verletzungsfrei

in einem herrensitz im nürnberger land von stadtadeligen mich herumgetrieben, versuchend als teil einer Truppe, die baugeschichte über die oberflächen – wie etwa tapeten, verputzungen, tünchen usf. – zu ermitteln, manchmal sind auch kleine oder große öffnungen erforderlich, um genügend einblicke in die konstruktionen bzw. die abfolge derer zu gewinnen, man nennt das ’sondierung‘, wenn möglich verletzungsfrei. was kaum möglich ist meistens.

So rannten und schlichen wir vermummt durchs gebäude, die grundmauern noch sehr alt und von einer regelrechten burg herrührend, mittelalterlich, dann diese in den markgrafenkriegen von einem ansbacher niedergebrannt und mittig des sechzehnten jahrhunderts wieder auf dem niedergebrannten aufgebaut, die umfriedung und die wehrgänge, wer weiss, wie alt die sind. Der anbau eines treppenturmes datiert in um 1640, man bildet in der regel bauphasen, um die herum man die weiteren sich verdichtenden erkenntnisse chronologisch zu drapieren versucht und querüberprüft, die türfutter waren in diesem fall sehr genau zu betrachten, denn nicht alles, was zunächst gleich ausschaut, ist dann auch gleich, selbst kleine unterschiede im profil können einen auf den leim führen, oder die art der marmorierung ebenjener.

Tür- und fensterbeschläge sind ebenso streng anzusehen, wie maße und Beschaffenheit von Fußbodenleisten oder wie auch die stuckornamentiken und immer wieder trafen wir uns über den verformungsgetreuen plänen der stockwerke, steckten die köpfe zusammen, um diese übereinanderzulegen, welche wand stand und steht wo und wie alt ist sie vor allem, kommt sie vor oder nach einer anderen wand. oder decke. Oder auch dem boden. eine schöne detektivarbeit, jedes objekt ein kriminalfall.

Und vor allem, warum meint man das, was man gerade meint. Man befindet sich dann immer im permanenten begründungszwang, es bildet sich ein netz aus logischen vermutungen, in welches sämtliche informationen, seinen es abfolgen, archivalien, dendrochronologische datierungen oder inschriften, einfließen. In diesem falle zudem auch die erzählungen und das familiäre wissen der lebendigen freifrau, die berichten konnte, welcher vorfahre wann und wie was getan oder veranstaltet hatte und ob dieser reich oder eher arm, glücklich oder eher unglücklich gewesen sei.

Gewürzt mit allerlei privaten geschichten um die alten leute. Der onkel beispielsweise, der in den 1920er jahren mit frau und kindern nackt durch die umliegenden wälder gelaufen war, sehr zur belustigung der dorfbevölkerung. Oder der barocke urahn, der frau und sämtliche kinder verlor und daraufhin eigenartig wurde und über jeder tür einen lateinischen sinnspruch in goldenen lettern anbringen ließ (OVID etc.), dazu eine herrschaftliche stuckdecke in den repräsentativen räumen veranlasste und allerlei anderes. Das ist also ganz unstrittig die bauphase um 1722 gewesen. Für uns. Er heiratete erneut, blieb jedoch kinderlos und verstarb bald, die witwe heiratete ebenso erneut, gebar sodann, und ein kind von ihr heiratete einen der jetzigen patrizierLINIE, weshalb dann dieses anwesen in den besitz der heutigen eigentümer geriet.

Wir stritten vergleichsweise angemessen viel in diesen zwei tagen, ich war dort nicht so gut im kombinieren diesesmal, die kollegin warf richtiges in die runde von uns dreien. Dinge, das ist dann oft so, die plötzlich logisch erscheinen, wenn sie jemand ausspricht endlich, oder erneut behauptet, als these, provokation, wahrheit. Einen tag später. dann fallen manchmal schuppen und man fasst sich an den kopf, weshalb man auf dies und das nicht schon früher gekommen war, schamhaft. Jedoch es dient der sache.

