Durchs wilde Abessinien

Nyala

drittemal- (…)

Ich habe nie behauptet, ich sei ein Reiseberichterstatter. Das geht nur ganz subjektiv und ohne beschreibende Verifizierungen á la „erstmals erwähnt bereits im 7. Jahrhundert…“ und Querverweisen mit hinterlegten Linken/Links. Ich bin auch kein unbedingter Fernreisenliebhaber, da ich immer noch Abenteuer aus dem, was ganz nahe liegt, herausziehen kann. Ich finde auch die Schwäbische Alb oder die Uckermark spannend und muss nicht nach den Phillipinen. Der Bodensee reicht mir eigentlich schon, oder der Wannsee. Nun aber war es so, dass ich nach dem fernen Äthiopien reiste, daran lässt sich nicht rütteln. Und zwar gemeinsam mit der wunderbaren Köchin.

Ich habe jetzt einfach aufgeschrieben. Bevor diese ganzen Eindrücke sich in Richtung Kleinhirn aufmachen, um sich zu versieben. Gelegentliche Stillosigkeiten erbitte ich als entschuldbar. Ebenso unter Umständen Kennern der Gegenden auffallende kleine Ungereimtheiten.

Die Geschichte von Äthiopien ist eine sehr reichhaltige. Manche sagen, das sei gar nicht wirklich Afrika. Manche sagen, dort sei das Dach von Afrika. Die das sagen, haben Recht. Das Land ist dreimal so groß wie die BRD. Und alles ist Hochland, ausgenommen den Süden und den Südosten. Im Süden gibt es noch Giraffen und Elefanten. Die wollten wir nicht sehen. Im Südosten liegt Somalia und da will eh keiner hin. Die Grenzen sind nicht unproblematisch. Mit den Somaliern gibt es immer wieder Ärger, da diejenigen, welche von einem Großsomalia träumen, sich gerne die äthiopische Provinz Somali einverleiben würden. Mit Kenia ist die Nachbarschaft meines Wissens ganz in Ordnung. Der Sudan im Westen ist nun geteilt in einen islamischen Norden, der einem während nächtlichem Aufenthalt auf dem Flughafen verbietet, einen Gute-Nacht-Wein im hermetisch verschlossenen Flugzeug auszuschenken, solange dieses am Boden steht. Das ist wohl internationales Recht. Über den neuen Staat Süd-Sudan freuen sich die Äthiopier, da dieser – was ich nicht wusste – genau so wie Äthiopien christlich orthodox disponiert ist und damit die einzige Ausnahme im ansonsten islamisch umzingelten Abessinien, welches überwiegend geprägt ist von der Jahrhunderte alten äthiopisch-orthodoxen Kirche, die sich dort bereits im 4. Jahrhundert etablierte. Abessinien ist eine andere Bezeichnung für Äthiopien.

Die Frage nach dem Zusammenleben mit den Muslimen wurde oft positiv beantwortet. Allerdings rumort es offenbar. Auch die äthiopischen Moslems würden „mitbekommen, was die Amerikaner und Andere so machen“. Gleichwohl, die endlosen Gesänge der orthodoxen Priester klingen in europäischen Ohren ähnlich dem der Muezzine, vor allem in der Wahl sehr frühmorgentlicher Uhrzeiten und der Lautstärke der gequälten Außenlautsprecher stehen sich diese in nichts nach. Religion und Staat sind getrennt in Äthiopien, wie man so sagt.

Über Dschibuti im Osten funktioniert die Versorgung über das Meer. Mit Eritrea hingegen im Norden, einst eine äthiopische Provinz, liegt alles schief, seitdem es während des äthiopischen Bürgerkrieges von ca. 1986-91 die Gelegenheit ergriff, sich zu verselbstständigen. Seither hat Äthiopien keinen Zugang mehr zum Meer. Die Grenze gleicht wohl annähernd der ehemalig Innerdeutschen. In der Provinz Tigray war zu erfahren, dass es viele familiäre Bande gäbe über die Grenze hinweg, viele Menschen würden tagtäglich nach Äthiopien flüchten, aufgrund der schlechten Versorgungslage in Eritrea. Und ebenso gequält klang die Antwort auf die Frage, wie denn nun der offizielle Status-Quo sei, zwischen Eritrea und Äthiopien: „No War, No Peace.“ Da gäbe es einen Grenzfluss, hie die schwer bewaffneten Eritreer, dort die schwer bewaffneten Äthiopier. In der Mitte die Elbe. Die Soldaten dürften nicht miteinander reden, sie umgingen das, indem sie sich vom jeweiligen „Feind“ wegdrehten und Rücken zu Rücken über den Fluss hinweg miteinander kommunizierten.

Offenbar wurde nach dem Abzug der UN-Soldaten, denen Eritrea zunehmend die Versorgung erschwerte, eine unabhängige Gutachterkommission eingesetzt, um den Grenzverlauf historisch, soziologisch etc. zu untersuchen. Die Äthiopier allerdings sind wohl nicht einverstanden mit dem Ergebnis und haben nun ihrerseits unabhängige Gutachter einbestellt. So bleibt alles abzuwarten.

Heutzutage existiert und regiert politisch eine einigermaßen autoritäre föderalistische Demokratie. Eine Opposition tut sich schwer. Oder es gibt sie fast gar nicht. Vielleicht ist die Mehrzahl der Äthiopier derzeit auch zufrieden damit, denn überall sind sehr dynamische Prozesse bezüglich der Verbesserung des Alltagslebens zu beobachten. Die Stabilität erscheint möglicherweise wichtiger als lupenrein westliches Demokratieverständnis.

Auch daher scheint Äthiopien ein Liebling der „Entwicklungshilfe“ zu sein: Die Existenz von Korruption befindet sich offenbar in einem für Afrika sehr geringfügigen Zustand. Es gäbe eine eigens eingerichtete Behörde, die direkt dem Präsidenten unterstellt ist. Dort kann man auch denunzieren. Die Einschätzung, dass die Regierung tatsächlich bemüht sei, allen Äthiopiern zu einem besseren Leben zu verhelfen, war oft zu hören.

Das Straßennetz ist in den letzten zehn Jahren erheblich ausgebaut worden, mit Teer. Dazu haben die Chinesen nicht unwesentlich beigetragen, obwohl sie nicht beliebt sind. Sie würden aufgrund der Sonneneinstrahlung alle wie „Chinese Tomato“ aussehen, zudem leben sie sehr isoliert und hätten kein Interesse an Kontaktaufnahmen. Außerdem beschäftigen sie nicht einheimische Firmen, sondern bringen meist ihre Leute selber mit.

Ganz anders zum Beispiel die bundesdeutsche GIZ, die offenbar verantwortlich zeichnet für alle im Land existierenden gepflasterten Straßen. „Now You are walking on Your own Taxes, haha…!“ war vom freundlichen Guide im Norden zu vernehmen, dessen Bruder diesbezüglich Arbeit bekam und nun eine gut gehende Baufirma betreibt. Und überall im Land Baustellen, die sich mit Kanalisation und Wasser beschäftigen.

Ein großes Problem scheint die Subsistenzwirtschaft. Lebensmittel werden ausschließlich für den Eigenbedarf produziert. Das klingt gut, allerdings darf dann nichts schiefgehen mit der Regenzeit und der Ernte, sonst besteht die Gefahr der Unterversorgung, also einer prompten Hungersnot. So geschehen schon oft in der äthiopischen Geschichte. Der letzte Kaiser Haile Selassie fiel 1974 einer ebensolchen politisch zum Opfer. Ebenso offenbar die ihm nachfolgende repressive Volksrepublik nach sowjetischem Vorbild, als um das Jahr 1985 (Live-Aid, „We are the World…“ etc.) daraufhin ein Bürgerkrieg begann, der 1991 mit dem Sieg der bis heute wirkenden Regierungspartei endete. Zudem werden beim reinen Tauschhandel keine Gelder bewegt, es fehlen also Steuereinnahmen – beispielsweise über eine Mehrwertsteuer – , mit denen die Infrastrukturen und das Sozialwesen ausgebaut werden könnten. Privatbesitz von Grund und Boden ist nicht vorgesehen. Sämtliches Land befindet sich in staatlichem Besitz.

