immer neu nie mehr wieder

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(Abb.: 2×2 Meter, noch lange nicht fertig, aber mit Lieblingsmalschuhen und linksseitigen Irrlichtern in Bodennähe.)

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es ist ein wenig (einen hauch) zuviel derzeit. ich ersehne ein kleines semi-burnout, um endlich einmal pause zu haben. aber das ist natürlich totaler quatsch. ich will nicht spaßen.

ich will auch nicht jammern. ich hasse jammern, außer manchmal eben, wenn die dinge zu viel werden. ich wünschte mir einfach sechs wochen federkissen, frische luft, ausschlafen, massagen, schwimmen, rennen durch den wald und keine sorgen um die „kröten“. bei vollem lohnausgleich. nach einer „kur“ muss ich jedoch als freiberufler den arzt gar nicht erst fragen. ich wäre nun ja im besten kur-alter, aber kur ist alte welt.

wahrscheinlich würde ich mich auch nach drei tagen langweilen.

„die kröten“, so nenne ich nun liebevoll die kinderschar. die kirschkern bereist irland, danach will sie in einer alten universitätsstadt am neckar studieren. islamwissenschaften, vor allem wegen der sprachen, und gemanistik. meinen segen hat sie, solange sie nicht irgendwann mit kopftuch vor der türe steht. wahrscheinlich wird sie genau dies machen, sollte sie meine zeilen lesen. und seis nur, um mich zu erschrecken. mein return wäre dann, ihr einen pinken burkini zum geburtstag zu schenken. haha.

salman hat eine wohnung gefunden, ab anfang august kann er dort einziehen. noch betreut ein bisschen, bis er einundzwanzig ist. er freut sich auf seine ausbildung zum fachlageristen bei einem örtlichen mittelständler. gabelstapler fahren und waren scannen, lkw beladen. eine männerwelt dort, maschinen, muskeln und aber auch köpfchen, ganz sein ding. er jobbt auch schon regelmäßig in dieser firma. ein plan ist, bald den führerschein zu machen. vor allem den staplerschein. er sagt nun immer „hauptschluss“ zum hauptschulabschluss. das gefällt mir.

in dieser woche beginnen die prüfungen. er fühlt sich sicher, auch, weil er weiss, dass nur wenige aus seiner klasse einen ausbildungsplatz haben. und er, salman, war dort der erste, der einen hatte. stolz sein mag er. zurecht, das ist ok. manchmal ist er ein bisschen zu viel stolz, aber das sei seiner jugend geschuldet.

bahram zögert noch bezüglich seiner ausbildung zum kaufmann. bahram ist ein möglichkeitenjunkie. man muss ihm da mit klarer ansage helfen. ich hörte mich jüngst erst ihm gegenüber sagen: „ein echter mann braucht irgendwann einen beruf!“.

manchmal helfen solche männersachen, pädagogisch, lebenswegberatend. frau mullah sagt mir, „das musst DU ihnen sagen, das muss ihnen ein MANN sagen…“.

und das mir, wo ich doch vaterlos aufwuchs. eigentlich hab ich sowas gar nicht gelernt in meiner jugend. erst jetzt. schon witzig.

ein bekannter herrenausstatter vom rande der schwäbischen alb, wo er vor ein paar wochen ein schülerpraktikum absolviert hat, gibt keine rückmeldung auf seine bewerbung. er könnte das sicher gut dort, die kunden bezüglich klamotten beraten. er hat ein händchen dafür, sehr stylish, immer chique, dabei dezent, mit gutem geschmack und empathie.

oder doch lieber lebensmittel bei einer großen handelskette? da jobbt er nun, auch schon als eine art „probearbeiten“ im rahmen seiner bewerbung zur ausbildung. vor ein paar tagen standen wir neugierig an der kasse dort in der schlange, salman und ich. er macht das wirklich ganz prima. kommunikation ist eine große und schöne fähigkeit von ihm. „sammeln sie punkte?“ grinste er mich freundlich an, mit augenzwinkern, als wir an der reihe waren. und dann „… wollen sie noch geld abheben?“ zuletzt ein „ich wünsche ihnen noch einen schönen tag!“.

fast unglaublich, das denken wir oft. noch nicht mal vor ganz drei jahren erst zog er von afghanistan los mit einem kleinen rucksack.

und dann noch zuletzt die sehr großzügige und tolle möglichkeit einer ausbildung zum industriekaufmann bei einem nicht unbekannten textilhersteller in der nähe. momentan tendiert er sehr dorthin. beim sechswöchigen intensiv-sprachkurs, der als bedingung für diesen ausbildungsplatz genannt wurde, hat er sich schon angemeldet.

in den kommenden tagen jedenfalls muss das alles endlich unter dach und fach sein.

auch bahram sucht eine eigene wohnung. das auch noch. und ein kleines motorrad will er sich kaufen, irgendwann. die pläne purzeln – und das ist auch gut so. eine schöne dynamik. „eins nach dem andern…“ sagen wir ständig. jetzt erst mal den HAUPTSCHLUSS. und dann sehen wir weiter.

