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immer neu nie mehr wieder

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(Abb.: 2×2 Meter, noch lange nicht fertig, aber mit Lieblingsmalschuhen und linksseitigen Irrlichtern in Bodennähe.)

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es ist ein wenig (einen hauch) zuviel derzeit. ich ersehne ein kleines semi-burnout, um endlich einmal pause zu haben. aber das ist natürlich totaler quatsch. ich will nicht spaßen.

ich will auch nicht jammern. ich hasse jammern, außer manchmal eben, wenn die dinge zu viel werden. ich wünschte mir einfach sechs wochen federkissen, frische luft, ausschlafen, massagen, schwimmen, rennen durch den wald und keine sorgen um die „kröten“. bei vollem lohnausgleich. nach einer „kur“ muss ich jedoch als freiberufler den arzt gar nicht erst fragen. ich wäre nun ja im besten kur-alter, aber kur ist alte welt.

wahrscheinlich würde ich mich auch nach drei tagen langweilen.

„die kröten“, so nenne ich nun liebevoll die kinderschar. die kirschkern bereist irland, danach will sie in einer alten universitätsstadt am neckar studieren. islamwissenschaften, vor allem wegen der sprachen, und gemanistik. meinen segen hat sie, solange sie nicht irgendwann mit kopftuch vor der türe steht. wahrscheinlich wird sie genau dies machen, sollte sie meine zeilen lesen. und seis nur, um mich zu erschrecken. mein return wäre dann, ihr einen pinken burkini zum geburtstag zu schenken. haha.

salman hat eine wohnung gefunden, ab anfang august kann er dort einziehen. noch betreut ein bisschen, bis er einundzwanzig ist. er freut sich auf seine ausbildung zum fachlageristen bei einem örtlichen mittelständler. gabelstapler fahren und waren scannen, lkw beladen. eine männerwelt dort, maschinen, muskeln und aber auch köpfchen, ganz sein ding. er jobbt auch schon regelmäßig in dieser firma. ein plan ist, bald den führerschein zu machen. vor allem den staplerschein. er sagt nun immer „hauptschluss“ zum hauptschulabschluss. das gefällt mir.

in dieser woche beginnen die prüfungen. er fühlt sich sicher, auch, weil er weiss, dass nur wenige aus seiner klasse einen ausbildungsplatz haben. und er, salman, war dort der erste, der einen hatte. stolz sein mag er. zurecht, das ist ok. manchmal ist er ein bisschen zu viel stolz, aber das sei seiner jugend geschuldet.

bahram zögert noch bezüglich seiner ausbildung zum kaufmann. bahram ist ein möglichkeitenjunkie. man muss ihm da mit klarer ansage helfen. ich hörte mich jüngst erst ihm gegenüber sagen: „ein echter mann braucht irgendwann einen beruf!“.

manchmal helfen solche männersachen, pädagogisch, lebenswegberatend. frau mullah sagt mir, „das musst DU ihnen sagen, das muss ihnen ein MANN sagen…“.

und das mir, wo ich doch vaterlos aufwuchs. eigentlich hab ich sowas gar nicht gelernt in meiner jugend. erst jetzt. schon witzig.

ein bekannter herrenausstatter vom rande der schwäbischen alb, wo er vor ein paar wochen ein schülerpraktikum absolviert hat, gibt keine rückmeldung auf seine bewerbung. er könnte das sicher gut dort, die kunden bezüglich klamotten beraten. er hat ein händchen dafür, sehr stylish, immer chique, dabei dezent, mit gutem geschmack und empathie.

oder doch lieber lebensmittel bei einer großen handelskette? da jobbt er nun, auch schon als eine art „probearbeiten“ im rahmen seiner bewerbung zur ausbildung. vor ein paar tagen standen wir neugierig an der kasse dort in der schlange, salman und ich. er macht das wirklich ganz prima. kommunikation ist eine große und schöne fähigkeit von ihm. „sammeln sie punkte?“ grinste er mich freundlich an, mit augenzwinkern, als wir an der reihe waren. und dann „… wollen sie noch geld abheben?“ zuletzt ein „ich wünsche ihnen noch einen schönen tag!“.

