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würd ich twittern

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(…)

Würd ich twittern, würd ich twittern: „Ist ja schon eine Hübsche, die Tochter von diesem russischen Doppelspion.“

Ich twitter aber nicht. Über Ostern pflege ich die alte Dame nun eine Woche lang. Sie wird immer schwächer. Manchmal bin ich jetzt ihr Mann, manchmal ihr Vater. Und manchmal ist meine Frau nun ihre Schwiegermutter. Aber nur manchmal. Meistens ist ihr Geist klar wie Glas und Kloßbrühe.

Sie kaut den ganzen Tag lang ungesalzene Erdnüsse, Butterkekse oder Weintrauben, die sie aus den kleinen Schälchen an ihrem Wohnzimmerplatz ertastet. Sie hat die Augen meist geschlossen, das Kauen ist eine Art Mantra für sie. Sie kaut auch, wenn sie eigentlich gar nichts im Mund hat. Und schaut dann ab und an mit ihrem verbliebenen einen Auge über die Terrasse hinüber zur blauen Mauer, den dunstig schimmernden schönen Linien der schwäbischen Alb in der Ferne. Vorbei an dem alten Vogelhäuschen, einst für sie gebaut vom Wagnermeister Gustav, der sich sogar noch erinnern konnte, dass die Leute im Dorf anfangs meinten, die Milch würde sauer und die Kälber missgebildet, wenn man die Kühe mit der neuartigen Eisenbahn transportieren würde. Das muss sehr lange her sein.

Denkt an Cuxhaven, ans Heidelberg nach dem großen Kriege, an Hamburg und an Pillau in Ostpreußen. Und an Kiel und an Berlin, dort vor allem an Lankwitz. Und wie ihr Papa, der Haudegen von der Marine, es nicht schaffte, ihre Lieblingspuppe aus dem zweiten Stock vor den Flammen zu retten nach einem vermutlich englischen Luftangriff auf die S-Bahngleise, bei dem auch das nahestehende Mietshaus abbrannte. Und wie ihm dann das Metall der vor Hitze schmelzenden Dachrinne auf die Marineschirmmütze tropfte und er nur deshalb davon kam, weil er eben diese Schirmmütze trug.

Viel später war ich oft mit der Kirschkern im Stadtbad Lankwitz, kaum zwei Steinwürfe vom damals abgebrannten Areal entfernt. Es heisst heute „Bernkastler Platz“ und ist ein Pärkchen. Früher hieß es „Im Rosengarten“. Dahinter die Bruchwitzstrasse. Man sieht noch vom Satellit aus, wo das Gebäude einst stand. Heute vielleicht ein kleiner Fussballplatz, wo einmal ein Kleinkind am Rattengift tragisch verstarb. Immer diese Orte.

Und denkt an ihren Mann, der schon seit zweiunffünfzig Jahren nicht mehr da ist. Sechs Jahre lang waren sie verheiratet gewesen. Richtige Mahlzeiten gibt es für sie nicht mehr. Höchstens, die Kirschkern und die Familie kommen hinauf zum Waldrand mit dem Essen aus dem Pfarrhaus, auf Rädern und aus Kisten. Schnell ist dann der Tisch gedeckt, damit nichts kalt wird. Sie isst auch dann kaum etwas, genießt aber die vielen Stimmen. Das ist das schönste, sagt sie, die Stimmen und das Palavern, gerne auch durcheinander.

Morgen früh fahre ich sie ins Krankenhaus, wo dann ihr Blut irgendwie aufgefrischt werden soll. Ihr Hämoglobin ließe zu wünschen übrig. Deshalb fällt mir das alles gerade wieder ein. Man weiss ja nie, was übermorgen ist. Und auch, weil es jetzt so oft so traurig ist alles. Dabei doch so reich.

Ich wiederhole mich mit diesen uralten Geschichten. Das ist nicht gut. Daher plane ich, bald auch einmal die Story dieses kleinen Glassplitters endlich aufzuschreiben, der mir seit bald einer Woche schmerzlos aus der rechten Hand wächst. Wie in fast jedem zweiten oder dritten Frühling.

Solche Vorgänge sind mir eher fremd und ungewöhnlich, weil ich ja schon als Kind, hinter der vorgehaltenen Hand einer Lieblingsnenntante ungeklärt halbadliger Herkunft, hörte, dass grausame Berichte über nach Jahren der Wanderungen im Körper wieder auftauchende Glassplitter schlicht Erfindungen von meist geheimen politischen, medizinischen oder religiösen Verschwörungen seien, die den klaren Fortgang der Welt mit solchen Erzählungen missbrauchend beeinflussen wollten.

Es war ein heisser Sommer im Ungarn von 1990, im kleinen roten Peugeot, als die Mineralwasserflaschen noch ausnahmslos aus Glas waren. Ich trug Sandalen und stolperte über eine Bordsteinkante am Donauknie mit zwei solcher Flaschen in den Händen. Würd ich twittern, ich würde jetzt also im Übersprung twittern: „Ist ja schon eine Hübsche, die Tochter von diesem russischen Doppelspion.“

nerv+

Woher kommt eigentlich diese nirgendwo hinterfragte Zwangsläufigkeit, dass der Mensch unbedingt selbstfahrende Autos erfinden müsste? Ich verstehe das nicht. Mehr noch, ich lehne diese Art von Automatismen menschlichen Möglichkeitsstrebens ab. Ich wurde nicht gefragt. Es dreht ja nicht um die bestaunten technischen Möglichkeiten. Sondern es geht darum, dass Leute endlich ihren Job verlieren. Denn auch die selbstfahrenden Autos werden irgendwann ja nur noch von selbstproduzierenden Robotern zusammengebaut, die ihrerseits dann von Robotern hergestellt werden, welche Roboter zur Produktion von selbstfahrenden Autos produzieren. Und so weiter.

Viel mehr drängt doch eigentlich die Frage, wie künftig mit dem allgemeinen Anspruch auf Mobilität umgegangen wird. Und vielleicht auch die Frage, was man denn mit der gewonnenen Zeit anfängt, wenn einen ein selbstfahrendes Auto von A nach B fährt. Vielleicht ließen sich die Stunden auf der Rückbank dann ja dazu nutzen, sich im mobilen Internet über lebensmittelliefernde Drohnen zu informieren, die alsbald Salat, mittelamerikanische Bananen, Wein, Käse und Zigaretten im Garten oder auf einem Balkon abwerfen, mitsamt Lieferschein, Rechnung, Vorteilskarte und Sammelpunkten. Die Frage ist ja nur, von welcherlei Einkünften ein selbstfahrendes Auto sich dann noch geleistet werden kann.

Der Mensch als ewig Neugieriger. Sitzt auf den Chromosomen, heisst es. Die werden schon noch staunen, diese Chromosomen.

Und weshalb eigentlich haben mittlerweile fast alle deutschsprachigen Medien die hässliche frühkapitalistische Wortwahl des derzeitigen amerikanischen Präsidenten übernommen, wonach derjenige, den man entlässt, neuerdings nur noch herabwürdigend als „gefeuert“ bezeichnet wird? Diese schleichend sprachlich unterwandernde Unterwerfung stört mich, mindestens.

Die mittlerweile inflationäre Verwendung des Wortes „Unterwerfung“ stört mich übrigens auch.

Und mich stört übrigens weiterhin auch die neuerliche Renaissance des Wortes „zerlegen“. Alle naslang „zerlegt“ irgendjemand irgendjemanden. Welch abscheuliches Vokabular.

Zu vorerst vorletzt stört mich, dass die bayerische Lokalpolitik einer Partei, die bundesweit ca. sechs Prozent an (bayrischen) Wählerstimmen sammeln konnte, nun zum gesamtbundesrepublikanischen Interesse sozialisiert wird. Verklärung erster Güte. Und wieso ein „Heimatminister“ seine urbayerischen Interessen, nämlich Wählerstimmen von ganz Rechts zurückzuholen, ungestraft auf Bundesebene zum Allgemeinwohl erklären darf. Mir ist das zu viel Bayern gerade in der BRD. Das ärgert mich sehr, mindestens.

Dabei fällt mir ein: Was ist eigentlich aus der Maut geworden? Das war doch auch so ein millionenversenkendes Männerding als reingrätschender Querschläger. Ungestraft. Auch beim Diesel. Und alles nach wie vor. Verklärung zweiter Güte. Und Bezüge, jedmonatlich, aus öffentlicher Hand. Mir wird sozialübel.

Wenn ich schon höre: „Landesgruppe“. Oder, noch schlimmer: „Landesgruppenchef“. Dann sehne ich mich nach schnellem Darwinismus. Oder einer vernünftigen Revolution.

Zuletzt hasse ich – vorerst – das Internet. Immer wieder mal. Zum Beispiel vorgestern. Ein wildfremder weiblicher Mensch, die sich erst jüngst mit mir „befreunden“ wollte und deren Wunsch ich nach kurzer Recherche ohne Bedenken nachgekommen war, kommentierte ungeahnt und unvermittelt übergriffig leichtfertig drei von mir in saftigen Farben veröffentlichte Fotos, welche die Sinnlichkeit der Beschäftigung mit Ölfarben und meine Begeisterung darüber dokumentieren sollten. Eigentlich ging es bei diesen Bildern um buntes Farbmaterial, ausgedrückt aus großen Tuben in runde Hohlgefäße, die Schönheit seiner Verwendung und den Beginn eines konzentriert händischen Mischvorganges mit Pinseln. Diese Arbeit übrigens in alten ausgemusterten Tupperware-Schälchen aus den 1960er-Jahren.

Im fraglichen Kommentar dann wurden „Assoziationen“ angesprochen, die – reichlich geschickt und ohne etwas konkret zu benennen – unschwer in Richtung Kot und Toilette zu deuten waren. Vielleicht war diese Achtlosigkeit im wohlwollendsten Fall ja harmlos gemeint und nur einfach so, launisch unbedacht, hineingetippt. Aber nun war er da, dieser hässliche Kommentar, er war in der Welt. Leider auch in meiner. Am Thema völlig vorbei und in eine bedenkliche Fäkalrichtung.