Die sagenumwobene Königin von Saba hatte einst eine Liaison mit König Salomon. Der gemeinsame Sohn hieß Menelik der Erste. Alle weiteren Könige und Herrscher von Äthiopien beriefen sich auf diese Genealogie, so auch der letzte König Haile Selassie, der bis 1974 regierte. Ich kann mich noch an jugendliche Tagesschaubilder eines freundlichen alten Herrn erinnern, der winkend im Cabrio abdankte. Und natürlich an Bob Marley. Menelik der Erste (oder war es seine Mutter, die Königin von Saba?) klaute die Bundeslade und nahm sie mit nach Hause, wo sie angeblich noch heute – in der Stadt Axum im Norden – in der Kirche der Heiligen Maria von Zion aufbewahrt wird. Sehen darf sie niemand, sie wird bewacht von einem Priester, der sein ganzes Leben lang auf die Lade aufpassen muss. Insofern kann ich den ganzen Aufwand von Indiana Jones und Sean Connery bezüglich Bundeslade nicht nachvollziehen, sie hätten einfach nur nach Axum reisen müssen.

Die Köchin und ich flogen ab Frankfurt. Beim Fliegen bin ich wie ein kleiner Junge, ich muss die ganze Zeit rausschauen. Über Jugoslawien, Griechenland, dann Wasser, dann Kreta, dann Wasser, dann Ägypten. Wüste von oben mit den Schatten der Wolken, da hinten der Nil und Assuan mit dem Staudamm. Und schließlich die Zwischenlandung in Karthoum, dort wo blauer und weißer Nil sich vereinen. Seltsame Gefühle. Riesige Länder und alle so fremd. Im Abendlicht dann weiter nach Addis Abeba. Das liegt auf 2200 Metern Höhe, also abendlich kühl, aber nicht kalt. Der Vorteil von Äthiopien ist, dass es zu einem großen Teil oberhalb der Malariagrenze von ungefähr 1600 Metern liegt (die Angaben schwanken). Selbst am Tana-See habe ich keine einzige Stechmücke gesehen. Tags Temperaturen um die 25 Grad, nachts kühl. Die Sonne geht um halb sieben auf und um halb sieben wieder unter.

Mit den Gastgebern und ihren drei Jungs nach Süden über die Landstraße hin zum Lake Langano. Eine Fahrt von dreieinhalb Stunden. Dieser See ist braun. Ich hatte schon zuvor über heimischen Satellit die Gegend von oben betrachtet. Überall Seen im schönstem Blau. Nur einer eine braune Brühe. In den blauen Seen kann man nicht baden, wegen der Bilharziose, allein in dem braunen Wasser geht das, da es einen hohen Anteil an Natriumkarbonat (also Soda? – als Lebensmittelzusatz auch genannt E500?) sein eigen nennt und daher die Erreger dort nicht vorhanden sind. Nach dem Baden fast wie frisch geduscht. Und seltsam, wenn man so gar nicht sieht, was unter einem schwimmt. Die Hippos am anderen Ufer. Krokodile am anderen Ufer? Alle ja weit weg. Mit den Jungs der Gastgeber am Strand Wikingerschach gespielt, wie in Dänemark oder in St. Peter-Ording.

Und dann der ostafrikanische Grabenbruch, das East-African Rift Valley. Da einmal im Leben durchfahren. Anmutende Erdgeschichte, nicht zu fotografierende Panoramen, das mit den Fotos braucht man erst gar nicht zu probieren. Von hier kommen übrigens auch manche Tankstellenblumen bzw. einige Rosen, die vor der Kasse beim Discounter sich anbieten. Wir sahen mehrere große Plantagen und Blumenfarmen. Nie wieder werde ich solcherlei kaufen, aber warum eigentlich nicht? Wahrscheinlich wegen des Kerosin und dem komischen Gefühl.

Im Nordosten, kurz bevor Eritrea und das Rote Meer sich auf der Landkarte zeigen, liegt die „Danakil-Depression“. Ein wunderbarer Name für eine Gegend und Anlass für manchen Wortwitz. Dort treffen sich drei Grabenbrüche. Die heißesten Temperaturen der Erde überhaupt werden hier gemessen, die Senke liegt ungefähr 115 Meter unterhalb des Meeresspiegels. Da war mal Meer, dann wieder keines und daher ist die Gegend sehr salzig, altes Meersalz, bis zu 4 Meter hoch. Das Becken soll schon bald wieder geflutet werden, rein erdgeschichtlich. Ein neuer Kleinkontinent soll dann entstehen. Bis dahin aber wird dort noch von der Volksgruppe der Afar (Lucy, die Urmutter aus der Familie der Australopithecus Afarensis, wurde dort gefunden. Ich berichtete ja schon.) Salz abgebaut und entführt, gelegentlich umgebracht. So geschehen vor einem Jahr. Man soll dort keinesfalls hingehen, das weiß jeder, dennoch kann ich den Reiz, sich doch möglicherweise darüber hinwegzusetzen, sehr gut nachvollziehen. Aber nein, wir waren natürlich nicht dort. Haben aber eine Eselkarawane, mit Salzplatten beladen, gesehen und den zugehörigen Treiber. Ein finsterer Geselle, der uns nachlächelte und wahrscheinlich dachte „Wartet nur, gleich entführ´ ich Euch, haha…!“

Die Afar wollen eigentlich nur mehr politische Rechte, sie siedeln und bewegen sich als Nomaden über Ländergrenzen hinweg in dieser speziellen Gegend in Dschibuti, Eritrea, Äthiopien und ich glaube auch im nördlichen Zipfelchen von Somalia. Was nachzulesen ist, wirkt politisch nicht restlos unsympathisch.

Die Speisen im Land. Injera, ein Fladenbrot, quasi die Hardware, mit dem man die gebotenen Saucen und Zutaten als Software greift und zum Mund führt. Kein Messer, keine Gabel. Wie Crêpes ein bisschen, nur saurer. Anstatt täglich Brot heißt es hier nativ auskunftig „Lord, Please Give Us Our Daily Injera!“ Das Getreide dazu heißt Teff, auch Zwerghirse. Man soll keinen Salat essen wegen des Trinkwassers und den Keimen. Man soll sowieso alles Mögliche nicht tun und tut es dann doch. Das eigene Gedärm, so würde ich beschreiben, befand sich in diesen kurzen zwei Wochen in einer Art Habachtstellung. Stets aufmerksam und präsent, um jederzeit einen möglichen Angriff abzuwehren. Vielleicht aber auch nur einfach neugierig und interessiert und daher vom Großhirn wahrgenommen. Man bemerkt, wie wichtig das Händewaschen ist. Zuhause ist es so normal. Ich habe viel Coca Cola getrunken, die ist sauber. Das Bier schmeckt gut. Es gibt zwei Brauereien, das eine Bier heißt „St. George“ und ist so etwas wie ein Becks. Das andere ist viel feinwürziger, es heißt „Dashen“ und würde in meiner kleinen Kneipe am Ende der Straße unbedingt den Vorzug erhalten. Wein ist teuer, da meist importiert. Der einheimische Wein sei nicht gut, ich habe aber nicht davon probiert.

Generell lesen sich die Reisempfehlungen des auswärtigen Amtes in Bezug auf fremde Keime und Viren und Würmer wie ein durchweg semipanisches Brevier. Wie die Mahnungen einer überbesorgten Mutter. Man denkt danach, vielleicht doch lieber 2 Wochen in den Harz. Ich wählte aus dem Impfpotpourri Typhus, Hirnhaut und die beiden Hepatitisse. Malariaprophylaxe keine. Und oft Händewaschen. Ist man dann erst einmal dort angekommen, dann gilt ohnehin: Now can come what want!

Die Menschen laufen vornehmlich auf der Straße. Und sowieso die Tiere, nicht nur innerorts, sondern auch auf dem Lande. Und auch in der Hauptstadt. Dergestalt muss man sich als Autofahrer verhalten. Die Hupe ist wichtig, um rechtzeitig auf sich aufmerksam zu machen. Links oder rechts fahren ist egal, Hauptsache man schlenzt und erwischt niemanden oder keinen Esel. Normal scheinen Mensch und Tier, unnormal das Auto. Noch normaler die Kinder auf der Straße, auch die ganz Kleinen. Diese rufen „Hello, Hello…!“ und manchmal „Candy??“, wenn sie einen Ferenchi, also einen Weißen sehen. Oder sie blicken einen verstohlen aus den Augenwinkeln an und greifen manchmal ganz zart und zurückhaltend die weiße Hand in ihre schwarze, wohl um zu fühlen, wie es sich anfühlt, die weiße Haut. Vor allem natürlich in abgelegenen Gegenden.

