ich, ich und meine sünden

Oh Welt, sieh‘ hier dein Leben. EG 84

„(…) Ich, ich und meine Sünden,
die sich wie Körnlein finden… (…)“

/am karfreitag, die köchin war großartig in ihrem dienst. vieles, und vor allem auch tacheles. es gibt da ja ein beinahe alleinstellungsmerkmal des C., so scheint mir, das motiv der vergebung. meines wissens gibts das sonst nirgendwo, aber ich bin ja kein theologe. moderner klänge vielleicht ‚des vergebens‘. es ist nicht die „sühne“, also irgendein preis oder ähnliches oder eine „strafe“ oder ein „opfer“ oder eine personenspende, nein, das vergeben überantwortet die sühne allein dem gewissen des „täters“, des tuenden. mit der qualität, unleidvolle spiralen zu durchbrechen. das ist ein sehr reifer gedanke, der der eigenerkenntnis seltsam höchsten wert zumisst. immer wieder und mehr als tausend jahre vor der aufklärung. das haben einst kluge und weise menschen in die welt aufgeschrieben. man muss ja nur schauen, was wieder so passiert gerade überall. die historiker sagen, ein krieg von fünf jahren dauert fünf generationen mit allem drum und dran. die schwerste aller menschlichen entscheidungen ist wahrscheinlich nicht das heiraten oder töten, sondern das vergeben.

was dann über die jahrhunderte daraus gemacht wurde, steht auf einem anderen stein.

/der chor (unser chor), also der kirchenchor, bewältigte den Hugo Distler mit bravour und angemessener demut vor stimmlichen menschlichkeiten. wir haben das unseren möglichkeiten entsprechend höchstrübergebracht. ferner, im bass konnten wir uns steten proustens nicht erwehren während des singens oben zitierter zeilen. der atheist, [ehemals max planck, der, der herausgefunden hat (fruchtfliegen), warum mohrrüben gut fürs auge sind und damit uralte bauernregeln endlich wissenschaftlich bestätigte], er steht immer links von mir, bei den proben immer rechts, er also und ich waren uns abermals einig im metahumor, gleichzeitig spürend an irgendwas, so vermute ich. und ich glaube wohl, ich kenne kein einziges tier, welches einem artgenossen ein so ausgiebig quälendes verenden (und so kann man das ja nennen, eine kreuzigung) zumutet. verhöhnung, noch im sterben lassen, auch dies ja ganz flott aktuell.

die ganze zeit betrachtete ich also von der empore aus die fast lebensgroße schnitzerei eines christus am kreuz aus dem wahrscheinlich späten 18. Jh. rechts des altars und aller scheiss der menschenwelt kam kurz über mich und meine zornigen sinnesenden. das ist natürlich naiv. ich bin eben so. später am abend dann haben wir mit den kids auf dem sofa indiana jones – der letzte kreuzzug angesehen, und die köchin und ich schätzten zuletzt beruhigt ein: ein semiwahrer karfreitagsfilm ab FSK 11,5 über den heiligen gral, das böse und das gute. ganz einfach klipp und ganz superherrlich klar.

/mir dämmert nochmal auf andere art, ein dämmerzustand, ich wusste das ja alles schon, ich bin ja nicht blöd, und symbole, zumal ganz alte, fand ich immer schon spannend und konfliktwürdig. dazu mein leben, die landschaft und das anderer in zeichen. und meine naivität werde ich notfalls mit waffen verteidigen. /ach, wie schön. wünsche allen sehr herzlich frohe ostern!

5 Gedanken zu „ich, ich und meine sünden“

  1. Ihnen ebenso ein schönes Osterfest!

    (In der Kirche meiner Kindheit gab es nicht nur einen lebensgroßen, sondern einen ÜBERlebensgroßen geschnitzten Jesus am Kreuz. Der hing dort wie ein Zyklop und schaute direkt vom Altar aus auf alle hinunter. Als Kind fand ich den total gruselig.)

  2. Ich wünsche schöne Ostern. Einfach schöne Tage, an den Tagen, an denen andere Ostern feiern. Ohne das klerikale Beiwerk. Oder auch mit wenn’s beliebt.
    Doch von mir als Agnostiker sind’s einfach unerleuchtete, ungesegnete, nicht desto trotz weniger herzliche Wünsche.

  3. merci für den schönen text, der mich sooooo anrührt und auch grinsen lässt.
    nur zu gerne, hätte ich dabei gesessen und dem chor (und der köchin) gelauscht.
    und lieben dank für die tollen zeilen per mehl.
    ich bin hier grad so funny glücklich, das sich kaum zum antworten komm :-)

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