Wir wurden von der freifrau beeindruckend bewirtet (linsensuppe, schweinebraten und knödel, wintergemüse etc.), das habe ich noch selten so erlebt, und auch ihr mitfiebern und das ihres (bürgerlichen) mannes und des sohnes, das interesse, das uns und unserer arbeit entgegengebracht wurde und dem familiären erbe, welches im umfang durchaus eine große last sein kann, auch finanziell, aber nicht nur, das war schön zu erleben hierbei und erfüllte daher auch uns mit sporn und lust.

Immerhin dringt man in fremdes leben, glück und leiden und ungeschützte geschichten ein. Nicht nur auf der hochleiter, balancierend über einem fragilen renaissancetisch mit barockem texil aufgelegt und das Skalpell in der Hand, während der anfertigung eines loches in eine stuckdecke mit rieselnder schüttung (die schüttung älter, 17.Jh.?) oder über kommoden und wertvollen hammerklavieren des 19. Jahrhunderts. Salonware, Berufshaftpflicht. Es ist dort ein schlafend-waches museum und alle stücke verbergen sich nicht etwa in aufbereiteten vitrinen, sondern die dinge und sachen stehen dort und da eben herum, wie sie einst standen oder später von einem möglicherweise verfeindeten onkel oder der gütigen urgroßmutter gestellt und gelegt wurden, ganz im gebrauch und etwas persönlichem verhaftet und dadurch sehr anders belebt und wie selbstverständlich.

Ganz typisch und gängig, das erdgeschoss-rechts hallenartig zur versorgung, dort auch der ehemalige treppenaufgang, links noch kasematten, im ersten stock schon immer die wohnräume, im zweiten stock repräsentativ, im dritten das gesinde, im dach die hornissen. Beheizt heute nur noch die wohnräume, alles andere schonend und denkmalpflegerisch „temperiert“. Wir trafen an 5 grad. Bei diesen muss man dann denken, soll man. Drei Kamine, 2 Abtritte. Küchen?

Ich könnte da jetzt noch stundenlang weiterschreiben. Vor allem war es kalt und ganz passend im funkloch, die gegend gelegen, der ort. Der kollege hatte sekt mitgebracht zu meinem geburtstag, man musste den weniger kühlen, denn wärmen.

Ich könnte da jetzt noch stundenlang weiterschreiben. Dabei waren es nur zwei tage. Jetzt sitze ich im warmen, die kirschkern kam aufgrund des vielen schnees heute mit dem zug, was nicht einfach ist von der tortursiedlung nach hierher. Sie schläft jetzt, ich hingegen trinke noch einen roten auf diese abermals schöne und spannende woche innerhalb meiner gesamtlebenszeit.

14 Gedanken zu „verletzungsfrei“

  1. …würde gerne „noch stundenlang“ hier „weiter“lesen, lieber Schneck. Schön, dass Sie die Gastfreundschaft der Franken genießen durften. DAS gehört sich schließlich so [!!!] – dass, wer „schafft“ auch ordentlich [boarisch] „zu essen“ kriegt 😉
    [ich erlebte es schon umgekehrt, dass Handwerker sich gerade noch einen Cappuccino machen lassen und man sie schon dreimal bitten muss, bei den Wurstbrötle, die man ihnen [mit frischer Wurst vom Dorfmetzger!! und Essiggurken und Tomaten oben drauf…] extra machte, zuzugreifen… aber weggekommen sind die Brötle dann doch… immer]

    Schön` Sonntag !
    Herzlichst Teresa 🙂

  2. einem kollegen ist beim öffnen eines hohlraumes mal eine ratte ins gesicht gesprungen. und einmal waren wir nah dran, ca. 50cm, in einem kellergewölbe. dort fanden die archäologen dann 4 monate später im boden eine richtige schatzkiste mit echten goldmünzen. archäologe sollte man sein.

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