Es gibt einen „göttlichen“ Witz, den ich nicht bis ins Letzte verstanden habe, aber dennoch: Eine Ziege, ein Hund und ein Esel fahren Taxi. Die Ziege will aussteigen, steigt aus und rennt weg, ohne bezahlt zu haben (hier weiß ich nicht ganz, ob ich den Witz vollkommen verstanden habe, aber egal). Das Taxi fährt weiter. Nun will der Hund aussteigen, das göttliche Taxi hält an, der Hund bezahlt, aber er erhält sein Wechselgeld nicht, weil der göttliche Taxifahrer einfach weiterfährt, ohne dem Hund… usw. Zuletzt will der Esel aussteigen: Er bezahlt den korrekten Preis. Auch hier habe ich den Witz vielleicht nicht vollständig verstanden. Jedenfalls seither, so geht die Legende: Immer, wenn sich ein Auto nähert, dann rennt die Ziege panisch davon (weil sie weiß, dass sie das Taxi nicht bezahlt hat). Immer, wenn ein Auto sich nähert, dann rennen die Hunde dem Auto kopflos an die Beine, die Reifen (weil sie ja noch ihr Retourgeld zu bekommen haben). Und immer, wenn sich ein Auto nähert, ist das dem Esel vollkommen egal. Noch nicht einmal den Kopf wenden sie dem Wagen zu. Sie sind die Ruhe selbst, stolz und beneidenswert. (Weil sie ja den korrekten Preis bezahlt haben). Vielleicht habe ich den Witz ja doch richtig verstanden.

Die Landeswährung benennt sich „Birr“. Sie ist offenbar dem internationalen Flow abgekoppelt. Weshalb die internationalen Geldkrisen einigermaßen spurlos an Äthiopien vorbeigezogen ist, wie ich gelesen habe. Noch immer gilt das Land als eines der ärmsten Länder der Welt, was mir schleierhaft erscheint. Aber ich bin da auch kein Experte. Mitte der 2010er Jahre wurden Äthiopien die Schulden erlassen. Die Gastgeber beschäftigen vier Angestellte, so wie sich das gehört. Eine Köchin, eine Nanny sowie zwei männliche Männer für alles, die rund um die Uhr anwesend sind, im Wechsel. Als Wächter, als Fahrer und für den Garten. Die Mieten für weiße Ausländer sind dem äthiopischen Markt abgekoppelt, das angemietete Haus kostet 1.500,00 EUR im Monat, also 30.000 Birr. 100 Birr entsprechen ungefähr 5 EUR. Ein Bier (St. George) kostet um die 24 Birr. Eine Packung äthiopischer Marlboro kostet 35 Birr.

Ein Guide, beschäftigt beispielsweise von Tesfa-Tours, einem Anbieter für sog. „nachhaltigen Tourismus“, bekommt pro Tag 400 Birr. Ein handgeschmiedetes äthiopisches Kreuz aus Semisilber kostete 250 Birr. Beim Trinkgeld sollte man 20%, nicht zehn % wie in Europa, bedenken. Zu bedenken sind auch die Hierarchien und vor allem auch die Kleinst-Hierarchien. Alles ist so relativ. Die Rückkopplung auf die eigenen Werte und Relativitäten sollte nicht das Landesübliche überschatten. Das braucht ein wenig seine Zeit. Gleichwohl ist von Arroganz, auch ungewollter, höchst abzusehen. Sowieso.

Das Geldsystem und die Unterschiede von Arm und Reich sind das Schwierigste, Beschämendste und aber auch das Abstrakteste zugleich und sehr skurril, teils hemmend. Jedenfalls solange, bis man sich im Alltag daran gewöhnt hat. Man kann und darf nicht vergleichen oder stets gegenrechnen. Ich dachte oft, komm’ Schneck, Titten auf den Tisch. Einerseits, und andererseits egal und das letzte Hemd hat doch wirklich keine Taschen. Weder hie noch dort. Schön der Stolz der Menschen, das Eigentliche. Auch meiner dann. Und der Witz und die Gastfreundschaft in Bescheidenheit (modest). Ich kann ja auch nichts dafür, dass ich aus Europa bin. Aber wissen sollte ich es. Man sollte nicht Afrikaner spielen wollen. Geht ja auch gar nicht, denn man ist ja weiß.

Man braucht ein Visum, es kostet 17,00 EUR und man kann das über die Botschaft in Berlin oder das Konsulat in Frankfurt/Main postalisch einholen. Über die Impfungen schrieb ich ja bereits. Die Köchin wurde nicht von einem tollwütigen Hund gebissen, leider, denn sie hatte sich impfen lassen. Auch ich wurde nicht von einem tollwütigen Affen gebissen, gottlob, da ich verzichtet hatte auf jene Impfung. Ich selbst wurde aber hoffentlich mehrfach von Meningokokken angetröpfelt, von Hepatitis A+B angehustet oder von Typhus überfallen. Dann hätten sich meine Vorsorgen gelohnt. Ich bin mir sicher, sie (die Keime) haben es und ich habe nichts davon bemerkt.

In der zweiten unserer Wochen gingen wir auf Tour. Sanft organisiert von ebenjenen Tesfa-Tours, entstanden aus einer NGO, die sich der Entwicklung eines rücksichtsvollen Tourismus verschrieben hat. Der größte Anteil der Gelder beim Trekking (also Wandern) kommt den Communities zugute, die die Hütten für Übernachtungen und die Mahlzeiten bereitstellen.

Wir flogen also mit Propellor nach Lalibela, ohne dort die aus dem Fels gehauenen Kirchen anzusehen. Diesesmal. Die Köchin kannte dieses Weltkulturerbe schon von ihrem Besuch vor 10 Jahren. Es sei dort mittlerweile ziemlich touristisch alles. Stattdessen wurden wir abgeholt von einem Führer und einem Fahrer in einem alten EU-Hungerhilfs-Landrover, um 3 Stunden lang in die Berge zu fahren. Immer wieder Menschen mit selbstverständlich umgehängten Gewehren, es gibt viele Waffen im Land. Und ein Reifenwechsel. Irgendwann dann das erste Mittagessen („Lunch“) in einer Lehmhütte im Ort Werkhaye. Der Guide Gederet nett und aus der Gegend stammend. Auch die Esel fürs Gepäck mitsamt ihren Treibern fanden sich ein. Ein Haupttreiber und ein Hilfstreiber. Der Haupttreiber Masri sieht aus wie ein somalischer Brutalpirat, ist aber nett zu Kindern, die er dann verjagt. Er kam vom Markt und hatte vier Hühner mit sich, jeweils zwei links und rechts an seinem Hirtenstock mit dem Kopf nach unten aufgehangen, lebend natürlich, bisweilen noch gackernd und grundlos aufs Überleben hoffend.

Später erfuhren wir, dass König Johannes der Erste von Äthiopien im 18. Jahrhundert den Tierschutz etablierte, jedenfalls innerhalb seiner Amtszeit. Hühner durften nicht solcherart transportiert werden und Esel nicht geschlagen werden über Maß. Wer das tat wurde in den Kerker geworfen. Diese Gesetze konnten offenbar nicht überdauern.

Nach einem dreistündigen Wandern über ein Hochplateau auf 3000 Metern mit Führer, 2 Eseltreibern, 2 Eseln und vier Hühnern mit dem Kopf nach unten trafen wir nachmittags in Mequat ein. Das Hochplateau war hier zu Ende, entsprechend atemberaubend („breathtaking“) der Blick nach unten und hinüber zu den nächstliegenden weiteren Hochebenen. Auch hier Fotografieren zwecklos, lieber alles im Kopf behalten. Drei Rundhütten für Übernachtungen und eine Speisehütte hatte die örtliche Community erstellt. Als Happen gab es äthiopische Pfannkuchen und Tee mit Pommes. Ich erzählte dem Guide die Geschichte meiner Urahnen, die die Kartoffel erstmals in Central-Europe angebaut hatten. Ich glaube, er fand sie ganz gut, aber letztlich war es ihm sicherlich auch egal.

Überhaupt, Gederet, 26 Jahre alt. Nein, er habe noch keine eigene Familie. Er habe drei Schwestern, die Älteste habe 5 Kinder, der Mann sei abgehauen und unauffindbar. Sie alle wohnen noch zuhause bei der Mutter. Gederet muss sie durchbringen, so gut es geht. Er will im Sommer einen Deutsch-Kurs in Addis Abeba belegen, da viele Wanderer Deutsche seien. Die Deutschen wollten immer die härtesten Bergtouren machen. Nicht so die Engländer oder Italiener.

