aka

/pseudonyme sind ja in ordnung. fingierte lebensläufe und meinetwegen geschlechterwechselei auch. wers braucht. aber dialoge, ja sogar korrespondenz aus fremden rollen und der deckung der anonymität heraus sind kindisches theater auf kosten anderer. es gab ja schon einmal einen solchen fall. mit kunst hat das nichts mehr. /und ich kenne einen, dem hat so etwas immer spaß gemacht. der konnte sich dann stundenlang über diejenigen, die ihm auf den leim gingen, amüsieren. er empfand das als künstlerisch. im realen leben hingekriegt hat er nichts. arme säue! und eklig.

19 Gedanken zu „aka“

  1. Liebe Phyllis,
    in dem was ich als ziemlich unaufrichtiges Verhalten betrachte, sehen Sie ein Alter Ego, und ziehen daraus den Schluss, dass keine Täuschung stattgefunden hat. Es fällt mir schwer, darauf argumentativ einzugehen, ich habe aber ganz massiv ein schlechtes Gefühl dabei, oder vielleicht sollte ich es auf diesen Punkt bringen: ich verstehe diese Aussage nicht. Und außerdem sind Blogs Kunst? Oder eine Art der Kommunikation, in der gewisse Regeln des Anstands gelten sollten? Ich tendiere zu letzterem. Ein Pseudonym, das ja schließlich auch ich verwende [niemand wird wohl annehmen, dass ich unter dem Namen Weberin im Telefonbuch stehe] ist für mich etwas deutlich anderes als diese Art von doppelter Identität.
    Ich mag Sie und Ihre Offenheit, die Auseinandersetzung mit sich und Ihrer Arbeit, die Sie immer wieder öffentlich auf Ihrem Blog betreiben, und ich muss sagen, ich wäre ziemlich vor den Kopf gestoßen, wenn ich auf einmal erfahren würde, dass Sie nur das Alter Ego Ihrer selbst sind.
    Noch einen Widerspruch möchte ich formulieren; vielleicht gibt es keine Regeln, die „die Kunst“ nicht verletzen darf, einzelne Kunstschaffende stehen und fallen für mich persönlich jedoch auch mit Ihren Ansichten von Moral und Aufrichtigkeit.
    Sehen Sie denn in diesem Verhalten einen Aufhänger für eine Diskussion über die Situation unbekannter Künstler? Und wenn ja, inwiefern? Geht es um die [scheinbare] Notwendigkeit von Marketingstrategien, um als Künstler überhaupt Gehör zu finden? Geht es um die Frage, inwiefern das social web auch für Künstler eine besondere Rolle spielt? Ja, eine Diskussion über derartige Themen schiene auch mir lohnenswert und ich glaube, man kann sie durchaus losgelöst von dem speziellen Fallbeispiel führen.

  2. Ich finde auch, dass es einen feinen Unterschied gibt, ob man lediglich eine Kunstfigur aufbaut oder ob man Menschen, die mit einem in Kontakt treten, aber genau das überhaupt nicht wissen sollen,systematisch hinters Licht führt.

  3. Dochdoch, eine Täuschung hat stattgefunden. Ich versuche nur, den Rahmen dessen, was da passiert ist, thematisch zu vergrößern – da der Verantwortliche das aus seinen ganz eigenen Gründen nicht kann oder will. Ja, Blogs können Kunst sein. Warum auch nicht? Was in ihnen ist. Ein Blog ist doch nur ein Träger von Information, ebenso wie ein Video, ein Buch, eine Leinwand oder was auch immer erst einmal Trägermedien sind.
    Ob ich die Arbeit eines Künstlers, einer Künstlerin wertschätze, hat für mich nichts mit meinem Eindruck seiner oder ihrer Person zu tun. Ich kenne supersympathische Künstler, deren Arbeiten in meinen Augen nicht grandios sind. Und Leute, die mir richtig unangenehm sind, deren Arbeiten mich aber sofort überzeugen. Ich kann mich natürlich dafür entscheiden, nur noch jene in den Blick zu nehmen, deren Wertmaßstäbe in Sachen menschliches und soziales Verhalten ich teile – aber soweit will ich mein Interesse und meinen Wissensdurst eigentlich nicht beschneiden.

    Nochmal zur Identität: Ich veröffentliche unter meinem eigenen Namen. Wenn ich in meinem Weblog mal eine Zweitnatur verwende, dann so offensichtlich, dass niemand bezweifeln kann, wer dahintersteckt. Die Idee eines Alter Ego hat mich trotzdem schon immer fasziniert… eigentlich, seitdem ich Gertrude Stein gelesen habe.
    Offenheit mag ich ebensosehr wie Sie. Ich hatte auch gar nicht die Absicht, hier „für“ oder „gegen“ den Autor anzutreten, der Anlass unseres Gesprächs war – meine Meinung zu dieser speziellen Inszenierung ist nicht gar nicht fertig gebildet. Ich weiß auch viel zu wenig über die Hintergründe. Eigentlich wollte ich nur ein paar Fragen aufwerfen, die über dieses Einzelbeispiel hinausgehen.