fast unglaublich, das denken wir oft. noch nicht mal vor ganz drei jahren erst zog er von afghanistan los mit einem kleinen rucksack.

und dann noch zuletzt die sehr großzügige und tolle möglichkeit einer ausbildung zum industriekaufmann bei einem nicht unbekannten textilhersteller in der nähe. momentan tendiert er sehr dorthin. beim sechswöchigen intensiv-sprachkurs, der als bedingung für diesen ausbildungsplatz genannt wurde, hat er sich schon angemeldet.

in den kommenden tagen jedenfalls muss das alles endlich unter dach und fach sein.

auch bahram sucht eine eigene wohnung. das auch noch. und ein kleines motorrad will er sich kaufen, irgendwann. die pläne purzeln – und das ist auch gut so. eine schöne dynamik. „eins nach dem andern…“ sagen wir ständig. jetzt erst mal den HAUPTSCHLUSS. und dann sehen wir weiter.

frau mullah wechselt zum oktober ihre arbeitsstelle. ein ganz eigenes großes thema, nach vierzehn jahren die geliebte gemeinde zu verlassen. aber so ist das eben bei pfarrers. das fällt schwer und braucht innere beschäftigung mit raum. ganz abgesehen von den praktischen dingen. und dem auszug aus dem geliebten pfarrhaus.

und ich hadere immer noch mit der anmeldung der alten dame im pflegeheim. ob das wirklich richtig war und ist. ich könnte diesen vorgang immer noch stoppen. und wieso kann mir niemand bei dieser schweren entscheidung helfen. wieso wird mir das nicht erspart? wünschte mir geschwister, aber die sind ja auch schon gestorben. frau mullah sagt immer, wir sind nun im besten „sandwichalter“: oben die eltern, unten die kinder. und wir mittenmang. wie der burger im brötchen, nur ohne gurke.

und alle fordern energie. zu recht, so ist das eben. gehört auch dazu zum leben. und wenn dann, irgendwann, alle plötzlich weg sind, dann steht man ja auch da, wie der ochse im leeren haus vorm berg.

bei all dem gibt es ja auch noch die broterwerbsarbeiten. ich danke dem alten nürnberger kollegen für stete anfragen und miteinbeziehung in seine zu verrichtenden baustellen. und ich danke einer lieben kollegin für einige schöne arbeiten in der nähe, bei denen ich in diesem jahr mitwirken kann. demnächst gilt es, die farbliche originalausstattung eines großen hospitals aus den 1950er jahren zu untersuchen. danach dann eine gotische wandmalerei zu konservieren. sowie einige kleinere schöne arbeiten in der umgegend, allesamt interessant. und das schönste, abends kann ich zu hause sein.

und dann die atelierarbeit, die ja weitergehen muss. und will. auch in solch überladenen zeiten. jetzt erst recht. meist in den abendstunden. die innerbildlichen pläne mitsamt imaginationen für jene größere soloshow im mittleren spätherbst sind nun gereift. das alles braucht zeit und einkehr, das geht nicht hopplahopp.

seit zwanzig jahren habe ich endlich einmal wieder knochenleim gekocht. der geruch setzte sich umgehend an alte wohlige synapsen der ausbildungszeit. zwei große rahmen zusammengeklopft, leinwand aufgezogen, die großen feinen marderpinsel herausgekramt.

ich werde die ausstellung „immer neu nie mehr wieder“ nennen. ohne komma oder satzzeichen. das entspricht auch meinem manchmal tiefergelegten sprachverständnis. da fließt dann alles ein. eine runde sache, finde ich, der lauf der dinge, mit wohlwollen und grundsätzlicher bereitschaft für neues bei aller mühsal manchmal. also doch jammern, wenigstens so ein bisschen.

morgen ist dann gemeindeausflug im reisebus nach villingen-schwenningen. abfahrt neun uhr. da geh ich natürlich mit, nicht nur als pfarrmann, sondern weil es freude macht, fröhlich ist und meist sehr lustig. ausserdem soll ich über die kirchen referieren, die besucht werden. vorher muss ich aber schnell noch den wagen zum TÜV bringen. und heute noch, jetzt gleich, wieder rasenmähen und nachher noch den kindergeldantrag bearbeiten, wenn vorher noch quark und nüsse für die alte dame besorgt sind sowie ihr rezept vom orthopäden für krankengymnasik, hausbesuch. also immer neu nie mehr wieder.