Damit war mein ursprüngliches Anliegen vom einen auf den anderen Moment gründlichst „zerlegt“.

Ich ärgere mich über solche Kommentare. Auch, wenn ich solche Durchkreuzungen anderswo mitbekomme. Und ich ärgere mich aber auch über mich, dass mich solche Kommentare ärgern. Und zuletzt ärgerte mich, dass ich überhaupt diese drei Fotos in’s Internet stellte, auch auf jene Sozialplattform, die gerade einmal wieder in aller Munde ist. Dort habe ich schließlich die Fotografien wieder gelöscht und mich ordentlich und mit Schwung „entfreundet“, auch gleich von allerlei anderen im Grunde Unbekannten, im Furor. Selbst schuld bin ich, ich weiss das. Ich hatte im persönlichen Überschwang nicht sämtlich mögliche Deutungsmöglichkeiten von Bildern vorher bedacht. Was man ja tun muss, auch wenn es einem dann gelegentlich einen Strich durch eine zuvor vielleicht hochgeliebte Herzensrechnung macht. Es ist mir also etwas – sträflich – durchgerutscht.

Wieder was gelernt, immer noch, immer wieder. Über diese Grenzen. Sogar nach so langen Jahren in der weiten elektrischen Welt.

Nun ist alles gelöscht. Vergällt. Gefeuert, zerlegt und unterworfen. Es wird Zeit, dass der Frühling kommt. Und der Strom ausfällt.

Sollten Sie zu Hause ausmisten und alte Tupperware-Schälchen finden, bitte diese nicht wegwerfen, sondern immer gerne her damit. Zu mir. Die sind nämlich – neben schöner Form und Farbe – auch weitgehend lösemittelbeständig und daher bestens geeignet für’s Ölfarbenmischen. Das kann man dann ja bald in selbstfahrenden Autos von C nach D erledigen, während man nebenbei Petitionen gegen Angriffskriege von Bündnispartnern unterzeichnet oder Waffenexporte ächtet.

Frau Mullah et. Consorten

Nun sind es bald schon zwei Jahre mit Bahram und Salman, den beiden Afghanen. Inzwischen sind beide 18 Jahre alt geworden. Es gibt viel Alltag, der mittlerweile sehr eingespielt ist. Auch die uneingespielten Dinge sind mittlerweile eingespielt. Die Integration, auch die von offizieller Seite geforderte, ist in vollem Gange und hat einen guten Lauf. Mittendrin, und zuversichtlich. Das sich nähernde Ziel aller gemeinsamen Anstrengungen ist nun der Hauptschulabschluß im Juli 2018 für beide.

Kurz zur Erinnerung: Im Herbst 2015 meldeten wir uns bei den Behörden. Pflegefamilien zur Aufnahme von UMFs in Kurzzeitpflege wurden dringend gesucht. Wir waren uns von Anfang an einig, dass wir – wenn schon – zwei Jungs beherbergen wollten. Damit diese sich dann auch untereinander etwas erzählen könnten in ihrer Sprache. Heimatbande. Der Mensch ist nicht gern alleine, vor allem nicht in der Fremde.

Im April 2016 war es dann soweit. Salman und Bahram – beide aus Afghanistan – zogen mit ihrem Rucksack und ihrer Geschichte gemeinsam zu einer „Pflegefamilie“. Zu uns. Sie hatten sich erst kurz zuvor während der Unterbringung in der örtlichen Jugendherberge kennengelernt. Um fortan im kleinen Dorf am Waldrand zu leben. Aus der Kurzzeitpflege ist mittlerweile eine Langzeitpflege geworden.

„Familie“, das ist zum einen Frau Mullah, meine Frau. Sie wird von den Jungs so genannt, weil sie Pfarrerin ist. Dann Bahram und Salman, die nicht wirklich so heißen. Dann die Kirschkern, das ist die Tochter aus erster Ehe, gleichalt wie Salman und Bahram. Als europäische junge Frau schlägt sie gleich mehrfach Brücken, zwischen Kulturen und Generationen. Als Tochter und als „Schwester“. Seit einem halben Jahr lebt sie nun in Berlin. Und dann ich, als „Pflegevater“.

Auch wir als Pflegefamilie haben Glück gehabt. Ich schrieb das ja schon. Eigentlich ist alles ein großer Zufall. Ausgerechnet diese Beiden landeten bei uns. So unterschiedlich sind sie, wie es unterschiedlicher kaum geht. Charakterlich wie auch ethnisch. Bahram, eher fein und zierlich, gehört der Ethnie der meist schiitischen Hazara an. Salman, eher von kräftiger Statur, ist sunnitischer Paschtu.

Nicht nur, dass sie eigentlich verschiedene Muttersprachen haben. Eine seit Generationen gewachsene Abneigung verbindet die genannten Volksgruppen. Das ist auch beispielhaft eines der Probleme im Heimatland. Was sie aber auch verbindet, ist, dass sie jung sind, beide aus einem nicht sicheren Herkunftsland geflüchtet sind und dass beide, immerhin und trotz aller Unterschiede, Afghanen sind. Das eint sie. Es geht schließlich um Zukunft.

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Seit Herbst vergangenen Jahres gehen beide in eine sogenannte VAB-Klasse in der hiesigen gewerblichen Schule. VAB bedeutet „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf“. Es ist eine „richtige“ Schule, wie beide immer noch ein bisschen stolz betonen. Bevor sie im Alter von 16 Jahren nach Deutschland kamen, waren beide lediglich 5 Jahre in die Grundschule gegangen. Und „Schule“ in Afghanistan geht anders. Meist ist es der örtliche Imam, der Grundwissen lehrt. Im Winter sind dann ohnehin drei Monate Ferien, wegen der Kälte. Und im Sommer müssen die Kinder mitarbeiten. So schildern es Salman und Bahram.

Das frühe Aufstehen fällt Salman oft noch schwer. Vor allem im Winter. Er ist eher ein Nachtmensch, was mir nicht fremd ist. Er hat sich an das ausdauernd geduldige Aufwecken von Frau Mullah gewöhnt. Drei Mal geht sie in die oberen Räume und ruft „Aufstehen Jungs…“, bis dann schließlich die morgendlichen Dinge anlaufen. Sie bereitet sodann ebenso liebevoll das Frühstück. Ich werde da immer ganz neidisch. Sie sagt, wenigstens jetzt sollen sie’s mal gut haben. Und vielleicht erinnern sie sich ja auch mal daran, irgendwann im späteren Leben.

Das ist auch ganz in meinem Sinne. Ich aber wecke anders. Zackiger, robuster. Oder – wenn Frau Mullah einmal verreist ist – wecke ich die Beiden gar nicht. „Ein Mann muss selber aufstehen können!“ Sie versichern freundlich, dass sie das natürlich könnten, das eigenständige Aufstehen. Es sei eben nur so schön, wenn Frau Mullah das macht. Mütterlich eben. Ein bisschen Wohlfühlen.

Erlebt haben sie beide ja genug und ihre tagtäglichen Anstrengungen, mit allem immer noch Neuen zurecht zu kommen, kosten ohnehin viel Kraft. Bewundernswert, das denken wir immer wieder, wie sie das bis jetzt alles hinbekommen haben. Dann ist auch mein strenges „Vater-Herz“ groß und gütig.

Beide sind nun, nach ihrem 18. Geburtstag im Dezember, in das Programm der Jugendhilfe für junge Erwachsene aufgenommen worden, weil ihre allgemeine und schulische Entwicklung sehr vielversprechend ist. Erstmals mussten sie Dinge unterschreiben. Zum Beispiel, dass sie sich verpflichten, in die Schule zu gehen. Oder dass sie sich, sobald sie ein Einkommen haben, natürlich an den Kosten beteiligen.

Sanktioniert wird relativ konsequent. Wer nicht mehr in die Schule geht, fliegt raus und ist fortan obdachlos oder muss ins Camp umziehen. Salman aber findet immer wieder angebliche Fälle von Inkonsequenz. „Ja, aber der XXX kommt auch nur zwei Mal in der Woche zur Schule!“ heißt es dann. Er würde lieber sofort anfangen zu arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Vor allem am Montagmorgen. Aber keine Diskussion. Keine Chance. Er kokettiert gerne. Grinst noch rebellisch – und rennt dann zum Bus.

Und es gibt auch welche, die diese Regelungen offenbar gar nicht interessieren. „Die wollen nur Geld und Spaß…!“ Salman und Bahram erzählen empört davon. Manchmal sind das auch Syrer, die vor den Afghanen arrogant mit ihrem Aufenthaltsstatus angeben, weil sie nicht abgeschoben werden können.

Und es gibt Jungs, die einfach aufgegeben haben. Sie kommen nicht mehr hinterher – in der Schule, im neuen Alltag, im neuen fremden Leben. Das sind die Abgehängten, manchmal die Traurigen. Denen sei es dann irgendwann egal, ob sie wieder zurückgeschickt würden. Sie haben resigniert.

Und Andere setzen sich auch ab. Verschwinden, aus Angst vor einer Abschiebung. Salman sagt „Das ist dumm!“ Gut, dass Salman kapiert hat, dass das dumm ist. Egal ob dumm oder falsch, es macht alles nur noch schlimmer. Manchmal tauchen sie auch gottlob wieder auf nach ein paar Tagen.

Es ist ein langer Weg zum Verständnis von Solidarsystemen. Vor allem sicherlich, wenn man in einem Land wie Afghanistan aufgewachsen ist, wo es ja meist keinerlei „Staat“ mehr gibt, auf dessen Strukturen man sich verlassen könnte. Und aber auch hier bei uns, Abteilung Hip-Hop. Wenn Ruhm und Reichtum aus halbkriminellen Karrieren erwachsen und jeder weitere Knastaufenthalt eines Prominenten von den Fans insgeheim gefeiert wird. Die „Frech kommt weiter“-Mentalität – oft vorgemacht, sogar ja bei Volkswagen – ist nicht hilfreich, wenn man hier den Wert gesellschaftlicher Grundsysteme verinnerlichen soll. Vor allem, wenn man die noch gar nicht kannte.

