Weihnachtsmarkt in Kabul

Wie also in jedem Jahr waren wir, die Köchin und ich, einmal wieder unterwegs ein Wochenende lang im Dezember. Bevor der ganze Weihnachtstrubel, vor allem ja für die Köchin, so richtig losgeht. Unser Ziel diesmal: Die afghanische Hauptstadt Kabul. Das war auch völlig normal. Niemand fand das komisch. Irgendwann waren wir einfach dort. Es gab einen Bustransfer durch die Stadt, entlang eines Flusses, freundliche Menschen in landestypischen Gewändern grüßten uns interessiert. In einer schönen und eng bebauten Altstadt, die ein wenig an das mittelalterlich historische Rom eines Campo del Fiori erinnerte, bezogen wir unser Zimmer im dritten Stock. Ein schönes Bett, Kommoden, Gemälde an den Wänden, schwere Vorhänge und hölzerne Lamellenschlagläden an den hohen Fenstern. Die Köchin wollte sich schnell frisch machen für unseren Besuch des Weihnachtsmarktes in den engen Gassen und zog unbekümmert ihre Oberbekleidung aus, was mich veranlasste, schnell die dem Nachbarhaus nächstgelegenen Fensterläden zu schließen. „Das kannst Du hier doch nicht einfach so machen, wenn die Dich im Unterhemd sehen!“ zischte ich ihr kopfschüttelnd zu, während ich noch sah, wie verhüllte Gestalten hinter Gardinen verstohlen zu uns hinübersahen und dann schnell verschwanden. Überhaupt nahmen nun plötzlich die Bedenken über unser adventliches Vorhaben zu. Im Traum ändern sich die Dinge ja manchmal unwirklich schnell. Ich betrat den kleinen Balkon des Zimmers, gegenüber wurde gegrillt, man grüßte mich zwar immer noch freundlich, aber meine Angst wuchs, dort ein allzu leichtes Ziel für Beschuss abzugeben. Sicherlich hatte sich die Nachricht über die Ankunft zweier westlicher Touristen – und Ungläubiger obendrein – schon herumgesprochen, die ganze Stadt, das ganze Land sei ja voll von Spionen und Informanten, so hört man immer wieder. Und mit Gewissheit waren schon Taliban oder Andere unterwegs, mit dem lohnenden Ziel, uns so schnell wie möglich mit automatischen Waffen oder Kleinbomben ins Jenseits zu befördern. Ich erinnere dann noch einen kleinen Rundgang zu zweit durch die schöne Altstadt, die Köchin war unbekümmert und interessiert an den Auslagen in den Geschäften, mir aber saß nur noch die bloße Angst vor einem Knall im Nacken. Ich schob uns hastig, mich stets misstrauisch nach allen Seiten hin umblickend, von Deckung zu Deckung. Bis ich schließlich aufwachte.

Vielleicht begründen sich diese träumerischen Erwägungen meinerseits damit, dass ein gemeinsamer Besuch in der Heimat der Jungs gestern Abend einmal wieder ein schönes, gleichwohl illusorisches, Gesprächsthema gewesen war. Und wie schön das aber doch wäre, wäre es möglich. Wenn die Beiden uns irgendwann einmal ihr wunderbares Land zeigen könnten, über das sie oft mit leuchtenden Augen erzählen. Auch wenn sie das angesichts der fast täglichen Schreckensmeldungen von dort zunehmend anstrengt. Und traurig macht.

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