Im Hochland gibt es sehr abgelegene Ecken. Anders als in beispielsweise der Schweiz, wo die Menschen im Tal wohnen und die Berge tagsüber bewirtschaften, wohnen und schlafen die Menschen hier auf den Bergen und bewirtschaften tagsüber die Täler. Alles wegen der Malaria, wie es scheint. Seit Jahrhunderten. Und die Täler sind so tief und unzugänglich teilweise, dass sich hier oben die Dörfer weitgehend unter sich beleben. Ein Austausch zum nächsten hochgelegenen Dorf ist nicht so ohne weiteres möglich. Insofern eine sehr konservative Gegend, deren Bewohner offenbar zunächst zögerten, ob sie überhaupt Touristen und Fremde bei sich bewirten wollten.

Abends in der Speisehütte Speisen, die man wegen der Dunkelheit kaum sah. Am Steinboden ein Feuer, um welches sich eine schüchtern lächelnde Frau kümmerte. Man konnte ihr dann stundenlang zusehen, wie sie sehr sinnlich und kreativ das kleine Feuerchen umsorgte, die ganze Zeit. Hie ein paar Späne nachlegte, dort die Glut verschob, sehr sorgsam. Mit den Händen und Fingern. Viel Schweigen dann dort, ums Feuer sitzend. Man fragt sich dann ja auch, wie solch kulturelle Unterschiede überhaupt zu überbrücken wären. Der Watch-Man, also der Ortsvorsteher, ist auch anwesend. Das ist üblich so. Auch er schweigt und starrt ins Feuer. Wahrscheinlich sind jetzt doch alle verlegen, bei gleichzeitigem Angetansein, irgendwie. Vielleicht genügt das ja schon.

Ich habe mich selten in meinem Leben so jenseits und abseits meines eigentlichen Daseins gefühlt. Das muss man ja mal aushalten. Wenn man das aushalten mag. Der Guide und die Frauen verabschieden sich in die Nacht. Da, am Abgrund, sind wir nun ganz alleine mit dem Sternenhimmel über uns. Morgens kämen oft die Affen, sagt uns Gederet noch zur guten Nacht. Und dann eine Ruhe voller Abwesenheit jeglich zivilisatorischer Geräusche. Nur das kleine unwesentlich rationelle Wissen, wo man sich in etwa befindet auf der Weltkugel. Aber Mobil-Netz, selbst hier. Sehr überkreuzt seltsam.

Kulturen-Clash lässt gut schlafen. Keine Geräusche, keine Spinnen, kein Schuschu.

Nachdem in den 1960er Jahren die Brennholzrodung überhand genommen hatte und weite Teile der Ackerflächen von Erodierung bedroht waren, ließ Kaiser Haile Selassie im ganzen Land den schnell wachsenden Eukalyptus aufforsten. Diese ganzen Bäume kämen ursprünglich aus Australien, wie Gederet erläuterte. Also eine Kulturlandschaft. Was wuchs hier wohl früher? Beim Laufen ab und an ein frisches Blättchen abreißen und anreiben. Ganz wunderbar ölig und atemerfrischend, unter der Nase der Finger, diesen dann abstreifen an Nasenflügel. Wie Tigerbalsam, nur besser.

Das Rauchen ist auf dem Lande fast gänzlich unüblich. Anders in der Stadt. Da würden viele Menschen rauchen. Wie es eben so ist, in der Stadt. Eher wird Khat gekaut, ein Gewächs, dessen Blätter. Ich habe das nicht probiert, leider. Die heimischen Zigaretten heißen „Nyala“, sie schmecken gut und würzig, sind halbschwer im Rauch und nach einer äthiopischen Gazellenart benannt. Viel Flora und Fauna hier endemisch beheimatet, das heißt: Nur hier und hier entstanden. So auch der Kaffee.

Morgens leider keine Affen. Frühstück mit Honig mit Waben drin. Und dann 22 Kilometer über die Hochebene. Masri und sein Hilfstreiber schlagen grundlos ihre Esel. Behaupte ich mal. Ich mag diese Esel. Ohne diese würde nichts funktionieren hier. Und keiner dankt es ihnen? In einer weiteren Speisehütte dann ein Mittagsmahl. Die Eseltreiber und die Esel wechseln dort. Wir danken und ich gebe für die Esel noch einen Apfel aus Addis Abeba. Masri lacht böse und sein Assistent schallend auch. Vielleicht haben sie den Apfel selber gegessen, weil so selten. Ich will das gar nicht wissen. Der neue Eseltreiber und sein Helfer sind gelassener. Sie schlagen ihre Esel nicht. Das merkt man gleich auch den zufriedenen Eseln an.

Wir passieren eine Kirche, es ist Sonntag und die Leute sind in Scharen unterwegs dorthin. Alle haben etwas in der Hand, einen Baumstamm, ein paar Steine oder sonstiges Baumaterial. Gederet berichtet, einer will ein Haus bauen und alle bringen deshalb etwas mit dafür. Das gefällt mir!

Die Landschaft ein wenig wie die Lüneburger Heide. Nur anstatt Wacholder eben Eukalyptus und 3000 Meter Höhe. Ich erzähle, dass in Europa gerade derzeit auf 3000 Metern ungefähr drei Meter Schnee lägen. Gederet freut sich und sagt es den Eseltreibern weiter, die schmunzeln.

Nachmittags erreichen wir Wajela, dort stehen wieder an einem schönen Aussichtspunkt ein paar Gästehütten der Community. Gespräch mit dem Watch-Man-Stellvertreter, der uns Willkommen heißt. Mit den Tourismus-Geldern hätten sie zahlreiche Wasserpumpen schaffen können und auch eine Schule. Wir überreichen ihm unsere mitgebrachten Buntstifte (und Radiergummis) für die Kinder des Dorfes. Abends abermals ein kleines Feuer in der Hütte. Ein Priester gesellt sich dazu und wir trinken alle ein schönes Bier (ein Dashen). Gederet übersetzt. Amharisch ist die Amtssprache Äthiopiens. Sie haben schöne Buchstaben. Der Priester, aber nicht nur er, finden es witzig, gleichwohl voller Hochachtung, dass die Köchin ja auch eine „Priesterin“ ist, Protestant-Lutherian. Und Bier trinkt, wie er, der Priester ja auch. Fremde Länder, fremde Sitten. Aber schon irgendwie auch eine Welt. „One World“? Das war, ich gestehe, schon schön. Sozialromantik? Ach, ich will es gar nicht so genau wissen.

Es ist wohl so, dass man, um Priester zu werden, verheiratet sein muss. Das klingt doch mal vernünftig, denke ich. Jedenfalls behaupten das 3 von 4 Guides und ein Priester. Der vierte sagt, nicht muss, sondern kann. Man könnte das nochmal überprüfen.

Nachts wahrscheinlich Flöhe im Bett. Einen von uns beiden haben sie sich ausgesucht, ich verrate nicht, wen. Der einzige Vorfall übrigens die Fauna betreffend. Dafür aber vorrübergehend recht nachhaltig.

Am nächsten Tag Transfer mit einem Minibus nach Bahir Dar am südlichen Ende des Lake Tana. Der liegt immerhin auch noch auf 1800 Metern. Der drittgrößte See Afrikas. Das sind 4 Stunden Fahrt durchs Gebirge auf einer abenteuerlichen Straße. Hier, am See, gäbe es manchmal Malaria. Wir haben keine gesehen. Und das Baden verboten, wegen der Bilharziose. Alles Humbug, meint Fekr, unser Guide dort für einen halben Tag. Er ist einer der modernen jungen Äthiopier, trägt verspiegelte Sonnenbrille, einen DG-Gürtel (oder ein chinesisches Plagiat? Egal) und eine schwarze Diesel-Jeans, wie die Köchin sogleich (!) bemerkt. Ein cooler Typ, gleichwohl liebevoll und bemüht. Weißes T-Shirt, ein schwarzes offenes Hemd darüber und ein Smartphone allzeit. Hat ein Buch dabei, „The Art Of War“, irgendwas chinesisch-philosophisches von vor Christus in Englisch. Hat Architektur studiert. Sie scheren sich nicht um Bilharziose, wenn sie manchmal Jet-Ski auf dem See fahren und sowieso darin baden und Spaß haben, sagt er. Als Kind hatte er irgendwann einmal Malaria, aber seither war nichts mehr damit.