Da sitzen wir dann am abendlichen Küchentisch und erklären ein weiteres Mal geduldig das Funktionieren von Staat und Gemeinschaft. Und dass das Geld kostet. Dass das Geld nicht einfach so da ist, sondern dass es von denjenigen kommt, die arbeiten und Steuern bezahlen. Dass die Tatsache, dass sie nun weiter zur Schule gehen können, ein Privileg ist, welches letztlich den Abgaben Anderer geschuldet ist. Also auch uns, den Pflegeeltern, denn wir bezahlen ja Steuern.

Und dass sie das im Gegenzug auch verpflichtet. Wie viel kostet nochmal ein Schulplatz im Monat? Wie viel kostet ein Tag auf einer Intensivstation? Bahram hatte im Sommer 2016 einen beinahe tödlichen Schwimmunfall. Wie viel kostet eine Haftpflichtversicherung? Es gab im letzten Jahr einen gottlob glimpflichen Fahrradunfall, bei dem allerdings der Lack einer Kühlerhaube angekratzt wurde. Was kostet die Krankenversicherung und wie funktioniert sie? Wer hält die Straßen in Ordnung? Wer organisiert und bezahlt den öffentlichen Nahverkehr? Was bedeutet Schwarzfahren?

Und so weiter.

Ja, Schwarzfahren. Das tun die Beiden nicht, denn Frau Mullah kauft ihnen jeden Monat eine Monatskarte. Sie wollen es auch nicht wirklich. Sie wollen nur einfach Jugendliche sein. Und welcher Jugendliche kokettiert nicht mal mit Schwarzfahren? Angesichts der derzeit praktizierten Abschiebepolitik kann ja allerdings auch schon einmaliges Schwarzfahren als krimineller Akt gewertet werden. Und in den Nachrichten heißt es dann, „kriminelle Afghanen“ seinen abgeschoben worden.

Dazu in den letzten Monaten der, teils hochfeuilletonistische, Zynismus über – ausgerechnet – die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Wenn es in einer Kolumne süffisant hieß „Sind so zarte Hände“. Ich fand das mehr als hässlich. Und auch wenig abendländisch, geschweige christlich. Das ist auch ein Angriff auf mich. Auf uns. Und zu allererst auf all diejenigen Geflüchteten, die tatsächlich minderjährig sind oder dies bei ihrer Einreise waren. Die Letzten beißen die Hunde gern.

Zu Verharmlosen gibt es nichts. Weder Morde, Gewaltverbrechen noch Altersbetrug. Allerdings schrieb niemand darüber, dass die Schlepper ihre Kunden oft dazu auffordern, sämtliche Personaldokumente wegzuwerfen. Ich weiß um mindestens einen solchen Fall. Und auch von einem anderen, nämlich dem tatsächlichen „Verlust“ von Sachen, während des hastigen Aufbruchs in ein Schlauchboot, bei dem neben einem Ausweis auch andere sehr wichtige persönliche Dinge verloren gingen.

Oft wird das jetzt alles als ein großes und geplantes Betrugsabenteuer dargestellt. Und kriminalisiert als Verschleierung bei der Aufnahme von Personalien. Bei einer Anhörung vor dem BAMF, der ich beiwohnte, wurde hingegen überraschenderweise die ehrliche Vorlage des Fotos eines Dokumentes nur eher freundlich belächelt. „Ach wissen Sie, Fotos bringen uns hier nicht viel.“

Gemeinsam mit Salman habe ich den wahrscheinlichen Todestag seines Vaters rekonstruiert. Vom westlichen zum afghanischen Kalender. Oder besser, den „Ermordungstag“. Das ist wichtig für ihn. Wir haben viel im Internet geschaut, viel gerechnet und getüftelt und mit Bleistift Kreise mit Tagen und Monaten auf Transparentpapier gezeichnet, um diese dann gegeneinander zu drehen und abzugleichen. Es war wohl der 4.7.2015.

Das mit den Kalendern ist nicht so einfach. Auch daher übrigens fiel es vielen Geflüchteten nicht leicht, in der Eile ein Geburtsdatum anzugeben bei ihrer Ankunft in Deutschland.

Sich hingegen als 18-jährig auszugeben, obgleich man vielleicht schon 28 Jahre alt ist, das ist dreist. Das ist kein Spaß. Auch mich nervt das. Man hörte von solchen Sachen. Es schadet allen, vor allem den Ehrlichen. Und der Gesamtsituation. Dazu ist es Betrug. Bei abendlichen Gesprächen dann stets unsere Ermahnung an die Jungs, ihre eigene Aufrichtigkeit auch im Bekanntenkreis weiterzuempfehlen. Gerade Linie, alles auf Spur halten.

Im letzten Herbst gab es eine Vielzahl von Terminen für uns wegen der bevorstehenden Volljährigkeiten und der schulischen Dinge. Sogenannte „Hilfeplangespräche“, im Beisein der Pflegeeltern beim Jugendamt. Dort werden die jeweiligen Vorhaben und Gedanken zur Zukunft besprochen. Und protokolliert im Hinblick auf das nächste Gespräch. Welche Pläne sind in den Alltag eingeflossen, haben sich verwirklicht, welche sind vielleicht nicht mehr wichtig. Wo hapert es, was sind die Wünsche aller Beteiligten, die Beobachtungen, die Schieflagen, die guten Dinge.

Erfreulicherweise ist da immer viel Zeit und Engagement bei den Jugendämtern hier vorhanden – welch ein Glück. Und dazu ein reger persönlicher Austausch. Das hilft uns als Pflegeeltern sehr und tut wirklich gut. Professionelle Spiegel, noch dazu mit Herz.

In dieser Zeit hatte dann auch Bahram seine Anhörung. Der Termin fand noch kurz vor seinem 18. Geburtstag statt, so dass ihn seine Vormundin vom Jugendamt begleiten konnte. Auch ich war dabei, als Beisitzer, wie schon im letzten August bei Salmans Anhörung. Zuvor gab es noch ein amtliches Gespräch mit einem Dolmetscher. Und auch zu Hause hatten wir ihn – wie schon mit Salman im letzten Sommer – intensiv vorbereitet. Die Fluchtwege noch einmal aufgeschrieben, Tage und Wochen geordnet, die persönliche Geschichte in der Heimat und die Gründe für die Flucht sortiert. Damit dann alles auch klar, ehrlich, schnörkellos und übersichtlich darstellbar wäre für ihn.

Bereits sechs Werktage später kam der negative Bescheid, also seine Ablehnung. Die Jungs sagen immer aufgeregt „Abschiebung“, also „Hast Du schon gehört, XXX hat Abschiebung bekommen!“ Das klingt dann sehr dramatisch. Und das ist es ja im Grunde auch. In diesen Briefen wird man aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen.

Der Schock saß tief. Zuerst natürlich bei Bahram. Aber auch uns wurde klar, dass wir es uns derzeit gar nicht vorstellen könnten, dass Bahram nicht mehr da wäre. Gerade jetzt, so mittendrin. Wo doch alles so vielversprechend läuft mit seinem Ankommen. Diese ganzen Mühen, die Erfolge, Sprache, Schule, Sozialisation. Das Zusehen, wie sich da etwas Gutes entfaltet. Das Begleiten unsererseits. Das Zusammenleben, der Alltag.

Es war daher auch für uns schön zu sehen, wie viel spontane Hilfsbereitschaft Bahram angesichts dieser Nachricht entgegengebracht wurde. Und wird. Auch von unerwarteter Seite. Derzeit ist alles auf einem normalen rechtsstaatlichen Weg. Man muss nun abwarten. Seine ersten sehr verzweifelten Worte nach dem Erhalt dieser Ablehnung waren, er wolle am liebsten sofort mit demjenigen, der über seinen Antrag entschieden habe, nach Afghanistan fliegen und mit ihm durch das Land reisen. Um ihm zu zeigen, wie es dort – wirklich – ist.

In diesen Tagen und Nächten hat er auch wieder ein kleines Stück Stoff hervorgeholt, welches ihm seine Mutter, so hatte er es uns ganz am Anfang einmal kurz erzählt, zum Abschied mitgegeben hatte.

Wie durch ein Wunder hat er sich nach ein paar Tagen wieder selbst aufgerichtet. Natürlich geht er zur Schule, natürlich ist er sehr fleißig, pünktlich und engagiert. Jetzt erst recht. Und schulisch erfolgreich. Sogar seinen Humor hat er wiedergefunden, trotz dieser ewigen Unsicherheit. Alle sehnen sich ja verständlicherweise nach einem Zustand von Stabilität. Und wenn es wenigstens nur ein paar Jahre wären. „Planungssicherheit“, so nennt man das bei uns.

Wenige Tage später feierte dann Salman seinen Volljährigkeitsgeburtstag. Er putze sein Zimmer, so wie sonst nie, besorgte Getränke und lud „ein paar Kumpels…“ ein. Siebzehn wohlgekleidete junge Afghanen standen dann am Abend pünktlich vor der Tür, grüßten uns sehr höflich und verschwanden in den Räumen der Jungs. Dort begann dann laute orientalische Musik zu spielen, zwischendurch auch ein wenig Hip-Hop, es war ein Gepolter, Geraune, ein Lachen, ein Grölen und Tanzen. Eine afghanische Männerfeier. Das ganze Haus wackelte.

Junge Frauen waren keine zugegen. „Ist besser so“ sagte Salman später, „gibt nur Stress mit so vielen Jungs…“. Auch Getränke mit Prozenten wurden natürlich hie und da getrunken. Der Spuk dauerte ungefähr vier Stunden lang, immer wieder kamen freundliche junge Männer in die Küche, ein Stockwerk tiefergelegen, und fragten, ob sie vielleicht eine Kleinigkeit essen könnten, Salman habe das mit dem Essen leider vergessen. Schließlich, gegen 23 Uhr, verließen alle Gäste plötzlich und gleichzeitig die Feier. So prompt, wie sie gekommen waren, waren sie alle wieder weg.

Salman gab sich später noch den Rest der verbliebenen Getränke und schlief umgehend ein. Mit allen Nebenwirkungen. Es war also eine echte Initiationsfeier für ihn. So hatte er sich das wohl auch gewünscht.

