gruselheimer

Der Heilige S. befand, man solle ihn nach seinem Tod auf einen ochsengezogenen Karren legen und die Ochsen mit Wagen ziehen lassen. An jenem Ort, wo sie anhielten, dort solle man eine Kapelle zu seinem Gedenken errichten. Die Ochsen hielten an in Poppenreuth vor zwölfhundert Jahren.

Von der Kalten Herberge nach Hinterzarten waren wir gelaufen. Eigentlich ein Tagesmarsch, aber da war dann noch Zeit für ein sonniges Tretboot in Seenot auf dem Titisee gewesen. Unterwegs auf dem Wasser viele Araber mit Burkafrauen im Boot, die freundlich seemännisch grüßten. Wahrscheinlich wegen der Gesamtsituation, oder einfach nur, weil sie auch mal Spaß haben wollten, wie alle Menschen in der Regel. Auch die Chinesen, die sich ausnahmslos Elektroboote gemietet hatten mit riesigen Sonnenbrillen. Nur Europäer (und offenbar Araber) sind so blöd und treten noch selbst.

Nebel, ganz viel Nebel, das ist logisch, im Tal, morgens. Tagsüber dann aber schöne Sonne, die immer noch braun macht und der Himmel blau und die Bäume grün und die Berge hellgrau. Sonnige Höhen und sinnliche Hochstände neben grünen Beerenbüschen. Ich freue mich jetzt allerdings langsam auf den ungemütlichen Herbst, diese mir geliebte matschige Superproduktionszeit.

Im Garten riecht es gerade wie in einer riesigen Mosterei. Und Milliarden von Fruchtfliegen, die selbst die neuen Kollektorenlämpchen am Weg verdunkeln, nachts. Alles ist Biomasse derzeit, Gedanken wie Umwelt, klein und groß, weit und fern, enthauptet oder noch mit Kopf.

Eine Edgar-Walace Wirtin war dann da in einer Ich-weiss-was-Du-im-letzten-Sommer-getan-hast-Pension. In Leichtbauweise hölzern und erschwinglich bis unters Dach aus ungefähr 1970, die düstere Variante mit viel Bauchemie. Öffnete die Tür und musterte kühn.

Die Wirtin also: Ein franz. Gendervorname. Schlüpfend, Cabaret und ungewiss in der Hose, sexuell eher undefiniert. Im Schritt. Schmale Hüften hatte sie, auffallend, und um die 70 war sie. Und natürlich launisch. Ihre Geschichte mag sein ein sicherlich gepflegtes Rätsel, ebenso, wie und warum sie ausgerechnet hier am See hängenblieb einst. Sie kicherte derbe über sich selbst und wusste um ihre Wirkungen, ihren und unseren Unheimlichkeiten zugeneigt und diese fördernd. Last Exit: Original (eine stete Patentlösung). Und wie „die Sonne schon wieder meine Augen kaputtgemacht hat!“, das sagte sie ein paar mal, nachdem sie in die Sonne geschaut hatte, dabei sie ihre Tränen auswischte in’s mit unbekannten Zeichen bestickte Sacktuch und ihre Sonnenbrille daraufhin kurz abnahm, öfters innerhalb zehn Minuten, um diese zu betrachten und währenddessen zu sprechen und zu kichern, abwechselnd zum Fluchen und Lächeln und zum mutwillig herbeigeführten Gedankenwechsel. Zu putzen dann die Augengläser mit knöchrigen Fingern unlackierter Fingernägel, ein wenig hornstark und gelblich im Anflug, und um danach wieder mit halbdeutbaren Pfeilen aus ihren fast geschlossenen Augen blitzend jenes aufzusetzen, das Gestell.

Eine Alphaversion von Mensch.

Kurz noch überlegte ich ein spontanes Storno, entschied dann aber für’s Abenteuer und ungewisse Schauspiel. Leider war diese Entscheidung mir übertragen worden mitsamt der Anmeldung für die Kurtaxe und die Lebensdaten. Die anderen hatten es einfach nicht mehr ausgehalten und waren dankbar geflüchtet, ins Licht und die Luft, „Mach Du das mal, wir laden schon mal das Auto aus, ja?“ hatten sie gesagt, mir mit großen Pupillen und Gesten zulächelnd, sich dann verdrückt und mich mit diesem Wesen alleine sitzengelassen in einem Bureau-sous-terrain ohne Funknetz und mit einem Schiffsmodell aus Streichhölzern im Maßstab 1:50.