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die amseln pfeifen immer noch in der spätdämmerung, während ich hier sitze und notiere, der große knall mit gewitter blieb aus, ein paar tropfen, na gut. blaues licht von draussen, türe auf, die mücken kommen jetzt langsam rein, ich lass sie, denn sie spinnen und das ganze andere, was hier rumkreucht, brauchen ja auch futter. was sollen die spinnen sagen über die meldungen übers insektensterben. an der türe hat sich eine spinne ein sandhäufchen gebaut, ameisen krabbeln hoch und rutschen dann ins spinnenloch, hiessen die nicht irgendwas mit ‚wolf‘? ich habs einmal weggemacht morgens, abends wars wieder da. das fanggebilde. schon vor sechs wochen. nun lass ich sie halt machen.

gestern den rasen, besser nun „die wiese“ das erste mal mit dem elektro gemäht. salman meinte schon, afghanisch sensenerfahren, das ginge langsam gar nicht mehr mit so einem kurzhaarschneider. zuvor aber waren viel zu viele wunderbare pflanzen am tun und blühen und sich anstrengen. einen richtige wiese wars, mit allerlei seltenem mittenmang. lebensraum. „waldbaden“ sagen sie ja jetzt zum laufen durch den wald und das aufsaugen von dem, was der wald sagt. oder meint. therapeutisch seis. na, dann hatte ich wohl genug therapie in meiner jugend. im wald ist es einfach immer schön und aufregend. in einer wiese auch. finde ich immer noch. schult alles mögliche an wahrnehmungen. oder dann an herleitungen. und zuletzt an vorstellungen von einordnungen. vor und zurück, und dann vor.

sonnenbeschienene fleckchen, moos, landschaft, ecken und stille plätze, schäferstündchen. wiesenbaden.

adoleszente blindschleichen, die sich ein bisschen fürchten vor einem. ab und an ein frosch. im wald rennen, denken, trauern, schöpfen. vor allem aber lieben.

ideen.

wieviele ideen mir schon alleine im wald gekommen sind. beim gehen oder rennen. und auf hochsitzen, beim pausieren. beim pläneschmieden oder wiederfinden. oder geschichten zu kleidungsstücken, die ich dort fand. söckchen, hemden, hemdchen, frivole kleine unterhosen.

einmal mit der kirschkern, da war sie fünf, einen schatz vergraben, am ukleisee (toteisbecken). an einer buche. ich würde sie nicht wiederfinden, die buche. gut so.

heut südlich von balingen gewesen, südwestlich. ein barocker kleiner pavillion im garten eines renaissanceschlösschens, mit wassergraben. im pavillion niederländische fliesen, kacheln, fayence. das ganze ding voll davon. gepflegter garten, springbrünnelchen, deren betreiber nicht zu hohe wasserkosten beklagen offenbar. die kacheln teils desolat, durch statische probleme locker und verworfen. behutsames abnehmen und lösen, die kanten bereinigen, abwaschen, sodann wieder applizieren. stets mit kalkbasierten materialien. mal fett, mal dünn. immer alles schön nass. damit sich die dinge langsam biegen und setzen. und nicht zu schnell ihren neuen gegebenheiten erliegen.

unterbauten herstellen – man ist dann immer auch mal ‚Maurer‘ sozusagen – und dann alles geradebiegen und die fugen schön. heute nacht soll alles trocknen, oder zumindest „anziehen“, so dass morgen die letzte oberfläche gestaltet werden kann. geglättet. heute hinterfüllt, hinterspritzt mit spritze. und sanftem sämigen material. um von hinten stabilität zu schaffen. kleinteilig oft. hat man ja gelernt.

