/gemütlich

Oben jetzt Rollstuhl für alle Fälle und fürs Runterbugsieren zum Kraftfahrzeug. Die Umgestaltung ihres Lebensraumes, ein bisschen wie bei Gregor Schneider (denk ich manchmal), nur eben angewandt. Das vergangene Jahr. Die Barocktruhe verstaubt nun im Obergeschoss anstatt im EG, dort oben auch allerlei Stühle, auch ein Toilettenstuhl von der Kasse, für alle Fälle jederzeit, ein Badewannenlift (für alle Fälle) und gern gesehener Kram aus 50 Jahren, der im Erdgeschoss nur noch hinderlich war. Allerdings. Das alles innerhalb des letzten Jahres. Stück für Stück, Lebensteile, die kopfüber durchs Haus wandern und sich wahrscheinlich fragen, wofür sie eigentlich mal gebraucht wurden. Oder, an was sie erinnern. Oder sich erinnern. Vor einem Jahr ist sie noch mit Stock durch die Wohnung gelaufen. Das ist erst ein Jahr her. Vor einem Jahr wurde sie innerhalb von ein paar Tagen nicht unwesentlich schwächer. Kurz vor Weihnachten vor einem Jahr ist sie hingefallen. Nochmals dann im Sommer, nachts, ist sie hingefallen. Und immer ein großes Glück. Einmal war ich da, ein andermal war ich weit weg. Seit morgen vor einem Jahr ungefähr alles nur noch mit dem Rollator. Sie sagt „Wägelchen“ dazu, ziemlich liebevoll. Ein ständiges Bangen um des Hinfallens. Ein Zittern und Leuchten und Blinken, wie lange geht das noch gut, wie lange das noch gut geht. Nun und diese Tage sitzt sie wieder im Fernsehstuhl und die Kirschkern mümmelt sich aufs Sofa daneben im Schlafanzug. „Gemütlich“ die Devise. Dann sitzen sie da und liegen, kichern und erzählen und warten auf Schnee und Weihnachten. Die Köchin kocht, predigt hochsaisonal und bringt das Essen hinauf an den Waldrand auf den Tisch. In dieses warme Nest einer letzten Gemütlichkeit, an die sich alle einst wahrscheinlich gerne erinnern werden. So ist das hier mit den Damen.

13 Gedanken zu „/gemütlich“

  1. Ach, Herr Schneck. Eine wohlige Wärme verbreiten alleine ihre Worte als Abglanz der heimischen Heimeligkeit, deren Kostbarkeit durch die Vergänglichkeit, die ihr innewohnt unermesslich ist.
    Schön haben Sie es und schön machen Sie es sich.
    Ich wünsche Ihnen ganz besonders glückliche Weihnachtstage mit viel knisternder Gemütlichkeit und fröhlichen Damen allüberall.

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