/m.

LuxAir-peche
(„LuxAir, péché“, 2002, 60x120cm, Öl auf MDF)

„lieber m.,
habe eigentlich immer verfolgt, was du so machst. wenns bei mir nicht so richtig lief, habe ich dir neidisch nachgeschaut, deine erfolge seziert, gelästert über deine hingerotzten sachen. vielleicht gerade deshalb, weil ich glaube, daß ich dir und deinen riesenformaten immer sehr nahe war, auch wenn es so, wie du es eben angegangen bist, für mich recht unmöglich gewesen wäre. die suche nach den grenzen der aura, die sucht, selbst die kleinsten bilder, zeichen oder sachverhalte den vermutlich großen gleichwertig zu setzen, das ist wohl letztlich die suche nach tieferem, das bespielen der unbedingten und bedingungslosen oberfläche eigentlich die fiebrige sehnsucht nach vision, die es wohl nicht mehr gibt, zumindest nicht für uns. ich verstehe, daß man fetzen des sichtbaren universums aneinanderreiht, zufällig, variabel, chaotisch, unparteiisch, systematisch, ich nenne das congo. und du, immer größer. deine billige farbe, deine sich verziehenden keilrahmen, dazu grundlinienthematik, das hätte ich dir anders geraten, trotz form und inhalt und deren möglicher synergie. meine meinung. schnell, schneller und am schnellsten, wer hetzt einen eigentlich? nächstes, noch ein bild. deshalb sind meine arbeiten ja dann eher gehetzt klein – möglich, du hattest doch recht, und um die sich verbiegende holztafel sollen sich andere kümmern. jemand hat mal gesagt, der beginn des malens sei angst. und wenn man dann genug bilder gemacht hat, dann überrollt einen irgendwann selbst deren gewollte beliebigkeit, die rückbeseelungsversuche an vorgefundenen motiven oder ausschnitten davon sind erschöpft, der witz und der trash ebenso, und es nähert sich als vorläufiges nirvana der reduktion die reine schrift, und die botschaft an sich wird dann vielleicht noch verziert mit ein paar neoexpressiven pinselzügen, das ist dann der rest der aura, oder der letzte verweis auf malerei, weil sie einem ja so lieb ist, obwohl man an ihrer auflösung arbeitet, und das auch noch mit ihren eigenen mitteln. übrigens solches zuletzt gesehen von dir, natürlich in manischen drei mal acht meter. ich hätte mal wieder kontakt zu dir aufnehmen sollen, ich beiss mich in den arsch. ich darf weiterprobieren, du nicht mehr. ich bin übrigens gerade bei ornament und langeweile, immerhin ca. einszwanzig auf sechzig, in mischverwandten tönen.“

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/das habe ich mal 2003 in einem katalog geschrieben (mit dem er gar nichts zu tun hatte), da war alles erst ein paar monate her gewesen.

/getroffen hatte ich ihn noch einmal bei einem seiner atelierfeste, wir waren gerade umgezogen nach B., mit der kirschkern frisch im bauch, im sommer 99, ich war etwas früher am abend hinübergelaufen mit weissem kordhemd in die glogauerstrasse (oder war’s die ohlauer- gewesen?) und wir haben uns sehr angenehm und ernsthaft unterhalten über leben und bisschen kunst, bevor die ganzen wichtigen gäste und anhängsel kamen. ich war ein wenig erstaunt, dass er sich sofort noch an mich erinnerte, er hingegen war erstaunt, dass ich artig eine flasche wein mitgebracht hatte. während akademiezeiten, weitere fast zehn jahre zuvor, da brannte abends immer noch licht in seinem atelier, und auch dort, wo ich noch arbeitete. er in riesenformaten schon damals, ich im kleinen format, wie ja heute noch. tür an tür war das, man lieh sich oft noch etwas aus gegenseitig, beäugte sich, trank ein halbes bier oder schwätzte, lachte ggf. (natürlich nur verhalten, im meta), vor allem aber war man cool und kritisierte. und konkurrierte.

wirklich gemocht haben ihn in dieser zeit nicht viele, wenn ich das richtig erinnere, man nannte ihn „scarface“, oder einfach (herablassend und ein wenig beuteschwäbisch) „das Michele“. diese ausbildungszeiten sind ja zeiten der größten gnadenlosen konkurrenz, ein paar unrühmliche geschichten und gerüchte über seinen ehrgeiz gab es in bezug auf größere reputation beim künftigen fortkommen in richtung Ruhm.

heute würde ich das auch jedem studenten empfehlen. aber erst heute, viel zu spät. er hat das richtig gemacht.