(Ich fühlte mich umgehend so unsäglich seniorenhaft neokolonialistisch angesichts dieses jungen und forschen Afrikaners. Da kann man aber wohl nichts machen, tja.)

Westlich des Sees entspringt der blaue Nil, fließt in den See hinein und wieder aus ihm heraus. Fekr berichtet stolz: 85% des Nilwassers würden aus dem äthiopischen Nil, also dem Blauen, eingespeist. Der Rest lediglich aus dem Weißen. (Anm.: Später las ich, das sei in der Trockenzeit so, in der Tat. In der Regenzeit aber gestalteten sich die prozentualen Verhältnisse genau andersherum.) Schon vor Jahrhunderten drohten äthiopische Herrscher, den Ägyptern das Wasser abzudrehen. Und nun, ganz aktuell, wird seitens der Äthiopier ein großes Wasserkraftwerk gebaut. Ein nationales Projekt mit großem Prestigewert, welches die Nation eint, einen soll. Offenbar gab es sogar Spendenaufrufe an das Volk, an alle.

Das Problem allerdings sei, dass aus dem geplanten Stausee eine Menge Wasser vermutlich verdunsten wird. Zudem setzten sich nährstoffreiche Sedimente und Mineralien ab, die normalerweise das Nilwasser flussabwärts, im Sudan und in Ägypten, befruchten würden. Man hätte, so Experten, lieber mehrere kleine Staustufen planen sollen. Die Ägypter haben daher offenbar bereits im Sudan, nahe der äthiopischen Grenze, eine Airbase errichtet. Um wahrscheinlich das Projekt, das an einer wesentlichen Lebensader Ägyptens zupft, jederzeit gegebenenfalls bombardieren zu können, ganz unmissverständlich. Das jedenfalls erzählte uns später Tamirat, der Guide im nördlicher gelegenen Gondar. Der Kampf also ums Wasser. Wie die Schweiz und der Rhein.

Bahir Dar, ungefähr 200.000 Einwohner. Palmen und Bananen. Wir fuhren mit einem Schiffchen über den See zu einem Halbinselkloster aus dem 14. Jahrhundert. Vorbei an Booten aus Papyrus, in denen Fischer paddeln und Netze ausbringen. Noch heute. Wie bei Thor Heyerdal. Ich habe dort, auf dem späteren Fußweg dann zum Kloster, erstmals rohe Kaffeebohnen gelutscht. Nicht schlecht. Ein Hirte habe vor langer Zeit seinen Ziegen die Bohnen zum Verzehr vorgelegt. Diese seinen daraufhin bis in die Nacht sehr umtriebig und freudig aktiv gewesen. Diese Beobachtung habe der Hirte einem Mönch mitgeteilt, welcher ebenfalls die Bohnen probierte, diese jedoch angewidert von deren Geschmack ins Feuer spuckte. Es kam, wie es kommen musste, die Bohnen wurden geröstet und ein süßlicher Kaffeeduft erfüllte den Raum, der nun auch den Mönch überzeugte. Seither gibt es Kaffee als Getränk. Äthiopien ist das Ursprungsland des Kaffees, schrieb ich ja schon. Es gibt eine Provinz mit Namen Kaffa.

Es entsteht ein Hotel nach dem anderen derzeit in Bahir Dar. Alle mit Sternen. Es gibt ja auch die solventen innerafrikanischen Gäste, das übersehen Europäer und Amerikaner oft. Es hat sich etwas verändert. Gerne wären wir da noch einen Tag länger geblieben. So eine Art Nizza oder Cannes. Abends fiel der Strom aus für 10 Minuten, etwas, was völlig normal ist. Wir saßen gerade beim Getränk und einem Blick auf die nächtliche Seepromenade, als sich alles verdunkelte. Fekr trafen wir mit drei äthiopischen Traumschönheiten auf Stöckelschuhen abendlich um die Häuser ziehen. (Es gibt eine schöne Kondomwerbung in Äthiopien.) Hatten wir uns ja schon gedacht, wir weißen Kolonial-Senioren mit fair gehandeltem Hintergrundwissen. Mit Sonnenbrand bisschen am Hals und Mosquitospray im Kulturbeutel der Malariaangst. Aber gut drauf.

Im See gibt es seltsamerweise keine Krokodile. Dies begründet sich möglicherweise aufgrund eines Privat-Deals eines Mönches mit Gott aus dem 14. Jahrhundert, der ihn (Gott) bat, doch bitte auf Krokodile im See zu verzichten. Was dann geschah. So jedenfalls im Reiseführer, einem klugen Buch, beschrieben. Stattdessen Kolonien von Pelikanen und Kindern, die auf Papyrusbooten stehend nach Hause fahren ins Schilf.

Anderntags mit dem Driver nach Gondar, in Richtung Norden. Toyota Minibus. Gondar ist der alte Herrschersitz Äthiopiens, ein Ort von Hochkultur. Malariafrei, seit Jahrhunderten. Der Driver lehrt mich Amharisch. Tarrara heißt Mountains. Wowamma ist ein LKW. „Al Quaida“ heißen die kleinen Isuzu-LKWs, weil sie so selbstmörderisch fahren. Und „Agere Germano“ heißt wohl „Ich komme aus Deutschland“. „Buna“ heißt Kaffee und „eschi“ heißt ok. Nach Sudan sind es nur noch 190 Kilometer. Schwer beladene Lastwagen mit schwer beladenen Anhängern kriechen in diese Richtung, in eine andere Welt.

In Gondar ist unser Führer Tamirat. Er hat Sozialwissenschaften studiert und legt gerade nach mit einer Arbeit über „Die Rolle der Frau in der Geschichte des Tourismus im Semiengebirge“. Oder so ähnlich. Was für ein Wunder, sich angesichts der aktuellen sehr säkularen Landesprobleme mit so etwas zu befassen. Von ihm erfuhren wir viel über das Jetzt in Äthiopien. Das Politische. Nebenher Kirchen ansehen, Wandmalereien aus dem 17. Jahrhundert. Eine Holzdecke mit vielen aufgemalten kleinen Engelsköpfen. Diese finden sich auch als Motiv auf Kaffeebechern und T-Shirts.

In Gondar, der einstigen Königresidenz, hatten sich zwischen 1935 und 1941 (sogar mit Hilfe von Giftgas, wie Wikipedia schreibt) auch die Italiener niedergelassen. Noch heute heißt der Hauptplatz der Stadt „Piazza“, die Gebäude dort wurden von den Besatzern errichtet und stehen offenbar unter Denkmalschutz, da deren Farbigkeit nun nicht mehr verändert werden darf. 1941 bombardierten die Briten deshalb die Stadt. Wir besichtigten das „Bad des Fasilides“, welcher als König im 17. Jahrhundert das zerfallene Äthiopien erneut geeint hatte. Bei diesem „Bad“ handelt es sich um ein kleines Lustschlösschen, das innerhalb eines großen Wasserbassins errichtet wurde, welches üblicherweise nicht bewassert ist.

Glücklicherweise stand der hohe Feiertag „Timkat“ bevor, den die äthiopisch-orthodoxe Kirche als Fest der Taufe Jesu begeht, weshalb dieses Bassin sich im Zustand der Füllung mit Wasser befand. Tamirat berichtete, wie am Festtag selbst hunderte Gläubige, teils schon entkleidet, ungeduldig am Beckenrand warten, bis der Priester das Wasser heiligt und segnet. Er entzündet eine oder mehrere Kerzen, die er dann auf kleinen Holzschiffchen in Richtung der Mitte des Bades verschubst. Hat ein Schiffchen die Mitte erreicht, gibt der Priester das Zeichen, dass das Wasser im Bad nun gesegnet sei und alle Wartenden stürzen sich hinein, einerseits als Taufauffrischung, aber auch, um etwas Wachs dieser Kerzen zu erhaschen und dieses als besonderen Segensbringer mit heim zu nehmen. Gerne hätten wir dieser Zeremonie beigewohnt, beschrieb sie Tamirat doch auch, neben ihrem Zweck als heiligem Taufgelöbnis, als einen Riesenspaß.

Da Weihnachten in Äthiopien in diesem Jahr am 7. Januar gefeiert wurde, stand im Hof des Hotels „Fasil Lodge“, wo wir nächtigten, noch ein blinkender Weihnachtsbaum. Dieser heimelte und machte uns den fehlenden Wasserdruck und die Abwesenheit warmen Wassers vergessen. Auch, als unmittelbar neben dem Hotel abendlich ein Transformator blitzend schön in sich hineinexplodierte und daraufhin die sonoren Diesel der Notstromanlage ansprangen. Wie eigentlich immer und überall gegen halb neun am Abend. Man gewöhnt sich schnell, wir tranken Whisky zu 40 Birr das Glas.

