Ey, Katastrophe! ne?

Bahram sagt jetzt oft aus Spaß „Ey, Katastrophe!“ Und wie er das dann sagt… mit zentralasiatisch trocken kehlkopfrollendem „r“. Er ist ein sehr guter Sprachbeobachter. Fast schon ein Semantiker. Auch die Endung „…, ne?“ kommt neuerdings zur Anwendung. Und jedesmal müssen wir alle lachen, ne? Die Kirschkern übt mit ihm schriftliches Dividieren und so weiter. Die promovierende Tochter einer Freundin nun auch. Die wunderbaren stillen Helfer ohne Ehrenamtallüren. Danke! Mathematik und Englisch stehen nun ganz oben auf dem Plan. Er hält alles stets in Ordnung mit seinen Schuldingen, richtet sich abends seine Sachen für den nächsten Tag, damit er das nicht morgens tun muss vor dem Unterricht.

Anders Salman, er kokettiert gerne mit Verschlafen und Ordnung halten ist eher was für Weicheier. Ein bisschen unmännlich. Ein Tiger ist er immer noch, der hinaus geht zum Streunen und seine Runden durchs Revier zieht. Er hat dann einen speziellen Gang, Hüften und Arme federn. Chillen mit der Clique. Auch „Deutsche“ sind da dabei, er wird nicht müde, das immer wieder mit großer Freude zu betonen. Finden wir auch. Es ist nicht gut, wenn alle nur mit Ihresgleichen rumhängen. Spätestens um 24.00 Uhr schleicht er wieder ins Haus, man kann sich mittlerweile darauf verlassen. Und er ist ein Aufpasser. Wenn die jungen Frauen aus der Clique am Wochenende trinken, dann hat er ein Auge auf sie, damit ihnen nichts passiert.

Ein bisschen sind die Beiden jetzt wie Pat und Patachon. Salman ist cool, er braucht nichts zum Überleben, außer sich selbst. Das ist seine stolze paschtunische Meinung. Allerhöchstens vielleicht noch sein Cap, sein 187-T-Shirt und seine Kopfhörer. Taschen und Rucksäcke sind eher etwas für Mädchen, ausgenommen seine kleine Bauchtasche. Von Deuter. Und wenn die Kirschkern sagt, das sei aber etwas „assi“, dann lacht er. Und wenn er dann doch einmal seine Sachen sucht oder sich sein Hunger meldet, dann hat Bahram diese Dinge bereits liebevoll vorrausschauend, fast väterlich mittlerweile derzeit, alles in seinen Rucksack gepackt. Zum Beispiel Salmans Badehose und ein Handtuch für den Elbstrand. Oder das Vesper für die lange Zugreise. Oder Schulzeug, Stifte, Radiergummi. Die Hausaufgaben-Liste. Oder das Busticket. Für Salman scheint dieser Service mittlerweile selbstverständlich zu sein.

Oder jene neue nicht teure, gleichwohl schicke Armbanduhr, die Bahram sich gekauft hatte. Salman „lieh“ sie sich aus, befand die Uhr für gut und daher auch für sich selbst passend und geeignet. Nach zwei Tagen Entleihe forderte Bahram dann ungeduldig seine Uhr zurück. Oder eben Geld. Woraufhin Salman ihm jovial einen Zehner in die Hand drückte und sagte, „Hier hast Du Geld, kauf Dir eine Neue.“

Beide reden gern in der dritten Person übereinander, auch, wenn sie direkt nebeneinander sitzen. „Ja, DER hat kein Brot gekauft…“ und so weiter. „Ja, DER hat das Bad nicht geputzt…“ oder „DER hat keine Ahnung, Alter!“ Oder, meist Salman über Bahram: „DER lügt!“ Mit entsprechender Gestik der rechten Hand. Sie beschimpfen sich einfach gerne gegenseitig. Wie es scheint allerdings in gehörigem Meta. Derzeit, mittlerweile. Manchmal wie ein altes Ehepaar. Offenbar ein alter afghanischer Männerbrauch.

