3.3.15 Sälbchen

„stillleben, schifffahrtsgesellschaft mit asymetrischer kriegsführung. die rückkehr des ausgefuchsten am allerort. /heute morgen beschloss ein kalktüncheteilchen schon ungewöhnlich früh, mir von oben her ins rechte auge zu flattern, wo es vorrübergehend steckenblieb oder immer noch steckt. die erste begehung einer solchen begegnung hatte ich vor langer zeit bei der arbeit auf der obersten etage eines gerüstes, welches einem treppengiebel straßenseitig zu dessen bearbeitung vorgestellt war. es mag september gewesen sein, erste windböen pfiffen und die wespen besuchten uns aus dem nahen dach, ohnehin schon ein erlebnis der besonderen klasse, wenn kein platz mehr ist, um irgendwie zu flüchten ganz oben. und da kam es geflogen, das staubkorn oder der steinsplitter, der sich unter mein oberes lied verhakte und fortan an der netzhaut raspelte, jedesmal beim zwinkern. damals aber war die ärztliche versorgung auf dem lande noch in ordnung und man erlöste mich bald, die wespen waren genauso vergessen wie meine initiationsgabi. ich frage mich oft, wie das bei den steinzeitmenschen war. die müssen bei so etwas ja verrückt geworden sein. das war von mir erlebt worden in rothenburg ob der tauber. /das zweite mal wars in schöneberg, ein säkularer räudiger ostwindgroßstadtkrümel. stunden vergingen im wartebereich des benjamin franklin hospitals, bis ich endlich ins erlösende zimmer gerufen wurde. /und heute nun. der arzt meinte, da sei nichts mehr, das wäre die verletzung, die ich noch spüren würde und nicht ein verbliebener fremdkörper. ob das ein metallsplitter gewesen wäre? ich habe ihm mal geglaubt. und ihm stark vergrößert mit meinen armen den miniaturhaften umriss eines kalktünchenteilchens rudernd beschrieben (immerhin möglicherweise aus dem 15.Jh). und soll alle zwei stunden ein SÄLBCHEN schmieren. ich bin mir heute abend nicht sicher, ob er recht hatte. es ist blöd, aber es gibt ja schlimmeres. erst letzte woche beschrieb mir die B. beim dübelsetzen, wie ihr einmal bei einer freilegerei die skalpellklingenspitze abgebrochen war und durch die luft zingelte, direkt ins weisse eines ihrer augen. „Du, das hat komischerweise gar nicht weh getan…“. der rest verlief glücklich, ich erspare aber. und wieso fährt es einem beim zuhören solcher geschichten eigentlich immer ins knie, was haben ausgerechnet knie und oberschenkelinnenseiten damit zu tun, wenn sich körperlich ungemütlich arge erlebnisse und vorstellungsgabe treffen? /später war ich allein in diesem alten haus heute. im zweiten obergeschoß. die zimmermänner, die gerade den dachstuhl reparieren, waren schon gegangen. der kollege hatte noch gemeint, ob ich nicht abschließen wolle unten zur strasse hin. erstens überhaupt, und zweitens, da sich gegenüber doch diese spelunke befände, wo menschen ohne arbeit sich schon tagsüber betrinken und immer ein späßchen im sinn haben. zum beispiel in ein haus pinkeln oder dieses anzünden. ich meinte aber, das sei nicht nötig. in den folgenden stunden stellte ich mir vor, wie fünf gewaltbereite islamisten mit ihren schwertern die schmale stiege hinaufkämen, um mich zu köpfen und um zudem das alles in ruhe auf der nunmehr verlassenen baustelle zu filmen, um es danach ins netz zu stellen. ich hätte denen die metallleiter (metallleiter, stillleben, schifffahrtsgesellschaft) die treppe hinunter vor die füße geworfen, sie mit kalkmörtelbatzen und kalktüncheteilchen beworfen und wäre danach mit meinem gipserbeil zum siegreichen angriff übergegangen. einfach deshalb, weil mich solche niederen pläne nerven und überaus abstossen. das sälbchen für die verstaubten augen hätte ich ihnen danach überzeugt vorenthalten, völlig ohne ein schuldgefühl deswegen zu entwickeln. zwei ihrer schwerter hingegen hätte ich als erinnerung und für die kirschkern und die köchin mitgenommen. /das ist zwar nicht alles lustig, aber es ist auch nicht alles nichtlustig. und ich weiss immer noch nicht, um nun zehne abends, ob der arzt recht hatte – ist aber auch egal jetzt.“

4 Gedanken zu „3.3.15 Sälbchen“

  1. Balletttruppe
    „ich frage mich oft, wie das bei den steinzeitmenschen war. die müssen bei so etwas ja verrückt geworden sein. “
    Das Missgeschick eines verletzenden Fremdkörpers im Auge konnte bei ungünstiger Entwicklung schon mal tödlich ausgehen.
    Andererseits hats vermutlich immer schon Heilkundige gegeben ähnlich den Schamanen der Naturvölker, von denen Herbert Rosendorfer behauptet, sie hätten den gleichen Heilungsquotienten wie die moderne Apparatemedizin, nämlich 60 Prozent. Gute Besserung Ihrem Auge!

    (Die unökonomische und typografisch hässliche Letternhäufelung bei Komposita in den aufgeführten Beispielen verdanken wir den fürsorglichen Irrungen der letzten Orthographiereform, weil die von Jacob Grimm stammende die Tilgungsregel dass drei Konsonanten nur dann zu schreiben sind, wenn ein weiterer Konsonant folgt, also beispielsweise Balletttruppe und Schifffracht, aber „Ballettänzerin“ und „Schiffahrt“ in der Schule schwer zu vermitteln ist.)

    1. Danke für die Wünsche, lieber Schamane Trithemius! – Ich gehöre mittlerweile zu den 60%. Ich kann wieder gucken wie ein junger Gott (rechts). / Und schön, die Balettänzerin und die Balletttruppe. Muss ich der Kirschkern erzählen, aber die weiss das bestimmt schon. Hingegen ich denke da sofort an die Bauchtanztruppe und demzufolge die Zuckerpuppe.

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