Auch besuchten wir ein Falasha-Dorf nahe Gondar. „Die Falashen sind Äthiopier israelitisch-jüdischen Glaubens, die sich als Nachkommen des Stammes Dan betrachten und eine archaische Form des Judentums praktizieren“ (vgl. hierzu auch Wikipedia „Beta Israel“). Während der Hungerjahre 1984 und 1991 wurden sie von den Israelis in zwei großen logistischen Operationen nach Israel heimgeholt. Dort gälten sie ein wenig als Bürger zweiter Klasse, aufgrund ihrer Hautfarbe. Wieviele der Falasha in Äthiopien verblieben seien oder wie viele wieder zurückgekehrt wären, darüber gibt es widersprüchliche Informationen. In diesem Dorf jedenfalls sah ich den einzigen Affen dieser Reise. Ein kleiner junger war’s in einer Rundhütte, mit dem die Kinder sehr liebevoll spielten.

Tamirat führte uns auch noch in eine bekannte Priesterschule. Junge Männer im Alter von 12 bis 17 Jahren erlernen dort den Priesterberuf und orthodoxes Wissen. Sie studieren ferner die Sprache „Ge’ez“, eine meines Wissens sehr alte semitische Sprache, die in Äthiopien Kirchensprache ist und die nur wenige verstehen. Beeindruckend die Enge in den beengten Hütten, einem kleinen Dorf gleich, wo sechs angehende Priester in jeweils einer Hütte leben. Wir wurden freundlich in eine der Hütten hinein eingeladen. Jeweils zwei Novizen teilen sich ein „Bett“, ca. 90cm breit und als Matratze dienen alte Pappen. Der Geruch und die Enge unvergesslich. Abwesenheit jeglicher Privatheit. Dunkelheit, Parasiten jeder Art. Ein sechzehnjähriger als Hüttenältester in greiser Körperhaltung. Er wirkt wie unter Drogen, wahrscheinlich ein Trugschluss. Ich leugne nicht, dass ich aus Europa komme.

Das Essen erfragen sie in der Stadt von Haustüre zu Haustüre, betteln darum. Sammeln und trocknen die Gaben auf großen Blechen in der Sonne, um sie dann erneut aufzukochen und für sich zuzubereiten. Die Köchin stolpert aus der Hütte und verletzt sich dabei etwas, fast stellvertretend für uns, die Besucher. Andere junge Priester lachen, anstatt zu bedauern. Seltsam war das schon. Ich würde keinen Tag in einer solchen Hütte überstehen wollen. Betroffenheit.

Oft werden aus kinderreichen Familien ein oder zwei Abkömmlinge in diese Priesterschulen geschickt. Dann sind wenigstens diese versorgt, so erfuhren wir auch schon bereits im Hochland von Guide Gederet. Das ist ja so ähnlich, wie in der alten Welt früher, wenn Söhne oder Töchter im Kloster unterkamen.

An dieser Stelle vielleicht zu erwähnen wäre, dass Homosexualität absolut verpönt ist und unter Strafe steht. Gleichwohl ein schönes Bild, wenn es üblich ist, dass Männer innig händchenhaltend durch die Straßen laufen. Tamirat war amused, dass dies in Europa eher ein Signal für Gay sei.

In Gondar begleitete uns auch Anne, eine allein reisende ältere Edinburgherin, die einst Lehrerin in Cambridge gewesen war, nach eigener Auskunft. Als sie nebenbei erzählte von den neuerlichen sehr gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland, da schüttelte Tamirat erstaunt und ungläubig den Kopf über solcherlei Querelen, wie sie sogar in Europa immer noch vorkommen würden. Das hatte er nicht erwartet.

Von Gondar aus flogen wir in nördliche Richtung weiter nach Axum. Über das Semiengebirge, wo es noch einen Rest äthiopischer Wölfe gibt, die jedoch vom Flugzeug aus nicht auszumachen waren. Hier auch der höchste Berg des Landes, ca. 4600 Meter hoch. Axum (auch Aksum), also dort, wo sich die Bundeslade befindet, ist eine uralte Stadt, die jedoch ausgelassen wurde unsererseits in dieser viel zu kurzen Reisezeit. Mehr dazu empfiehlt sich unter dem Suchbegriff „Aksumitisches Reich“ zu ergründen. Hochkultur allemal schon wieder. Interessant auch, dass einer der großen steinernen Obelisken, die Mussolini während der italienischen Besatzung Äthiopiens nach Rom geschafft hatte, erst im Jahr 2005 zurückgegeben worden war.

Knapp 110 Jahre zuvor, im Jahre 1896, hatten die äthiopischen Truppen unter Kaiser Menelik dem Zweiten die Italiener bei der Stadt Adua – wenig östlich von Axum – besiegt und dadurch einer Besetzung und Kolonialisierung des Landes Einhalt geboten. Es war dies der einzige jemalige Sieg afrikanischer Truppen gegen eine invasorische Kolonialmacht gewesen, weshalb noch heute der Tag der Schlacht ein hoher Feiertag in Äthiopien ist. Die Schmach für die Italiener währte groß und Mussolini versuchte dies daher durch die späteren Eroberungen von 1935 bis 1941 wettzumachen, indem er die Kolonie Italienisch-Ostafrika konstruierte, was ihm immerhin über sechs Jahre gelang und tausenden Äthiopiern das Leben kostete.

Am Flughafen von Axum bat mich ein gerade gelandeter älterer Israeli freundlich um Feuer fürs Rauchen, da ihm bei der Fluginlandskontrolle das Feuerzeug abgenommen worden war. Mir war dasselbe geschehen, aber ich hatte aus Schaden klug vorgesorgt und mir Streichhölzer wohlweißlich in versteckte Taschen wandern lassen. Eine Art Triumph, da ich nach der ersten strengen Blamage „Oh, there is a Lighter inside your Handbagage, sorry Mister, it’s not possible!“ schon neokolonial beschlossen hatte, mich für die Einfrierung sämtlicher finanzieller Zuwendungen bezüglich Entwicklungshilfe einzusetzen (welches Gefühl jedoch nicht lange währte und eher meiner Verärgerung über meine eigene Dummheit geschuldet war – ebenso der Nachtrauer meinem schönen Taschenmesser gegenüber, einst ein Geschenk der Kollegin F., welches sich nun wahrscheinlich nach knapp zwanzig Jahren in meinem Besitz auf dem Gebrauchtwarenmarkt von Addis Abeba wiederfinden wird oder sich dort bereits wiedergefunden hat und hoffentlich wenigstens zu einem guten Preis den Besitzer gewechselt hat).

Von Axum aus transferierten wir im Toyota Minibus durch massive Berge (was sonst?) nach Adigrat, einer Stadt im Norden der Provinz Tigray, kaum 35 Kilometer entfernt der eritreischen Grenze und rund 80 km nördlich der Provinzhauptstadt Mekele gelegen in ungefähr 2400m Höhe. Wir residierten dort in der nahe dem Ort erstellten „Agoro Lodge“, einem von den Spaniern nachhaltig unterstütztem Projekt in Bezug auf die Schulung und Ausbildung einheimischer Tourismuskräfte mit dem Ziel, das alles in naher Zukunft örtlich zu übergeben. Der spanische Manager war freundlich, wirkte aber sichtlich erschöpft und freute sich sehr auf seinen ersten bevorstehenden Urlaub daheim nach 3 Monaten.

Ein sehr schöner Platz. Auffällig, dass alle Häuser der Region in Sandstein errichtet sind, und nicht in der Holz- und Lehmbauweise des Amharischen. Die Sprache „Tigrinia“ würde sich von Amharischen in etwa so unterscheiden, wie Spanisch von Italienisch. Das meinte unser dortiger Guide Kiros. Auch Kiros, als Journalist, ein Vertreter des „neuen“ Afrika, mindestens eines neuen Äthiopien. Mit Kiros als Erklärer und Haile als Fahrer eines Vintage Toyota 4WD, einem guten Team, drei Felsenkirchen angesehen. Nicht die spektakulären, eher die leisen und schönen. Keine Klettereskapaden, über die alle Spezialisten berichten („… die letzten 5 Meter barfuß auf 20cm Breite, hinter dir der Fels, vor dir 200 Meter Abgrund und dann rein in die Kirche!“. Nichts dagegen, aber das kann man ja auch noch beim nächsten Mal ansehen). Man kann eben nicht andauernd ein Weltkulturerbe nach dem anderen vor sich haben, das ist fast unerträglich. Sage ich mal so. Um so mehr nachhallend im Ein- und Ausdruck.