Schon im November hatte die Suche nach Praktikumsstellen für ein „Schulpraktikum“ der Jungs begonnen. Ziel dabei ist es, den beruflichen Alltag in einem Betrieb bzw. einem Berufsfeld kennenzulernen, im besten Fall auch schon im Hinblick auf eine Ausbildung. Es soll danach ein Tagebuch der Tätigkeiten angefertigt und eine Präsentation in der Schule vorbereitet werden. Ohne dieses Praktikum und einen Bericht darüber gibt es keinen Hauptschulabschluss.

Mit Salman besuchte ich zunächst einen örtlichen Bauernhof. Er mag Viehzucht und er war ganz begeistert, denn das Wissen um Landwirtschaft und Tiere gehört ja zu den Dingen, die er mag und seit Kindesbeinen beherrscht. Wir schrieben also eine Bewerbung. Der zuständige schulische Berater riet ihm dann allerdings ab – in Europa sei der Beruf des Landwirtes keiner mit Zukunft.

Daher änderte er seine beruflichen Vorhaben. Er, der schon seit dem Frühjahr 2017 einen Nebenjob in einer Holzbaufirma innehatte, wollte sich nun über Hoch-, Tief- und vor allem Straßenbau kundig machen. Wir schickten also eine neue Bewerbung an eine örtliche Baufirma. Die Inhaber kannten natürlich den Holzbaubetrieb, in dem Salman schon gearbeitet hatte. So läuft das hier auf dem Land. Sie hätten schon von Salman gehört und gerne würden sie ihn als Praktikanten aufnehmen.

Einen Tag vor Beginn des Praktikums dort rief die Firma an und sagte wetterbedingt ab, es sei nun doch zu kalt. Das war vor zwei Wochen. Nur die guten Verbindungen von Frau Mullah machten es dann möglich, dass Salman umgehend und kurzfristig doch noch die Zusage für eine andere Praktikumsstelle erhielt. In einem Baustofflager. Viel Aufregung, viel Rennerei, viele Anschreiben und Termine. Aber es hat geklappt.

Bahram praktiziert dieses Schulpraktikum in einer angesehenen Miederwarenfirma, die weltweit tätig ist. Ein Geschäftsführer dieser Firma wohnt im Dorf am Waldrand und hatte diese Möglichkeit schon im Herbst von sich aus sehr freundlich angeboten. Was für ein Glück. Und wieder einmal: Das Dorf.

Die berechtigte Frage kam auf, ob denn die Produkte des Unternehmens, also Damenunterwäsche, für Bahram vielleicht nicht im Einklang mit seiner Kultur oder Ähnlichem stehen könnten. Der Praktikumsgeber machte sich Gedanken und sprach dies im Vorfeld an. Aber Bahram ist sehr weltoffen. „Kein Problem!“ sagte er.

„Na, das wär ja mal noch schöner!“ So dachte ich aber erst später. Es ist oft dieser innere Spagat. Zwischen Gastfreundschaft einerseits – und wohlwollender Strenge andererseits. Das Dorf erzieht die Kinder. Es wird ja keiner gezwungen, ausgerechnet nach Europa zu kommen. Höre ich mich denken. Also: Willkommen in Europa!

Noch im Dezember ging es dann auch um Nachhilfeunterricht. Seitens der Schule wurde beiden Bedarf bescheinigt. Es ist gar nicht so einfach, Nachhilfelehrer/innen zu finden. Vor allem Mathematik sollte unterstützt werden, zunächst die Grundrechenarten. Mittlerweile aber auch schon mehr. Die Tochter einer Freundin von Frau Mullah erklärte sich sehr hilfreich bereit. Auch das ein großes Glück.

Nach zwei Monaten jedoch wollte Salman nicht mehr gemeinsam mit Bahram in diesen Unterricht gehen. Also begann ein weiteres Mal die Suche nach Unterstützung. Ein Freund der Nachhilfelehrerin war bereit. Diesmal also ein Mann – Für Salman vielleicht derzeit auch besser, wenn es um Nachhilfe geht. Dann kann er sich identifizieren.

Die Beiden stehen natürlich auch immer in einer gewissen Konkurrenz zueinander. Wer hat was erreicht, wer ist besser in der Schule, wer ist stärker. Und so weiter. Bahram ist da schon etwas reifer in seiner inneren Entwicklung. Erwachsen eben. Er hat es geschafft, seinen unbedingten Fluchtreflex verlassen zu können, das meinen jedenfalls wir. Fast wie ein großer Bruder ist er manchmal, in seinem Verhalten gegenüber Salman. „Der Klügere gibt nach“ ist nicht das einzige deutsche Sprichwort, das er mittlerweile beherrscht.

Salman hingegen ist hin und wieder immer noch verfangen. In was auch immer. Er steht sich oft selber im Weg. Mit Traumatisierung kenne ich mich nicht aus, ich kann da nur ahnen. Und mir immer wieder die Umgebung vor Augen führen, in der er aufgewachsen ist.

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Salman

„Mein Vater ist am Morgen aus dem Dorf zur Arbeit losgegangen wie immer. Er ist dann nicht zurückgekommen. Wir wussten nicht, was passiert ist. Drei Tage später hat einer erzählt, dass irgendjemand früh morgens von einem Auto auf die Straße geworfen wurde. Da haben wir ihn gefunden, das war mein Vater. Er war Polizist, sogar ein höherer Polizist, und hat mit den Amerikanern gearbeitet. Die Amerikaner waren nett. Ich habe oft unsere Milch zu denen gebracht, die waren ja in unserem Dorf, da war ich vielleicht dreizehn, und da war so ein großer starker schwarzer Soldat, der hat immer gelacht, der war sehr nett und hat immer gesagt „Trink Du zuerst!“, ich habe dann einen Schluck genommen, er hat kurz gewartet und dann hat er die Milch genommen. Mein Vater hatte schlimme Verletzungen, als er gestorben ist, das hat man gesehen… (…)“

So in etwa waren wohl die Ereignisse vor bald drei Jahren. Die Familie war ohne Vater und damit ungeschützt. Die Mutter konnte froh sein, dass ein anderer Mann sie heiratete, denn eine Frau kann ohne einen Mann dort nicht leben. Der andere Mann jedoch wollte die Kinder aus der ersten Ehe nicht übernehmen. Es gibt außer Salman noch einen jüngeren Bruder. Und zu diesem Zeitpunkt auch noch eine ältere Schwester. Diese ist offenbar mittlerweile ebenfalls verstorben oder umgebracht worden. Er hat nicht einmal ein Bild von ihr auf seinem Handy. „Mädchen darf man nicht fotografieren, dann können sie nicht mehr heiraten…“, so würden die Leute denken, sagt er.

Salman gelang es, seinen Anteil am Elternhaus zu verkaufen. Mit diesen achttausend Dollar hat er sich seine Flucht finanziert. Er hätte kaum seinen Bruder und seine Mutter zurückgelassen, wenn es nicht ausreichend lebensbedrohliche Gründe für eine Flucht gegeben hätte. Sie, die Taliban, hätten es dann auch auf ihn abgesehen, auf die ganze Familie. Mit fünfzehn Jahren ist man erwachsen dort. Salman erzählte, dass ein örtlicher Mullah, oft die einzige Gerichtsbarkeit auf dem Land, schließlich einen Bann gesprochen hätte. Man solle den jüngsten Bruder, damals gerade einmal 8 Jahre alt, verschonen. Die Familie sei genug bestraft worden. Im Februar 2016 kam Salman in Rosenheim an. Das ist jetzt gerade einmal zwei Jahre her.

Immer wieder erzählt Salman von seinem Vater. Dieser war sicher sehr streng. Er gab ihm aber auch mit auf den Weg, er – Salman – habe zwei Hände zum Arbeiten und er solle deshalb niemals kriminell werden. Man merkt ihm an, wie wichtig ihm dieser einfache Satz ist.

Wenn er von seiner Heimat und dem Leben dort erzählt, ergibt sich das Bild eines sehr rohen Überlebens. Die Abwesenheit fast jeglicher staatlicher Strukturen ist für uns kaum vorstellbar. In einer solchen Umgebung war sein Vater Polizist. Und sicherlich daher, mitsamt seiner Familie, für Viele ein Dorn im Auge.

Das alles ist wichtig zu wissen, um Salman zu verstehen. Er wäre vielleicht sogar ein guter Polizist in ein paar Jahren. Er hat ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Und eine hohe Empathie, wenn es darum geht, Menschen und Hierarchien einzufangen. Und Situationen auf ihre Bedrohlichkeit abzuklopfen. Er wäre der beste Bodyguard, den man sich vorstellen kann.

Daraus aber resultiert bei ihm auch eine gewisse Schlitzohrigkeit. Kurz gesagt, er kann „lügen“ wie gedruckt. Besser: Schwindeln. Noch besser „Flunkern“. „Lügen“ klingt immer so hart und negativ in unseren Ohren. Es ist oft auch eher ein Spiel, ein Spiel um Schlauheit. Er hatte „Kopfweh“, wenn er den Schulbus verpasst hat. Einen Schlüssel hat er nicht „verloren“, sondern er hat ihn verlegt und sucht ihn noch. Bestimmt wird er ihn finden. Oder er hatte mal wieder „Sorry, kein Netz…“, wenn eine Botschaft bei ihm ankommen sollte, auf die er keine Lust hat.

Seine Entgegnungen „Ja, aber…“ winke ich mittlerweile oft unwirsch ab. Oder wir ignorieren einfach professionell. Er verstrickt sich allzu gerne in unwahre Konstrukte, die dann mit jeder neuen Schwindelei immer komplizierter werden. Zumal, wenn noch weitere Personen involviert sind. Dann macht es aber auch oft Spaß, ihn irgendwann, nach einem endlosen Spiel von Argumentation und Entlarvung, dahin zu bringen, dass er etwas auch einfach mal zugibt, einräumt. Dabei handelt es sich ohnehin immer nur um Kleinigkeiten.

