanal Dinge planen mit Freund M und nachmittags dann auf den Wannsee zum Segeln mit Freund K, bis hinein in die Dämmerung. Mit schönem Wind. Und einem Späti auf dem See zum Anlegen. Könnte meine Geschäftsidee gewesen sein.

Zuletzt Anlegen ohne Motor, das Einschätzen der Trägheit des Bootes, immerhin fast vier Tonnen schwer, ein stilles und ruhiges Hineingleiten in den Hafen, mit viel und angebrachter Geduld, unter Berücksichtigung, Beobachtung und Wahrnehmung aller Wichte, Geschwindigkeiten und Hindernisse. Das ist wie Zeichnung, oder eben Bildwerke herstellen. Auch Langsamkeiten in ihren schnellen Abläufen. Die richtigen Zeitpunkte, anstatt den Momenten, wahrzunehmen. Sich ungeachtet hineinfühlen. Das war wunderschön, bestens, heilsam und schicklich.

Morgen dann ein süddeutsches Wespennest umsiedeln. Unterhalb des Rollstuhles der alten Dame. Auch das noch. Man hat ja sonst nichts zu tun.

Na gut.

Früher hat man Gift aus der PARAL-Dose hingesprüht. Fürchterlich. Heute wird ertrunken. Und aus dem Atelier spätabends in den Garten gehen, besser: Hinaustreten. Was da alles nachts blüht, es ist unglaublich. Ebenso das, was sich dort bewegt und umherfliegt, um einzig und allein zu befruchten.

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Eine Baustelle, zweieinhalb kleine Tage lang. Untersuchung und baugeschichtliche Klärung des überlieferten Bestandes. Hier: Treffer von 1943, Brandbomben, Brand, verschont EG und 1. OG, darüber eines der letzten „Notdächer“ unmittelbar nach 1945, die es in der Stadt noch gibt. Im Hinterhaus – wundersam und kaum zu glauben – Bohlenwände und Fachwerk vor 1500, auch Fragmente von Wandmalereien („Ecce Agnus Dei“) im kleinen ehem. Lichthof erhalten. Fundstücke: 2 Flaschen im Notdach, Limonade, Aufdruck „mit Fruchtsaft und Zucker“, Emailleschild Zahnarzt (vor 1943), im Lichthof Damen-Geldbörse mit SFR 2,30, entwertetem Zugbillet und Werbung für ungiftige Wimperntusche etc., wahrscheinlich späte 1960er Jahre (…) /das alles als privatprosaischer Übersprung, fast ohnmächtig (edit: einigermaßen sprachlos und zornig), angesichts der Tatsache, dass und wie sich ein alter verkrusteter Mann in illustrer Runde freut, dass „an seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen abgeschoben wurden“, obgleich „er das so nicht bestellt habe“. /aus den Öffnungen der Sondierungen im Bereich OG und Notdach überraschenderweise immer noch Brandgeruch, kalter Rauch, also derjenige von 1943; Nutzung heute als Discotheque und Tanzlokal. (PS.: Das Foto mag ich.)

zeitvertzreib

Blümchen und Täubchen, Häubchen und Stäubchen,
Bäumchen und Fläumchen, Heimchen und Herdchen –
Pferdchen und Hündchen, Mündchen und Stündchen,
Höschen und Röschen, Döschen und Höfchen.
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Kläppchen und Kätzchen, Deckchen und Wäldchen,
Fältchen und Grübchen, Bäckchen und Säftchen –
Käuzchen und Ständchen, Herrchen und Frauchen,
Männchen und Näschen, Weibchen und Härchen.
#
Lerchen, Moos, das ganze Zeug,
Schatten, Lichtung, Lebenszeit.

wieso, weshalb, warum

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„Kann ja mal passieren.“

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Lkw fuhr beim Zurücksetzen in mein ordnungsgemäß geparktes Autoheck, Klappe kaputt, Glas kaputt, alles kaputt, Wertermittlung Fahrzeug durch Gutachter 4200, Reparatur Heckklappe 3500, also neue Heckklappe, die fast so viel wert ist wie Fahrzeug, gebrauchte Heckklappen gibts aber leider nicht, da das die häufigsten Unfälle sind bei diesem Typ Kfz, also Reparatur und Mietwagen, ärgerlich – sehr, alles – man hat ja sonst nichts zu tun und daher lieber gleich zum Juristen.

Ich hätte mir eine beispielsweise blaumetallische Heckklappe so schön vorstellen können, Alleinstellungsmerkmal wär’s gewesen und Resteverwertung, quasi eine fahrende „Collage“, ganz mein Ding also, dazu bunt und ressoucenschonend. Die Polizei kam und war aber alsbald nicht zuständig, da es sich bei dem Gelände um einen „nicht öffentlichen Verkehrsraum“ handelte, ich bekam aber trotzdem ein Visitenkärtchen, notfalls zeugenbenennend, dem Verursacher war alles unendlich peinlich, als ich mir das Dilemma besah, waren die Scherben bereits sehr ordentlich zusammengekehrt, ein türkisfarben in der Sonne funkelndes Glitzerhäufchen, fast ein bisschen Mittelmeer.

