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Eine vergrämte Radfahrerin, um die 48 Jahre alt vielleicht, wie sie so stellvertretend ist für dieses Städtchen, eine Archetypistin mit gewiss Geisteswissenschaften und wahrscheinlich uraltem Hebammenwissen in den handgenähten Satteltaschen, schob sich mir in der zweispurigen Einbahn-Zone30 zwischen einem Bus und meinem Ich in Form eines friedlichen Lieferwagens gefährlich eng hindurch, beim schon Anfahren nach dem Grünsignal, mit geschätzten Tempo 35 von hinten her frustspurtend und direkt vor meinem startenden Häubchen nach links auf einen Bürgersteig einscherend. In meinem kurze Zeit später sie überholenden Vorbeifahren rief ich ihr milde und einigermaßen freundlich durchs Fenster linkerhand zu:

„Super Idee!“,

woraufhin sie mir unerwartet wild winkend noch Kilometer hinterherfuchtelte mit ihrer erhobenen Faust, stumme böse Worte in den Äther ihres offenbar nicht glücklichen Lebens schreiend, wohl alle ihre sämtlichen Enttäuschungen und Verletzungen in mich hineinbündelnd, so dass es mir fast schon schwarz ums Herz und Sonnengeflecht wurde. Allerdings, so deutete mir später mein Gerechtigkeitszentrum mit einem kleinen „tja“, so funktioniert eben Energietransfer: Es war in der Folge ein recht befriedigender Tag für mich in meinem kleinen stinkigen Öl-Atelier/Süd, ich übermalte geschätzt-virtuos und flott eine seit Jahren unvollendete noch familiäre Emotionsmalerei, datiert nach dem „3.3.06“, mit neuem heiteren und schwungvollem Gesamtempfinden und breitem Pinsel, und ich bin ziemlich zufrieden damit. Geradezu befreit.

Gegen Abend allerdings verreckte mir der linke Frontscheinwerfer. Dessen Kosten ich jedoch durch’s Volltanken mit Krimdiesel an einer vom Internet für den Tag als billigsten Anbieter ausgewiesenen Tankstelle in diesem Städtchen fast hälftig wieder ausgleichen konnte. Und aber hier nun steht ein wirklich sehr schöner und kerntreffender Text von Phyllis Kiehl. Über’s Verschwinden. Glatte Häute und straffe Gewebe sind etwas für Anfänger, so soll das auch bleiben. Aber heute ist ja keiner mehr, und seien es die Jüngsten oder die ganz Ältesten, jemals Anfänger gewesen. „Man muss sich doch auch nach dem Sex noch über irgendetwas unterhalten können, sich etwas zu erzählen haben, was der jeweils Andere auch verstehen kann, oder etwa nicht?“ Parlierend. So sag‘ ich das immer zaghaft und mit meinen jüngsten Jungenaugen in Hafenart, an den Sohlen und Planken bereits wissend, dieses Bild ist zwar zu verstohlen, aber doch vielleicht kräftig genug unter Zuhilfe gangbarer Klischees, um das gottgegebene Patriarchat oder die ewig zitierten Männeraugen wenigstens kurzfristig zu umschiffen. Es gibt dort an Deck doch allzuviele Matrosen und Matronen, denen durchaus Zitronen in die Körbchen gelegt werden könnten. Man sollte das gehören.

Und auch ansonsten gilt: An einem möglichen Krieg gegen eine russische Konföderation werde ich mich ausdrücklich keinesfalls beteiligen. Auch werde ich meine verhandelbaren Produkte weder nationalen noch internationalen oder europäischen Sanktionen gegenüber der russischen Konföderation unterwerfen.

10 Gedanken zu „….“

  1. Ich handle zwar nicht mit Produkten und überhaupt selten mit Dingen und auch fast nie mit etwas anderem als Arbeit, aber Ihrem Sanktionsboikott schliesse ich mich ebenso ausdrücklich an.
    (Und das nicht, weil mir der dortige Oberchef und seine Politik auch nur in irgendeiner Weise sypathisch wären.)

    Das unter anderem Schöne an Ihrem Blog ist ja, Herr Schneck, dass man sich hier nicht gedrängt fühlt, sich unkomplizert auszudrücken.

  2. „um die 48“
    Wenn man’s auch mit Ungenauem sehr genau nimmt ;-)))
    erinnert mich an eine Nachricht, es habe sich etwas „in mehr als 84 Ländern“ verbreitet …

  3. Das Ungenaue ist wie eine dicke schwere Lupe. Wenn beispielsweise ein Baum „nach 1411“ gefällt wurde, dann wächst das Interesse daran, ob es im Februar oder März war.

  4. Wunderbar, Frau Acqua, dieser Satz: „Das unter anderem Schöne an Ihrem Blog ist ja, Herr Schneck, dass man sich hier nicht gedrängt fühlt, sich unkomplizert auszudrücken.“

  5. Der Energietransfer gefällt mir.
    Künftigen Begegnungen mit aufgeladenen Endvierzigern blicke ich nunmehr erwartungsvoll entgegen.

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