„Ich könnt‘ das nie!“ sagen die wohlwollenden besucher des unterstützerkreises PAVILLION. sinngemäß. „So viel Geduld braucht man da!“. wie oft hab ich das schon gehört. und immer freundlich. auch immer freundlich dann die antwort: „Na, deshalb sind wir ja da.“ auch heute.

in der nähe vom pavillion ein freibad mit kreischenden besuchern den ganzen tag. da ich kein freibadliebhaber bin, nie war, machts mir nichts aus. abends heute merk ich meine knie. den ganzen tag auf knien. obwohl die ja noch ok sind. aber heute abend muss ich füsse strecken. und zehen spielen lassen. morgen gehts weiter.

allerlei neuigkeiten im privaten. und Bahram braucht noch einen ausbildungsplatz. oder eine zusage, dass er die schule weitermachen kann. alles in den nächsten 4 wochen. im november habe ich eine ausstellung in großen räumen und ich weiss noch nicht, ob ich großformate oder kleine werke zeige. ich hätte große lust auf grossformate. aber die gibts neu noch nicht. dazu: ich habe die alte dame in einem pflegeheim angemeldet. nach monatelangem verschieben. herz so schwer, dass ich es kaum tragen kann. wieso wird ausgerechnet MIR diese entscheidung zugemutet? wieso kommen nicht tod oder leben vorbei von alleine? wie sonst ja auch.

na, egal. ist eben so.

zeit, in den wald zu gehen und schäferstündchen. und wie gerne würde ich wieder anonym schreiben. aber alles ist eine große aufgabe, die sich zu verschmelzen im walde und auf heide lohnt. muss wohl. neben dem plätschern der quelle aus erinnerung, lenden, krimskrams, arbeit, geld und vorstellung von idee. mit farbe und material. so werd ich das schon hinkriegen. wir hier alle. das weitere jahr wird voll werden. immer an der wand lang.

in meiner vorstellung ein großes warmes orangenes irgendwie sinnliches OVAL, händisch gewollt unvollkommen, mit wässrigem bindemittel auf mit erwärmtem knochenleim stabilisiertem baumwollstoff-NATUR im quadrat 140×140, darüber allerlei ölige subjektive zitterlinien mit fettem breitpinsel (links schwarz, rechts weiss, dazwischen ocker, beispielsweise). als anfang, wenigstens. anfang von monumental, drunter könnte kontrolliert stehen „fresse“ oder „Wald“. oder nichts. monumental hat mich nie wirklich interessiert, Sinn im Bildwerk dagegen immer.

so gehts mir gerade. und morgen noch die barocken goldleisten einfummeln. retuschieren. danach auf sonnigen lichtungen irgendwo, im moos den bauch und alles in die halbsonne und dann würstchen grillen am waldrand, nichthalal und halal. immerhin ist ja ramasan jetzt und senf passt immer.

grosses Wort: SENF.

gespiegelt

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Gleich mehrere Dinge spiegelten sich, würden sich spiegeln, sollten sich also spiegeln. Zum einen das Linksfahren, per se. Eigentlich kein Thema, so für sich allein. Ich war ja schon ein paar Mal im Angelsächsischen mit dem Auto gefahren, einmal sogar mit einem orangefarbenen Kleinbus. Allerdings mit einem Kontinentalen.

Dann aber, dazu, das rechts sitzen und steuern. Die rechte Hand hier so, wie sonst die linke: Wertlos, arbeitslos. Und daher also noch eins drauf: Links schalten. Mit der linken Hand. Und zwar nicht etwa gespiegelt, sondern doppelt gespiegelt. Mit einem Arm, der gewohnt nichts tut, ausser seinen Ellenbogen auf die Fensterschwelle zu legen. Lässig. Und dann der gewohnte Blick in den Innenrückspiegel, rechts oben, mittig? Pfeifendeckel, Fehlanzeige. Hier natürlich links oben, mittig. Und alles immer gleichzeitig. Mit der linken Hand die Gänge schalten, und zwar links vorne der erste Gang, links unten der zweite. Und so weiter. Gelernt und im Kleinhirn verinnerlicht ja Gleiches mit der rechten Hand. Also nicht etwa tatsächlich gespiegelt: Konsequent wäre gewesen, mit der linken Hand den ersten Gang rechts oben einzulegen, den Zweiten rechts unten und so weiter. Nichts von alledem.