Das alles auf dem Parkplatz eines ehemaligen Klinikums aus den 1950er Jahren, welches seit drei Jahren in Zwischennutzung als Flüchtlingsunterkunft diente und nun sind bald alle ausgezogen, weshalb die denkmalpflegerischen Untersuchungen zur Erstausstattung beginnen, an denen ich teilnehmen darf. Ein Miet-Lkw war’s gewesen, ein 7,5-Tonner aus München und die Eltern wollten doch nur ihrem Sohn behilflich sein, der aber gerade nicht zugegen war, als es passierte, ich verdränge die Geschichten und Verantwortlichkeiten dahinter und fahre also schon hoffentlich bald mit einem Kfz durch die Gegend, dessen Heckklappe fünf Sechstel so viel wert ist, wie das Kfz selbst. Wieso, weshalb, warum.

Gespräch mit der Intergationsberaterin-Ausbildung der IHK und dem ausbildenden Unternehmen, ein guter Termin, politische Stolpersteine mit sich in den Schwanz beißenden Großkatzen, Bayern und Baden-Württemberg sehr restriktiv, sollte Verwaltungsgericht die Ablehnung bestätigen, dann muss, um eine „Ausbildungsduldung“ zu erhalten, innerhalb von wenigen Wochen ein Personaldokument beschafft werden.

Solange aber das Asylverfahren läuft, sei jeder Kontakt zu staatlichen Behörden des Landes, aus dem man geflüchtet ist, zu vermeiden, denn man ist ja geflüchtet von dort, weil man dort verfolgt wird, ausserdem kann man ja mit Personaldokument des Herkunftslandes abgeschoben werden, nicht allerdings, wenn man keines hat.

„Nur rauskriegen, wie lange es im Ernstfall dauern würde, nicht in Kontakt treten“ die Devise, absurd das alles, zudem: Schutz vor Abschiebung während Ausbildung anscheinend erst im dritten Lehrjahr, das war mir jetzt auch neu, ich dachte, grundsätzlich während der gesamten Ausbildung – wieso ist das alles so, verehrte Politik, wieso wird es denjenigen, die auf einem sehr guten Weg sind und die laut deutscher Wirtschaft dringendst gebraucht werden, so schwer gemacht. Keine Ahnung. Oder doch so eine leise Ahnung.

Und das bei einhelliger Einschätzung, dass es oft junge Geflüchtete sind, die sich häufig mehr engagieren und anstrengen in der Ausbildung, als es die gesättigten einheimischen Gleichaltrigen tun. Und ausserdem, wie soll man aus einem chaotisierten Herkunftsland bitteschön eine Geburtsurkunde beschaffen oder ein Personaldokument, es gibt da nur eine rudimentäre Verwaltung diesbezüglich, Geburtsurkunden im Grunde kennt man dort ohnehin nicht, und wen sollte man dort antelefonieren und anfunken, wenn immer wieder die Netzmasten zerstört werden von den INSURGENTS und sowieso die Angehörigen ja selbst auf der Flucht sind und es keinen Kontakt daher zu denjenigen gibt, die mal eben „aufs Amt“ gehen könnten für einen.

Noch dazu die Angst, den Verwandten könnte etwas zustossen, wenn sich der Geflüchtete plötzlich an heimatstaatliche Behörden wendet und diese das dann – an wen auch immer, die Aufständischen vielleicht? – weitergeben. Das alles in einem „sicheren“ Herkunftsland. Wieso, weshalb, warum.

Da die 1950er Jahre nun so langsam in einen denkmalpflegerischen Augenmerk hineinrücken, soll die Erstausstattung jenes ehemaligen Hospitals dokumentiert werden. Angefangen von den ursprünglichen Farbigkeiten der Bauteile bis hin zur Machart von Details, zum Beispiel originalen Fensterbeschlägen und Türgriffen, oder der Form und Beschaffenheit von Balkongeländern. Da ist vieles noch Neuland.

Lange leere Krankenhausflure, dazu ein entsprechender Geruch, ein paar Tauben, die sich wegen offenstehender Fenster niedergelassen haben, Relikte der Zwischennutzung als Massenunterkunft von Geflüchteten, Schlimmes und Bewegendes, nur ein paar Stockwerke sind noch bewohnt, Kritzeleien an den Wänden, spielende Kinder im Haupttreppenhaus, kleine Dialoge mit jenen, und ein Häuschen für die Security, freundliches Zunicken bei der Ein- und Ausfahrt.

Die Kollegin hat sich einen kleinen Klapproller mitgebracht, um diese Hunderte von Flurmetern schneller überwinden zu können, ich verlege mich aufs Rennen, wenn mal eben kurz nochmals etwas nachgeschaut werden muss, zum Beispiel in Zimmer 605, welches zweihundert Meter und drei aufzuglose Stockwerke entfernt liegt. Interessant für uns vor allem die Farbigkeiten und Farbmaterialien und alles gestaltet sich viel komplizierter und daher noch interessanter, als ich es zunächst erwartet hatte. Was mir sehr gefällt. Auch wir suchen ja dort detektivisch nach dem wieso, weshalb, warum. Wir wollen die Geheimnisse knacken, diese ewigen Nüsse der Hinterlassenschaften.

Das Pflegeheim meldete sich, als wir gerade einem ersten satten grünlichem Blau über Menninge an den metallenen Fensterrahmen auf der Dachterrasse im siebten Stockwerk auf der Spur waren, mit Skalpell, Köpfchen und Lupenbrille. Ein Umzug könne in drei Wochen stattfinden. Wenn ich das wollen würde. Ich hatte so gehofft, sie melden sich erstmal nicht. In drei Tagen soll ich entscheiden. Wieso, weshalb, warum.

Und dennoch trägt irgendwas durch diese Tage, keine Ahnung, was und warum und wieso.