  4. Man wird schon fast paranoid, wenn man beginnt, sich etwas eingehender mit dieser Sache zu befassen. Am Ende ist gar der „Aufdecker“ eine Kunstfigur und Teil des Marketingkomplotts, weiß man ’s…? So, Schluss jetzt! : )

  5. Nur ganz kurz, weil ich das in meinem eigenen Kommentar möglicherweise missverständlich ausgedrückt habe; ich trenne die Kunst und den Menschen, der dahintersteckt. Ich kenne diese Fälle natürlich auch, große Kunst und ein sehr zweifelhafter Charakter, das muss man trennen, finde ich. Gerade da gibt es keine Identität, was vielleicht zu einer Frage führen könnte, was Kunst denn eigentlich ist und was der Künstler letztendlich damit zu tun hat, als Ich oder als Alter Ego.

  6. Wenn ein Blog ein Kunstwerk sein soll, wäre es vielleicht klug, die Kommentarfunktion abzuschalten. Sollen aber die Kommentierenden Teil des Kunstwerks werden, sollten Sie wissen, wobei sie mitspielen. (Aber selbstverständlich ist mir bewusst, dass die avancierte Kunsttheorie eine solche „moralisierende“ Position sowenig ernst nehmen kann wie es einer schlichten Person wie mir gelingt, die Schmerzen nachzuvollziehen, die das Auffliegen eines Marketingstricks auslöst. So fremd bleiben sich die Menschen – und die Avatare auch! Das wäre vielleicht bei all dem auch wichtig zu bedenken: Es gibt unüberwindbare Fremdheit und keinen universell gültigen Standpunkt).

    Etwas anderes als Kunst ist Kommunikation. Wo die Kunst wohl rücksichtslos sein darf, nimmt man mit gutem Grund im Gespräch Rücksichten auf die Empfindlichkeiten eines Gegenübers. Die junge Frau, die im fraglichen Blog zu schreiben schien, genoss bei mir einen gewissen „Welpenschutz“. Manches, was ich für Unfug oder verstiegen hielt, habe ich nicht kommentiert oder wohlwollend, weil ich bei mir dachte: Wenn man jung ist, sehnt man sich halt nach so klaren, wenngleich überkommenen oder unterreflektierten Positionen. Und selbstverständlich wird man jemandem nicht eigene Erfahrungen absprechen wollen, selbst wenn man – z.B. politisch – eine andere Position vertritt. Wenn ein Schwarzer über seine Diskrimnierungserfahrungen spricht und daraus Schlüsse zieht, werden Sie auch nicht als Weiße sagen: Oh, ich glaube nicht, dass sich das so anfühlt. Oder Sie werden nicht mit jemandem über die Lage in Weißrussland streiten, der behauptet, das sei sein Heimatland, da Sie annehmen, der oder die wisse besser Bescheid als Sie selbst. Sie schweigen also. In jeder „Beziehung“, sogar im Netz, gibt es solche „Tabus“, an die man nicht rührt, weil man Verletzlichkeit des anderen an diesem Punkt annimmt. In der Kunst braucht man diese Tabus nicht zu beachten, ja man soll es auch nicht. Im Gespräch ist es notwendig, wie ich meine.

    Sicher ist die Qualität eines literarischen Werkes unabhängig davon, ob Autorin oder Autor einem sympathisch und persönlich integer erscheinen. Da es aber viel gute Literatur gibt und das Leben kurz ist, liegt es nahe, zumindest unter den zeitgenössischen Autorinnen diejenigen auszuwählen, die einem – neben der literarischen Qualität ihrer Arbeiten – auch sympathisch und interessant erscheinen. Warum nicht? (Ja, ich kann mir das schon denken, das übliche Niedergangsgeraune, das hier einsetzen mag: Nun, ich bin vielleicht zu doof zu urteilen, aber ich merke nichts davon, dass es zu wenig gute Literatur gäbe. Bei mir stapelt sich genug Lesenswertes.)

    Im Übrigen ist jedes Leid subjektiv. Auch der Fake-Autor_In mag an seiner bisherigen Nichtbeachtung im sogenannten Betrieb gelitten haben. Allerdings finde ich die Position lächerlich, man müsse, um sich im Literaturbetrieb durchsetzen zu können, eine junge Frau mit Sexappeal sein. Ein Blick in den Perlentaucher genügt, um sich Aufschluss über die prozentuale Verteilung von Besprechungen in den „maßgeblichen Feuilletons“ auf die Werke von Männern und Frauen zu verschaffen.

