vögel-grippe

sie meint, sie habe kraniche gesehen, das bedeutet, in 6 wochen gibts frost. gabelweiher, gänsereiher, donnerts überm kahlen wald, wirds bestimmt nochmal recht kalt. ja die kraniche, die habens drauf. haben den richtigen riecher. und die natur ist superklasse. tochter lacht sich kaputt über „viertel-zack-vor-schmirg“ und erzählt dem neuen jaulenden wolfsbabykuscheltieramerikaimport: „wer lesen kann, ist klar im vorteil!“. und kaum ist man mal ein paar tage weg, wird über armut debattiert. ja, die arme armut. gehn se mal dahin, dann werden se se schon sehen. bald kommt wieder die vogelgrippe, und weg ist die armut. „vögelgrippe“, mann, war der gut! und „mein schatz war heut nacht wie whiskey…“! mann, der war auch gut. schön, wenn der tag so schön schön anfängt!

UmstVA

die „UstVA“ ist für jeden beruflich-freien ein fettiger, dreckiger, ungepflegter und stinkender wurschtfinger mit angekauten verworfenen nägeln und darunter schwarzem getrocknetem dreck. in der offenen, nie verheilenden und suppenden wer-bin-ich-und-warum-tu-ich-das-was-ich-tu-wunde. es ist ja nicht so, daß ich es nicht verstehe, daß man steuern zahlt. mache ich ja gerne. aber alle drei monate dieser zwei bis fünfstündige zahnarztbesuch. es heisst ja eigentlich „UstVA“. „UstVA“, so hätte ich eine russische kurzstrecken-rakete genannt, aber doch keine steuerabfuhr? ich habe mir angewöhnt zu sagen: „Ummmmst-vau-aahh“. schön lang gesprochen. und weil ich auch „UmmmstVA“ als verwendungszweck bei zahlungen angebe, hat das finanzamt schon zweimal brieflich mitgeteilt, meine zahlung nicht zuordnen zu können. nach dem dritten quartal weiß man dann wenigstens, daß es wieder sechs monate winter werden wird.

ost-neukölln

PILLAU7

bus nach neukölln. im bus fällt mir wieder ein, wie jesse james im schwarzweiss-film von hinten, ganz zum schluß, erschossen wird. während er gerade gardinen aufhängt, oder sowas ähnliches. hat mich als kind sehr beeindruckt. wieso fällt mir das ein, auf dem weg nach fuldastrasse? hole dort eine DVD-kopie ab, von drei filmen in super/normal-acht. auf einem ist mein bruder als kind zu sehen. dann als älteres kind. dann als teenie. und jetzt isser gestorben. mein vater ist auch noch bewegt zu sehen, neuzehnfünfundsechzig. aber auch schon lange nicht mehr da. da gibt es so eine geschichte, von paul auster, glaube ich, da findet der sohn den in den alpen verunglückten vater jahre später im gletschereis. er sieht dessen totes gesicht, daß dann, bewahrt vom eis, jünger ist als das des lebendigen sohnes. hat mir mein bruder auch erzählt, vor drei jahren: er sei jetzt älter als unser vater. er hats erlebt, mein bruder. ist drei jahre älter geworden, als sein vater. der zweite film ist in super-acht aufgenommen; die reise dreiundneunzig nach ostpreussen, mit muttern, schiff ab kiel, nachdem das kurzzeitig möglich war, vom russen erlaubt. weltpolitisch war da alles auf einem guten zweig. muttern findet großvaters haus wieder, in pillau/baltisk. muttern findet sommerhaus wieder, in neuhäuser, nahe pillau. kinderurlaube. das war sehr dramatisch damals, als sie vor der ruine stand, es regnete wie bestellt in strömen, ein spezial-taxi hatte uns in die sperrzone bringen können. ein alter springbrunnen, der nun als tränke diente, gab den hinweis, wo sich wohl das haus der jugend befand. und das fundament des tennisplatzes, auf dem ihre eltern, hinter den dünen, immer tennis gespielt hatten, während die kinder am strand. die tränen passen zum regen. habe dort einige glasscherben ausgebuddelt, mitgenommen. könnten die reste von weingläsern meiner urgroßeltern sein? ich bewahre sie wie einen ganz besonderen schatz. dazu noch die geschichte, daß die nachbarn einen hund hatten. der hieß „bofke“ und „…die waren metzger, und die sind aber erschossen worden vom russen…“. aha, erschossen vom russen. ich kenne noch niemanden, der erschossen wurde. ich war der jüngste bei dieser reise. manche hatten einen schlüssel dabei, von dem sie wissen wollten, ob er noch ins schloß des vor fünfzig jahren verlassenen hauses passt. oder einen klappspaten, mit dem der flüchtens vergrabene schatz gehoben werden sollte. also ich nach neukölln. diese filme holen. neukölln passt irgendwie zu diesen filmen. super-acht habe ich abgeschafft. schön, aber zu teuer. neukölln ist anders, schert sich sowieso nicht um super-acht. ich habe da ja auch einmal gewohnt. kind ist in neukölln geboren. gehustet wird wie immer ohne hand-vorhalten. ich hab das irgendwann gehasst, das ins-gesicht husten. der fotoladen ist empfehlenswert: www.ASA90.com. und neukölln ist keinesfalls die bronx, wie manche sagen. neukölln ist natürlich niemals ostpreussen. meinem bruder hätte ich gern einmal neukölln gezeigt. oder meinem urgroßvater? oder meinem vater? neukölln ist schön, aber die kinderstube fehlt.