Später allerdings, nach der Bootsfahrt dann und nachts, nach einer russischen Pizza, deren Bäckerin uns endlich das sowjetische Wort für „Messer“ verriet, später also allerdings dann hatten wir durchaus viel angespannte Vorfreude beim Heimkehren nach dorthin. Die Kirschkern, die Köchin und ich. „Geh Du mal vor!“ Und keinen Mucks. Wir schlichen hinauf. Das Zimmer gleich abgeschlossen, schnell verriegelt doppelt. Die Hand vor dem Mund gegen das gepresste Gefühl eines verzweifelten Loslachens. Jene sinnvoll schöne Spannung, die sich Luft macht, wenn alles gut zu werden scheinen könnte. Beim Vorstellen von Grusel und dem großen Sieg des Antigrusels. Ewig. Das Zwerchfell im Blick zähneputzend, und in die Schreie der Wände dieses grausamen Platzes hineinhorchend. Nach Geschichten popelnd in der Quersumme eines Ortes und der eigen gespiegelten Seele. Nicht neu, nichts Besonderes, ein Archetypus, mal gelinde, mal schwer. Diesmal natürlich gelinde.

Vermutet.

Sowas ist dufte. Wir alle schliefen unerwartet gut. Ich habe dann am nächsten nebligen Morgen ein Bild auf den Kopf gedreht dort im Pensionszimmer. Aus kleiner Alpha-Rache. Leider wird wohl das keine Sau je bemerken. Umso bedeutender das Geheimnis. Eine selbstbestimmt reaktionäre soziale Intervention, ein Rosenbild.

Im Frühstückszimmer saßen ganz normale Menschen beim Marmeladebrötchen. Und die Wirtin gab mir etwas, was sie gefunden hatte am Vorabend im Garten, was ich dort verloren hatte, worüber ich mich sehr geärgert hatte, da mir das sonst nie passiert. Ausgerechnet, hier.

Am Tag nach dem Einheitstag legte sich die Kirschkern auf einen Ochsenkarren in Titisee und ich befahl den Ochsen, loszulaufen und dann wennmöglich behütet dort anzuhalten, wo bereits ein Münster gebaut war. Das hat geklappt. Immer wieder ist dieser Abschied einer der eher Schwereren, aber Abschiedsgeschichten tragen ja meist die schönsten Früchte.

Das alles war vor drei Tagen und jetzt, heute Abend, stürmt und regnet es in Poppenreuth.

8 Gedanken zu „gruselheimer“

  1. Haha, köstlich, das nexte Mal im Sommer gehen wir mal am Schlachtensee ein Bott bei der schattigen Gräfin leihen, Ihre Wirtin muß die Schwester von eben jener sein, die es irgendwie zwielichtig in die Proovinz verschlagen (sic!) hat!

    1. Ich bin sehr gespannt auf die schattige Gräfin. Möglicherweise spielen beim Verschlagenhaben ja semiliterarische Ursachen die Gründe zum Ball, zum Beispiel Mord, Erbschaft, Liebe oder Totschlag? (Schon lange freu ich mich mal wieder auf den Schlachtensee, übrigens. Vielleicht ja schon bald Eislaufen!)

    1. Danke, Frau Montez. Umziehen? Ob man das muss, weiss ich nicht. Irgendwann wahrscheinlich schon. Hoffentlich tun Sie das dann auch, wenns anders nicht mehr geht! (Die E.W.-Wirtin hat meine alte Lumix, die ich in eine Tasche steckte, wo leider keine war, im Kiesbett und Nebel des Pensionsparkplatzes gefunden. Kann man nicht meckern eigentlich.) Es ist halt immer alles so zweischneidig.

  2. Naivität und Gutglaube. Meist spöttisch: Dem Rundgesang des Hundes ist alles Hund, dem des Elches der Elch und dem des Menschen der Rundgesang. (Dankeschön lieb‘ Frau Katiza, und ich pfeife aus den letzten Löchern meiner Hosen.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.