Dazu noch ein französischer Beinahe-SUV mit einem komischen Namen. Und nicht etwa ein Kleinwagen, den inselüblichen Straßenbreiten angemessen. Dazu eine fehlende Kaskominderung. Sie hätten wollen für eine Reduzierung von 2000 auf 500 geseifte 234,00 für 8 Tage. Im Internet klang das noch anders. Auf 300 geschlagene 350,00. Für 8 Tage, zur inneren Beruhigung. Also vertrauten wir Gott und ließen es bleiben, den teuren Schnickschnack.

Dazu: Keine Handbremsen gibt es mehr. Schlimm. Ich wusste das noch nicht. Stattdessen einen schön beschrifteten Knopf. Die Jungen nennen das jetzt wohl „Anfahrhilfe“? Einen eigenwilligen Knopf. Mal löste er die Bremse, mal nicht. Beim Anfahren oder beim Rückwärtsfahren. Den Gang herausnehmen oder mit dem Fuß die Fußbremse antippen. Mal funktionierte das, mal nicht. Lieber nicht am Berg anfahren, die Devise. Und auch die Getriebe scheinen jetzt sich selbst schützend: Mit Gewalt geht gar nichts. Man musste zum Stillstand gekommen sein, um den ersten Gang einzulegen. Oder schnell einmal den Rückwärtsgang. Der Wagen schrieb einem Ruhe und Lässigkeit vor in unruhigen Zeiten.

Beim Öffnen der Türen ein Geräusch, als würde James Bond einen Großrechner aus Atom hochfahren.

Und dazu die schmalen Sträßchen und die linken Bordsteine. Als aufmerksam engagierter Beifahrer oft der Hinweis, etwas mehr mittig zu fahren und nicht zu weit links. Oder die entgegengesetzte Beobachtung, dass „das mit dem strassenmittigen Aussenspiegel und dem Kotflügel des soeben passierten LKW“ doch recht knapp war. So ein Aussenspiegel käme bestimmt auf 800,00 in seiner Erneuerung. Dachte ich öfters und schaute dann lieber weg im Übersprung in die schöne Landschaft, mich in die Schweißhände des heiligen Patrick begebend.

Für das Kleinhirn und fürs Jungbleiben und flexibel war das bestimmt alles gut. Man soll ja auch zu Hause ab und an die Dinge seitenverkehrt angehen, zum Beispiel Zähneputzen mit der linken Hand. Ich kann übrigens auch minutenlang auf einem Bein stehen, ohne umzukippen, alles kein Problem. Aber ich mag keine Scheibenwischer, die von alleine angehen. Und sogar schneller wischen von alleine, wenn es stärker regnet. Das alles macht mich kirre. Ich will das selbermachen, wenigstens diese letzten selbstbestimmten Dinge, die es überhaupt noch gibt.

Die Köchin meinte mehrfach, ich würde nun wohl alt werden. Obwohl auch sie weiss, dass ich minutenlang auf einem Bein stehen kann. Kann schon sein. Alt und trotzig. In meiner Verachtung für Ingenieurskunst, die die sich selbst findenden Pfade vorgibt. So also fuhr überwiegend sie, die Köchin, den ausgeborgten Wagen und hat sich gleich mehrere Orden verdient. Alles ist gut gegangen. Ich war so froh, als wir dieses fahrende Ding endlich wohlbehalten am Flugplatz abgeben konnten.

Um danach am Flugschalter SELBER das Gepäck aufzugeben. Na geht doch, dachte ich. Nur eben spiegelverkehrt.