harz/rock n´roll

fan

habe die kleinen bilder jetzt alle noch überarbeitet. überarbeitet ist gut: sind völlig neue bilder. und ich bin überarbeitet? es steht noch aus das nochmalige „malen in kleiner“ eines motivs, was ich vor zwei jahren aufs holz gebracht habe. dies ist aber möglicherweise zu groß, um es im flieger der galerie nach miami mitzunehmen, im dezember. na also: sag ich, ich find´s nicht so professionell, ein bild, was an sich fertig ist, nochmal für´s sofa (den flieger) zu malen. „hmm…“ sagt der galerist, „vielleicht ist sowas ja höchstprofessionell…“ (klammer auf, klammer zu)? von sofa war nicht die rede. sofa ist von mir. ich muß ja eine familie demnächst durchbringen. daher werde ich mich zur galeristen-professionalität durchprügeln; könnte ja sein, das werk würde dann, in 60 mal 90 statt 100×200 für schöne dollars über den tisch gehen. vielleicht wirds ja aber auch besser, das bild, das ist nicht auszuschließen. auf jeden fall: die neuen kleinen gefallen mir jetzt. ersteinmal aber muß ich die größeren pinsel, die seit juni im schälchen mit testbenzin liegen, gründlichst auswaschen. eine stinkerei. habe mich ein viertel-jahr darum verdrückt, und immer testbenzin nachgegossen. hochpreisigere zeitgenossen lassen das von hörigen assistenten besorgen. assistenten könnte ich nie beschäftigen, im atelier jedenfalls. muß schon alles selber machen. könnte es nicht haben, wenn da jemand herumsteht. wo ist eigentlich meine frau? frau und kind sind im harz. ferien im fachwerkhaus, und auch auf einem „reiterhof“. aha, und soso. kunst und familie sind eigentlich nicht vereinbar, vor allem dann, wenn frauen zu müttern werden. kind will demnächst reiten. also will frau, daß kind dann demnächst reitet. wenn kind nicht so süß wäre… frau könnte eigentlich auch einmal pinsel auswaschen! aber in den harz übersiedeln? der harz ist wohl schön, aber ich bin aus dem süden. wenn schon land, dann süden, fünf stunden bis mailand. ich jedenfalls will nicht weg vom hier, keinesfalls. schwägerin und schwager empfehlen gestern abend angetrunkene doppelte haushaltsführung. beim großstädtischen italiener. na gut, denn eben frau auf dem land, kind auf dem land. und ich in stadt? stadt oder harz? wäre ein schöner bildtitel. das atelierklo putzen sollte ich noch, bevor kurator und galerist kommen. oder doch nicht, vom künstler werden ja extreme erwartet und für kuratoren putze ich grundsätzlich keine klo´s. mein ex-galerist meinte vor einem jahr, ich sei ja richtig „old-fashioned“, da ich keine digi-camera besäße. ich erwiderte „ich höre ja auch rock´n´roll…“. er hat das nicht verstanden…