  7. liebe melusine, liebe anja pia, gewiss möchte ich hier WEDER titel noch autor/in genannt haben und daher habe ich ihrer beider kommentare gelöscht. am geldwerten vorteil von mich und andere verarschenden selbsternannten genies will ich mich nicht beteiligen (ausser, ich werde umsatzbeteiligt). nebenbei: mittlerweile habe ich auch schon BÖSE post erhalten, was mich bestätigt. ;) /entschuldigen sie also bitte meinen löschvorgang. und ich wünsche ein schönes wochenende.

  8. Die Sache mit dem Welpenschutz hatte ich vollkommen außer Acht gelassen bisher. Hm. Da ist was dran. Auch an der Rücksichtnahme. Und der Vergleich, den Sie ziehen. Gutes Argument.

  9. P.s.
    Lieber Schneck, falls Ihnen auch mein Kommentar zu weit geht, nur zu, löschen Sie ihn! Ich wär‘ nicht gekränkt. Hab‘ mich bislang überall mit Kommentaren zu diesem Thema zurückgehalten, aber eben überkam’s mich einfach.

  10. Liebe Phyllis,
    ich weiß ja viel zu wenig über die Hintergründe, die Hintergründe, wie nun wohl alles aufgeflogen ist, ohne aufgelöst worden zu sein usw., ich habe nicht einmal regelmäßig, noch nicht einmal oft in diesem Blog gelesen, aber ich finde sehr interessant, wie Sie die Sache sehen. Besonders weil Sie den Spieß umdrehen und aufzeigen, wie unterschiedlich eine „exotische“ Herkunft in unterschiedlichen Settings wirkt. Während der potenzielle Arbeitgeber das Gesicht verzieht, horcht der Verleger auf. Aber ob Lügen und Maskenspiele der richtige Weg sind, darauf zu reagieren? Ich weiß es nicht. Für mich ist dieses Beispiel noch einmal ein Hinweis darauf, dass man ein wenig vorsichtiger und zurückhaltender sein sollte im Netz mit seinem Vertrauen. Es ist eben alles sehr viel weniger handfest und greifbar als in diesem Leben da draußen mit Körpern, Gesichtern, Stimmen und echten Begegnungen.

  11. Ich fand die Idee nicht unamüsant. Aber so ein Strategie-Spielchen gehört zum richtigen Zeitpunkt aufgelöst, und zwar freiwillig. Es ging, so mein Eindruck, darum, sich erst einmal als fiktive Person im Netz einen Namen zu machen, um die Chancen eines Manuskripts zu verbessern, das untergebracht werden sollte. Dabei wurde klug und durchaus humorvoll mit allen Klischees gearbeitet.
    Die Sprache war gut, das Blog fand Leser und Fans, der Roman einen Verleger. Das war doch das Ziel, oder? Spätestens dann hätte man eine elegante, intelligente, auch humorvoll erklärende Stellungnahme abgeben müssen. Denn ohne die fällt ein Schatten auf das neu erschienene Buch. Finde ich.
    Es wäre außerdem eine Möglichkeit gewesen, mal eine Diskussion über die Situation zu führen, in der sich unbekannte Autor:innen befinden, auch Künstler:innen insgesamt. Und welche Mittel es neben den üblichen geben könnte, um auf die eigene Arbeit aufmerksam zu machen.
    Eben fällt mir ein, viele meiner ausländischstämmigen Schüler:innen erzählen mir, dass ihr ausländischer Name ihnen oft Schwierigkeiten macht, wenn sie sich irgendwo bewerben wollen. Schon beim ersten Telefonat bedeutet das Punktabzug, sagen sie – man würde es der Stimme am anderen Ende der Leitung anhören. That’s real life.
    Hm.
    Nun hat sich also in künstlerischem Zusammenhang jemand eine fingierte Identität zugelegt und durchgekämpft, mit viel Aufwand. Was wohl das Motiv, die Vorgeschichte war? Die schreibt der Betreffende ja gerade. Und nun hält sich der Autor bedeckt, bis der Roman draußen ist, der alles erklären soll.
    Irgendwie ein Timing-Problem, wenn man die ethischen Aspekte mal beiseite lässt, oder? Kein Drama. Aber eben auch kein großer Coup. Und so, wie es jetzt gelaufen ist, auch keine Chance für eine auch für andere relevante Diskussion um Selbstermächtigung.