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Dublin, Galway, Lisdoonvarna, Kilrush, Killarney, Cashel, Cahir und Greystones. Und noch viele andere wunderbare Orte. Bei schönstem Wetter. Aber die Reise an sich, das wäre eine andere Geschichte.

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Stattdessen, noch im Urlaubsland, Nachrichten der Muckenschissfraktion. Nun ja, der Muckenschiss hat Millionen Menschen jüdischen Glaubens in den Tod vergast, der Muckenschiss hat 60 Mio. weitere Leute umgebracht, der Muckenschiss hat übrigens auch meinen Vater umgebracht, weiterhin hat der Muckenschiss mir MEIN Ostpreussen genommen und der heutige Muckenschiss lebt mittlerweile wieder von Steuergeldern (wie kann das sein?), auch sogar wenn er (der heutige Muckenschiss) ungestraft sagen darf, er „will auf Gräbern tanzen und auf Leichen pissen“ und er könne es kaum erwarten, dies zu tun, wieso bitte sollte ich da noch mit solchen Muckenschissleuten reden, nur weil diesen Muckenschiss 5 Mio. Leute wählen und es immer heisst, man müsse mit denen reden, weil sie ja demokratisch legitimiert seien? Ach geh mir weg. Geht mir weg, ihr 5 Millionen und hängt euer geheucheltes Kreuz tiefer, sollte irgendwas in euren Hosen vorhanden sein neben den eurigen Taschen voller beim Discounter gespartem Geld. Und eure angebliche Bildung, mit der Ihr ja mehr als gelegentlich kokkettiert, hätte der Muckenschissmörder euch ohnehin niemals finanziert. Eure Späßchen sind vorbei, vor allem die gespiegelten.

9. Mai 2018

Heute kam, nach neun Monaten, die Ablehnung des Asylantrages per Post. Schon die zweite nun in unserem Haushalt. Danke, Politik, Danke Afghanistan-Deal, Danke allen, die Willkommenskultur predigten, aber nicht für Bleibekultur sorgen. Und Danke auch allen anderen Entscheidungsträgern, die zwar zum Urlaub ins unsichere Herkunftsland Mahgreb fliegen, ihre freien Tage jedoch merkwürdigerweise niemals am schönen Hindukusch verbringen würden wollten. Der junge Mann ist trotz baldigem Hauptschulabschluss, hervorragendsten Integrationsleistungen und einem bereits unterschriebenen Ausbildungsvertrag am Boden zerstört. Nein, so etwas macht man nicht mit Menschen. Wir hoffen sehr, dass es uns gelingt, ihn innerlich wieder aufzubauen.

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Kompost

Seltsame Blüten, da gratulieren bei Zuckerberg Leute Leuten zum Geburtstag, obgleich die beglückwünschte Person vor bereits einem halben Jahr verstorben ist. Sogar „herzlich“. Oder sie wünschen schlicht „Best!“. Mit Ausrufezeichen, gar aufpoppenden Herzchen. Es sind ja oft diese kleinen Erledigungsfallen, gerne im Prominentenzusammenhang. Zeigen, wen man kennt. Auch wenn man nicht beachtet. Die Info übers Ableben ist eben durchgerutscht. Und noch schlimmer: Diese Peinlichkeit interessiert niemanden. Schön finde ich das nicht. Nicht nur, weil es sich nicht gehört.

Dazu: Alle geben ja jetzt ihre Auszeichnungen zurück, die Musiker ihre Echos und die Giftgasdiktatoren die Medaillen der Fremdenlegion. Auch ich gebe nun meine sämtlichen Preise und Medaillen hiermit alle vorbeugend zurück. Bevor sie mir noch aus irgendeinem Grund aberkannt werden. Das wäre ja noch schöner. Gegen moralische Zweitverwertung lässt sich ja nichts einwenden.

(Und wer lässt sich heute schon noch verprügeln für seine Überzeugungen.)