Vor der zuletzt besuchten Kirche dann ein Mittagessen jenseits des Tourismus. In Wukro beim Mittagstisch des örtlichen Mittelstandes, ein Tipp von Kiros. Injera und Tibbs. Tibbs ist gebratenes Feisch jeglicher Herkunft. Spicy gewürzt und sehr verträglich auch dem europäischen Magen, da kann man nichts falsch machen. Danach ins Enku Coffee House, dessen Betreiberin schon vom Staatspräsidenten für den besten Kaffee in Town ausgezeichnet wurde, was eine Fotografie an der Wand belegt. Sie, eine vermutlich endzwanzigerende Lady im mittelknappen roten Kleid. Gewiss eine gute Partie, sehr trocken und modern in Mimik und Habitus. Ganz sicherlich betreibt sie auch eine coole Facebook-Seite.

Und überhaupt: Ich glaube, dass es vor allem diese leisen Frauen sind, die das Land im Stillen nach vorne begleiten und bringen. Seien sie es nun auf den vielen Baustellen als Zementträgerinnen oder sei es die Gründerin der ersten afrikanischen Rohstoffbörse in der Hauptstadt. Und viele andere. Wenn ich es als Mann, dazu Europäer, ausspreche, dann ist das aber ohnehin komisch und querliegend, gleich doppelt.

Zur letzten Felsenkirche dann 40 Kilometer durchs Gelände nach Osten. Dort ist auch der kleine Film entstanden: „African Massage, yehe!“. Dahinter dann beginnt irgendwann mit gebührendem Abstand ebenjene Danakil-Depression, man kann schon ahnen, dass die Berge langsam zur Neige sich neigen. Auf dem Rückweg eine Esel-Karawane, die Tiere beladen mit Salzplatten. Und dazu der bereits erwähnte finster freundliche Afar.

Die Besichtigungsgebühr der einsamen Kirchen beträgt verhandelterweise 150 Birr pro Person, also 7,50 EUR. Nach absolvierter Besichtigung schreibt ein Priester eine wichtige Rechnung. Von alter Wandmalerei bis hin zum Wunderglauben (Wassertunken ins Becken mit gesegnetem Wasser gefesselt gegen Kinderlosigkeit oder irgendwelchen Wahnsinn) ist alles christlich-orthodox inbegriffen.

Tigray ist noch ein wenig trockener und wilder als die anderen bereisten Provinzen. Steiniger, Sandstein gibt es hier. Wie in Mittelfranken. Die Agoro-Lodge liegt etwas einsam oberhalb der Landstraße. Abends Nachtwächter mit Gewehren. Keine Henrystutzen, sondern automatische Gewehre, das erkannte selbst ich als Laie. Auch eine Gruppe amerikanischer Rentner logierte dort für einen Nacht. Amerikanische Rentner duschten mir am Morgen das warme Wasser weg. „Eigentlich wäre diese Lodge ein guter Ort für Überfälle, ein leichtes Ziel…“ sage ich so in die Dämmerung hinein. Die Köchin ermahnt streng meine ausufernde Phantasie und wir sehen daraufhin noch einer unbekannten größeren Spinne mit gestreiften Beinen am anderen Ende des Raumes beim Abseilen zu, nachdem wir zuvor die Türe abgeschlossen haben.

Am Samstag, den 19.1. besuchten wir mit Kiros und seinen Freunden die Feier anlässlich des „Timkat“, also des Tauffestes, im Adigrater Fußballstadion. Die katholische Kirche war sich nicht zu schade, währenddessen östlich angrenzend ihr großes Geläut im örtlichen Dom vorzuführen. Wir hörten einer ersichtlich versiert freigesprochenen Predigt eines Priesters zu, ebenso der Ansprache des Bischofs. Danach wurde hie und da zu Trommeln getanzt und die Menge mit zuvor geheiligtem Wasser aus Schläuchen bespritzt, zur „Tauferinnerung“. Irgendwann und irgendwie wundersam hatte zuletzt auch die Köchin ein paar Spritzer abbekommen. Nachmittags schließlich flogen wir von Mekele aus zurück nach Addis Abeba.

Alles ganz subjektiviert. Über Menschenrechte und deren Verletzungen kann man sich auch informieren. Über Addis Abeba als kommende Megacity, 3,5 Millionen, 4,5 Millionen? Keiner weiß das genau. Über die sozialen Schieflagen innerhalb dieser sehr dynamischen Vorgänge. Über das politische System und auch dessen Opfer. Über Armut und Elend. 40% der Einwohner seien unter 15 Jahre alt, ein enormer Kinderreichtum, zunächst. Sollte alles so weitergehen, dann würde sich die Bevölkerung bis 2050 verdoppeln. Der Ausbau des Transportwesens habe sich in den letzten zehn Jahren extrementwickelt. Diese Wege sind das erste und wichtigste. Gewachsene städtebauliche Strukturen werden dem Erdboden gleichgemacht und die Umsiedlung in moderne Siedlungen mit Strom und Trinkwasser angeordnet. Jedenfalls für diejenigen, die es sich leisten können. Das sind bisweilen Fehler, die eigentlich schon historisch bekannt sind. Löhne, die den schnell steigenden Lebenshaltungskosten hinterherhinken. Es gibt keinerlei Regulierung des Mietmarktes, geschweige denn einen rechtlichen Mieter- und Kündigungsschutz (so Gederet aus Lalibela).

Die Afrikanische Union, vergleichsweise entsprechend der EU, hat ihren Sitz in Addis Abeba. Die Taxis sind blau und meistens sind es alte Ladas aus der sowjetischen Zeit. Einen solchen fuhr ich auch einmal, Anfang der 90er. Man sieht R4 und VW Käfer, Bullis und alte Mercedes-Lastwagen. Und viele Taxi-Dreiräder, die „Badschads“, eine indische Vespa-Apes-Adaption. Oder es war andersherum und Vespa hatte das einst kopiert, wer weiß.

Über Addis Abeba kreisen auch die Geier, das war schon am Morgen nach unserer Ankunft ein beeindruckendes Bild. Nachts kommen die Hyänen in die Stadt und die Hunde versuchen sie die ganze Nacht wegzubellen. Unsere Gastgeberin führte vor, wie Hyänen klingen: „Uuuh-wip“. Ich habe sie dann auch genau heraushören können, noch frühmorgens. Die Dunkelziffer der Beschneidung von Frauen (übrigens kein konfessionelles, sondern ein rein afrikanisches Ritual) sei angeblich rückläufig, es würde aus der Mode kommen. Dafür gäbe es andere Arten der Beschneidung, nämlich zum Beispiel die „Zäpfchenbeschneidung“ im Rachen. Den Grund dafür kenne keiner, aber so habe die Nanny es erzählt, sagt die Gastgeberin.

Am eindrucksvollsten für mich die Berge, denen weit hinten weitere Berge folgen und dann immer noch mehr Berge, hinter den ohnehin bereits fernen Bergen. Das Unten und Oben hört nie auf, es lässt sich keine Grundlinie ausmachen. Aber eigentlich war alles eindrucksvoll in diesen zwei Wochen. Vor allem die bejahende Dynamik sämtlich zu erkennender Bewegungen. Schlaflos. Aber auch der frisch vom Baum gepresste Mangosaft. Und auch die Tatsache, dass selbst junge Smartphonebenutzer ein Kreuz um den Hals hängen haben in den äthiopischen Landesfarben. Aufklärung widerspricht hier offenbar (noch?) nicht einer tiefen Religiosität. Verwurzelt.

Die Köchin meint, dem christlichen Afrika käme nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil. Das ist nun zwar nicht gerade mein Kernthema, aber sie könnte – mindestens politisch – sehr Recht behalten. Ein „God bless You!“ als Abschiedsgruß hatte mir hier stets eine ganz andere Bedeutung. In diesem Land, in dem nichts klar und selbstverständlich ist, so wie zuhause. Ich war bisher nie auf die Idee gekommen, so etwas zu wünschen. Und meine 7 Jahre alte Lumix hat nun einen kleinen Schatten, der auf allen Fotos stets zu sehen ist oben eher links. Was für ein schönes kleines Problem.

