FB

Dieses ewig einen anlachende US-amerikanische „Was machst Du gerade?“. Auf FB. Na gut heute. Warum auch nicht. Ich sitze abends hier jetzt an der Maschine und schreibe in Stichworten das Leben eines unbegleiteten minderjährigen Menschen auf. Und die Umstände, die Dauer, die Stationen seiner ungewollten, aber für sein Überleben wohl alternativlosen Flucht. Und die diversen Familienstände, die Zusammenhänge in seiner Familie, seinem Clan, mitsamt des geografischen und „psychosozialen“ Umfeldes (so würde man ggf. europäisch es formulieren). Und natürlich auch die Daten vom Versterben direkter Angehöriger, gewaltsam oder natürlich, recherchiert und julianisch kalenderbereinigt. Und auch einige weitere, kaum vorstellbare, Vorkommnisse. Über zwei Tage haben wir nun geredet, immer nur ein paar Stunden. Ich habe gefragt, wir haben gefragt. Und er hat nochmals alles erzählt. Am Stück, und verdichtet. Nach zwei Stunden hat er Kopfweh und braucht eine Pause. Angesichts der Dinge kein Wunder. Er, der mit fünfzehn Jahren Dinge erlebt und geleistet hat, wie man sie niemandem wünscht. Schon gar nicht in der Pubertät. Nein, er erzählt keine Märchen. Es gäbe da auch wenig zum Schmücken. Seit eineinhalb Jahren lebt er nun in unserer Familie. Zu lange, um den anderen noch Bären aufbinden zu können. Oder vielmehr – dies überhaupt je gewollt zu haben. Man lernt sich da ja sehr genau kennen in solch einem Zeitraum. Einige Erlebnisse kannten wir schon, mal nebenbei erzählt beim schönen Spaziergang durch den weihnachtlichen Winterwald oder beim lapidaren Müllwegbringen zur Deponie mit dem Auto. Oder beim sommerlichen Einkaufen von Grillware, halal oder haram, Eis und Senf, entlang von Schafherden. Oder angesichts von Kühen und Kälbern auf nächtlich ungesicherten europäischen Weiden. Oft ganz nebenbei. Man kennt dann Launen, Lieben, Defizite, Gerüche, Zorn, Gefühle, Freude und auch – gottlob – ab und an sogar endlich wieder einen gelassenen Schalk. In diesen Momenten ohne Bedenken. Ohne Schalk ist schließlich niemand ein Mensch, weltweit. Zum Schalk braucht man Mut und ein schönes Selbst, was auch einfach einmal da sein darf. Als wir uns das erste Mal sahen, da gab es noch keinerlei Schalk. Im Gegenteil. Da war Pilotenbrille, mehr nicht. Übermorgen ist seine Anhörung. Und alle archaische Angst ist wieder da. Ich bin sehr froh, als Teil von uns „Pflegeeltern“ dabei sein zu können.

8 Gedanken zu „FB“

  1. „Das muss gelingen“, man sagt das so leicht, und wünscht es dem Jungen, und dem anderen, und Ihnen, so sehr. So sehr. Sie haben sich gefunden, in diesem Meer der Möglichkeiten. Meine besten Wünsche begleiten Sie übermorgen.

  2. Ich habe selten eine humanere Definition des ‚Menschen‘ gelesen:
    ich möchte allen ‚Schalken‘ dieser Welt zurufen: „Vereinigt Euch“!

  3. …. eben erfahre ich , dass der Plural von Schalk ‚Schalke 04‘ heißen soll ? Ich rede mich damit heraus, dass Qualität niemals eine Frage des Plurals sein kann 😉

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