sieben jahre texas

paris2001a

du hattest vor zu spielen und hast dir dann ein schloss in volvic angeschaut. in volvic herrscht null-land, mit großen, stillstehenden zeiten. in volvic stehen deine wiegen. dein spiel wird erst sichtbar da draußen, in volvic, und auch die dinge lassen dort irgendwann und gerne die hosen fallen. in volvic will niemand spielen. möglichkeiten und spielkarten sind etwas für prägephasen. in volvic lacht man über prägephasen, hier ist es wichtiger, daß du nicht erschossen wirst. das meinen dann auch die dinge, und sie legen an auf dich, weil sie sich und dich lieben. kaum ein besserer ort als das null-land, um deinen dialog mit deinem bonus, dem x-faktor, endlich abzulegen. sofern du überlebt hast. in volvic sind die dinge tatsächlich weiblich, wenn sie die höschen fallen lassen. nach sieben jahren volvic hast du gelernt, daß patronen echt sein müssen, um sie wirklich zu verstehen. die ganzen und auch die erweiterten dinge, sie sind über den haufen geschossen, du selbst hast sie über den haufen geschossen. deren tod und deren wahrhaftige auferstehung hast du dann, mit ernst und am feuer, gefeiert. nach sieben jahren sind die dinge endlich das, was sie sind, und nicht mehr das, was sie vorgeben. sonne flimmert, pferde nicken, berge vermischen sich nächtens am horizont, und flüsse fließen stromaufwärts, auch immer nachts hier. wasser tropft langsam von irgendeinem behältnis zurück in den hahn. eine thermoskanne fängt an, geräusche von sich zu geben. dieses geräusch ist jedesmal neu, und obwohl du es kennst, muß es mal für mal neu verstanden werden. dieses geräusch ist volvic. es entsteht etwas angst und du reichst deine hände in alle richtungen. rhythmus als begegnung und reaktion: du versuchst, mit deinem spielen von tischtennis, zu antworten, nicht ohne auch dabei die umgebung immer im auge zu behalten. pause, auszeit. innehalten? nicht wirklich, denn der kleine weiße ball fliegt, obwohl die spieler schon längst nicht mehr zu sehen sind, und die thermoskannen ziehen sich vor deinen augen langsam und leise pfeifend zurück und in sich zusammen, bis sie nur noch als kleiner heller punkt neben deinen auf den hölzernen tisch gelegten stiefeln zu erkennen sind. du lehnst dich zurück und schnippst die kleinen thermoskannenkügelchen mit dem mittelfinger in den sand oder auf den teer, wie du es hundertmal getan hast. die kleinen hellweißen schönwetterwolken, die am verbogenen himmel ziehen, sie langweilen dich, weil du sie kennst, und sie beruhigen dich genau deshalb. offensichtlich bewegt sich alles. von stillstand kann daher die rede nicht sein. endlich den mund halten, und ordentlich duschen. du weißt nicht, warum sieben jahre in volvic ungewöhnlich gewesen sein sollen. du hast gesiebt und du wurdest gesiebt. du hast gespielt und gehandelt mit deinen dingen und deinem x-faktor, da draußen eben. der mond interessiert dich nach wie vor nicht, und auch keine menstruation und kein märchen. tibet oder masuren oder den amazonas wirst du auch jetzt nicht bereisen wollen. und solltest du dich, eine revolvermündung vor deinem auge, entscheiden müssen zwischen deinem regenbogen und deinem lauernden klischee, du würdest das nichts wählen.
du bist gut.

küsschen!