Vielleicht aber auch gar nichts an ländertypischem Initiationsbrauchtum, sondern nur der Weg zweier junger männlicher Wesen, die sehr extrem aus ihrer Spur geworfen wurden und die nun mit dieser gewürfelten Situation in fremden Ländern umgehen müssen. Beide sind ja, jenseits ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Volksgruppen, so verschieden, wie es verschiedener kaum geht. Oft fragen wir uns, wie sie wohl in zehn Jahren übereinander denken. Ob sich in dieser Zeit irgendetwas von jeweilig ihnen einst verbunden haben wird. Oder ob es eben ein letztlich nüchternes Arrangement auf Zeit ist – und bleiben wird.

Und ja, natürlich gibt es auch einen Alltag. Dieser kann auch anstrengen und einem manchmal an den wohlmeinenden Nerven ziehen. Die nicht reparierte Fahrradkette, der ewige Haushalt, Begleitung der Hausaufgaben zu Tag- und vor allem Nachtzeiten, das Putzen, nicht gelöschte Lichter, offen stehende Fenster bei gleichzeitig aufgedrehter Heizung, herumliegendes Zeug und Tand, das morgendliche Aufstehen, verlegte Ausweise. Der Mobilfunk im Allgemeinen, spätabends vorgetragene dringliche Anliegen, die einhundertste Nichteinhaltung von kleinen Vereinbarungen, die manchmal unabgesprochenen Übernachtungswünsche anderer minderjähriger Freunde, die ferienwochentags gegen 23 Uhr vor der Tür stehen und bekocht werden, ohne dass deren Wohngruppenbetreuer davon weiss. Dass der davon weiss, so ist die Regel. Und man selber wusste das auch nicht. Entscheidungen treffen, als „Eltern“ einerseits, aber immer ja auch als Gastgeber, als der ich mich fühle.

Jedoch diese Dinge sind eben nun mal normalfamiliär. Sie kommen ja in den besten Clans vor.

Hingegen dazu die stets begleitende Flüchtlingsbürokratie, Praktikumsplatzsuche, die Nebenjobsuche, die Sprachkurse jenseits der Schule, Konsulatskorrespondenz, Mathematik in Nachhilfe, hier ein Termin, dort ein Gespräch, die Schule und ihre Arbeit, da noch eine E-Mail, die Wohnungssuche und allerlei Anderes. Die zuständigen Ämter sind nach wie vor sehr engagiert. Allerdings gibt es ja auch gesellschaftlich auffrischende Gegenwinde in Flüchtlingsfragen. Diese lernt man dann nach und nach kennen. Oft auch unausgesprochen. Oder verdruckst. Und auch manches Mal ganz in der Nähe.

Integration ist ja nun nicht nach der Erstaufnahme mit einem „Hurra!“ und Kaffee und halal Kuchen automatisch vollzogen. Auch nicht nach einem Jahr. Im Gegenteil, es geht dann erst so richtig los.

Nur dann mag’s keiner mehr hören, ne?

Frau Mullah bezeichnete es neulich kurz und knapp einmal so: Willkommenskultur kann jeder, aber Bleibekultur, darauf kommt’s an!