/zuletzt sah ich arbeiten von ihm bei „german open“ im kunstmuseum wolfsburg und später noch einmal auf dem art-forum-berlin. dann, im herbst 2002, ich probierte und entwarf mich gerade neu an einer ausführlichen serie von größeren und abstrakten arbeiten bezüglich zufall, klebeband und zwischenraum (in jenen freien stunden im atelier gegenüber dem kinderladen und zwischen hinbringen des kirschkerns und abholen desselben…), da hörte ich auf einmal nebenher im radio, dass da ein flugzeug verunglückt sei, von B. kommend nach Luxembourgh, und dann besorgt und telefonisch etwas später, dass er in diesem flugzeug, einer kleineren Fokker, abgestürzt und dabei offenbar ums Leben gekommen war. (nur ein fluggast, der im vorderen bereich saß, sowie ein pilot haben, soviel ich weiss, damals überlebt.)

das erschütterte mich, denn da kamen diese ganzen harten SACHEN so nah, über die man, und ja auch ich, kritzelte und malte und witzte, auch aber ganz generell und lebenstechnisch, und dabei bei allem so völlig kunstfrei plötzlich. das war REALpop, man musste die sonnen- oder kinderbrille abnehmen. jäh und also gerade in dem moment, als es so richtig durchstartete bei ihm – da stürzte dann so ein blödes flugzeug ab, und zwar auch mit ihm darin. und alles vorbei.

/ganz leise habe ich ihm dann damals obiges bild gemalt, mit rührender Sünde und dem Signet der Airline. alles ganz versteckt. das Bild steht seither verpackt herum, das ist aber auch ganz unwesentlich. und es ist schließlich nicht so, dass er mein superfreund war, das war er gewiss nicht, aber da ist eben auch eine seltsame verbundenheit, eine achtung, über die gedanken zum Machen, zum thema, zur existenz, zum gewählten beruf. ich hatte ihn an jenem festabend als sehr ernst und wahr erlebt, anders als jahre zuvor, und mich auf sein Weiteres und wiedersehen gefreut. und ich begann, ihm den erfolg auch von herzen zu gönnen.

eine ironie des ‚pop‘, besser des POST-POP, ein kleiner pop-sarkasmus. auch das ’neo-dada‘ mag ich spätestens seither nicht mehr hören und überhaupt: diese kunstwitze. ich finde sie nicht mehr witzig. mich würde es vielmehr interessieren, wo der M. heute – zehn jahre danach – künstlerisch unterwegs wäre. und sicherlich gäbe es da verschiedene meinungen, aber gewiss nicht um diesen, jeden, jenen unbedingten preis. da war ein ende des ungelebten trash und der anfang vom gelebten (-trash). /wer kennt schon jemanden, der bei einem flugzeugabsturz verstorben ist.
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/Heute Abend wird >>> hier eine Ausstellung mit seinen Arbeiten eröffnet, sie wird gezeigt bis zum 9. April 2012 und ist garantiert sehr sehenswert.

6 Gedanken zu „/m.“

  1. das Auge ist das Wahrzeichen. /war ratzvoll gestern abend, wie zu erwarten. und monumental, popkosmisch. und ein kleiner ausflug in die persönliche vergangenheit. und alles Oberfläche, die totale Oberfläche. ein Spektakel. /auf dem Heimweg haben wir dann noch eine Bratwurst gegessen müssen. (M.M.: „what looks good today may not look good tomorrow“)

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