es ist oft so, daß mir das begrüßungs-küsschen links, dann rechts, schwierigkeiten bereitet. ich bin oft überrumpelt von solchen situationen. natürlich gebe ich gerne küsschen auf backe links und rechts. der arm der frau kommt an meinen nacken, er zieht mich, und der kuß geht in die luft, so kenne ich das von frauen. aber manche küssen tatsächlich meine wange. wenn man jetzt von vorneherein wüßte, daß frauen immer die luft küssen, dann wär´s ja ok. aber: manche frauen, bei denen man dachte, die küssen links und rechts die luft, die küssen einem dann tatsächlich die backe. und man selber hat die luft geküsst und ärgert sich dann vielleicht darüber, weil man vorher gerne gewußt hätte, daß sie einem tatsächlich die backe küssen. ganz schwierig wird es, wenn einem die frau an der ersten backe vorbeiküsst, dann aber die andere backe tatsächlich küßt. während man selbst schon beschlossen hatte, endlich einmal nicht die backen der frau zu küssen. alles muß ja in sekunden reflektiert und entschieden werden. das geht ja kaum. oder man hat, bevor man überhaupt aus dem hause geht, beschlossen, ausschließlich nur noch direkt backen zu küssen, komme was wolle, damit das alles ein ende hat, und man küßt ja auch nicht jeden. denkt man sich. das ist wie mit hundehaufen aufsammeln: entweder, man tut das, oder man tut´s eben nicht. es ist ja nicht so, daß man nicht gerne, auch fremden frauen, so sie symphatisch, küsschen auf die wange quetschen würde. aber man achtet ja auf die geschichte der wangen fremder. ich finde, daß man sich stattdessen durchaus auch einfach die hand geben kann. es ist so: entweder man küßt die backe. dann sollte man aber auch bereit sein zum zungenkuß. oder eben, man küßt sich nicht. dann reicht die hand, gereicht. notfalls könnte man ja auch noch die hände der frau küssen, aber das ist denn schon wieder was ganz anderes, und wir sind ja meist auch keine franzosen…

spatz

gasometer

„tschüssi…“, das taxi fährt vor. vorher hatte ich flimmernde und flirtende stimmen im hof gehört. stimmhaftes, und so ein spatzen-schallen. „ach ja…“ und „…nein ehrlich?“. eine unverschämte balzerei. an die spatzen erinnere ich mich. man kann nicht nur beobachten, und sollte es auch nicht nur tun. die spatzen in heidelberg, stadt eben, ich komme vom land, und die spatzen, die in altbauhöfen hallen, die erlebt man nicht auf dem land. damals hatte ich noch nie verliebt in einer stadt gefrühstückt. besser: ich war nie verliebt gewesen, und hatte nie in einer stadt (wie heidelberg) gefrühstückt. diese damaligen spatzen sind lange tot, diese wichtigen – so würde ich es heute nicht mehr schreiben wollen. ich weiß aber, warum ich in einer stadt mit höfen wohne. auf dem land sind es die glocken, in der stadt die vögel, die einen rufen. gestern soeben angekommen mit neunzig minuten verspätung. dann schnell zur eröffnung der messe. und dort nicht mehr genügend zeit, sich all diese bilder anzuschauen. ein spatzen-gefühl beim treffen von alten bekannten. ich bin also noch da, und hier, und präsent beruflich. wer kennt mich noch, wer rettet mich vor langeweile? wessen vater und bruder und schwiegervater ist gestorben? die spatzen fliegen durch die halle, und die eintrittskarte bekomme ich auch immer noch unverlangt zugesandt. „dank für deine nachricht, spatz“, flüstert der hof. gottlob, gottlob! das wegsein hat ein ende: bin endlich wieder einmal zu hause. ich beneide die lyriker. bin spatz. lyrisch kann ich nur bildnern. schreiben kann ich nur teer. das ist schön, weil nicht viele den teer verstehen, und keinerlei zweck ist damit verbunden, auch keine form und ganz wichtig: kein sinn. vor allem: kein ziel. mein größter wunsch derzeit wäre, mich unter goldstaub während alltäglichkeiten unter schützendem gewand von nimmermüden armen hinzugeben. die seele fallen zu sehen und zu wissen, sie wird von kundigen händen aufgefangen. vom körper, der nur von farbe und nur vom werden weiß, auch wenn so vieles längst geschehen. wissen sie, ich mag die ränder vom leben, die sanften. spatzen fliegen überall und ich sollte mich einmal wieder fallen lassen.

