#18.9.2019

Horse

Der thüringische Steinmetzcapo weisst mich darauf hin, dass ich hätte fragen sollen, bevor ich einen Eimer Schutt in offenbar ihre Mulde geschüttet habe. Er hat mich quasi ertappt, dabei gab es eigentlich gar nichts zu Ertappen. Ich dachte beim Entsorgen, es wäre die allgemeine Baustellenmulde. „Kein Problem, aber beim nächsten mal einfach vorher fragen, ja?“ Natürlich hat er Recht. Ich mag den Dialekt sehr.

Die blaue Baustellenmulde steht hinter der Steinmetzmulde. Das hat mir heute der Rohbauer gesagt, in breitem Bayrisch. Ich mag auch diesen Dialekt sehr. Ich könne da alles reintun, er würde es auch mit dem Kran abholen, aber bitte bloß Baustellenschutt, kein Plastik, kein Papier. Logisch.

Und dann dieses selbsterklärt romantisierende Weichei. Dieser nette Onkelpapa mit seinem seitengescheitelten Namen, der auch mit „H“ anfängt. Immer am Jammern. Ein Sensibelchen, wie alle aus dieser Truppe. Sehr undeutsch. Immerhin entstamme ich alten biodeutschen Haudegenfamilien, blond und blauäugig. Mein Großvater war Kapitän-zur-See und Festungskommandant von La Pallice, da ist mir natürlich in Wiege und Milch gelegt, nicht ständig rumzuheulen, sondern gefälligst die Arschbacken zusammenzukneifen, wenn’s mal ernst wird. Sie sollten sich schämen. Nazis von heute sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren.

in weikersheim im hohenlohischen mir den kopf an einem gotischen wasserspeier oben am kirchturm angehauen, im haupt und landesgestüt marbach auf der schwäbischen alb gewesen, inmitten stuttgarts gewesen, kunstwerke ausgewählt und in eine alte kiste gepackt, dabei überlegt, wie man mit einem SUV eine ampelschlange zu überholen es überhaupt nur andenken kann, wenn man einen epileptischen anfall hat oder dieser sich ankündigt, aber tote sind dann eben tot und man kann sie nicht mehr lebendig machen. am nächsten tag den schorf am kopf angepult, dann auf die finger gehauen deshalb, finger dabei verletzt. egal, haudegen. haare geschnitten. welche haare? neugierig darauf, welche meiner erotik-abblidungen wohl in einem buch ggf. zur verwendung ausgewählt wurden, aber kann man denn überhaupt noch schweinkram abbilden im älterwerdungsprozess, als männchen? ohne ausgelacht zu werden? als älterer XY musst du graue schläfen haben und darfst vor allem nicht über’s geld reden. schweigen generell ist gut. als ‚alter mann‘ ist man ja fast grundsätzlich und ganz schnell ein alter sack. insbesondere, wenn weiß an gesicht und bauch. auch, wenn man alte anstatt junger brüste abbildet, zum beispiel. nur ganz manchmal. ich erinnere mich gut als mitte-zwanzig. auch als mitte-dreißig (ff.). eigentlich ist es heute gar nicht so sehr anders, das grundgefühl. neugier eben, nur jetzt ein paar falten mehr und weniger haare, außer in den ohren. und etwas langsamer. dafür weise und überlegter. man kann ja auch landschaft oder fahrzeuge abbilden, anstatt brüste. man kann einfach alles abbilden! das war vor langer zeit schon eine für mich überwältigende erkenntnis, ganz am anfang meiner abbildungs-wunschausbildung: dass man einfach ALLES abbilden kann, immer und überall. jede kleine vermeintlich unwesentliche ecke, die man betrachtet, kann die ganze welt zeigen. ein leben lang. diese bildnerische unerschöpflichkeit der schöpfung, ein großes geschenk.

der beste saxophonist, den ich kenne.

ein schönes interview.

und bäume – kleine bäume, großes gestrüpp – gefällt am waldrand, kettensäge. diese gegen abend noch kleingemacht und geschützt gestapelt vor dem küchenfenster. „gebeugt“ sagt man im schwäbischen. beim sägen so vor mich hin fiel mir das wort „Bordsteinschwalbe“ wieder ein. vor dem küchenfenster hat sich in einer abgeblühten rosenblüte eine kleine junge kreuzspinne eingenistet. sie mag’s natürlich, wenn ich das küchenlicht abends in der dunkelheit anmache. vorgestern ein größerer weisser nachtfalter, den sie eingespinnt und sich aus dem netz zu ihrer bleibe hinaufgezogen hat am faden. fast keck nur eines ihrer noch hellen beinchen tags herausgestreckt, als wenn sie diesen platz ganz und gar genießen würde. bestimmt ist es ein weibchen, das verrät ihr gestus. ob wohl ihr herz groß ist? kaum. warum auch.

Das Herz des asiatischen Grillfräuleins, welche mich immer mit „Hallo, junger Mann…“ anredet, wenn ich ihr den Bon über die Grilltheke hinüberreiche, ist groß. Schon mehrfach hat sie mir in einem unbeobachteten Moment vier anstatt drei Bratwürstchen in’s Brötchen gelegt, ganz diskret, so, als wenn nichts gewesen wäre. Herzlichen Dank dafür!

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