  12. Liebe Weberin, ich weiß auch kaum etwas darüber. Aber ich vermute, das, was Sie „Lügen- und Maskenspiel“ nennen, ist für den Betreffenden längst keines mehr. Mein Eindruck ist, er hat sich der Person, die er sich als neue Identität erfunden hat, so anverwandelt, dass er in Zeiten, in denen er als „sie“ schreibt, auch tatsächlich „sie“ ist. Sonst wäre „sie“ sprachlich und stilistisch, vom Temperament und den Gesten her, auch in den Reaktionen auf Kommentare, gar nicht so glaubwürdig gewesen. Diese fiktive Persönlichkeit ist in meinen Augen ein Alter Ego, keine Täuschung.
    Überdies denke ich nicht, dass es Regeln gibt, die die Kunst nicht ignorieren dürfte – denn was wäre sie dann? Meine Kritik setzt allein daran an, dass ein Thema, das viele Kunstschaffende betrifft, nun vielleicht verschenkt wird, weil sich der Ärger auf eine decouvrierte Einzelperson richtet, anstatt einen Blick auf Mechanismen zu werfen, die solche Verhaltensstrategien hervorbringen.
    Und was das Vertrauen im Netz betrifft: Manche schreiben unter Pseudonym wahrhaftiger, als wenn sie ihren eigenen Namen verwenden würden. Ich finde, Vertrauen ist dazu da, machmal bestätigt und manchmal ent-täuscht zu werden. Anders wäre es nicht mehr als ein Schlagwort. Ich persönlich werde das Risiko immer wieder eingehen.

  13. Im Grunde bleibt ja nun nicht mehr viel zu sagen. Ich danke Ihnen allen sehr für Ihre Kommentare! Man kann von hierher oder dorther beleuchten. Das Bild bleibt dasselbe, auch wenn nicht das gleiche. Ein paar Dinge aber doch noch:

    Für mich sind Überprüfungen von Rezeptionsmechanismen oder Marktstrukturen als alleinige künstlerische Thematik mittlerweile weitgehend uninteressant geworden. Das mag daran liegen, dass ich selbst Künstler bin. Das mag auch an meinem Lebensalter liegen. Möglicherweise ist dieses Thema für Rezipienten weitaus interessanter, da diese sich nicht täglich mit eben jenen Dingen befassen. Und uninteressant auch deshalb, da die Endlosschleifen ewiger wiederholter „Strategien“, die „geschickt“ und „getarnt“ als Kritik von Zuständen und Abläufen daherkommen, letztlich jedoch (wie alle anderen) ein Produkt verkaufen und damit – wie perfide und genial! – gleich zwei Fliegen mit einer Patsche schlagen wollen. Dies natürlich nicht, ohne sich nicht gleichzeitig im raffinierten Umkehrschluss unangreifbar zu machen. In etwa so, als wenn ich nun schreiben würde: Sehen Sie, ich wollte ja nur mal in den Wespenhaufen stechen. Und sehen sie, Sie Dummies, wie schön mir das gelungen ist, ich habe ihnen allen geholfen, die Kunst besser zu verstehen! Jenes „Seht her, so funktioniert Kunst!“, es geht mir auf die Nerven. Ein unsägliches Verfahren, leider oft im Kunstkontext missbraucht, vor allem zur Abgrenzung. Nicht etwa zur Ent-Grenzung!

    Es ist (auch) der ewige Krieg des Exponates gegen die Rezeption. Künstler sollten sich nicht zu Rezipienten machen, auch wenn dies seit langem von jenen gefordert wird. Sie werden immer unterlegen sein und vor allem nicht mehr frei.

    Ebenso geht mir auf die Nerven die ewige Betonung des eigenen Genies. Manchmal ist das ja fast schon eine Beschwörung. Und wenn nun andernorts von „bürgerlicher Empörung“ o.ä. gesprochen wird, dann war das ja aus oben genannten Gründen zu erwarten.

    Ich habe nichts gegen Alter-Egos, künstlerische Rollen- oder auch Versteckspiele. Ich habe mich selbst jener bedient und tue das auch weiterhin. Die Möglichkeit der „Rücksichtslosigkeit“ von Kunst, die ich unbedingt bejahe, hat jedoch da eine Grenze für mich, wo „Häme“ aufkommt, wie ich sie in diesem Fall wahrgenommen habe. Ich reagiere allergisch, wenn es ans Vorführen geht und guter Wille Anderer missbraucht wird. /Weshalb ich obiges schrieb, übrigens ohne Namen zu nennen oder gar ‚herauszuposaunen‘. Vielleicht bekam ich ja deshalb eine Nachricht vom Autor/der Autorin, die im Ton so ganz anders klang, als vorangegangenes im entsprechenden Blog. Und unter dem Aspekt des „Welpenschutzes“ rate ich, es doch einmal mit dem unbedingten Selbst zu versuchen. Das nämlich ist der eigentliche Kraftakt.

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