E. Oldenbourgh

sie ist noch durch die elbe in den westen geschwommen, anfang der fünfziger. und sie hat gerne getanzt. „kann ich nicht, das gibt es nicht!“, so wurde sie mir einst beschrieben …und will ich nicht, schon gar nicht!. das bitterfelder kriegsbrot ihrer eltern wurde abgewogen, gleiches für die kinder wie für die erwachsenen, da war preußische klarheit, überall. ich lernte sie kennen aus erzählungen in aufarbeitender ablehnung ihrer einen tochter von vieren. ein paar jahre später dann persönlich, als das achte und letzte enkelkind halbjährig am kellersee vor ihr lag in meinen armen. ihr „oh, gute gene! eine echte oldenbourgh, braune augen zu blondem haar!“ werde ich nicht vergessen. ich selbst habe übrigens blaue augen und hieß nie oldenbourgh, soviel zu meinen genen. eine kleine nebensächliche verletzung ihrerseits, die nur durch vehementen humor und solidarischen gutglauben gemeinsam mit der kirschkernmutter wettgemacht werden konnte. „alles schon gehabt!“ sagte sie oft zu ihren kindern, auch der vierten, als diese lebte, heiratete und gebahr. es war mir aufgabe einst, ihrer jüngsten wenigstens einen teil gegenteiliger empfindungen zu mitteln (ob es mir gelungen ist, ich weiß es nicht). auch mein beruf war ihr – als wissenschaftlerin der natur – wahrscheinlich suspekt. vielleicht hatten wir zu wenig austausch, das mag sein. zu wenig gelegenheiten, denn sehr scharf- und freidenkend war sie allemal. vielleicht aber hat ja auch nur die chemie, ihr fach, nicht recht gestimmt zu der meinigen, wirklich kennengelernt habe ich sie jedenfalls nicht. ich hatte nur immer mit ihren auswirkungen und den wirbeln, die diese hinterließen, zu tun. der späte krieg mit ihrem mann hatte damals, kurz vor meiner zeit, die familie fast zerrissen und ich fand mehr anknüpfungen bei jenem, zumal dessen schicksal dem meines vaters in vielem glich. sie hat mich gleichwohl bis zuletzt als ihren vierten schwiegersohn bezeichnet, auch wenn ich das auf dem papier nicht mehr war. das danke ich ihr und auch das werde ich nicht vergessen. ich glaube, sie war ein mensch, der mit sicherheit wiedergeboren werden wird, werden muss!, denn zu vieles in ihr scheint mir ungeklärt, vielleicht unglücklich und letztlich unverstanden. als sie gestorben ist am letzten mittwoch, da stand ich gerade in petzow an der bank am see und schaute über diesen und mir war so, als wäre etwas. erst gestern erfuhr ich von letztem mittwoch. lebe wohl, E., ich könnte mir gut vorstellen, wir sehen uns wieder und das mal-eine-rauchen werden sie im himmel ja wohl nicht auch noch verbieten.

heilstätten usw.