Am vergangenen Sonntag, nach einer langen Zugfahrt auf Gangplatz ab Südkreuz, gewollt und selbstentscheiden ohne weitere Beschäftigung über sieben Stunden, als dem reinen Nachdenken und endlich einmal ziellosem Dösen, dachte ich in mein kleines Kopftagebuch hinein:

„Imgrunde habe ich mein ganzes Leben lang meinen Bauch eingezogen.“

Egal, ob ich gerade einen kleinen hatte, oder ob ich, in anderen Jahren, aussah, als wäre ich irgendeiner Kriegsgefangenschaft frisch und mit erheblichen Mängeln entlassen.

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Der Satz mit dem Baucheinziehen gefällt mir. Weil er so schön nach Kulturtheater klingt und nach inszeniertem Lebenswerk. Wie ein Selfie voll mindestens doppelt gebrochener Weisheit. Und weil er so blöde ist. Am Ende und durchgedacht, genudelt, im Pansen. Haarscharf an einem Horizont vorbei, den ich nicht will. Und den ich nicht mag. Und andererseits, weil es stimmt. Das mit dem Bauch. Eine Art Anzug, vielleicht meinem Alter entsprechend. Kein weisses Hemd, eher vielleicht ein schlichtes Langärmchen mit V-Ausschnitt, ohne Allüre oder Linkswaschen allerdings, bitte.

Ich bin nicht reif, höchstens vielleicht gereift. Aber ein Apfel bin ich auch nicht oder eine Birne. Wenn man gereift ist, dann gehts nicht weiter, dann fällt man irgendwo runter. Im besten Fall wird man dann von Irgendjemandem eingesammelt. Zu einem Zweck, bei dem man nicht mitreden konnte. Immer, wenn ich eine Birne werden sollte, dann habe ich die kurz vorher in eine Hecke geworfen, halbgegessen. Das Kernhäuschen der kleinen Äpfel ebenso. Gematscht, gespuckt. Auch die grüne Mitte von Karotten. Ich mochte mich so ungern auflesen lassen.

Gespuckt in irgendeinen Winkel, seis Natur, seis Bolzplatzgrün oder auf Hänge von Gleisen. Wahrscheinlich lebe ich deshalb noch. Wegen der fehlenden Wertschätzung von Sinn. Meiner gesteuerten Gesamtverweigerung von Erkenntnis. Und so soll es auch bleiben. Nur so funktioniere ich. Krieg ich Luft. Im Baucheinziehen oder Rausstrecken. So einfach scheine ich geschaffen worden zu sein. Oder eben offenbar gedacht, geplant, angelegt: Irgendwas mit Kompost.

Ich verneige mich und meinen Bauch vor diesem Mulch, woher auch immer dieser rührt, für den ich nichts kann. Ich habe keine Ahnung. Selbst mutzumaßen weigere ich mich aus Demut. Zuletzt denkt man dann ja an Spirituelles. Schwamm drüber, Glück gehabt. Einfach weitermachen. Aber wenns mich mal erwischt, dann soll keiner mir mehr zum Geburtstag unter die Krume gratulieren. Und schon gleich gar nicht im Gottesacker Internet.

würd ich twittern

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(…)

Würd ich twittern, würd ich twittern: „Ist ja schon eine Hübsche, die Tochter von diesem russischen Doppelspion.“

Ich twitter aber nicht. Über Ostern pflege ich die alte Dame nun eine Woche lang. Sie wird immer schwächer. Manchmal bin ich jetzt ihr Mann, manchmal ihr Vater. Und manchmal ist meine Frau nun ihre Schwiegermutter. Aber nur manchmal. Meistens ist ihr Geist klar wie Glas und Kloßbrühe.

Sie kaut den ganzen Tag lang ungesalzene Erdnüsse, Butterkekse oder Weintrauben, die sie aus den kleinen Schälchen an ihrem Wohnzimmerplatz ertastet. Sie hat die Augen meist geschlossen, das Kauen ist eine Art Mantra für sie. Sie kaut auch, wenn sie eigentlich gar nichts im Mund hat. Und schaut dann ab und an mit ihrem verbliebenen einen Auge über die Terrasse hinüber zur blauen Mauer, den dunstig schimmernden schönen Linien der schwäbischen Alb in der Ferne. Vorbei an dem alten Vogelhäuschen, einst für sie gebaut vom Wagnermeister Gustav, der sich sogar noch erinnern konnte, dass die Leute im Dorf anfangs meinten, die Milch würde sauer und die Kälber missgebildet, wenn man die Kühe mit der neuartigen Eisenbahn transportieren würde. Das muss sehr lange her sein.