Er verwendet einen nicht unerheblichen Teil seiner Intelligenz auf diese Dinge, obwohl er es gar nicht nötig hätte. Wir werden nicht müde, ihm das zu sagen. Stolz und Ehre widersprechen ja eher der Lüge, jedenfalls bei uns. In seinem Herkunftsland hingegen schließen sich Täuschung und Ehrhaftigkeit offenbar nicht grundsätzlich aus. Salman bietet einen Crashkurs zum Verständnis angewandter orientalischer Wahrnehmungs- und Verschleierungswelten.

Wenn dann allerdings irgendwann auch wir, als Pflegeeltern, einmal vorsätzlich die Unwahrheit erzählen, wenn wir uns also auf sein Spiel um Tarnen und Täuschen einlassen, dann kann ihn das plötzlich sehr verunsichern. Dann versteht er die Welt nicht mehr. Das ist oft sehr witzig. Immer öfter nun auch für ihn, so bemerken wir.

Salman ist ein echter „Womanizer“, wie Frau Mullah meint. Wie gut er sich wirklich auskennt mit den Frauen – wir haben keine Ahnung. Er ist der Typ ‚Streuner’. Er geht am Wochenende abends aus dem Haus, dreht seine Runden in der Stadt und kommt irgendwann – pünktlich – nach Hause. Pünktlich, das war bis zu seiner Volljährigkeit Mitternacht. Aber auch jetzt übertreibt er nicht mit seinem Nachtleben. Die Möglichkeit der Freiwilligkeit von Struktur ist erkannt und verstanden. Völlig selbstgewählt.

Über Emotionales redet er selten, jedenfalls tagsüber. Am abendlichen Küchentisch dann schon eher. Das sind dann Momente großer Offenheit und Vertrauens. Dann kann er auch Schüchternheit oder Scham aussprechen, oder Peinlichkeiten. Auch Selbstkritisches. Dies immer noch ab und an „hinter vorgehaltener Hand“. Vielleicht, weil man das nicht durfte, da, wo er herkommt. Er hält sich dann tatsächlich kurz die Hand vor sein Gesicht.

Salman dreht also seine Runden durch die Stadt, die gottlob eine Kleine ist. Er sei stadtbekannt mittlerweile, sagt er stolz. Er geht auch immer noch manchmal zum Hauptbahnhof, obwohl er weiß, dass das nicht die beste Gegend ist. Auch hier in der Kleinstadt. Immer noch empfehlen wir, dass sich seine Clique doch auch mal woanders treffen soll. Zum Beispiel in einer Kneipe, in die sie dann öfters gehen und wo man sie dann kennt.

Seine Kumpels sind mittlerweile nicht mehr nur „andere Flüchtlinge“, so wie ganz am Anfang. Salman hat schnell begriffen, dass er hier in der sozialen Rangfolge ganz unten anfängt. Er hat nun auch „deutsche“ Freunde, das ist ihm wichtig. Aber am Hauptbahnhof treffen sich eben alle. Auch junge rauchende Mädchen sind da, oft ihrerseits mit Problemen im Elternhaus.

Anlässlich seines 18. Geburtstages erklärten wir ihm erneut die Rechtslage bezüglich der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Seitdem meint er lakonisch, er wolle lieber gar nichts mehr mit jungen Frauen zu tun haben. Das sei ihm alles zu kompliziert.

Vor einem halben Jahr brachte er einmal gegen Mitternacht eine angetrunkene 14-Jährige mit nach Hause. Sie wurde von der Polizei gesucht, weil ihre Eltern sie gegen 22.00 Uhr als vermisst gemeldet hatten. Sie wollte nicht nach Hause gehen, „…wegen Stress mit den Eltern oder so…“, so schilderte es Salman. Also hatte er sie, besorgt um ihre Sicherheit alleine nachts in der Stadt, einfach mit zu uns gebracht. Dort wurde sie dann von den Beamten abgeholt und nach Hause gefahren.

Oder er erzählt, wie er mal wieder eine Schlägerei beobachtet hat. Meistens Syrer, oder eben „Araber“, sagt er. Araber und Afghanen mögen sich nicht zwingend. Und mindestens schon zwei Mal habe er durch sein Eingreifen eine Prügelei verhindert. Das sagt er mit Stolz. Ich schrieb ja schon: Er wäre ein guter Bodyguard. Oder Security. Und er hat es bisher immer ganz alleine geschafft, sich aus heiklen Situationen herauszuziehen, wenn sein eigener Ärger einmal drohte, zu mächtig zu werden. Das ist eine sehr große Leistung, wenn man bedenkt, wie und wo er aufwuchs.

Salman ist stets hilfsbereit. Gartenarbeit, Holz- und Räumarbeiten oder Transporte im familiären Umfeld. Oder wenn es darum geht, spontan eine schwere alte Dame im Rollstuhl den steilen Berg hinauf zu schieben.

Weniger gut steht es mit Ordnung der schulischen Dinge oder der Dinge des Alltags. Kontoauszüge, Schulhefte und Gehaltsabrechnungen oder Ähnliches finden sich, wenn überhaupt, eher ungeordnet auf und unter seinem Schreibtisch. Man muss da immer hinterher sein. Er hat immer alles irgendwo in seiner Hosentasche.

Im letzten Herbst hatte er den Haustürschlüssel verloren. Seit dem steht ein innerfamiliäres Zwangsgeld im Raum. Jeder, der künftig den Schlüssel verliert, muss mir 150,00 Euro bezahlen. Es muss richtig wehtun, so haben wir, Frau Mullah und ich, beschlossen. Seit zwei Wochen nun fehlt sein Schlüssel. Um dies zu verunklären, hat er schon mal drei Stunden draußen in der Kälte gesessen. Obwohl er hätte klingeln können, denn es war jemand zu Hause. Er wollte aber nicht klingeln. Ehre und Stolz. Das Thema ist noch nicht vom Tisch, Konsequenz ist gefragt. Das Spiel beginnt, und wir beide grinsen uns an. Er wird mir nicht davonkommen. Ich freue mich schon sehr auf mein Geld.

Beim letzten Elternsprechtag erzählte die sehr erfahrene Lehrerin, dass sie ihn – Salman – eher nicht in dem von ihm angestrebten harten Bauberuf sehen würde. Sie sähe ihn trotz seines robusten Auftretens eher in einer Werkstatt. Als Schreiner oder dergleichen. Und unter anderen Umständen würde sie sogar unbedingt die Mittlere Reife empfehlen. Er könne ja, wenn er nur wolle.

Auch wir haben schon beobachtet, wie Frieden bei ihm einkehrt, sobald er Dinge voller Bedacht und Ruhe angehen darf. Aber die körperliche Arbeit braucht er, das sagt er selber. Dann könne er gut schlafen und die Gedanken, wie wohl alles weitergeht, würden auch schlafen gehen.

Jeden Abend bereitet er sich nun selbst einen Tee, damit er einschlafen kann. Er macht sich große Sorgen wegen seines Asylantrages. Dabei ist noch gar nichts entschieden. Oft hören wir nachts seine unruhigen Schritte im Zimmer über uns und wünschen ihm, dass er endlich einschlafen kann.

Boxen und Kraftsport betreibt er derzeit nicht. Eher philosophiert er über das Leben und dessen Lügen. Und er schreibt, nach Gehör, die Texte einer hanseatischen Hip-Hop-Gang auf. Und singt oder spricht sie nach. Auch so kann man Deutsch lernen, warum nicht. Er ist ein großer Fan dieser Bande.

Zum 18. Geburtstag hatten wir ihm zwei Eintrittskarten geschenkt, das Konzert fand in der letzten Woche statt. Ich brachte ihn und einen deutschen Freund, einen „Bruder“, dorthin. Auf der Fahrt war er voller Vorfreude. „Ich war noch gar nie auf einem Konzert!“. Er würde gerne selbst MC werden. Ihn fasziniert der Aufstieg derer, die von ganz unten kommen. Auch wenn sich manchmal die teils kriminellen Karrieren der Stars mit seinem Wertebild beißen.

Und auch wenn es gerade manchmal nicht immer so ganz einfach ist: Es ist gut, dass er diesen Teil seines Erwachsenwerdens ausleben und ausgiebig zelebrieren kann. Vielleicht holt er ja auch etwas Wichtiges nach. Spätpubertät eben. Ich bin ja kein Pädagoge. Eine chinesische Rolex hat er sich schon gekauft. Und immer öfter kann er nun auch über sich selber lachen, sogar über seine Rolex.

Das Schulpraktikum im Baustoffhandel geht jetzt in die zweite Woche. Der erste Tag war fürchterlich für ihn. Keiner sprach mit ihm und er sollte die Dinge tun, die sonst keiner tun will. Schon am zweiten Tag aber bekam er Anerkennung von den Kollegen. Am dritten Tag durfte er mit einer Reinigungsmaschine durch die Hallen fahren. Er liebt Maschinen. Am vierten Tag nahm ihn ein Lagerleiter wohlwollend mit zum Chef. Am fünften Tag waren wir alle kurzfristig zu einer Besprechung mit diesem sehr freundlichen Chef verabredet, der uns sagte, er habe das noch nie so gehört von seinem Team: Nämlich, dass alle einen Praktikanten unbedingt als Auszubildenden dabei haben wollten. Viele würden ja nur rumstehen, nicht so Salman. Alle seien begeistert von seinem Arbeitswillen und seiner Art. Spätestens gegen Ende des Praktikums würden sie Bescheid geben und dann gäbe es auch gleich einen Ausbildungsvertrag zur Unterschrift.

Salman ist stolz und voller Freude. Es wäre wirklich schön, wenn das klappen würde. Und es würde ihm noch einmal einen Schub an Motivation mitgeben. Für alles, sowieso. Und im Besonderen für die Schule. Denn ohne Hauptschulabschluss, das weiß er, gibt es keinen Ausbildungsplatz.