kugelschreiber, seit 1498

die meist weiblichen bedienungen im „goldenen posthorn“ beziehungsweise „bratwurst-glöcklein“ tragen alle ein dirndl. egal wie alt, dick oder dünn und egal, ob tätowiert, gesträhnt, blondiert, gepierct oder sonstiges: sie tragen einfach alle ein bratwurst-dirndl. man nimmt platz, bestellt, und sogleich stehen die würste auf einem zinntellerchen vor einem, noch bevor das getränk gereicht wurde. somit wird zunächst verspeist und hernach angetrunken. durch diese unübliche umkehrung hat man schnell das gefühl, man trödelt. man trinkt dann besonders zügig aus, um den essplatz nicht zu blockieren. aus pächtersicht garantiert das wohl eine schnelle und wirtschaftliche abfertigung der gäste und damit eine hohe auslastung der restaurantplätze. ein regionales tellerchen von feldsalat, mit etwas speck und croutons angemischt, kostet hier vier euro und achzig cent, was heftig verdientes geld zu sein scheint. ich bin nun gespannt, ob ich den vom dirndl geliehenen kugelschreiber („nürnberger nachrichten“) vielleicht behalten darf, bei solchen preisen. beim bezahlen erteile ich großzügiges trinkgeld, wie ich das immer dann tue, wenn ich es mir ganz besonders nicht leisten kann, und verlasse die älteste bratwurstküche nürnbergs ungesättigt und ohne kugelschreiber. die besten bratwürste, allerdings, die gibt es in ebenjenem lokal.

orte

orte2

an orte denkt man nicht im sommer. an orte denkt man, wenn regen steine oder berge seziert, wenn schnee liebende oder gräber bedeckt, oder wenn stürme das draußen und drinnen beschreiben. orte sind, wenn man denn an sie denken mag, grundsätzlich unberechenbar. unberechenbar deshalb, weil sie nicht vergehen, wie die zeit. die zeit kennen wir, nicht jedoch den ort. die zeit, sie vergeht wenigstens, wie wir auch: das ist fair, man sitzt im selben boot, und man ist gemeinsam irgendwann verschwunden. aber orte bleiben, und sie sind damit ehrlicher als die zeit. unter der ehrlichkeit der zeit zu leiden, das haben wir mittlerweile gelernt. aber jede sekunde kann sich nur definieren über den ort, an dem sie stattfindet. und sollte die zeit der milchstraße verdampfen, die orte bleiben, an denen sich jene befand: der ort ist die eigentliche vierte dimension. daher versuchen wir ständig, uns an orten zu verewigen. beim graffiti wie in der professur oder anderen duftmarken wollen wir nicht die zeit beeindrucken, sondern das gedächtnis des ortes. die würdigung der zeit ist uns sicher, der ort hingegen ist ohne partei und er schweigt. das macht ihn so tragisch für uns: orte heilen keine wunden. bei all unseren anstrengungen um orte bemerken wir nicht, daß diese ohnehin alles sammeln. jeder platz, an dem wir uns befinden, behält uns, kommentarlos und ohne uns um erlaubnis zu bitten, in erinnerung, wie er auch alles vor und nach uns in erinnerung behalten hat. oder aus unserer sicht: an jedem ort befindet sich über unserem kopf oder unter unseren füßen eine gigantische säule von gelebtem und erlebtem. und in jedem augenblick unseres daseins werden wir vom ort mit dem, was hier vor oder nach uns stattfand, bekannt gemacht. ob wir das wollen oder nicht. wenn wir schwach sind, im sommer, dann können wir durchaus die frage nach dem wetter vor sechshundert jahren am ort dieser oder jener heutigen kreuzung in berlin zulassen. wenn wir stark sind allerdings, im winter, oder durch den herbst aufgeweicht, dann könnte aus dieser frage schnell werden: wie viele kinder wurden am ort unserer heutigen küche lebend oder tot geboren, und wie viele mütter überlebten. interessant und tragisch die frage, die daraus resultiert: der fernseher welches menschen wird einmal an der stelle meines sterbebettes stehen. den orten jedenfalls scheint dies alles gleich zu sein, obwohl sie sich um uns, ungefragt, bemühen. das ist es, was sie unberechenbar macht. daher sind orte das religiöseste, was es nach gott gibt; er hat orte als seine stellvertreter erschaffen.