Denkt an Cuxhaven, ans Heidelberg nach dem großen Kriege, an Hamburg und an Pillau in Ostpreußen. Und an Kiel und an Berlin, dort vor allem an Lankwitz. Und wie ihr Papa, der Haudegen von der Marine, es nicht schaffte, ihre Lieblingspuppe aus dem zweiten Stock vor den Flammen zu retten nach einem vermutlich englischen Luftangriff auf die S-Bahngleise, bei dem auch das nahestehende Mietshaus abbrannte. Und wie ihm dann das Metall der vor Hitze schmelzenden Dachrinne auf die Marineschirmmütze tropfte und er nur deshalb davon kam, weil er eben diese Schirmmütze trug.

Viel später war ich oft mit der Kirschkern im Stadtbad Lankwitz, kaum zwei Steinwürfe vom damals abgebrannten Areal entfernt. Es heisst heute „Bernkastler Platz“ und ist ein Pärkchen. Früher hieß es „Im Rosengarten“. Dahinter die Bruchwitzstrasse. Man sieht noch vom Satellit aus, wo das Gebäude einst stand. Heute vielleicht ein kleiner Fussballplatz, wo einmal ein Kleinkind am Rattengift tragisch verstarb. Immer diese Orte.

Und denkt an ihren Mann, der schon seit zweiunffünfzig Jahren nicht mehr da ist. Sechs Jahre lang waren sie verheiratet gewesen. Richtige Mahlzeiten gibt es für sie nicht mehr. Höchstens, die Kirschkern und die Familie kommen hinauf zum Waldrand mit dem Essen aus dem Pfarrhaus, auf Rädern und aus Kisten. Schnell ist dann der Tisch gedeckt, damit nichts kalt wird. Sie isst auch dann kaum etwas, genießt aber die vielen Stimmen. Das ist das schönste, sagt sie, die Stimmen und das Palavern, gerne auch durcheinander.

Morgen früh fahre ich sie ins Krankenhaus, wo dann ihr Blut irgendwie aufgefrischt werden soll. Ihr Hämoglobin ließe zu wünschen übrig. Deshalb fällt mir das alles gerade wieder ein. Man weiss ja nie, was übermorgen ist. Und auch, weil es jetzt so oft so traurig ist alles. Dabei doch so reich.

Ich wiederhole mich mit diesen uralten Geschichten. Das ist nicht gut. Daher plane ich, bald auch einmal die Story dieses kleinen Glassplitters endlich aufzuschreiben, der mir seit bald einer Woche schmerzlos aus der rechten Hand wächst. Wie in fast jedem zweiten oder dritten Frühling.

Solche Vorgänge sind mir eher fremd und ungewöhnlich, weil ich ja schon als Kind, hinter der vorgehaltenen Hand einer Lieblingsnenntante ungeklärt halbadliger Herkunft, hörte, dass grausame Berichte über nach Jahren der Wanderungen im Körper wieder auftauchende Glassplitter schlicht Erfindungen von meist geheimen politischen, medizinischen oder religiösen Verschwörungen seien, die den klaren Fortgang der Welt mit solchen Erzählungen missbrauchend beeinflussen wollten.

Es war ein heisser Sommer im Ungarn von 1990, im kleinen roten Peugeot, als die Mineralwasserflaschen noch ausnahmslos aus Glas waren. Ich trug Sandalen und stolperte über eine Bordsteinkante am Donauknie mit zwei solcher Flaschen in den Händen. Würd ich twittern, ich würde jetzt also im Übersprung twittern: „Ist ja schon eine Hübsche, die Tochter von diesem russischen Doppelspion.“