1523

1523

Beim Weinhändler verköstigend rundum erörtert. Die Herbstgeilheiten fangen jetzt wieder an. Merkt man an den Blicken und dem Fußgewippel unten am Stehtisch. Und dem Fingerausspreizen mit Weinglas. Und die Armbanduhr klackt öfter auf den Tisch oder sonstwas. Sowie an den feinen Stimmlagen zwischen unzusammenhängenden Balzsätzen.

Beim Bratwurstfritzen sitzen am Nebentisch zwei Russen im Gespräch, der eine graublond langhaarig meliert mit Turnschuhen und souveräner Kotelette, mein Alter, sicher Geheimdienstleute mit Kontaktgiftmordplänen, mir aber egal. Kaufe zwei Dosen Sauerkraut und fünfzehn Würste zum Verschenken. Grüße die Spione beim Gehen freundlich, die schauen mich aber nur komisch an. Schnell weg.

Einen kleinen trommelschlagenden Engel vorsichtig aufgedeckt, sowie eine Jahreszahl. „1523“. Hat man gerne, kommt ja nicht so oft vor. Habe 100 weitere Skalpellklingen bestellt und bereits postalisch erhalten. Beim Gang in den WC-Container der Großbaustelle ebendort den Toi-Toi-Kalender 2018 im Hinterzimmerchen liegen sehen. Keiner hängt ja sowas noch auf. Traut sich niemand mehr. Dabei im Grunde so rührend harmlos ggü. dem, was wirklich zu sehen ist heutzutage, wenn man das denn sehen will. Es gibt viele Malocher, immer noch, die kruppen den ganzen Tag, irgendwo in der Ferne, wochenlang. In Bauberufen. Um das Geld dann nach Hause zu tragen zur Frau und Familie. Monatelanges Wohnen in Containern oder irgendwo in billigen Monteurspensionen. Für diese und deren Sehnsüchte sind solche Kalender da. Solche Träume eben. Damit sie wenigstens wissen, wofür sie kruppen und ihre Körper runterarbeiten. Männer haben ja einst die Maschinen auch nur erfunden, damit sie schneller bei der Frau sein können. Um dann zehn Jahre früher zu sterben. Diese Kalender sind also quasi Überbrückungskalender. Übersprungskalender anderer Arbeitswelten. Da sollte man auch nicht rummachen oder zu sehr pingelig sein, finde ich.

Erinnere mich an die Fernsehbilder, als die britische Flotte zum Falklandkrieg die heimischen Häfen verließ. An der Pier standen die Ehefrauen der Matrosen und viele entblößten ihre Brüste als liebevoll flehendes Abschiedszeichen: „Komm‘ bitte wieder!“ Niemand hat sich meines Wissens damals aufgeregt. Im Gegenteil.

„Der schöne Bernd“ legt sich mittags auf eine Klappliege vor den Pipi-Containern im ehemaligen Pfarrgarten und döst. Rohbauer haben es nicht leicht. Sein Kran dümpelt solange in der Sonne, wahlweise Regen. Wenn der Kran läuft, dann macht’s „surr – surr“. Unten steht eine Kiste Bier. Wahrscheinlich alkoholfrei, alles andere ist ja verboten. Derweil die Dachdecker oben ihre Biberschwänze verlegen und mühsam auf Altbau zusägen. Bei Regen machen sie Pause. Mit dem thüringischen Steinmetz-Capo aus Erfurt über ihren Mitarbeiter Youseff aus Marokko geredet. Dieser glaube nicht an die naturwissenschaftliche Schöpfungsgeschichte, berichtet Capo. Beten tut er abends, die fünf Mal holt er dann nach, das geht irgendwie, auch auf Baustelle oder in Pensionen. „Jeder soll glauben, was er will. Ich glaub‘ an nichts“, sagt er nett. Ich stimme ersterem zu.

Für 18 mal 18 cm ungefähr drei Stunden gebraucht. War länger nicht. Penibel und mit Stirnlupe bewaffnet. Dazu auch noch eine alte Elektroleitung ausgebau, die mitten durch den Altbestand führt. Es gibt viele solcher Schlitze, die sich durch bedeutende historische Malereien oder aufwändige Dekorationen ziehen, leider. Sehr schade, oftmals. Aber woher sollten die einstigen Elektriker auch wissen, wo hinein sie da ihren Schlitz fräsen und legen? Überlege, ob der für diesen Schlitz verantwortliche Handwerker wohl noch lebt. Und was er erlebte. Wirtschaftswunder? BMW-Isetta? Und vorher Kriegsverbrechen?

Staubig ist es. Wieviel Staub ich wohl schon eingeatmet habe bei dieser beruflichen Tätigkeit über die Jahre. Und wieviel giftiges Auripigment oder Zinnober und dergleichen. Eigentlich mag ich Staub. Und renne nicht gleich weg, wenn’s irgendwo bröselt. Eher fühle mich dann immer dazu berufen, aufzukehren. Vielleicht sollte ich das, spätestens jetzt dann langsam mal, tun: Das Einatmen von Stäuben zu vermeiden. Der Mensch aber lebt ja nicht von Luft allein.

Am Arbeitstisch im Atelier derweil neue kleine Arbeiten, die mir immer undurchsichtiger werden.

4 Gedanken zu „1523“

  1. Dass kleine Arbeiten undurchsichtig werden können oder sogar sollen, ist ein großes Glück. Denk ich mal so. Wo doch sonst alles immer so durchsichtig und staublos sein muss.

    Schöne kleine Momente von so Männerwelten.

  2. Zwischen all der Empörung im Netz auf einen solchen Text zu stoßen, stimmt mich versöhnlich. Gäbe es mehr davon, Frieden könnte mehr sein als ein schöner Traum. Danke. Jetzt schnell das Internet aus und in dieser Stimmung in den Tag starten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.