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Bahram

„Es ging uns gut dort. Aber seit ein paar Jahren kamen die Taliban immer wieder ins Dorf und haben sich dann einfach Sachen und Tiere genommen, alles, was sie brauchten, einfach so. Sie haben auch die Schule bedroht, da mussten wir Kinder immer zwei Stunden lang hinlaufen, das war gefährlich wegen der Entführungen. Weil die nicht möchten, dass es Schule gibt. Dann bin ich nicht mehr zur Schule gegangen, meine Eltern wollten das nicht mehr. Vor ungefähr drei Jahren dann sagten sie, dass sie meinen Vater und unsere ganze Familie töten würden, wenn wir nicht weggehen. Oder sie würden mich als Soldaten mitnehmen und wenn wir nicht wollten, würden sie uns umbringen. Innerhalb von zwei Tagen sind wir dann schnell weggegangen aus unserem Dorf. Mein Vater konnte den Traktor noch verkaufen. Das Haus, die Tiere und das Land mussten wir dort lassen, sie haben alles einfach so weggenommen. Auch, weil wir Hazara und Schiiten sind. Wir sind dann in die Stadt gegangen, die ist ungefähr drei Stunden entfernt. Mein Vater versuchte dann, dort als Tagelöhner zu arbeiten. In der Moschee haben sie uns beleidigt und bedroht, weil wir Hazara sind. Ich habe schon seit einem Jahr nichts mehr gehört von meinen Eltern. (…)“

Das war wohl vor ungefähr drei Jahren. Ein paar Monate blieb Bahram noch bei der Familie, dann flüchtete er. Seine Flucht finanzierte zu einem Teil der verkaufte Traktor. Irgendwann kam er in Griechenland an. Die versprochenen und bezahlten Schwimmwesten waren den Passagieren nicht geliefert worden.

Erst im Zuge der Vorbereitung auf seine Anhörung erinnerte er sich nach und nach an die Stationen seiner Flucht. Die Beschäftigung damit kostete ihn viel Kraft. Er brauchte Pausen, da er immer wieder Kopfweh bekam. Wir wissen nicht, was ihm sonst auf seiner Reise noch wiederfahren ist. Aber es gibt ein paar Handyfotos. Da er den Namen des Ortes seiner Ankunft in Europa vergessen hatte, recherchierten wir und bekamen Hilfe im Internet. Es war tatsächlich die Insel Lesbos.

Im November 2015 lebte er ein paar Wochen in einem Camp in München, bevor er dem hiesigen Landkreis zugeteilt wurde und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in der Jugendherberge vor Ort Quartier fand.

Bahram startet nun schulisch durch. Der Nachhilfeunterricht fruchtet, vor allem in Mathematik. Ich glaube, es öffnen sich derzeit Welten in seinem Lernverständnis und seiner Auffassungsgabe. Wenn er nicht sein gerichtliches Verfahren vor Augen hätte, er würde sofort weitermachen in der Schule und den Realschul-Abschluss anstreben. Nun will er aber zunächst eine Ausbildung beginnen und danach dann, wenn er bleiben darf, aufstocken. Wir trauen ihm mittlerweile sogar die Fachhochschulreife zu. Oder noch mehr, wer weiß.

Er hat neulich sogar von sich aus anderen afghanischen Mitschülern Nachhilfe in Mathematik angeboten. Überhaupt ist seine Sozialkompetenz groß, nicht nur im familiären Bereich. Nachdem er im vergangenen Jahr bei einem in der Schule durchgeführten Projekt zur Gewaltvermeidung bei Jugendlichen mitgewirkt hatte, hat sich dieser Träger nun an ihn gewandt. Mit der Anfrage, ob er denn nicht im Team mitarbeiten wolle. Er hat gleich zugesagt. Er kann sich dort sogar ein wenig Geld mit dieser Arbeit dazuverdienen.

Außerdem geht er jede Woche zum Handballtraining der dörflichen Jugendmannschaft des CVJM. Seinen Lieblingssport hat er nun gefunden, im Taekwondo. Sicherlich ist das auch seinen asiatischen Wurzeln geschuldet. Schon als Kinder hätten sie Bruce-Lee-Szenen nachgestellt, erzählt er. Vielleicht gefällt ihm auch der etwas spirituelle Hintergrund an dieser Verteidigungstechnik. Es geht ja nicht um dumpfes Dreinschlagen. Zudem gibt es ihm, der eher zierlich gebaut ist, Selbstvertrauen und Sicherheit im oft groben Umfeld.

Anfangs nannten wir ihn ja oft „Prinz Bahram“ oder sprachen ihn mit „Oh, Herr Professor“ an. Wegen seiner oft unfreiwillig komischen und fordernden Art, wenn es um Aktivitäten und das Sozialleben innerhalb der Familie ging. Ein paar Mal gab es auch offene Worte dazu. Ich erinnere mich an „He! Das ist hier kein Hotel!“

Man konnte sich schon vorstellen, dass er in der Heimat von seinen zwei Schwestern geduldig bedient wurde, wenn er nur einen Wunsch äußerte. Auch er ist ein erstgeborener Sohn. Mittlerweile aber hat sich das weitgehend gelegt. Auch die Kirschkern hat sehr mitgeholfen, ihm diese Angewohnheiten der Anfangszeit auszutreiben.

In der Schule hat er den praktischen Schwerpunkt gewechselt, er ist nun nicht mehr in der Metallwerkstatt, so wie Salman, sondern kocht exemplarisch an jedem Dienstag. Mit Benotung. Er kocht auch immer wieder gerne zu Hause. Seit einiger Zeit steht in der Küche stets ein großer Sack Reis. Und alle achten darauf, dass dieser nicht umfällt.

Nicht ganz leicht war es dann mit ihm im vergangenen Frühjahr, als er den Wunsch geäußert hatte, auszuziehen und alleine wohnen zu wollen. Dieser Wunsch war entstanden, nachdem es vor Weihnachten 2016 zu einem größeren Streit zwischen ihm und Salman gekommen war. Wir begannen also, den hier ohnehin sehr knappen Wohnungsmarkt auf kleinere Wohnungen hin zu durchforsten und nahmen an einigen Besichtigungen teil.

Es hätte auch tatsächlich Gelegenheiten eines Auszugs für ihn gegeben. Aber jedes Mal war ihm die Wohnung entweder zu klein, „zu weit weg von der Stadt…“ oder zu sehr Wohngemeinschaft. Oder angeblich zu schmutzig. Es war dann auch die Kirschkern, die ihn ihre große Empörung ob dieser Prinzenwünsche deutlich spüren ließ. Als Gleichaltrige. Wenn sie unbedingt ausziehen wolle, sie würde sofort jedes halbwegs geeignete Angebot annehmen. Wir machten ihm klar, dass er es mitnichten erwarten könne, eine erschwingliche Idealwohnung in Bestlage zu finden bzw. zugewiesen zu bekommen. Es gab dazu dann auch einige klärende Termine mit ernsten Worten beim Jugendamt.

Mich brachte dieses Thema vorrübergehend an meine Geduldsgrenzen. Und ich weigerte mich fortan, überhaupt noch weiter mit ihm gemeinsam nach einer Wohnung zu suchen.

Mittlerweile hat er das alles wohl verstanden. Und er stellt seinen Wunsch nach den eigenen vier Wänden vorerst zurück. Er wolle nun erst einmal den Schulabschluss hinter sich bringen. Das findet er jetzt auch selbst sinnvoll. Und wie es dann im Sommer weitergeht wird man sehen.

Bahram hat klare Vorstellungen und Wünsche. Er möchte unbedingt einmal Familie und Kinder haben. Und diese bestenfalls auch ernähren können. Das sei doch das Schönste im Leben. Er bemängelt oft an Gleichaltrigen, dass sie nicht weit genug voraus denken würden. Dass sie oft nur den Spaß und das Chillen im Kopf hätten. Das sei doch zu kurz gedacht. Man kann sich mit ihm wunderbar über Lebensdinge und die Zustände der Welt austauschen. Das sind mittlerweile recht tiefsinnige und ernste Gespräche.

Sein Deutsch wird – genauso wie das von Salman – immer besser und differenzierter. Von Anfang an hat er sich für Redensarten, Sprichwörter und Umgangsfloskeln interessiert. Er hat darin großes Verständnis, auch besonders für die Dinge zwischen den Zeilen. Oft finden wir auf dem Küchentisch irgendwelche Nachrichten von ihm, auf kleine Zettel geschrieben. Er hat dann Formulierungen ausprobiert oder Wortfetzen festgehalten, die ihn beschäftigt haben und denen er nachgegangen ist.
Mich freut das besonders, ist es doch fast schon eine Art von freier und unbeschwerter, beinahe künstlerischer, Auseinandersetzung mit Sprache. Und den Dingen und Bedeutungen, die sich dahinter verbergen.

Er probiert von sich aus vieles aus. Er traut sich, ist neugierig und oft unerschrocken. Er hat sich selbstständig in das Textprogramm seines Computers eingearbeitet. Er hat sich ohne Vorwissen im Internet ein gebrauchtes Mountainbike organisiert und dieses dann von seinem eigenen Geld erworben. Er weiß, was Imperfekt und Präteritum bedeuten. Er ist mitfühlend, sehr tierlieb und empathisch. Er ist sehr kinderlieb. Er hat einen Sinn für Kultur und Design und auch für Kleidung und Stil. Ganz alleine hat er recherchiert, dass eine namhafte süddeutsche Bekleidungsfirma auch Schülerpraktika anbietet. Und sich dann dort – online – beworben. Für die nächsten Ferien.

Zum 18. Geburtstag hatten wir ihm eine schöne Uhr geschenkt. Ein Geschenk ‚fürs Leben’ eben. Er freute sich sehr, zögerte aber nicht, seinen Wunsch nach einem baugleichen Modell in anderer Farbigkeit freundlich zu äußern. Er ist sehr „europakompatibel“. In diese Richtung formulieren wir es immer.

Bahram kann sehr genau deuten und beobachten. Wenn er will. Wenn er nicht will, dann kann er schnell in Fettnäpfchen treten, was schon einige Male passierte und dann gerade so noch gutgegangen ist. Und er hat viel Humor. Die Kirschkern, die erst neulich für ein paar Tage zu Besuch war, formulierte danach mit schwesterlicher Zuneigung: „Mit niemandem kann man sich so angenehm gemeinsam langweilen, wie mit Bahram.“

Vor ein paar Wochen meinte er beim Abendbrot in einer Mischung aus Witz und Verzweiflung: „Ich könnte ja auch heiraten? Wegen Abschiebung und so?“

Ich ließ mich kurz auf diesen Gedanken ein und schlug ihm vor, er könne ja die Kirschkern heiraten, nur müsse mir dann sein Vater mindestens zehntausend Dollar überweisen. So wie das eben oft üblich wäre in Afghanistan. Tochter für Traktor. Schnell allerdings blieb ihm und mir der kleine blöde abendliche Spaß im Halse stecken. Nicht witzig. Angesichts der aktuellen Geschehnisse kann Humor ganz plötzlich auch zu Ende sein. Denn eigentlich ist alles ja bitterernst.