Nach dem letzten Verlegen des Wohnungsschlüssels haben wir pflegeelterlich eine strenge Regel aufgestellt: Derjenige, der den Schlüssel verliert, muss uns beim nächsten Mal 150,00 Euro bezahlen. Das muss richtig wehtun, so unser Plan. Nun aber ist seit ein paar Tagen der Schlüssel von Salman offenbar nicht verloren, sondern „kaputt“. „Ah…“, sage ich, „…kaputt.“ Und schaue ihn von der Seite an. Er grinst zurück. Ein Schelm. Ich hake nach mit einem „Kaputt? Wie geht ein Schlüssel kaputt?“ Und siehe da, ja, der Schlüssel sei vor ein paar Tagen sehr unglücklicherweise abgebrochen. Sagt er. „Aha, abgebrochen…“ sage ich. „Und wo ist das Stück, das steckengeblieben ist?“ und erahne bereits seine Antwort. Das habe er mit einem Draht herausgepopelt. Sagt er und kann sich das Lachen kaum verkneifen. „Und wo ist das herausgepopelte Stück? Kann ich das mal sehen?“ frage ich. „Oh, das habe ich weggeschmissen…“ grient er. „Aha, weggeschmissen…“ sage ich. Und griene auch.

1:0 also für Salman. „Herauspopeln“ ist übrigens ja ein sehr spezielles deutsches Wort. Schön, dass die Beiden nun schon wissen, was „herauspopeln“ heisst. Das Wort „entsorgen“ kennen beide ja schon lange, das Thema hatten sie schon in der Schule beim wichtigen europäischen Lerninhalt ‚Mülltrennung‘. Den abgebrochenen Schlüssel hat Salman mittlerweile natürlich ersetzt, selbstverständlich zu seinen finanziellen Lasten.

Dies neue Schuljahr jetzt ist sehr wichtig. Am Ende wird, so Gott und Allah wollen, ein offizieller Abschluss stehen. Dieser würde dann alles Weitere ermöglichen, wann auch immer. Die zweite Anhörung steht noch aus. Hoffentlich gibt es bald einen Termin. Bahram sucht seit einiger Zeit schon eine Wohnung für sich allein. In der Schule gibt es nun Praxistage in der Metallwerkstatt. Der Lehrer dort ist wohl sehr „streng“, aber auch sehr „gerecht“. So erfahren wir. Vor allem Salman ist davon beeindruckt. Überhaupt Strenge. Ich hörte, der Lehrer schlägt „Sit-Ups“ als kleine Sanktion für Ungereimtheiten der Schüler vor. Und war sich bereits nicht zu schade, auch selbst sportlich tätig zu werden, sollte er sich einmal geirrt haben. Sehr zur Freude der Schüler. Sowas überzeugt!

(…)

Aus der ursprünglich angedachten „Kurzzeitpflege“ im semidramatischen merkelschen Herbst 2015 ist also nun tatsächlich eine Verbundenheit auf Lebenszeit geworden. Jedenfalls von unserer Seite. Ob man das will oder nicht. Das hatten wir so nicht gedacht. So resümieren Frau Mullah und ich immer mal wieder die vergangenen eineinhalb Jahre beim Weinchen im Pfarrgarten oder in Maloja oder in der Nähe von Avignon oder in Neukölln. Wenn gerade mal keine Jugendlichen dabei sind. Und auch dem Fräulein Kirschkern, die da mittendrin ist, denke ich, wird es wohl so ergehen. Solange wir herumlaufen werden im Leben, werden wir uns sicherlich hie und da stets überlegen, wie es denn wohl gerade Bahram und Salman geht. Wo auch immer sie dann wohl sein und leben werden und was auch immer ihr Lebensweg dann sein wird. Fern oder nah. Und immer werden wir uns gewiss wohlmeinende Sorgen machen, klein und groß. Ganz elterlich oder wahlgeschwisterlich. Diese gemeinsame Zeit ist mittlerweile keine vorrübergehende Episode mehr, die verschwindet oder sich gar jemals vergessen ließe einfach so. Aber warum denn auch. Nein, das ist Lebenszeit, und eine schöne dazu. Dass das so ist, das liegt aber natürlich ganz wesentlich an Bahram und Salman, die eben so liebenswert sind, wie sie es eben sind, jeder für sich. Ein Zufall, ein Glück. Und es liegt an der Kirschkern. Und sowieso an Frau Mullah.

(…)

tbc.

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