frau mullah wechselt zum oktober ihre arbeitsstelle. ein ganz eigenes großes thema, nach vierzehn jahren die geliebte gemeinde zu verlassen. aber so ist das eben bei pfarrers. das fällt schwer und braucht innere beschäftigung mit raum. ganz abgesehen von den praktischen dingen. und dem auszug aus dem geliebten pfarrhaus.

und ich hadere immer noch mit der anmeldung der alten dame im pflegeheim. ob das wirklich richtig war und ist. ich könnte diesen vorgang immer noch stoppen. und wieso kann mir niemand bei dieser schweren entscheidung helfen. wieso wird mir das nicht erspart? wünschte mir geschwister, aber die sind ja auch schon gestorben. frau mullah sagt immer, wir sind nun im besten „sandwichalter“: oben die eltern, unten die kinder. und wir mittenmang. wie der burger im brötchen, nur ohne gurke.

und alle fordern energie. zu recht, so ist das eben. gehört auch dazu zum leben. und wenn dann, irgendwann, alle plötzlich weg sind, dann steht man ja auch da, wie der ochse im leeren haus vorm berg.

bei all dem gibt es ja auch noch die broterwerbsarbeiten. ich danke dem alten nürnberger kollegen für stete anfragen und miteinbeziehung in seine zu verrichtenden baustellen. und ich danke einer lieben kollegin für einige schöne arbeiten in der nähe, bei denen ich in diesem jahr mitwirken kann. demnächst gilt es, die farbliche originalausstattung eines großen hospitals aus den 1950er jahren zu untersuchen. danach dann eine gotische wandmalerei zu konservieren. sowie einige kleinere schöne arbeiten in der umgegend, allesamt interessant. und das schönste, abends kann ich zu hause sein.

und dann die atelierarbeit, die ja weitergehen muss. und will. auch in solch überladenen zeiten. jetzt erst recht. meist in den abendstunden. die innerbildlichen pläne mitsamt imaginationen für jene größere soloshow im mittleren spätherbst sind nun gereift. das alles braucht zeit und einkehr, das geht nicht hopplahopp.

seit zwanzig jahren habe ich endlich einmal wieder knochenleim gekocht. der geruch setzte sich umgehend an alte wohlige synapsen der ausbildungszeit. zwei große rahmen zusammengeklopft, leinwand aufgezogen, die großen feinen marderpinsel herausgekramt.

ich werde die ausstellung „immer neu nie mehr wieder“ nennen. ohne komma oder satzzeichen. das entspricht auch meinem manchmal tiefergelegten sprachverständnis. da fließt dann alles ein. eine runde sache, finde ich, der lauf der dinge, mit wohlwollen und grundsätzlicher bereitschaft für neues bei aller mühsal manchmal. also doch jammern, wenigstens so ein bisschen.

morgen ist dann gemeindeausflug im reisebus nach villingen-schwenningen. abfahrt neun uhr. da geh ich natürlich mit, nicht nur als pfarrmann, sondern weil es freude macht, fröhlich ist und meist sehr lustig. ausserdem soll ich über die kirchen referieren, die besucht werden. vorher muss ich aber schnell noch den wagen zum TÜV bringen. und heute noch, jetzt gleich, wieder rasenmähen und nachher noch den kindergeldantrag bearbeiten, wenn vorher noch quark und nüsse für die alte dame besorgt sind sowie ihr rezept vom orthopäden für krankengymnasik, hausbesuch. also immer neu nie mehr wieder.

10 Gedanken zu „immer neu nie mehr wieder“

  1. Dass Ihnen beiden der Auszug aus dem geliebten Pfarrhaus schwer fällt, kann ich gut verstehen. Meistens sind es sehr schöne Häuser, mit viel Platz und Garten.

    Was sagt denn die alte Dame zum Umzug ins Pflegeheim? Und wie oft werden Sie sie dort besuchen können?

    ein plan ist, bald den führerschein zu machen. vor allem den staplerschein.

    Wenn es beruflich nötig ist, gibt es auch die Möglichkeit, dass das Jobcenter das finanziell unterstützt. Übrigens ist es auch für Geduldete grundsätzlich möglich, den Führerschein zu machen, die Ämter zicken da aber häufiger einmal. Da hilft es, wenn der Ausbildungsbetrieb interveniert.

    Viel Vergnügen beim Gemeindeausflug nach Villingen-Schwenningen morgen.

  2. Ach verdammt, jetzt muss ich aus reinem Selbstmitleid gleich mitweinen, weil hier auch alles so ist. Für die anstehenden großen Veränderungen wünsche ich Ihnen alles Glück der Welt. Ein altes Mütterlein versorgt im Heim zu wissen, ist nicht unbedingt die am glücklichsten machende Entscheidung, aber es macht so vieles leichter. Und etwas Leichtigkeit haben Sie bei all dem Drama sicherlich nötig.

  3. Ich kur‘ zum zweiten Mal.
    Bald.
    Das schreibe ich nicht, um Sie zu ärgern. Ich schreibe, weil Sie in meinen Augen recht haben: ohne 1. Kur wäre ich wesentlich jünger geblieben.

    Herzlich, Nici

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