Nun ist die zweite Woche des Schulpraktikums angebrochen, Bahram ist jetzt der Buchhaltung der Miederwarenfirma zugewiesen. Noch einen Arbeitstag, dann ist es vorbei. Er möchte wahrscheinlich etwas mit „Handel“ machen. Er ist aber immer noch unentschlossen. Obwohl er schon vor einem Jahr ein Praktikum in einer Boutique gemacht hat.

Vielleicht doch lieber Mechatronik? Ein Traumberuf mit vielen Trugbildern und tiefergelegten Limousinen, die nie abbezahlt werden können. Ich frage ihn „Bahram, sehe ich Dich unter einem Auto liegen mit einem schwarzen Schraubenschlüssel in der Hand und Öl im Auge?“

Verlegenes Lächeln. Oder doch lieber Kampfsportlehrer? Alle diese vielen Möglichkeiten. Welches ist das treffendste Selbstbild. Er ist mittlerweile Kunde von Fielmann, wegen seiner Brille und neuerdings seiner Kontaktlinsen. Auch wegen des Handballs. Vor ein paar Wochen flog ein Ball auf seine Brille und sein rechtes Auge, er war kurz in der Ambulanz, zwei Stiche wurden genäht. Da war sie wieder, die Krankenversicherung. Die Brille ist repariert, die Wunde verheilt, die Fäden gezogen. Vielleicht Optiker? Oder doch lieber zu ALDI oder REWE. Wieso eigentlich nicht Lebensmittel, anstatt Kleidung? Man könnte Safran importieren, vielleicht?

Bahrams Halbjahreszeugnis ist sehr gut. Er hat nur Zweien und Einsen. Das ist zwar normalerweise nicht das Wichtigste im Leben, aber es ist in seiner momentanen Situation mehr als hilfreich. Und es zeigt auch, wer er ist und was er erreichen könnte. In ein paar Tagen muss er sich entscheiden.

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Ein paar wenige Male in diesen bald zwei Jahren platzte mir der pflegeväterliche Kragen. Das soll nicht unerwähnt bleiben. Erstmals anlässlich jenes Streits kurz vor Weihnachten 2016, der später zu einem mehrwöchigen Schweigen zwischen den Beiden führte. Es ging um irgendeinen kleinen billigen Kopfhörer, den der eine dem anderen angeblich „gestohlen“ hatte. Eigentlich aber ging es wohl eher um jugendliche Ehre und ethnische Zugehörigkeiten.

Die Beiden saßen sich am runden Küchentisch gegenüber. Wir hatten sie zum Konfliktgespräch aufgefordert, um diesen seit langem schwelenden Streit gegebenenfalls endlich auszuräumen. Irgendwann schäumten beide vor Wut und es wurde sehr laut und erregt. Ich überlegte, es nun meinerseits auch einmal mit Lautstärke zu probieren. Um meine Autorität zu testen. Ich wollte sie überraschen. Und polterte also plötzlich los, mit dem Ziel, beide zum Schweigen und vor allem zur Einsicht zu bewegen.

Ein bisschen gelang das, allerdings ohne, dass sie sich die Hand gereicht hätten oder Frieden war. Beide verschwanden mürrisch und jeweilig beleidigt auf ihrem Zimmer. Bahram sagte danach, wären sie in Afghanistan gewesen, einer läge nun im Krankenhaus.

Dazu muss man wissen, dass ich nicht unbedingt ein Schreihals bin. Frau Mullah meinte dann auch später am Abend mit großen Augen „Himmel, so kenn‘ ich Dich ja gar nicht, ich wusste ja noch gar nicht, dass Du so sein kannst!“ Das hatte dann schon wieder eine gewisse Komik.

In der Folge blieb alles, wie es war, es gab gemeinsame tägliche Mahlzeiten und den üblichen Alltag, nur mit dem kleinen Unterschied, dass die Jungs nicht mehr miteinander sprachen. Sie saßen da völlig friedlich, sogar nebeneinander. Ohne einen Blick oder ein Wort. Als wenn nichts gewesen wäre. Uns war es fremd, wie man so etwas über längere Zeit durchhalten konnte. Wahrscheinlich ging es nun darum, wer von Beiden den längeren Atem hätte.

Das war auch die Zeit, in der wir, die „Pflegeeltern“, nach fast einem ganzen Jahr des Tun und Machens, auch einmal wieder Abstand spürten. Am Anfang eher ein bisschen schmerzlich, dann aber auch wohltuend. Es war gewissermaßen eine Pause. Für uns. Und eine gute Gelegenheit, in der wir uns auch in aller Ruhe einmal wieder fragen konnten, was wir da eigentlich machen. Und ob wir das auch weiter so wollten. Wir waren uns dann einig. Wir wollen.

Irgendwann – ich hatte die beiden Schweigenden gerade zu einer kleinen Hilfe in den Garten gebeten – hörte ich plötzlich ein friedliches Gespräch auf Persisch. So ein Gespräch jener Art, wie es eben klingt, wenn man während einer Arbeit über dies und das plaudert. Sogar gelacht wurde. Beim Kompoststechen. Und ich traute meinen Ohren nicht.

Ein paar Tage zuvor hatten Beide einen gemeinsamen Termin beim Jugendamt gehabt. Ich rief dort sofort an und erkundigte mich, wie sie es denn um Gottes Willen geschafft hätten, dass die Beiden wieder miteinander reden würden. Sie wüssten es auch nicht. Aber vielleicht hätte der ältere Dolmetscher, von stattlicher Natur und vor vierzig Jahren selbst aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, irgendein geheimes Machtwort gesprochen.

Ein anderes Mal war es Salman. Es ging um ein paar seiner Pfandflaschen, die er trotz freundlicher Aufforderung und dem Hinweis, dass diese Flaschen geldwert seinen, achtlos in der Mitte der Küche auf dem Boden liegengelassen hatte. Bis sie schließlich Frau Mullah wegräumte.

Ich fragte ihn also, schon etwas gereizt, ob er denn so viel Geld habe, dass er es sich leisten könne, diese Flaschen einfach so wegzuwerfen. Und warum nicht er sie dann wenigstens hinunter in den Keller getragen, sondern er dies einer Frau, mithin seiner „Pflegemutter“, überlassen habe.

Zuletzt war es eine Situation großer Anspannung und Konfrontation, aus der ich ihn aber nicht entlassen wollte. Plötzlich brach er in Tränen aus. Und umarmte mich heftig. Und sagte, er habe doch nur uns, Frau Mullah und mich. Und ob er nun, nach diesem Vorfall, trotzdem noch weiter bei uns bleiben dürfe.

Da stand ich nun in einer süddeutschen Küche und hielt einen heulenden afghanischen Jugendlichen im Arm, den es so heftig schüttelte vor Weinen, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Diese Situation hatte auch etwas sehr Absurdes. Ich werde das bestimmt nicht vergessen. Und da war sie wieder, diese Weltpolitik.

Natürlich kamen uns, später in der Nachschau, auch Schilderungen asiatischer Unterwürfigkeitsgesten in den Sinn. Die Tatsache, dass er überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, dass wir ihn aufgrund dieses Vorfalls nun wegschicken würden, gab einmal mehr Auskunft über sein Inneres und sein bisheriges Erleben.

Solche Geschichten gibt es ja in jeder Familie. Sie nicht zu erwähnen im Zusammenhang mit der Betreuung junger Geflüchteter aber würde ja bedeuten, sich dem Vorwurf der Beschönigung und Naivität auszusetzen. Der öffentliche Sinneswandel ist überall spürbar und in seinen Ausmaßen mittlerweile bedenklich. Nichts Neues also.

Als es vor ein paar Wochen um den Altersbetrug von UMFs ging, kommentierte ich unter eine Vielzahl zynischer Kommentare einfach irgendwann auch einmal, sinngemäß: „Haben Sie sich denn überhaupt schon einmal mit einem echten UMF unterhalten und sich dessen Geschichte erzählen lassen?“

Zur Antwort bekam ich unwirsch: „Bitte beim Thema bleiben!“ Ja, genau. Dachte ich. Beim Thema bleiben.

Frau Mullah sagt, gerne auch in Mundart, sie habe die Beiden „gut gezogen“. Das stimmt. Küche putzen, Bad putzen, Staubsaugen und Fegen. Und Abspülen, den Tisch abwischen, die Spülmaschine ausräumen, den Müll hinunter bringen. All das funktioniert jetzt meistens fast ganz von alleine.

Und wenn sie dann doch mal die Nase rümpfen, wenn es um den Haushalt geht, sage ich stets „Jungs, nur wenn wir Männer das selber können, sind wir unabhängig. Auch von den Frauen!“ Ob sie damit etwas anfangen können, lässt sich noch nicht beurteilen. Die Kirschkern hatte ihnen diesbezüglich jedenfalls oft heftig Zunder gegeben, aber leider lebt sie ja derzeit woanders.

Wir waren auch schon einige Male gemeinsam in den Ferien. Auf einer kleinen Hütte in den Bergen. Oder in Hamburg und in der Hauptstadt. Im Januar wollte die Kirschkern dort ihren Geburtstag feiern. Und Frau Mullah hatte die schöne Idee, als abendliche Überraschung mit Salman und Bahram angeflogen zu kommen. „Big Family“ eben. Die Jungs das erste Mal im Flugzeug. Wie gerne wäre ich da dabei gewesen.

„Big Family“, das ist auch der Name, den die Kirschkern vor bald zwei Jahren der pflegefamiliären WhatsApp-Gruppe zugewiesen hat.