Alles hatte ja im September mit diesem Anruf begonnen. Großen Dank an die Köchin. Für die schnelle Überzeugung und allerlei am Sowieso. Und großen Dank vor allem auch an unsere Gastgeber in Addis Abeba, die Familie K., die so vieles für uns organisiert haben und in deren Haus wir herzelich zu Gast sein durften mit Geiern und Hyänen und Warmdusche mit Pumpe. Und hundertjähriger Landschildkröte im Garten mit Namen „Max“. An den Gastgeber M. für diesen einen Abend in der Jazzjam-Session-Musikkneipe am anderen Ende der Stadt. Und an die Hunde Lucky und Luna. Und an die Kinder der Gastgeber natürlich sowieso auch: Wikingerschach – die Revanche wird kommen, hehe! 😉

Wajela


Links:
Tesfa-Tours
Agoro-Lodge, Adigrat
Four Sisters Restaurant, Gondar
Enku Coffee House, Wukro
Auswärtiges Amt, Reisehinweise

Und natürlich diverses Wikipedia.

Reiseführer Buchform: Katrin Hildemann, Martin Fitzenreiter, „Äthiopien“, Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH, Bielefeld, 5. komplett aktualisierte Auflage von 2011. Sehr gutes Buch.

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Kreuzung

(Bild etc.)

Nachts um halbdrei mitten auf der Kreuzung diese schönen hinterleuchteten Wegweiser UNBEDINGT zu fotografieren, nach einem noch nachrauschenden Fest mit zuletzt rundlaufendem Tanzbein in einer alten Mühle im lieblichen Taubertal, Bollerofen und Borscht, keine Sau mehr unterwegs außer den ersten Stechmücken (die glauben, der Winter fällt dies Jahr aus), generationsübergreifend trunken. Nimmt man ja auch noch mit, so kurz vor Luftlangstrecke. /Mitbringsel u.a.: Waschlotion 3,5pH, Schnaps, Gummibärchen, irgendwie feuchte Tücher und Drogeriekram divers, Nutella für die Jungs, 1x Gefällt mir, Wurmhalsbänder, Landjäger. Ins Ursprungsland des Kaffees hin zu Klunkeribis und abessinischem Wolf. Eritrea, Somalia, Dschibuti – so schöne Namen muss man erstmal erfinden. (Saulgau, Rixdorf, Övelgönne? Eigentlich auch gar nicht so schlecht.) /Als Übersprungshandlung aufgrund einerseits einem Quäntchen Flugvorsicht hier noch einen Extrem-Experimentalfilm, der das Thema „Nachbarschaft“ trilogisch andererseits anhand eines bewusst als säkular gewählten Teilgenres (des Mülls nämlich) bereits 2001 – noch vor dem 11.9., aber das ist privat und eher unwesentlich – behandelt, um natürlich diverse gesamtgesellschaftliche Sichtweisen künstlerisch zu hinterfragen, ohne gleichzeitig jedoch Lösungen dadurch zu unterbinden, vielmehr ebensolche ggf. anzubieten:


(Film etc.)

Das Schöne an solchen Filmen ist ja, man muss sie nicht zu Ende schauen, nichtmal mit Ersatzbrille. /Und jetzt bin ich langsam nervös, aber freu mich wie die Sau. Leben Sie wohl 😉

rebel_rebel

In der Sylvesternacht war es drei oder vier oder eher schön später geworden, bereits aber am frühen Morgen des Neujahrtages gegen 10.10 Uhr fuhren wir, die Kirschkern, die Köchin und ich, hinab zur universitären Gotikkirche, um dort die IV. Kantate des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach zu hören, eingebettet in einen Gottesdienst. Zeitig schon waren die neugierigen Plätze gut besucht und bei der Ausschau nach einem noch möglichen Emporenplatz bot sich uns und mir (müde) das Bild einer komplett privatreservierten erstreihigen Bank auf der südlichen Empore mittels dreier auf jener Bank in einer Breite von circa sechs Metern längsgelegter fair gehandelter Schals, ohne dass sich jedoch wenigstens einer der Platzbesetzer leiblich zur Erläuterung dieses ungeheuer raumgreifenden und dreisten Besitzanspruches irgendwelcher selbsternannt Auserwählten der örtlichen Hochbildungskultur hätte mindestens freundlich physisch und mit ggf. bestechender Demut des Intellektes oder klugem Dekollté sich vor Ort erklärend und erläuternd blicken lassen.

In B hätte ich mich darüber hinweggesetzt. Vor allem auch weniger MÜDE hätte ich mich darüber hinweggesetzt. Den ganzen halben restlichen Tag ärgerte ich mich also noch, nichts unternommen zu haben in dieser Situation, hier in den Weiten Südwestdeutschlands bereits am ersten Januar. Meines wäre es gewesen, mich und uns dorthin zu setzen und weitere andere zu diesen sechs Metern einzuladen, in demonstrativ lautstarker Prekariats-Gestik oder arrogantem Millionärstum oder irgendeinem anderen pöbelndem Gegengewicht, einen Platzverweis gerne riskierend, ja herausfordernd!

Anstattdessen gingen wir friedlich murrend die kleine Wendeltreppe wieder hinunter und hatten dann, zugegeben, auch im Parterre einen durchschnittlich blicksicheren und akustisch angenehmen Platz, der mir, unsere Wagenburg flankenschützend nach rechts hin sichernd, dann allerdings eine ältere, der Vermutung nach alleinstehende, Sitznachbarin bescherte, die sich noch kurz vor Beginn der Choräle über die Neuigkeiten des jüngsten Sterbens des Geschwisters einer ihr bekannten schräg links in der Reihe vor uns platzgenommen habenden offenbar ehemaligen Mitsängerin eines wahrscheinlich sehr wichtigen lokalen Chores diagonal über meine Oberschenkel und meine 1qm Aura hinweg lautstark und ohne jegliche Hemmnisse austauschte, in mir unverständlich selbstbewusster Art und Weise und mit, wie ich feststellte, übergroßen Handtellern und daran hornigen Fingernägeln, die halbjährige Löwenjunge zu bezwingen geeignet gewesen wären. Wahrscheinlich hätte ich sie kennen müssen, als Professorenwitwe eines Fastnobelpreisträgers oder als selbst irgendwie geisteswissenschaftliche Größe oder Zuarbeiterin eines desselben (Haushalt, Bett, Nahrung?), gleichwohl als irgendwie übergriffiges soziales Monstrum, welche Tatsache aber den Status der wissenschaftlichen Leistung ja immer untermauert, wie ich es bereits in der hiesigen Schule lernen musste, der kleine Schneck immer wieder staunend, manchmal schmerzvoll.

Mit totem und daher unwichtigem Vater wurde man hier irgendwann ausgemustert von den gleichaltrig Adoleszierenden aus Professorenhaushalten. Das einzige, was man machen konnte, war, denen die ohnehin platonische Freundin auszuspannen und dann öffentlich zu knutschen. So konnte man sie ins Mark ihres Hirns treffen. Einmal wenigstens ist mir so etwas gelungen.

Bei den Gemeindegesängen dann ein Gemisch der verschiedensten Atemerfrischungsmöglichkeiten. Unbekannte Kreationen von Mint und artverwandten süßlichen Dreingaben wehten in meine Waldnase. Und dabei immer wieder assoziativ und sogar an meinen gestählten Raucherrezeptoren vorbei den Geruch alternder Menschen, die immer noch in ihrem Saft schmoren, Jahr für Jahr, in ihrem elitären Stolz, dumpf. Das ist das Schlimmste in dieser Stadt, der die Schwerindustrie fehlt. Nicht das Altern, sondern das Pflegen des eigenen Bratenfonds mit seit Generationen gleichlautend unwahr hochnäsigen Leitkulturprinzipien.

Ich wusste damals genau, weshalb ich vor langer Zeit hier dringend wegging. Und jetzt zu Neujahr wurde ich einmal wieder erinnert daran, weshalb. Ich bin froh, mich nicht inmitten dort befinden zu müssen, sondern besser im kleinen Dorf abseits und dazu noch am Waldrand, in der Peripherie der Peripherie dieses sauverlogenen Gutmenschentums. Aber mein Herz ist ja groß.

(Herr Nnier hat übrigens hier etwas sehr treffendes geschrieben, was auch damit zu tun hat. Ganz wunderbar.)

Fürs neue Jahr wünsche ich mir vor allem die Wiederkunft eines umfassend ganz grundsätzlich solidarischen Prinzips.