seddin

vorhabe, nach lettland zu reisen. wie immer irgendwann. das mit dem bier und dem schnaps kann ja auch klappen, ohne schimmel. funktionieren. ich funktioniere ja auch, und zwar gerne. alles funktioniert noch bei mir, ein weiterer vorteil. anderswo wird auf den tod gewartet, es ist schrecklich, wenn er so angekündigt ist. ansonsten sind ferien, der kirschkern faltet rechnungen im vorharz und meine träume verlaufen angenehm und fast vortrefflich. nur ein wenig misstrauen ist noch da. ich steh‘ am hafen und kann die englische küste schon seh’n. ich freue mich immer, wenn ich wie früher bin. dann hört das endlich auf mit dem „aber eigentlich war ich doch ganz anders!…“. in der cuvrystraße hat früher ein jugendfreund gewohnt. das war in der zeit, als die talking heads so richtig loslegten und es toll war, wenn man dächer begrünt hat. ich finde rasen auf dem dach blöd, schon mal aus prinzip. vor ein paar tagen habe ich einen transport aus der cuvrystraße in die ritterstraße getätigt, einfach so aus dank und gutem willen dem gegenüber, was zukunft ist. ich erinnere das drachensteigenlassen mit dem kirschkern am görlitzer bahnhof und kein wind war da, aber schön war’s trotzdem und wenn dann der drachen auf die kampfhunde niederging, das war spannend. mir ist wieder so nach klavierklimpern in leeren nächtlichen großen räumen, nur diesmal mag ich es kaum glauben, dass die vorzeichen andere sind. in reichweite nervenenden. es gibt ja reibemenschen und es gibt nervenendenmenschen, typ punkt und typ fläche. ich bin eher (so) typ punkt. spitz, statt flach. und unvermittelt regnet es tröpfchen. man muss sich wohl erst zurückziehen und alles vollständig beenden, das ende offen, damit der regen wieder fällt. das ist wie das mit der englischen küste: gespieltes losrudern in die hohe see mit hafen in aussicht, das geht eben nicht. ohne kentern keinen lohn. und dann musik mal wieder laut aufdrehen, auch in alten immobilien und mit knisterndem vinyl. die haare kurz, korrekt und die polder in der hand. die frau von getränke hoffmann schaut mich heut‘ erstmals so an, wie ich es mir vor ein paar jahren immer gewünscht habe, als es mir so unglaublich wichtig erschien. überhaupt: die beständigkeit getränke hoffmanns über die jahre. so einfach geht das, wie musik machen, punkt auf fläche (und dann ein wenig dauer dazu). es ist eigentlich alles ganz einfach. die einfachheit macht mich maulhalten. ich glaube, ich habe das alles irgendwie überstanden. das gefällt mir. und jetzt sitze ich auf meinem korbstuhl (toskana-living) und kann die kleinen geknäulten aluminiumknödel endlich in einen sand schnippen, den es nicht gibt. den gab es nie, diesen sand. meine güte!

verzweigelt

In der Kirche wird es jetzt wieder kälter. Ungewöhnlich für die Jahreszeit. Der Weinhändler überlegt, Glühwein auszuschenken. Wir überlegen beim Weinhändler, ob wir ein Kerzlein anzünden und Lebkuchen essen. Vor einem Jahr, erzählt der Weinhändler, habe er schon 25 mal Außenbestuhlung gehabt, er hat es sich notiert. Heute 7 Grad, wie an Weihnachten im letzten Jahr, wir überlegen, ob wir Bescherung beim Weinhändler machen mit Geschenken und Liedersingen. Das Schlimmste aber: Über das Wetter zu reden und zu schreiben, so die Runde einvernehmlich beim Weinhändler. Ich habe mir eine Kiste Blauen Zweigelts mitgenommen und auf dem Fußweg nach Hause gleich im Wagen deponiert. Draußen haben währenddessen zwei Polizisten den rotmetallischen Jaguar des netten Immobilienmaklers aufgeschrieben, er hatte im Halteverbot geparkt, um noch schnell beim Weinhändler ein Glas Blauer Zweigelt zu nehmen. Alle beim Weinhändler trinken gerade den Blauen Zweigelt, alle Männer jedenfalls, und alle, auch die Damen, schimpfen über das Wetter. Auf dem Heimweg vom Wagen in die Gasse fällt mir dieses schöne Lied wieder ein:

das feuerzeug mit dem nackigen motorradbrautaufdruck ist jetzt leer. heute eines gekauft, worauf in großbuchstaben „FRANKEN“ geschrieben steht. mein zippo liegt benzinlos in nkn. die C. hat sich gemeldet und will einer florentinischen sammlerin arbeiten zeigen. eine neue kleine malerei bei einem wettbewerb ausjuriert worden, tja. um 17.00 uhr findet täglich eine kurzandacht statt, so dass die in der kirche arbeitenden um 16.50 uhr jene verlassen müssen. um 18.00 uhr wird geschlossen, daher lohnt nicht die wiederaufnahme der tätigkeiten nach ende des gottesdienstes. die kleine wohnung behalte ich als atelier pour zeichnung und als liebesnest. das wetter wird erst wieder besser werden, wenn der letzte deutsche soldat aus afghanistan abgezogen ist. das malatelier nach süden, nach NUL. war nicht bei frida kahlo, da schlange zu lang. dafür bei olafur eliasson, schlange naja. ich finde, zu viel phänomenerlebnispark. phänomenezeigen reicht mir aber nicht, da muss doch irgendwie noch was zu. mir fehlte der kommentar. schönste arbeit: der große tisch mit den unzähligen kleinen modellen darauf. bei der betrachtung dieser von strenger aufsicht gelernt: „man darf sich im museum nicht b ü c k e n!“