Ich könnte jetzt natürlich noch weiterschreiben. Einerseits über bedenkliche und meist ungenaue öffentliche Neiddebatten. Oder über Bestimmungen bezüglich Pflegekindern, ganz gleich welcher Nationalität. Über Anschaffungen, Grundausstattungen, Überlegungen zum Erwerb des Führerscheins, über Taschengelder und andere Ausgaben fürs Leben. Oder über ein längst überfälliges Einwanderungsgesetz.

Andererseits über selbstgebastelte Absatzerhöhungen in Schuhen. Oder über das kollegiale Verhalten unter jugendlichen Afghanen, was das Verleihen von Dingen und Kleidung angeht. Über kleine Malheurs oder große Pläne. Oder wie es aussieht, wenn einer mit 18 das erste Mal im Leben Ski fährt. In der Nähe von Oberstdorf. Früher einmal gab es ja sogar Skigebiete am schneereichen Hindukusch. Das war, bevor die Russen kamen. Oder wie es klingt, wenn Salman zitiert: „Wer sich nicht meldet, wird vergessen.“

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In einem lesenswerten Artikel im SPIEGEL heißt es, zuletzt einen Betreuer von UMFs zitierend:

„Wir hatten Glück. Kein Polizeiaufgebot, keine Gewaltübergriffe, kein Fanatismus. (…) Wer die Jungs wirklich seien, werde er nie beurteilen können, hat er in solchen Momenten gegrübelt. Dann sagte er sich, dass es ihm mit anderen Menschen genauso gehe.“ [SPIEGEL 9/2018, Katja Thimm, „Der Versuch“]

Ob wir es nie beurteilen werden können, das wissen wir noch nicht. Wie im richtigen Leben. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Alle entwickeln sich. Es ist immer viel los hier. Es wird nicht langweilig und man wird sehen. Es wäre schön, wenn Salman und Bahram – wie auch alle Anderen, die sich genau so anstrengen wie sie – auch weiterhin eine Chance erhielten. Von Politik, Gesellschaft und Nachbarschaft.

Und sowieso: Allen Beteiligten, die das alles mittragen, einen großen und herzlichen Dank!

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Im Februar 2017 erschien ein Artikel im Magazin CHRISMON. Die Fotografien dazu hat Anne-Sophie Stolz gemacht. Auch ich habe ja immer mal wieder berichtet. Im Folgenden eine Aufzählung von Links, chronologisch hier in Reihe gebracht:

#https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2017/33311/blog-ueber-alltag-mit-gefluechteten-jungs
#http://schneckinternational.me/2015/10/31/maxmoritz/
#http://schneckinternational.me/2016/04/11/umf/
#http://schneckinternational.me/2016/05/26/die-buben/
#http://schneckinternational.me/2016/06/12/bumbum-zisch/
#http://schneckinternational.me/2016/07/09/amsel-und-muschi/
#http://schneckinternational.me/2016/07/21/wrzbrg-ghl/
#http://schneckinternational.me/2016/10/01/integration-blaukraut/
#http://schneckinternational.me/2016/10/25/hedsch/
#http://schneckinternational.me/2017/03/25/weisst-du-noch/
#http://schneckinternational.me/2017/08/08/fb/
#http://schneckinternational.me/2017/09/30/ey-katastrophe-ne/
#http://schneckinternational.me/2017/11/30/alte-maenner-interview/
#http://schneckinternational.me/2017/11/06/weihnachtsmarkt-in-kabul/
#http://schneckinternational.me/2018/01/12/januar1-2-3/

Stäubchen

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Die Tage tröpfeln so vor sich hin, und jeder Tropfen wird zu Eis. Überall Zapfen. Die alte Heizung läuft und läuft, der neue feintaubarme Ofeneinsatz ist betriebsbereit, der Akkumulator des Badewannenlifts schwächelt, dafür ist die Rollstuhlantriebshilfe bewilligt und bereits eingetroffen. Die Premiere eines Auflugs ins Dorf steht jedoch noch bevor. Die Nachbarin ist stinkig (soll sie…), ich bin stinkig (soll ich…?), das Grau und das Minus den ganzen Tag triggert, aber mir egal. Der Wagen nagelt jetzt ab und an und wartet auf sein Fahrverbot. Vieles krümelt dann ja so auf Richtung Null, die ganze Welt als Diesel. Überall Kautzigkeiten und Vorfahrten für schlechte Subjektlaune. Ich habe Vogelfutter gekauft, in diesem Jahr füttere ich pausenlos, damit sie nicht verschwinden, die kleinen buntgefiederten Racker. Katzen verjag ich regelmäßig, und ich räume freimütig und wenig geläutert ein, es macht mir irgendeinen Spaß. Mich ihnen im Garten langsam und voller List freundlich zu nähern, um dann unvermittelt an Tempo zuzulegen und ein grauenhaftes katzenvertreibendes Geräusch im Sprint von mir zu geben. Wie im echten Leben eben. Fürchterlich muss das sein für die Katzen, denk ich mir. Aber zehn Minuten später sind sie wieder da und kokettieren mit einem gelangweilten Singvogelmassaker. Die Langarm-Shirts für den kommenden Sommer erwarb ich schon im letzten Jahr in Hamburg. Sie warten im Schrank. In Hamburg kann man eben einfach gut Klamotten einkaufen. Schon 2014 wollte ich ja „künftig“ mehr Busen zeigen. Da lachen ja die Hühner. Morgen ist eine Holzmöbelabfuhr. Alles steht schon bereit im Garten. Ich muss es nur noch hinuntertragen auf die Strasse. Dann kommen die unterbezahlten Männer und werfen alles in die große Kleinmachmaschine am tiefhängenden Arsch des Speziallasters. Früher hieß das Sperrmüll. Den alten Eichenschrank im Keller zerlegt zu Brennholz. Ich mochte diesen Schrank nie, die alte Dame hatte dort Witwendevotionalien aufbewahrt, ein Kostüm mit Fellkragen aus 1959 sowie Anzüge des Vaters (+1964) und des Großvaters (+1962). Dazu ein Kiste mit alten Negativrollen neben Mottenpapier und Lederresten, die man sicherlich für irgendetwas noch einmal hätte gebrauchen können. Kurzferien waren, in den Voralpen gewesen auf der schönen Hütte, die man nur zu Fuß erreichen kann. Da war leider zwar viel Schnee, aber dann Regen, selbst auf zwölfhundert Metern. Eine schöne Rückfahrt über die geliebte Schwäbische Alb im Schneesturm, so wie früher. Und im Atelier Gedankenwelten und künstlerisch entworfene Vorhaben, sowie geduldige Produktion. Ich will nicht alter Diesel sein noch Schweröl, Feinstaub schon gar nicht. Aber das Nageln macht auch eine unbestimmte entspannende Laune. Man ist ja kein Konfirmant mehr, wie der Blick in den Spiegel lehrt. Eine gewisse Ratlosigkeit, Schulterzucken ob dem, was kommt und das Jahr bringen wird. Ich könnte ja Startlöcher zu Bild bringen. Der Computer war kaputt. Jetzt ist er „aufgerüstet“, laut Techniker für ungefähr noch drei Jahre und ich habe nun die vorrausschauende Gelegenheit, jeden Monat etwas beiseite zu legen für ein künftiges Neugerät. Am gestrigen Abend ein Vortrag über interreligiösen Dialog. Mohammad auf Kamel und Jesus auf Esel nebeneinander auf ihrem Weg durch die Wüste. Als Buchmalerei oder Aquarell. Beide mit Heiligenschein, eine ungefähr sechshundert Jahre alte Darstellung. Ein schönes friedliches Bild. In der Gottesvorstellung einerseits Trinität, andererseits unbedingtes Unikat. Dazu der Sündenfall. Ich bin ja kein Theologe, sondern nur ein einfacher Waldrandbewohner, Sohn einer ostpreussischen Hebamme. Manchmal schleicht sich Verständnismüdigkeit ein bei mir, angesichts all dieser stets ärgergenerierenden Lesbarkeiten. Wieso können sich nicht alle einfach machen lassen? Das meinen übrigens auch Bahram und Salman, die beiden Afghanen, als native Unikatsvertreter. Sehr naiv natürlich, aber doch so einfach. Mit Blick auf die Gartenvögel. Die kleinen Fussel wären es wohl, die die Welt richten könnten. Der Deutungsfeinstaub. Wenn er denn in die richtigen Ecken geblasen würde. Wieso sollte ich mich als „ungläubig“ bezeichnen lassen? Das ist ein unverschämtes Staubkörnchen, welches sich als Kernfrage aufspielt. Morgen Abend werde ich, wenn es sich ergibt, einen andersgläubigen Gelehrten dazu befragen können. Die am Alexanderplatz vor bald schon vier Wochen gezogenen Weisheitszähne der Kirschkern habe ich in einem kleinen alten, noch handvergoldeten, Schmuckschächtelchen aufbewahrt, welches ich einst in Mittelfranken auf dem achtlosen Sperrmüll fand. Innen ist es mit violettem Samt ausgeschlagen und ein kleiner Aufdruck „J. Rothbarth, Gold & Silberarbeiter, Rothenburg a/ Tauber“ klebt im Deckelchen. Nun aber ermahnt das 11-Uhr-Geläut, welches vom Tal hinauf an den Waldrand ruft, mich zur Mühsal des Tagwerks.

januar-1-2-3

salman will jetzt MC werden. bahram soll sachlichen bericht schreiben für deutsch über zeitungsartikel alternder sozialarbeiter regional engagiert für verlorene problemkinder. salman schafft es nicht aufzustehen zur schule. WLAN jetzt stecker raus dreiundzwanzig uhr. frau mullah will küche streichen und elektroauto. kirschkern muss brötchen schmieren mindestlohn jeden morgen in dunkelheit oder jeden zweiten. salman will einfach arbeiten endlich, sonst nix. bahram will glück, audi und sprache und großhandel. kirschkern will irland und weisheitszähne, alles solo. alte dame will 100 werden. salman will keine frau erst mal, dafür rolex. ich will mal wieder gute nachricht, dann dampfsauna, dann tausend kilometer wandern oder bilder oder text und geld. alle wollen schlafen.