1977

es war der letzte jugendurlaub zusammen mit der damals noch nicht alten dame gewesen, mit dem VW-käfer zur fähre an den belgischen kanal, abends aufs schiff, eine nacht dort und ein halber tag glaube ich, ich habs vergessen, jedenfalls war es eine lange und schöne schifffahrt. ankunft in rosslare und dann der linksverkehr und diese ganzen kreisel, sehr beeindruckend. wir waren zwei wochen unterwegs gewesen, die kleinen grünen strassen und hecken links und rechts überall und dann dies „cattle-crossing“ und die verfallenden kirchen ohne dach und mit knochen überall und abends immer irgendein BB gesucht, alte verlassene jugendzimmer mit ulkiger einrichtung, komischen bildern an der wand und meist durchgelegenen matratzen. gleichwohl liebevoll, ebenso die gastfreundschaft und dann die lieben familienhunde. und die klippen, in deren windschatten man sich auf die wiese legen konnte und der wind pfiff über einen weg, während man im windloch einen grashalm kaute, das ganze leben vor einem und das nächste land gen westen war amerika. es begann mir, wenn weibliche gleichaltrige in der nähe waren, peinlich zu werden, dass ich mit meiner mutter, ausgerechnet, unterwegs war. eben dieses alter. aber ich trank schon immerhin ab und an mit der alten dame ein kleines glas guinness, so weit war ich bereits mit der initiation. in erinnerung sind mir auch unglaublich farbige häuser. sowas gabs damals bei uns nicht. blaue oder pinke häuser. unglaublich. oder die kleinen inseln mit den iglus aus stein, den „bienenkörben“, 1000 jahre alt?, die schroffen skelligs, wie konnte man es dort aushalten und überleben? und überhaupt, die christianisierung mitteleuropas, ausgerechnet ausgehend von dieser insel. komplizierter gehts ja eigentlich gar nicht, grandiose frühmittelalterliche umwege. und auch ein paar kilometer durch nordirland, das war eher beklemmend, eingemauerte polizeistationen mit schwer bewaffneten wachposten, und das in europa. „schnell weg hier“, die alte dame gab gas. und liess mich andernorts irgendwo im nirgendwo (am strand?) ein paar erste runden mit dem auto drehen. dem beigen VW-käfer. diese reise jedenfalls fiel in ein aufwachen meinerseits und in den anfang irgendeiner üblichen entpuppung. wenn das denken beginnt, auch mal um ecken zu denken. da tut linksverkehr gut. und wenn den augen die roten haare der mädchen auffallen und man weiss noch gar nicht so recht, warum eigentlich. so erinnere ich mich. und wer weiss, vielleicht haben mich dortige eindrücke auch ein wenig gelenkt in meinen späteren beruflichen entscheidungen. die alten verfallenen gemäuer und kirchen. mit knochen vom aufgelassenen friedhof. es dauerte ein weilchen, bis mir klar wurde, dass das menschenknochen sein könnten. ganz friedlich offenbar allerdings, und völlig normal. wo schon sah ich vorher menschenknochen? und dann der rückweg von meinem allzu neugierigen ausflug in eine solche ruine über eine weide, hin zum auto kaum sechzig meter entfernt, der plötzlich versperrt war von allerlei jungbullen, die mich auffordernd anstarrten und mit dem schweif peitschten. adoleszenz eben. das war knapp, ich rannte, so schnell ich konnte, die bullen auch, und dann sprang ich über die mauer, hin in irgendeine sicherheit. meine mutter fotografierte und lachte und ich dann auch. vor ein paar wochen habe ich die alten fotokästen mit DIAPOSITIVEN herausgekramt und wir haben einen sonntäglich altmodischen diaabend gemacht. mit projektion auf die ausgerollte leinwand von foto porst, nach einbruch der dunkelheit. die alte dame, die kaum noch sehen kann, erinnerte sich an alles. jedenfalls fast. und auch an viele details dieser reise, kleinigkeiten, die ich längst vergessen hatte.

9. Mai 2018

Heute kam, nach neun Monaten, die Ablehnung des Asylantrages per Post. Schon die zweite nun in unserem Haushalt. Danke, Politik, Danke Afghanistan-Deal, Danke allen, die Willkommenskultur predigten, aber nicht für Bleibekultur sorgen. Und Danke auch allen anderen Entscheidungsträgern, die zwar zum Urlaub ins unsichere Herkunftsland Mahgreb fliegen, ihre freien Tage jedoch merkwürdigerweise niemals am schönen Hindukusch verbringen würden wollten. Der junge Mann ist trotz baldigem Hauptschulabschluss, hervorragendsten Integrationsleistungen und einem bereits unterschriebenen Ausbildungsvertrag am Boden zerstört. Nein, so etwas macht man nicht mit Menschen. Wir hoffen sehr, dass es uns gelingt, ihn innerlich wieder aufzubauen.

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